KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche - Sonntagsbriefe

Sonntagsbrief zum letzten Sonntag im Jahreskreis, Fest Christkönig, 22. November 2020

Mehr Mensch werden

Skulpturen des hessischen Bildhauers Stephan Guber in der Nikolai-Kirche Plön 2019

Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören. Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. 

 

Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.

 

1Kor 15, 20-26.28 Einheitsübersetzung

 

Mehr Mensch werden

Der Urvater Adam aß von der verbotenen Frucht und stürzte damit die Welt ins Chaos; Jesus kam, um sie zu retten. Adam steht für Tod und Finsternis, Jesus für Leben und Licht!

 

Im Islam dagegen steht Adam ganz und gar nicht für Finsternis, er ist der erste der Propheten, also eine Lichtgestalt. Da mir sehr an interreligiösem Dialog liegt, habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie man diese voneinander verschiedenen Sichtweisen zusammenführen kann. Die christliche, vor allem die römisch katholische Überlieferung, ist stark geprägt von der Erbsündenlehre, die sich sehr auf diese Verse von Paulus stützt. Dieser Erbsündenlehre zufolge tragen alle Kinder Adams dessen Sünde in sich, wandeln wegen ihr im Tod. Jesus kam als Retter zu uns auf Erden, um die Menschen von dieser Sünde reinzuwaschen durch sein Opfer. Dass Jesus zu uns kam war also nicht Ausdruck der überfließenden, sich verschenkenden, Liebe GOTTES, sondern diente einem Zweck, nämlich dem, die Menschheit aus dem Verderben zu befreien. Zudem hängt die Erbsündenlehre mit Lust und Sex zusammen; die Sexualität kann allein dadurch von ihrer Schuld befreit werden, wenn sie sich alleine dem Zwecke der Fortpflanzung im Rahmen einer Ehe zwischen Mann und Frau unterwirft. Dieser Erbsündenlehre will ich mich entgegenstellen!

 

Der Islam lehnt die Lehre von der Erbsünde ab. Jeder Mensch wird rein und frei geboren, d.h. als Moslem. Kein Mensch trägt in diesem Konzept die Sündenlast eines anderen. Der Mensch ist frei, sich GOTT zu unterwerfen oder sich ihm zu widersetzen. Dennoch müssen auch im Koran Adam und Eva das Paradies verlassen und leben seither auf Erden.

 

Dennoch ist das islamische Denken nicht frei von einem Fatalismus. Wen Allah rechtleitet, so wird man niemanden finden, der ihn in die Irre führen kann, und wen Allah in die Irre führt, so wird man niemanden finden, der ihn rechtleiten kann. So werden Mohammed der Tradition gemäß diese Sätze zugeschrieben:

 

„Gott schuf Adam. Dann strich er ihm mit der Rechten über den Rücken und holte aus ihm Nachkommen heraus; er sagte: Diese habe ich für das Paradies geschaffen; wie für das Paradies bestimmte werden sie handeln. Dann strich er ihm wieder über den Rücken und holte aus ihm Nachkommen heraus; er sagte: Diese habe ich für das (höllische) Feuer geschaffen; wie für das (höllische) Feuer bestimmte werden sie handeln.“ Auch dieser „Schicksalsergebenheit“ möchte ich mich entgegenstellen!

 

Ich greife aber den Gedanken auf, einen Fokus auf die Nachkommen Adams zu lenken; nämlich auf die ersten beiden, auf Kain und Abel. Bekanntermaßen endet ihre Geschichte mit Mord und Totschlag: Kain erschlug seinen Bruder Abel. Im Folgenden möchte ich nun aus meinem Büchlein „Am Anfang war die Einheit!“ zitieren. Dieses Büchlein kann jede/r ganz einfach gratis von meiner Homepage www.johannesbrinkmann.de herunterladen:

 

„Sigmund Freud schrieb einmal an Albert Einstein sinngemäß: „Alles, was friedlich zusammenführen und vereinen will, entspringt dem Eros. Alle, die das fördern, müssen willkommen sein. Dagegen steht die Aggression!“ Ich stimme dem ausdrücklich zu. Der Eros will liebevoll behüten und friedlich vereinen, entspringt einem - oder besser dem - guten Hirten. Er führt das Leben selbst auf gute Weide.

 

So begegnet uns im Hirten Abel der Ausdruck Adams (des Menschen), den ich als Fleisch gewordenen Eros bezeichne. Dagegen steht Kain als Mensch gewordene Aggression. So scheide ich die zwei Gesichter Adams: 1. In das friedliche Gesicht des „wahren Adam“, des guten Hirten und 2. in das aggressive Gesicht des Adams, der des Paradieses verwiesen wurde.

 

Der Eros beschreibt ein Streben weit größer als die Sexualität. Betrachtet man GOTTES Schöpfung und die Schöpfungsgeschichte verengt auf Mann/Frau/Kind(er), so ist man allein in der Betrachtung der Heterosexualität und verschleiert die wichtigere Bedeutung des Eros. Der Eros entspringt der Seele eines - oder besser des - guten Hirten und meint nicht zuerst die Reproduktion (=Zeugung von Kindern).„Seid fruchtbar und mehret Euch!“ (Genesis 1,28) Was meint das zuerst? Dass wir Menschen mehr werden oder dass wir mehr Mensch werden sollen? Was also meint der  Eros zuerst? Menschwerdung!

 

Gestehen Sie mir bitte zu, liebe Leserinnen und Leser, dass ich als Christ beim „guten Hirten“ an Jesus denke, der sich im Johannesevangelium (Joh. 10,11) sogar selber so nannte. Jesus war Jude und auch der Koran ehrt ihn als großen Propheten, ja sogar Messias nennt er ihn.Eine gute Person also als Gegengift gegen Spaltung und Angst!

 

Die Bibel sagt vom Menschen (Mann und Frau): er und sie seien von GOTT als „Abbild GOTTES“ geschaffen worden. Doch was beschreibt das? Ursprung oder Gegenwart? Meine Antwort ist: beides! Es ist Ursprung und Ziel zugleich!
Der Prozess der Menschwerdung ist in vollem Gange. Und ich sage: wenn wir jetzt nicht die Kurve kriegen, steuern wir mit Höchstgeschwindigkeit auf den Abgrund zu! Es geht also um Leben oder Tod! Ich kämpfe für das Leben! Für Leben in Fülle! Kämpft doch bitte mit!“

Ich wünsche einen gesegneten Christkönigssonntag in die ganze Runde Johannes Brinkmann / Essen

Bild:

Ausstellung: Kritische Besucher.  Skulpturen des hessischen Bildhauers Stephan Guber in der Nikolai-Kirche Plön 2019

Foto Sigrid Grabmeier