KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche - Sonntagsbriefe

Sonntagsbrief zum Fest "Taufe des Herrn", 6. Januar 2021

In Jesus stimmen die Wege von Himmel und Erde überein

Von unten nach oben

 

Alle, die glauben, 

dass Jesus der Messias ist, 

sind von Gott geboren. 

Und wenn sie Gott lieben, 

weil Gott sie geboren hat, 

lieben sie auch die anderen, 

die von Gott geboren sind. 

Daran erkennen wir, 

dass wir Gottes Kinder lieben: 

Wenn wir Gott lieben und ihre Gebote tun. 

Und so zeigt sich die Liebe zu Gott, 

dass wir ihre Gebote beachten, 

und ihre Gebote sind nicht schwer. 

Denn alle, die von Gott geboren sind, besiegen die Welt. 

Dies ist schon der Sieg über die Welt: unser Vertrauen. 

Denn wie besiegen wir die Welt, wenn nicht, 

indem wir darauf vertrauen, dass Jesus Gottes Erwählter ist? 

Jesus, der Messias, ist durch Wasser und Blut gekommen, 

nicht durch Wasser allein, sondern durch Wasser und Blut. 

Die Geistkraft ist die Bestätigung, 

weil die Geistkraft die Wahrheit ist. 

Denn drei bestätigen es: 

Die Geistkraft, das Wasser und das Blut, 

und die drei sind sich einig. 

Auch wenn wir die Bestätigung von Menschen bekommen, 

ist die Bestätigung Gottes entscheidend: 

Denn dies ist das Zeugnis Gottes: Gott hat ihren Erwählten bestätigt. 

1Joh 5,1-9 Bibel in gerechter Sprache

 

In Jesus stimmen die Wege von Himmel und Erde überein

Hört mir auf mit „Menschwerdung“ durch Herabstieg von oben! Vom Himmel hoch kommt niemand her… Das weihnachtlich-feierliche „Gott-ist-Mensch-geworden“ ist zur leeren Worthülse verkommen. Lasst bitte endlich feudalistische Thronfantasien, um das verstörende Auftreten das Mannes aus Nazareth zu beschreiben. Majestätsformelnver-zeichnen Jesus. Nichts könnte Jesu Kommen von unten (der Handwerkerschicht) mehr verfehlen. 

 

Wie die Katholische Kirche nach Abdankung der Monarchie immun gegen Aufklärung des Verstandes bleiben kann und vorsätzlich in Absolutismus und Hierarchie glänzen will, ähnelt dem Phänomen von Altersstarrsinn. Statt mit Barmherzigkeit, Toleranz und Gerechtigkeit zu glänzen, fixiert sich Kirche auf statische Ordnung, entfremdet dem quirligen Leben. Kirche trägt noch immer Kostüm. Machenschaften ruinieren ihre Glaubwürdigkeit. Erzkonservative stolzieren zudem rechthaberisch daher mit der Fiktion „ununterbrochener“ Tradition, mit exklusivem „Offenbarungswissen“, allergisch und phobisch gegen jede Veränderung, die aber das untrügliche Zeichen des Lebens ist. 

 

Als aufgeklärt Glaubender bin ich eindeutig für Metaphern des Werdens. Das Unsere ist noch nicht da. Entfaltung macht eine Entwicklung durch, hin zu mehr bewusster Verantwortung. Persönlichkeit festigt sich durch eine „Wertefigur“ (Romano Guardini), also durch Festlegung auf nicht käufliche Werte. Menschwerdung gelingt, wenn es dir gelingt, dich selbst zu überraschen, wenn du dich mit deinem wahren „Vermögen“ deckst. Mit sich identisch zu sein gegen alle Ideologie – ein berührendes Beispiel dafür ist im Filmporträt zu sehen: wie der Syrer Ahmad Joudeh gegen enorme kulturelle Widerstände im Tanz seine Bestimmung findet: „Dance or Die“ (Arte am 3. Jan.2021) steht auf seinem Nacken-Tattoo. 

 

Aus Frucht-Wasser und Blut dringt jedes Menschenkind ans Licht. Geboren, um erneut geboren zu werden in der Freiheit des Geistes, der herausfinden kann, welchen Weg jemand gehen will. Jedes gezeugte Wesen legt eine Spur als Zeugnis seiner Existenz. Es kommt darauf an, woher es seine Identität herleitet und hinleitet. 

Auch Jesus ist „aus Wasser und Blut“ geboren. Sein Geist (seine Botschaft) ist sichtbar geworden in unerhörten Reden und Taten, in einem Vertrauen, das Berge (Sicherheiten) zu versetzen scheint, in einer Liebe, zu der wir Verfeindeten und Verstockten kaum fähig zu sein scheinen und in einer Hoffnung, die den Armen und vom Markt Ausgeschlossenen Würde einräumt. Seit den scharfen Einreden der Propheten hütet Hoffnung den visionären Impuls. 

 

Bilder der Erfüllung großer Versprechen beim alten Jesaja: Durstige, kommt zum Wasser! Kauft ohne Geld! Müht euch um das, was satt macht! Schart euch um mich, als wäret ihr meine Verbündeten! Wenn ihr den Weg verloren habt, rechnet mit Erbarmen, „denn Gott ist groß im Verzeihen.“ (Jes 55,7) Konnte je das Wort eines Herrschers von ihm ausgehen, ohne leer zurückzukehren!? So nichtig braucht ihr nicht vom Höchsten zu denken! So rät Jesaja, wenn wir „Gott“ zu denken wagen. Ihr dürft davon ausgehen, dass aus unendlicher Perspektive alles heil und gut und ganz werden kann, auch wenn sich unentwegt Chaos und Barbarei bei euch sehen lassen. Der KZ-Überlebende Elie Wiesel bezeugt: „Die einzige Möglichkeit, den Wahnsinn der anderen zu bekämpfen, bestand darin, ihn zu heilen, es jedenfalls zu versuchen.“(„Alle Flüsse fließen ins Meer“, 1995) 

 

Jesus widersteht aus einer Art höherer Hoffnung auf Gerechtigkeit gegen das selbstherrliche Gewaltherrschen, das einst seinem Freund Johannes den Kopf kostete, - wie heute im Jahr 2020 das Leben von fünfzig ermordeten Journalisten, die nach der Wahrheit fahndeten.

 

Das schier Unbeschreibliche, Rätselhafte um diesen Rabbi aus einem jüdischen Kaff in Galiläa hat die Schreiber zu mythischen Bildern, magischen Momenten, unglaublichen Wundern greifen lassen. Sie (keine Chronisten!) stottern, schwärmen, bieten Mythen auf, wenn sie seine drei öffentlichen Jahre fassen wollen. Sie betonen: In Jesus stimmen die Wege von Himmel und Erde überein. Der aufgerissene Himmel – was für ein Bild! Geist als „Draht nach oben“ – was für eine Kraft strömt da! Was wohl gefällt, ist sichtbar – woher diese Weisheit? Eintauchen und auftauchen aus der Zeit – Vitalität trotz Tod!

 

Was ist uns denn da mit jenem Jesus vor Augen gekommen? Aber welches seiner Worte weist aus, dass er der ist, auf den Israel gewartet hat? Ist nicht jedes seiner Gleichnisse, jede seiner Zeichenhandlungen eine Kostbarkeit, die satt macht!? Was war in ihm am Werk? 

 

Für seine Anhänger, die das Kreuz nicht als letztes Wort gelten lassen wollten, ist sein Leben zu enträtseln nur als eine universale Weisheit mit Liebe, aufgefächert in Selbst-, Nächsten-, Gottesliebe. Johannes, der Briefschreiber, war schlicht begeistert von der Radikalität dieser samaritanischen Existenz, und als Nach-Zeit-Zeuge überzeugt: Nur wer zum Lieben finde, lege Zeugnis davon ab, dass einzig bedingungslose Liebe buchstäblich die Welt, also jede Weltmacht, aus den Angeln heben und auf Dauer besiegen kann. Wer zu lieben anfängt, steigt in einen Prozess ein, der wahrhaftig alles irdisch Verhaftete übersteigt. Der Himmel allein kann dafür garantieren.

 

Aber muss nicht von oben kommen, was unten selig macht? Vielleicht ist es andersherum: Satt und selig macht, was oben und vorne visionär anknüpft, beim Höchstformat des Humanum, das wir die göttliche Sphäre nennen. So muss sexuelle Energie in die Kreativität wahrer Liebe eingebettet werden, um nicht eingeengt in Kleinbettformat der (Selbst-)Befriedigung zu (ver-) enden. So muss Gesellschaft (gerade angesichts grassierendem Coronavirus) Gesundheit ganzheitlich betrachten, auch mental, sozial und ökologisch, und alles in Angriff nehmen, was Menschen krank und unfrei macht, ausbeutet, in Lager und Isolation einsperrt; sie muss alles unterbinden, was den Planeten aus Profitinteressen marktgerecht in Stücke reißt. Dabei die Forschung respektieren als Lernprozess, die Kunst wertschätzen als unentbehrliche Nahrung; und über allem um die Wahrheit des Geistes ringen, die wirklich frei macht und solidarisch. 

 

Bei aller kritikwürdigen Unfähigkeit der Kirche - Christen sehen Jesu Weg als gangbar und keineswegs sang- und klanglos kläglich untergehen, weil in ihm allerhöchste Souveränität und allermenschlichste Güte zusammenfällt und auftritt. Er ist die Identitätsfigur aller Christen. Bis Reden und Handeln übereinstimmen, gilt es, eigenes Unvermögen zu verzeihen und sich in Liebe zu gründen. Er aber, der vorlebte, wie das gehen kann, lässt uns das Wesentliche zwischen Himmel und Erde begreifen. 

© Günther M. Doliwa, 10.01.2021

Bild: Aufstieg; von unten nach oben