Dreifach
Und Mose stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand. Da kam der HERR hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu ihm. Und er rief aus den Namen des HERRN. Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied. Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.
Ex 34,4b-9 Einheitsübersetzung
Dreifach
Liebe Leserin, lieber Leser des Sonntagsbrief,
zum Dreifaltigkeitssonntag möchte ich Sie auf ein kleines Experiment mitnehmen. Wenn ich einen Sonntagsbrief beginne, lese ich zuerst den Text in der Einheitsübersetzung, denn auf der Seite der Erzabtei Beuron finde ich alle drei Texte der Leseordnung für den aktuellen Sonntag in dieser Übersetzung. Für den heutigen Sonntag spricht mich die erste Lesung an:
Mose steigt zu Gott auf den Berg, um die Zehn Gebote zu bekommen – übrigens schon zum zweiten Mal, denn die ersten Tafeln hat Mose zerschlagen aus Entsetzen, weil sich das Volk in seiner Abwesenheit ein goldenes Kalb als Gottesbild gemacht hat. Gott kommt zu Mose herunter und sie stehen nebeneinander, fast wie auf Augenhöhe, auch wenn nicht ganz klar ist, wer nun was sagt. Spricht Gott selber über sich in der dritten Person und sagt „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig ...“? Eine schöne Selbstbeschreibung! Aber auch: er lässt niemand ungestraft. Jetzt reagiert Mose, sie sind definitiv nicht auf Augenhöhe, aber Mose lädt Gott ein: „so gehe der Herr in unserer Mitte“. Gerade weil es ein halsstarriges Volk ist, braucht Mose Gott als einen, der mit ihnen geht – und so vielleicht noch mehr Verständnis für das Volk entwickelt.
Ich habe Ihnen ein Experiment versprochen. Es besteht darin, den selben Text in einer anderen Übersetzung nochmal zu lesen:
Mose machte sich frühmorgens auf den Weg. Wie ER es ihm aufgetragen hatte, stieg er auf den Berg Sinai, die beiden Steintafeln trug er bei sich. Da kam SIE in einer Wolke herunter, stellte sich zu Mose und rief ihren Namen aus: »ICH-BIN-DA«. Dann ging ER an Mose vorbei und rief erneut: »ICH-BIN-DA. Ein mitfühlender, gnädiger Gott bin ich, langmütig, treu und wahrhaftig, ICH. Ich sorge für 1.000 Generationen und bin bereit, Schuld, Verirrung und Verfehlung zu vergeben. Doch ich lasse nicht alles durchgehen, ich ahnde auch Schuld der Eltern an Kindern, Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln.« Mose warf sich schnell zur Erde und nahm die Gebetshaltung ein. Er sagte: »Mein Herr, wenn du mir wohl willst, dann gehe doch bitte mit uns, Herr. Es ist ein widerborstiges Volk, doch du kannst uns unsere Schuld und Verfehlungen vergeben. Nimm uns doch als dein Eigentum an.«
Ex 34, 4b-9 Bibel in gerechter Sprache
Ist das noch der selbe Gott? Die Bibel in gerechter Sprache macht deutlich, dass Gott nicht männlichweiblich gedacht werden will, sondern schlicht: präsent. Aus der Wolke heraus muss Gott Mose quasi ansprechen und sagen: ich bin übrigens da. Gott charakterisiert sich hier selbst als „langmütig, treu und wahrhaftig, ICH“. Auch dass Gott sagt „ich lasse nicht alles durchgehen“ klingt für mich mehr nach Langmut und Treue als „ungestraft lässt er niemand“ aus der ersten Übersetzung. Und Mose sagt „ wenn du mir wohl willst, dann gehe doch bitte mit uns“. Vielleicht geht es Mose gar nicht so sehr um das widerborstige Volk, sondern er braucht Gottes Wohlwollen – und Gottes überbordende Präsenz - für sich selbst, damit er inmitten dieses Volkes nicht untergeht.
Da Dreifaltigkeitssonntag ist, haben wir noch eine dritte Übersetzung zugute. Sie wurde vor genau 100 Jahren von den jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig begonnen. Unsere Perikope liest sich so:
Frühmorgens machte sich Mosche auf und stieg zum Berg Ssinai hinauf, wie ER ihm geboten hatte, und die zwei Tafeln von Stein nahm er in seine Hand. ER zog nieder im Gewölk, er stellte sich dort neben ihn und rief den NAMEN aus. Vorüber fuhr ER an seinem Antlitz und rief: ER ER Gottheit, erbarmend, gönnend, langmütig, reich an Huld und Treue, bewahrend Huld ins tausendste, tragend Fehl Abtrünnigkeit Versündigung, straffrei nur freiläßt er nicht, zuordnend Fehl von Vätern ihnen an Söhnen und an Sohnessöhnen, am dritten und vierten Glied. Mosche eilte, er bückte sich zur Erde, er verneigte sich und sprach: Habe ich doch Gunst in deinen Augen gefunden, o mein Herr, gehe denn mein Herr bei uns innen! Ja, ein Volk hart von Nacken ist es - so verzeihe unserm Fehl, unsrer Versündigung, eigne uns an!
2.Mo 34, 4b-9 Die Schrift
Für mich wird jetzt erst deutlich, was Gott da eigentlich macht, wenn er sich neben Mose stellt und seinen Namen nennt. Es geht nicht darum, auf Augenhöhe zu kommen. Auch nicht um ein „hier bin ich“. Diese Gottheit nennt Mose ihren Namen, den sie ihm schon am brennenden Dornbusch offenbart hat, um sich als die selbe Gottheit zu erkennen zu geben und sich ein Stück weit auch zu legitimieren. Im Judentum darf der Name Gottes nicht ausgesprochen werden (den die BiGS so locker flockig übersetzt). Es ist das Privileg Gottes, diesen Namen auszusprechen, und es ist das Privileg Mose, ihn zu hören – hier schon zum zweiten Mal. Die Selbstbeschreibung Gottes wird mit ähnlichen Worten übersetzt wie bisher, aus „nicht ungestraft“ und „nicht alles durchgehen lassen“ wird jetzt „zuordnend Fehl“. Und doch wirkt das, was Gott über sich sagt, hier am undeutlichsten, vielfältigstens, am weitesten weg – am besten geeignet, um eine grundsätzliche Differenz zwischen dem Selbstverständnis Gottes und dem Gottesverständnis von mir Mensch deutlich zu machen.
Erlauben Sie mir zum Schluss eine Assoziation, die vermutlich nicht intendiert ist. Das Volk ist „hart von Nacken“. Wenn ich an meinen eigenen Nacken denke: verspannt. Wenn Gott bei uns innen geht, ist Gott dann nicht nur präsent, sondern auch entspannend? Wäre das nicht gut, wenn Gott unter uns – wenn unser Reden und Denken von Gott - Spannungen abbaut?
Der Dreifaltigkeitssonntag lädt uns normalerweise ein, über Gott als Vater, Sohn und Geistkraft nachzudenken. Auch die drei Übersetzungen fördern verschiedene Schwerpunkte der Persönlichkeit Gottes zu tage. Wir können Gott nicht so einfach fassen. Wir brauchen Gott auch gar nicht festzulegen. Heute dürfen wir die Vielfalt Gottes feiern und darauf vertrauen, dass Gott tatsächlich treu und langmütig mit uns geht.
Vielen Dank, dass Sie auf dieses kleine Experiment mitgekommen sind. Einen vielfältigen und segensreichen Sonntag wünscht
Tobias Grimbacher