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Sonntagsbrief zum 3. Sonntag im Jahreskreis, 24. Januar 2021

Jetzt ist die Zeit!

 Schule Andrea Mantegna, 1490 Occasio et Poenitentia; Kairos; ©Sailko

 

 

Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

 

Die ersten Jünger Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

Mk 1,14-20 EÜ

 

Jetzt ist die Zeit!

 

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich GOTTES ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“

Im griechischen Original steht für „die Zeit ist erfüllt“ das Wort Kairos. In Deutschland übersetzen wir Kairos oft mit „günstiger Augenblick“. Das trifft seine Bedeutung nicht wirklich sondern streift sie allenfalls. Wie oft warten wir im Leben auf den günstigen Augenblick: für eine notwendige Aussprache, dafür etwas bestimmtes zu hören oder zu lesen, dafür eine immer wieder aufgeschobene Aufgabe im Haushalt zu erledigen usw.. Doch dieser günstige Aiugenblick kommt nie und so landet das Thema auf der langen Bank, bis es dort am Ende hinten runterkippt. Hier hilft nur eines, nämlich sich zu überwinden und es einfach zu tun! Abwarten hilft nicht.

Oder auf den „günstigen Moment“ zu warten, endlich die Situation der Flüchtlinge politisch anzugehen, die unter erbärmlichen Umständen bei Minusgraden in Flüchtlingslagern dahinvegetieren ist schlicht zynisch. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist Stunde!

In der Grundbedeutung steht Kairos für das rechte Maß. Das können sein die richtige Proportion, das Passende, die Saison (z.B. zum Ernten), das örtlich, sachlich bzw. zeitlich Entscheidende; der rechte Ort oder Zeitpunkt; die Krise, die Chance. In der griechischen Mythologie wurde der Kairos sogar als Gottheit personifiziert. Kairos steht zudem im Gegensatz zum langen Zeitabschnitt Chronos. In biblischen Texten wird das Wort Kairos für einen von Gott gegebenen Zeitpunkt, eine besondere Chance und Gelegenheit, den Auftrag zu erfüllen, verwendet.

 

Um Jesus zu verstehen ist das Wort Kairos ein Schlüsselbegriff. Jesus sah einen Auftrag, der zu erfüllen war, und zwar nicht irgendwann sondern jetzt und hier! Jemand muss es tun! Und er ist gehorsam losgegangen, ihn zu erfüllen. In diesen Auftrag nimmt er uns alle bis heute hinein. „Die Zeichen der Zeit erkennen“ und danach zu handeln, das Reich GOTTES auf Erden aufzurichten. Es zu vollenden heißt nicht, es ins Jenseits zu verschieben! Hier und Heute ist die Zeit!

Für Jesus zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte; ein roter Faden, der auf einen Höhepunkt hinausläuft. Dieser Faden ist der Weg GOTTES mit uns Menschen, ein Prozess. Dieser Prozess fordert uns, ruft uns, ja bedrängt uns. „Seid gut, wie Euer himmlischer Vater gut ist!“ werdet Menschen, die als Abbild GOTTES erkannt werden. Den Kairos zu verpassen ist eine Katastrophe! „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

 

Poseidippos von Pella (3. Jahrhundert v. Chr.) hat in seinen Epigrammen aus Olympia auch einen Dialog des Betrachters mit Kairos verfasst, den ich Euch zur Erbauung nicht vorenthalten möchte:

 

„Wer bist du?

Ich bin Kairos, der alles bezwingt!

Warum läufst du auf Zehenspitzen?

Ich, der Kairos, laufe unablässig.

Warum hast du Flügel am Fuß?

Ich fliege wie der Wind.

Warum trägst du in deiner Hand ein spitzes Messer?

Um die Menschen daran zu erinnern, dass ich spitzer bin als ein Messer.

Warum fällt dir eine Haarlocke in die Stirn?

Damit mich ergreifen kann, wer mir begegnet.

Warum bist du am Hinterkopf kahl?

Wenn ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigeglitten bin,

wird mich auch keiner von hinten erwischen

so sehr er sich auch bemüht.

Und wozu schuf Euch der Künstler?

Euch Wanderern zur Belehrung.“

 

Und auch etwas Amüsantes zur Krise heute und hier, will ich noch zum Besten geben. Ein kleiner Dialog der WhatsApp-Gruppe von Wir sind Kirche. Ich schreibe:

 

Mein Kabarett-Kommentar zum jetzigen Zeitpunkt: „Jetzt halten wir die Luft an, bis das Virus tot umkippt!“

Magnus Lux reagierte darauf: „Blöd nur: Es lebt ja nicht, wie kann es dann tot umkippen?“

Darauf ich: Wenn wir tot umkippen. Wenn der Wirt tot umkippt, dann! Hurra!! Attacke!! „Wir schaffen das!“

Kabarettistisch wohlgemerkt. „Wir müssen mit dem Virus leben lernen!“ ist der bessere Satz auch jetzt und zu dieser Zeit!

Wir müssen zusammen gehen! Solidarisch! Nur so kann es gehen!

Solidarisch zueinander sein, heißt menschlich sein!

 

Ich denke es reicht aus, dem Virus die Zähne zu ziehen. Dann werden wir gut mit ihm leben können. Die Reißzähne werden ihm bereits gezogen, indem man die besonders gefährdeten Menschen, die Alten, nun konsequent impft. Ich selber habe in der nun vergangenen Woche meine zweite Impfung erhalten weil ich mit Senioren als Therapeut in einem Seniorenzentrum arbeite und fühle mich dadurch dankbar und privilegiert.

 

Ich wünsche einen gesegneten Sonntag

Johannes Brinkmann

 Bild:  Schule Andrea Mantegna, 1490 Occasio et Poenitentia; Kairos; ©Sailko