KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche - Sonntagsbriefe

Sonntagsbrief zum 17. Sonntag im Jahreskreis, 26. Juli 2026

Hören

In Gibeon erschien die Ewige Salomo in der Nacht im Traum und die Gottheit sagte: „Bitte um etwas, was ich dir geben soll!“ Da sagte Salomo: „Du, du warst überaus gütig zu deinem Untergebenen David, meinem Vater, da er vor dir treu und Recht schaffend und mit aufrichtigem Herzen gelebt hat. Du hast ihm diese große Güte erhalten und ihm einen Sohn geschenkt, der an diesem Tag auf seinem Thron sitzt. Und nun, Ewige, meine Gottheit, hast du deinen Untergebenen an der Stelle meines Vaters Davids als König eingesetzt, doch ich bin unerfahren und weiß nicht ein noch aus. Dein Untergebener ist inmitten deines Volkes, das du erwählt hast. Es ist ein großes Volk, das wegen seiner Größe nicht gezählt und nicht geschätzt werden kann. So gebe deinem Untergebenen doch ein hörendes Herz, um in deinem Volk Recht zu sprechen und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Ja, wem gelingt es sonst, in diesem deinem schwierigen Volk Recht zu sprechen?“ Diese Bitte Salomos fand Gefallen in den Augen der Ewigen und die Gottheit sagte zu ihm: „Weil du dieses von mir erbeten hast und nicht ein langes Leben oder Reichtum oder das Leben derer, die dich anfeinden, sondern weil du für dich um Verständnis batest, um auf das Recht zu hören, deswegen werde ich deinen Worten entsprechen. Ich gebe dir ein weises und kluges Herz, so wie dich gibt es keinen Menschen weder vor noch nach dir und es wird auch keinen geben, der dir gleichen wird.“

1 Kön 3,5-12, Bibel in gerechter Sprache

 

Hören

Salomo wünscht sich also ein „hörendes Herz“, als Massstab für sein Handeln als König und als Mensch. Was heisst das? Und vor allem: was heisst es für uns heute?

Das Herz war zur Zeit Salomos nicht der Sitz der Emotion und des Fühlens, sondern der Sitz des Verstandes und des logischen Handelns. Salomo bitte also um die Gabe, so zu hören, dass er verstehen und vernünftig handeln kann.

Es fällt auf, dass er sich das hörende Herz wünscht, „um in deinem Volk Recht zu sprechen“. In der Bibel ist Salomo nach Saul und David erst der dritte König für Israel, davor wurde das Volk von Richterinnen und Richtern geleitet. In dieser Richter-Tradition will Salomo also beide Seiten anhören, und dann erst Recht sprechen. Was uns als rechtsstaatliche Grundvoraussetzung erscheint, mag damals nicht allgemein üblich gewesen sein, und auch heute und selbst im demokratischen Europa ist es nicht immer gegeben, dass vor Gericht beide Seiten gleich gut zu Wort kommen können. 

Für Salomo und seine Zeit besteht das Recht aus einzelnen Rechtssprüchen, weniger aus einer generellen Rechtsetzung wie heute. Aber auch in der heutigen Politik ist es wichtig, alle anzuhören – ein hörendes Herz zu haben. Ein Bonmont besagt: wenn ein Gesetzt von allen Seiten kritisiert wird, dann hat die Regierung vieles richtig gemacht! Dann hat sie nicht nur auf eine Seite gehört – auf ihre eigenen Anhänger oder womöglich auf Lobbyisten – sondern versucht zumindest, die Vor- und Nachteile des neuen Gesetzes über das ganze Volk auszutarieren. In unserer Zeit des (immer noch zunehmenden) Populismus ist es umso wichtiger, nicht nur auf die lautesten Meinungen zu hören, sondern die Sorgen und realen Nöte aller Menschen wahrzunehmen und in verständiges und vernünftiges politisches Handeln umzusetzen.

Die Freude und Hoffnung, Sorgen und Nöte der Menschen überall auf der Welt sind seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch ein Anker kirchlichen Handelns. So erwarte ich auch von der Kirchenführung ein hörendes Herz - also den Verstand, um alle Positionen anzuhören und dann gerecht und zukunftsorientiert zu entscheiden. Das kann natürlich nicht nur für die progressiven Kirchenvolksbewegungen gelten, deren Anliegen ich am meisten unterstütze, sondern ich sehe durchaus ein, dass konservative Argumente genauso gehört und berücksichtigt werden müssen. Zum Teil nehme ich wahr, dass dieser hörende Anfang gelingt. Andererseits müssen wir aber immer noch eine Kirche erdulden, in der die ganze weibliche Hälfte der Mitglieder wenig Gehör findet und nicht ihr Recht bekommt. Und auch hier darf der hörende Verstand nicht auf die Lautstärke achten. Die hunderttausende Piusbrüder, die laut aufrufen, weil sie die rechte Verehrung Gottes in der Kirche in Gefahr sehen, sollen durchaus angehört werden. Aber genauso die Millionen, die die Kirche still verlassen, weil sie das (zwischen-)menschliche Verhalten in der Kirche nicht mehr mittragen können.

Als Teil der Kirche und der Gesellschaft ist es auch an allen von uns, ein hörendes Herz zu haben. Ich neige dazu, nur die Positionen und Argumente aus meiner eigenen Bubble wahrzunehmen. Das ist nicht genug, um verständig zu entscheiden. Natürlich will ich mich nicht von populistischen Haltungen zubrüllen lassen, die dadurch gewichtiger werden, dass oft wiederholt werden, und nicht dadurch, dass sie inhaltlich richtig wären. Aber die Erfahrung, dass es mehr und wichtigeres gibt als meine Alltagssorgen, kann durchaus heilsam sein!

Einen gesegneten und rechtschaffenden Sonntag wünscht

Tobias Grimbacher