Jesu Toleranz-Gleichnis
„Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Bauern, der auf seinen Acker guten Samen aussäte. Als alle schliefen, kam sein Feind. Er säte Unkraut zwischen den Weizen und verschwand wieder. Der Weizen wuchs hoch und setzte Ähren an. Da war auch das Unkraut zwischen dem Weizen zu erkennen. Die Feldarbeiter gingen zum Bauern und fragten ihn: `Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut auf dem Feld?´ Er antwortete: `Das hat mein Feind getan.´ Die Arbeiter sagten zu ihm: `Willst du, dass wir auf das Feld gehen und das Unkraut ausreißen?´ Aber er antwortete: `Tut das nicht, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus! Lasst beides bis zur Ernte wachsen. Dann werde ich den Erntearbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut ein! Bindet es zu Bündeln zusammen, damit es verbrannt werden kann. Aber den Weizen bringt in meine Scheune.´“
...
Jesus schickte die Volksmenge weg und ging ins Haus. Da kamen seine Jünger zu ihm und baten:
„Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker!“ Jesus antwortete: „Der Bauer, der den guten Samen sät, steht für den Menschensohn. Der Acker ist die Welt. Der gute Samen steht für die Menschen, die zum Reich Gottes gehören. Das Unkraut steht für die Menschen, die dem Bösen folgen. Der Feind, der das Unkraut sät, steht für den Teufel. Die Ernte steht für das Ende der Welt. Die Erntearbeiter stehen für die Engel. Das Unkraut wird eingesammelt und im Feuer verbrannt. Genau so wird es auch am Ende der Welt zugehen: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden. Sie werden alle aus seinem Reich einsammeln, die andere vom Glauben abbringenund Gottes Gesetz nicht befolgen. Die Engel werden sie in den brennenden Ofen werfen. Dort gibt es nur Heulen und Zähneklappern. Aber alle, die nach Gottes Willen leben, werden im Reich ihres Vaters strahlen wie die Sonne.
Wer Ohren hat, soll gut zuhören!«
Mt 13, 24-30, 36-43 Basisbibel
Jesu Toleranz-Gleichnis
So geht’s zu, wenn’s nicht nach jesuanischen Vorzeichen geht: Zugehörigkeit wollen fromme Eiferer durch Bestimmung der „reinen Lehre“ regeln. Pharisäer, Essener, Täufer drängen auf Sammlung der Erwählten und Ausschluss der Unreinen und Abtrünnigen. Auf das Endgericht gemünzt entsteht so „eine kleine Apokalypse“. Zu ihrer Empörung ruft Jesus gerade Unwissende, Ausgeklammerte, Chancenlose. Anschaulich Menschen etwas nahebringen, auf ihrem Niveau, in ihrem Horizont – das versteht der Mann aus Nazaret. Jesus redet und handelt gleichnishaft. So geht’s dann anders zu…
Er warnt im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen: Bis zum Endgericht ist beides vermischt, Gutes und Schlechtes. Er ruft zur Vernunft: Unkraut im Weizen – was tun? Nicht gleich ausrotten wollen! Geduld ist nötig bis zur Ernte. Warum? Das Unkraut, „der giftige Taumellolch“ (Lolch), ist dem Weizen zum Verwechseln ähnlich. (J. Jeremias, Die Gleichnisse Jesu 1980, S. 56f; 149: Matthäus neigt zu allegorischer Deutung.) Eine Auslese steht niemandem zu. Das ist Gottes Sache, der für alles Sorge trägt. Die Verwechslungsgefahr führt zu fatalen Fehlurteilen. Vorgriffe auf die Endzeit – heute: Verschwörungserzählungen! – sind unredlich. Befürworter wie Gegner müssten falschen Eifer ablegen, die Dinge (Felder, Projekte) reifen lassen, Hoffnung als Netz auswerfen. Wir sind bis auf den Tag nicht versöhnt mit dem „Unkraut“. Der Mensch führt Krieg gegen die Natur, rottet Mitgeschöpfe wie Unkraut aus. Um die fatale Praxis des sozialen Unkrautausjätens zu verdeutlichen, springen wir vom Gleichnis zur modernen Parodie, zu einem Meister seines Fachs, in dem der liberale Funke glüht.
„Grundgesetz sei volle Gleichheit aller Gotteskreaturen“ (Heinrich Heine)
Als Heinrich Heine (1797-1856), dem die Kritiken wie faule Äpfel um die Ohren fliegen, im Spätherbst 1841 sein „Sommermärchen“ über das Schicksal eines entsprungenen Tanzbären erfindet, feiert er wegen diverser „Verhaftsbefehle“ sein Weihnachten lieber im französischen Exil in den Pyrenäen. Poesie ist „das große Geschäft meines Lebens“, sagt er. Der Romantiker auf dem Weg zum Realisten bevorzugt Ironie vor Pathos, verweigert vaterländischen Dienst „der christlich-germanischen Nationalität“ (Vorwort). Er kämpft mit „Sonnengemüt“, mit Flammen und Waffen des Dichters gegen Pseudo-Nationalismus, Pseudo-Humanismus, Pseudo-Christentum, gegen die „Lügenkrankheit“ der Heuchelei. Wenn Bravheit ein Talent sein soll, verzichtet er. Sein Genie steht im „Verdacht der Charakterlosigkeit“. Pegasus ist sein Reittier: „Ist kein nützlich tugendhafter/ Karrengaul des Bürgertums,/ noch ein Schlachtpferd der Parteiwut,/ das pathetisch stampft und wiehert.“ Intelligenz, Witz, poetisch-leichtfüßige Eleganz stechen heraus. So fabel- wie meisterhaft gibt er Tieren eine Stimme - eineinhalb Jahrhunderte vor George Orwell. Geschult an Don Quijote bindet er blinzelnden Zeitgenossen einen Bären auf, ist aber „kein Faselbär“.
Heine erdichtet den Tanzbär Atta Troll, einst „stolzer Fürst der Wildnis“, der sich losreißt von der „Sklavenfessel“ und in seine Höhle flüchtet. Der Bär hält vor seinen Kindern aufrührerische Reden über die Befreiung der Tiere von der bösen Herrschaft der Menschen. Die Zeit der Freiheit, Gleichheit, Einigkeit sei gekommen. Eigentum und Besitzrecht – „ein Gemisch aus List und Unsinn“. Taschenlos geboren, doch „Taschendiebe sind die Menschen.“ „Nach den Gütern dieser Erde/ greifen alle um die Wette,/ und das ist ein ewges Raufen,/ und ein jeder stiehlt für sich!“ So brummbasst Atta Troll. „Eigennutz und Selbstsucht/ treibt sie jetzt zu Mord und Totschlag.“ Jenseits „Menschendenkart“ urteilt er über die Menschenbrut, die „sich Herrn der Schöpfung dünkelt“. Frech, schaut sie „auf das gesamte Tierreich“ herab, raubt, fesselt, misshandelt, verschachert, tötet und beruft sich auf Menschenrechte; doch „der ist edel, welcher edel fühlt und handelt.“ Tiere sind nicht auf den Kopf gefallen. „Trommeln nicht die Hasen ganz vorzüglich?“ Heine fragt die Krone der Schöpfung: „Menschen, warum seid Ihr besser/als wir Andre? Aufrecht tragt Ihr/ zwar das Haupt, jedoch im Haupte/ kriechen niedrig die Gedanken.“ „Traut keinem Untier, welches Hosen trägt!“ So geht’s zu, wenn‘ s falsch zugeht.
Lange vor dem Aufkommen ökologischer Fragen und der Jagd auf „Problembären“ greift der Dichter kurios und furios an. „Unter allen Menschen gibt es keine ordentlichen Menschen.“ Verdorben, glaubenslos, gottlos, ehrfurchtslos, frivol haben sie kein Auge für andere Wesen. Realitätsblind sei die Lehre von der Hierarchie der Geschöpfe. Heine reklamiert die drei Fahnenwerte der Französischen Revolution. „Einheit, Einheit ist das erste Zeitbedürfnis.“ „Dächte jeder Bär, und dächten/ alle Tiere so wie ich,/ mit vereinten Kräften würden/ wir bekämpfen die Tyrannen.“
Akut sein Kernsatz:
„Grundgesetz sei volle Gleichheit
aller Gotteskreaturen,
ohne Unterschied des Glaubens
und des Fells und des Geruches.“
Und Heine als Jude setzt bitter hinzu:
„Ja, sogar die Juden sollen
volles Bürgerrecht genießen
und gesetzlich gleichgestellt sein
allen andern Säugetieren.“
Was für ein Furor! 1776 schrieb Thomas Jefferson in die Unabhängigkeitserklärung:
Gleich geschaffen sind alle mit angeborenen Rechten (Leben, Freiheit, Glück).
Seine Passage über die Verschleppung „eines weit entfernt lebenden Volkes“, die Sklaverei der Schwarzen, verschwindet aus dem Text. Nur so ist die Zustimmung aller dreizehn Kolonien zu haben. Gründungsväter hielten Sklaven, ohne den Widerspruch zur eigenen Verfassung zu merken. Ausblendung hat noch nie zur Lösung eines Problems geführt. Eine Einteilung in Klassen, Rassen, Objekte, Rohstoffe ist ausbeutungsfröhlich und zweckmäßig. Extremisten benennen Missliebige, Oppositionelle als „Unkraut“ (Lolch), um „es“ auszurotten. Aber – spottet Heine - immer nur lächeln dabei die Menschen, „schnippische Kanaillen!“
Der Bär preist die Freiheit des Tanzes, den schon David vor der Bundeslade zelebrierte:
„Tanzen war ein Gottesdienst,
war ein Beten mit den Beinen!“
Damit sich Respekt realisiere, müssten andere Zeiten anbrechen. Wer Ignoranz und Arroganz der Räuber angreift, steht bald auf Fahndungslisten. Eine Bärenhatz wird eröffnet, ein Gespenster-Heer reitet. Der Jäger Laskaro, Sohn der Hexe Uraka, erlegt mit einer „Schicksalskugel“ hinterhältig Atta Troll. Der Bär (und Revolutionär) endet als Bettvorleger.
Merken Sie, liebe Leser*innen, wir nähern uns auf Umwegen dem Kern des Gleichnisses vom Unkraut im Weizen. Während das Gleichnis mit alltäglichen Vorgängen arbeitet, erfindet die Parabel eine einmalige Fallgeschichte. „Atta Troll“ ist vieles in einem: szenische Tier-Fabel-Parabel, Parodie, Satire, Groteske, Humoreske, absurdes Theater - mit Seitenhieben auf „die Geldmacht der Knirpse“, materialistischen Ungeist, auf Lumpen und „Unterlümpchen“. Eine moderne virtuose Diagnose! Das Tierdrama enthält eine Antimoral. Da schmettert ein literarischer Revolutionär der restfeudalen, à la Metternich restaurierten Welt dreifach Flüche entgegen: einem Pseudo-Gott, der die Hungernden narrt, „dem König, dem König der Reichen,/ den unser Elend nicht konnte erweichen“, dem „falschen Vaterlande“. Heines Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ brandmarkt 1844 „imperiale Märchenträume“. Denn „man kollektierte für uns selbst bei den fernsten Nationen“. Noch 40 Jahre später teilen 14 europäische Staaten Afrika als Beute unter sich auf, löschen jene aus, die beim „globalen Monopoly“ (Christopher Clarke) stören. Generationen später wundert man sich, dass Flucht historische Ursachen haben kann… So geht’s zu im Kolonialismus. Dabei habe Europa doch als Braut die Freiheit gewählt. Doch
„die Freiheit hat sich den Fuß verrenkt,
kann nicht mehr springen und stürmen;
Die Trikolore in Paris
schaut traurig herab von den Türmen.“
(Caput VIII)
Heine wird zum heilsamen Schrecken der Vergangenheit. „Ich heiße Niemand, bin Augenarzt“. Die in Köln aufbewahrten pseudo-religiösen Reliquien nennt er die „armen Skelette des Aberglaubens“. Zu Jesus: „Du Narr, du Menschheitsretter!“ Wer so redet, müsse damit rechnen, gekreuzigt zu werden. Heine setzt ironisch hinzu: „Ach! Hättest du nur einen anderen Text/ zu deiner Bergpredigt genommen“…
Vielfalt stärkt, wenn wir uns öffnen für den Zustrom des Lebens
… nahm Jesus aber nicht! Jesus verkündet generell TOLERANZ. Er ist konziliant. Sein Credo kreist um dreifache Liebe. Hass verschließt, Liebe öffnet. Offenheit ermöglicht Freiräume für den Zustrom der Vielfalt des Lebens. Jesus ist Vielfalt-Befürworter. Römischer Zentralismus begreift das bis dato nicht. Vielfalt-Verfechter provozieren Vielfalts- und Freiheitsverächter. So geht’s zu in deren Logik. Auslöschung der nicht erwünschten Vielfalt verwirft das Motto „Leben und Leben-lassen“.
„Das militante „Credo“ von Faschismus und Kommunismus, Aufgabe der Revolutionen sei es, angebliche Feinde wie Unkraut zu vertilgen und die neue Gesellschaft von „Schädlingen, Ungeziefer, Abschaum, Aussätzigen“ (dem Lolch!) zu reinigen, lief hinaus auf eine Religion des Hasses, des Neids, der Feindschaft zwischen Menschen.“ * Die Islamische Revolution ist „das dritte Projekt der Moderne, den Himmel auf Erden zu errichten – und auch der dritte Versuch hat stattdessen in die Hölle geführt.“ (Navid Kermani)Das theokratische Regime, „die vorläufig letzte Gegenaufklärung“, verspritzt Schlangengift, setzt sich über jedes Recht, führt massenhysterisch Kulturkampf gegen den Westen, hört nicht auf, Terror gegen Israel zu finanzieren. Stimmen werden in Diktaturen unhörbar gemacht durch Ächtung, Gefängnis, Zwangsgeständnis, Hinrichtung, Niederschlagung von Protest (Frau, Leben, Freiheit - zan, zendegi, azadi). Volk und Regime entfremden sich. Islamismus tut so, als hätten Menschen Lust auf Sitten-Gehorsam.
Um ein „Paradies“ zu gründen, braucht es mehr, als auf Fragen des Volks staatsterroristische Antworten zu geben. „Politische Groß-Ungeheuer haben sich als historischer Massenbetrug erwiesen, als Abgründe der Bösartigkeit. Der Todernst, sich eine bestimmte, bereinigte Welt zu versprechen, ist als Schwindel aufgeflogen. Monströses scheitert zwangsläufig an sich selbst. Gleichgewicht ist dynamisch. Desillusionierung besorgen Machthaber selbst. Utopien negieren Lebensgesetze; sie zerbrechen nicht zufällig an maßlosen, lebensfremden Ansprüchen. „Erlösung“ ist keine, weil ihr Gott, dem sie als Herren über Leben und Tod zahllose Menschenopfer darbringen, keiner ist, sondern ein eiskalter Staatsgötze. Das Bestreben, die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen, vermeintliche Störenfriede, Nicht-Erwählte, „Verräter“ aus ihr zu eliminieren, stellt die Humanität, die auf Gegenseitigkeit beruht, auf den Kopf. Gulags wuchern wie Krebs. Gewaltexzesse fegen die dünne Decke der Zivilisation hinweg. Die (Partei-) Diktatur verliert das Proletariat. In Gewalträumen toben sich trunkene Teufel aus. Grausame Befehle entlarven (Ver-)„Führer“, die Entsetzlichstes als das Nötige hindrehen.“*
Aber Non-Konforme auszuschließen, ins Exil zu drängen, kann niemals ein Weg zum Frieden sein. Feindseligkeit ist zu entschärfen. Elementen aus divergierenden Welten muss das Zusammenleben erlaubt sein. Ächtungsverfahren sind durch Achtungsverfahren zu ersetzen. Achten geht vor ächten!
Heute schreit die Erosion der Demokratie durch Anti-Demokraten und allgemeine Gleichgültigkeit nach einer Kultur des Erinnerns. „Vielleicht sind wir Hochstaplerdemokraten“ (Michel Friedman, dessen Familie Oskar Schindler rettete). Pseudo-christliche Parteien machen johlende AfD-Politik, verschärfen das Abschieberecht, Zentren bzw. auswärtige „Lager“ (!) setzen auf Abschreckung; sie opfern die Menschenwürde, den Grundpfeiler unserer Demokratie. Arthur Koestler erinnert daran, „dass Ethik nicht nur eine Funktion sozialer Nützlichkeit ist und Nächstenliebe kein kleinbürgerliches Sentiment, sondern die Gravitationskraft, die jede Zivilisation zusammenhält.“ Kein Lügenimperium ist ewig. Institutionen wie „Memorial“, „Denkstätten“ sind nötig! „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ (Ingeborg Bachmann, 1959) Technokraten, die angeblich wissen, was wegmuss, die glauben auf soziale Demokratie verzichten zu können, sind diametral entgegengesetzt dem Toleranz-Gleichnis Jesu.
So geht’s künftig zu, wenn Jesu Zumutung real wird: Seine gelassene Toleranz lässt die Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte, regnen auf Kraut wie auf Unkraut. Verschiedene als Gleichwertige zu behandeln, ist seine souveräne Kunst, die zu lernen bis heute nottut. Ohne möglichst gewaltfreie Umkehrung der Verhältnisse, ohne Vergebung, ohne Güte kommt die Hoffnung unter die Räder der Geschichte. Gleichnisse und Parabeln wirken still wie Senfkorn und Sauerteig. Brechen alle Beweise zusammen, antworten Prophet und Dichter „mit einer Salve Zukunft“ (René Char).
© Günther M. Doliwa, 19. Juli 2026 - Homepage: www.doliwa-online.de
(* Auszüge aus meinem Hauptwerk: Glaube Liebe Hoffnung)