KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche - Sonntagsbriefe

Sonntagsbrief zum 10. Sonntag im Jahreskreis, 7. Juni 2026

Ärzt:innenteam gesucht

Jesus ging von Kapernaum  weiter. Da sah er einen Mann an seiner Zollstation  sitzen. Er hieß Matthäus. Jesus sagte zu ihm: »Komm, folge  mir!« Da stand er auf und folgte ihm. Später war Jesus  im Haus zum Essen. Viele Zolleinnehmer  und andere Leute, die als Sünder  galten, kamen dazu. Sie aßen mit Jesus und seinen Jüngern. Als die Pharisäer  das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: »Warum isst euer Lehrer  mit Zolleinnehmern und Sündern?« Jesus hörte das und antwortete: »Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Überlegt doch einmal,was es bedeutet, wenn Gott sagt: ›Barmherzigkeit will ich und keine Opfer!‹ Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten  zu rufen, sondern die Sünder.«

Matthäus 9, 9-13 Basisbibel 

 

Ärzt:innenteam gesucht

Bei den heutigen alttestamentlichen Texten, also Hosea 6, 3-6, Psalm 50,7-15 geht es unter anderm darum, dass Gott keine Opfergaben in Form von Tieren möchte, sondern ein Leben, entsprechend seiner Gebote. - Wobei das erste, nämlich „du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, da wohl am wichtigsten ist, denn das Opfern von Tieren oder Speisen war eine Gepflogenheit der nicht monotheistischen Kulte, die es zu überwinden galt. Daher gehört zur jahrhundertelangen Entwicklung Israels und Judas zum Monotheismus auch die Vernichtung der im Land verstreuten Kultstätten und die Konzentration auf den Tempel in Jerusalem als einzigem Ort, an dem Opfer dargebracht werden durften. Die Opferthematik wird auch im Matthäustext angesprochen: „Barmherzigkeit will ich und keine Opfer.“

 

Bei mir hat dieser Text des Evangeliums jedoch ganz andere Assoziationen ausgelöst. Mein Augenmerk liegt auf folgendem Satz: „Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.“

Auch in diesem Jahr bin ich bei der Fronleichnamsprozession mitgegangen. Ich tue das mit einem gewissen Unbehagen, denn mit der dabei gepflegten Eucharistiefrömmigkeit kann ich mich nicht (mehr) identifizieren. Die Bemühungen der Priester, in ihren Predigten Überzeugungsarbeit zu leisten finde ich bewundernswert, aber ich habe nicht den Eindruck, dass es besonders wirkt. 

Ich kann mich entsinnen, dass vor 25 Jahren, als ich hier in Deggendorf zum ersten Mal bei einem Fronleichnamsgottesdienst mit Prozession teilnahm, die Kirche mit ihren 500 Plätzen gut gefüllt war und der Zug so lange, dass man von ganz hinten nur mit Mühe den Prozessionshimmel sehen konnte. Es gab zahlreiche Vereinigungen und Fahnenabordnungen, Scharen von Kommunionkindern und Ministrant:innen und auch Mitglieder des Stadtrates, des Kreisrates und die Oberbürgermeisterin mit Amtskette waren respektabel vertreten, der Kirchenchor leistete sowohl im Gottesdienst wie bei den Stationen seinen Beitrag. Auch vor 10 Jahren noch war der Auftritt in der Öffentlichkeit recht ansehnlich.

Diesmal jedoch: eine vielleicht zu einem Viertel gefüllte Kirche, zwei Handvoll Kommunionkinder, ebensoviele Ministrant:innen, wobei sich die Mädchen rar machen, gerade noch zwei Fahnenabordnungen, davon eine vom schwach vertretenen Frauenbund, zwei Stadträte aus der Pfarrgemeinde, aber immerhin drei Priester plus ein Diakon. Eine Bläsergruppe, zu diesem Zweck angeheuert, begleitete die Gesänge. Beim Frühschoppen im Anschluss hatte man nur noch wenige Bierbänke aufgestellt. Der Altersdurchschnitt abzüglich der Kommunionkinder und der Ministrant:innen lag bei etwa 70. Die Gebete und Gesänge waren aber noch die gleichen wie vor 25 Jahren.

 

Fazit: Als ich vor 25 Jahren nach Deggendorf im Bistum Regensburg zog, erlebte ich das Leben in dieser Stadt derartig katholisch geprägt, dass ich dafür den Ausdruck „Katholistan“ verwendet habe. Inzwischen ist von der alten Pracht und Herrlichkeit wenig übrig geblieben. Nach der Fülle des Katholikentage in Würzburg, wo ich zumindest den Eindruck gewinnen konnte, Kirche sei lebendig, erlebe ich Kirche vor Ort als zutiefst bedürftig um nicht zu sagen als krank. Sie ist aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand gerückt. - Hier ist das, was in weiten Teilen Deutschlands schon lange Realität ist, auch angekommen. Aber immer noch beobachte ich, wie die katholische Amtskirche auf Privilegien pocht, so tut, als hätte sie noch die Zügel in der Hand. Sie meint immer noch, sie hätte in der Gesellschaft etwas zu sagen. 

Zugegeben. Fronleichnam ist schon sehr speziell. Und wie auch ich können sich viele nicht mehr mit diesem Fest identifizieren und die Kirchenbindung ist nicht stark genug, um sich derart zu exponieren. Aber es ist ein auffälliges Krankheitssymtom: die traditionelle Kirche zieht nicht mehr an und strahlt nicht mehr aus. Aber sie hält sich an dem fest, was „schon immer so war“. Hier in meinem Bistum Regensburg ist Bischof Voderholzer, der mit Vorliebe Krippen sammelt, allerdings fest davon überzeugt, dass es mit der katholischen Kirche an sich zum Besten steht, die Reformen die durch Synodalen Weg und selbst durch die Weltsynode angestrebt werden, nicht Medizin sondern Gift sind und erst dadurch die Krankheit hervorgerufen wird. 

Dieser Meinung kann ich nichts abgewinnen. Unsere Kirche ist krank. Und nicht die Gesunden sondern die Kranken brauchen einen Arzt, eigentlich ein ganzes Ärzt:innenteam. Aber dazu gehört auch der Wille gesund zu werden. - Den vermisse ich hier. 

 

Sigrid Grabmeier