KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche - Sonntagsbriefe

5. Sonntag der österlichen Bußzeit, 22. März. 2026

Der Becher des Zorns

G*TT, die Macht über uns,
hat mir eine Zunge gegeben wie den Lernenden,
damit ich es verstehe, die Müden mit einem Wort zu stärken.
Gott weckt mir jeden Morgen das Ohr, damit ich höre wie die Lernenden.
Die Macht über uns, G*TT hat mir das Ohr geöffnet,
und ich sträube mich nicht. Ich weiche nicht zurück.
Meinen Rücken gab ich denen, die schlagen,
meine Wangen denen, die prügeln.
Mein Gesicht habe ich nicht verborgen vor Schmähworten und Speichel.
Aber G*TT, die Macht über uns, hilft mir,
darum werde ich nicht beschämt,
darum mache ich mein Gesicht hart wie einen Kieselstein
und weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
 
Jes 40.4-7 Bibel in gerechter Sprache

  

Jesus kam mit ihnen zu einem Ort mit Namen Getsemani und sagte zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: „Setzt euch hierher, während ich dorthin gehe und bete.“ Und er nahm Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus mit. Er begann zu trauern und sich zu ängstigen. Da spricht er zu ihnen: „Meine Seele ist tieftraurig, bis zum Tod. Bleibt hier und wacht mit mir.“ Er ging ein wenig weiter und warf sich nieder auf sein Gesicht. Er betete und sprach: „Mein Gott, Vater und Mutter, wenn es möglich ist, soll dieser Becher an mir vorübergehen. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“

Mt 26, 36-40 Bibel in gerechter Sprache

Der Becher des Zorns

Am Palmsonntag wird traditionell die ganze „Leidensgeschichte Jesu“ im Gottesdienst gelesen, beginnend mit dem bejubelten Einzug in Jerusalem bis hin zu schmachvollen, grausamen Hinrichtung.

Ich möchte heute die Szene am Ölberg herausheben, oft gemalt aber in den Predigten zur Leidensgeschichte geht sie meist unter. Jesus spricht von einem Kelch, der an ihm vorüber gehen soll. Dieser Satz ist in unseren allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen, und wird benutzt, wenn etwas ungewolltes auf uns zukommt. Aber warum spricht er davon? Wir kennen ja, aus dem Abendmahlsgeschehen heraus den Kelch des Heils. Aber darum kann es sich ja nicht handeln. Der Kelch, von dem Jesus spricht, ist der „Taumelbecher“, in der alten jüdischen Tradition gleichbedeutend mit Schrecken, Vernichtung und Verderben. Das Bechermotiv ist verbunden mit der Vorstellung vom Zorn Gottes als einer flüssigen Substanz, die er über den Menschen ausschüttet und die diesen ins Wanken, ins Taumeln und zum Stürzen bringen.

Der Prophet Jeremia bringt das so zum Ausdruck:

Ja, so sagt zu mir G*TT, die Gottheit Israels: Nimm den Becher, gefüllt mit Zornwein, aus meiner Hand und lass davon alle Nationen trinken, zu denen ich dich schicke. Sie sollen im Angesicht des Schwertes, das ich zwischen sie schicke, trinken, taumeln und verrückt werden. (Jer 25,15) 

Auch an vielen anderen Stellen der hebräischen Bibel wird der Zorn Gottes gleichsam als Flüssigkeit beschrieben, die ausgeschüttet wird über denen, die sich von ihm abwenden. vgl.  Klgl  4,11;  Ps 79,6;  Jer 6,11;  Jer 42,18 

Wie eine Überschrift steht dieses Geschehen am Ölberg über der ganzen Leidensgeschichte, aber auch über der Lebensgeschichte Jesu. In seiner Hingabe und Verantwortung vor Gott geht Jesus bis zur letzten Konsequenz seinen Weg. Die politische Situation und die vehemente Ablehnung der herrschenden religiösen Klasse sind ihm bewusst. 

Der Ölberg bietet in seiner Abgelegenheit einen bestens geeigneten Ort für eine Festnahme. Er macht es seinen Verfolgern leicht. Jesus hat den Kelch des Leidens vor Augen. Er weiß dass er keine Wahl hat. Er weiß was in dieser Nacht geschehen wird: seine Gefangennahme steht bevor, Folter und Hinrichtung. Der Kelch des Unheils, gefüllt mit bitterem Trank, der Zorn Gottes? Hat er nicht schon sein ganzes Leben hingegeben, um das Reich Gottes zu verkünden? Dieser Gott, den er Vater nennt, will er nun auch seinen Tod? - Will Gott das tatsächlich? Nicht dass er nicht gewusst hätte, worauf sein Handeln und Reden hinausläuft. Mit seiner Botschaft und mit seinem Leben hat er das Reich Gottes verkündet, eine Provokation für die Mächtigen. Das Todesurteil ist deren Rache. Es sind Menschen, die seinen Tod wollen – nicht Gott.

Der Kelch des Unheil, des Zorns. Wie oft wird er ausgeschüttet, wie oft bringt er Leid und Tod über die Menschen. Aber es ist nicht Gott, meist sind es Menschen die das Unheil verursachen. Das beschreibt der Prophet Jesaja sehr eindrücklich. Wir erleben es tagtäglich, im großen wie im kleinen. Wenn Menschen andere Menschen verfolgen und töten wegen ihrer religiösen oder weltanschaulichen Auffassungen, wegen ihrer politischen Haltung, wenn Menschen andere Menschen erniedrigen und zerstören, wenn Menschen Kriege beginnen, wenn Menschen die Erde nicht achten, die Lebensgrundlage für alle Menschen ist. 

Ja, es gibt auch Unheil wie Krankheit oder Naturkatastrophen, für die nicht Menschen ursächlich sind.. Aber es gibt immer auch die Möglichkeit, dass Menschen dem Unheil jeder Art mit Mitgefühl, Achtsamkeit, tätiger Liebe entgegen wirken, mit politischem und sozialem Engagement dagegen aufstehen. Gott bietet uns Menschen die Gelegenheit und ermutigt uns, uns für ein gelingendes Leben, für Gerechtigkeit, für Frieden einzusetzen. - Das hat uns das Leben Jesu gezeigt.

Sigrid Grabmeier

 

 

Herzliche Einladung zu unseren Online-Veranstaltungen, Wir sind Kirche Andachten und Gespräche am Jakobsbrunnen, die wir wieder jeweils dienstags um 19:00 Uhr anbieten. 

Den Link finden Sie hier

 

Dienstag, 31. März 2026

mit Sabine Slawik, Augsburg, stellvertretende Vors. KDFB Bayern und Bundesvorstand der KDFB-Landfrauenvereinigung