KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche - Sonntagsbriefe

Sonntagsbrief zum Zweiten Sonntag im Jahreskreis, 15. Januar 2017

Selbstbeteiligung

SANCTUS PAULUS - sedet hic scripsitPaulus, nach dem Willen Gottes vom Messias Jesus als Apostel gerufen, und Sosthenes, der Bruder, an die Gemeinde Gottes in Korinth, an die durch den Messias Jesus geheiligten Menschen, die gerufen wurden, heilig zu leben – und zugleich an alle Menschen überall, die den Namen Jesu Christi anrufen. Er ist ihr und unser Befreier. Unter euch wohne Gnade und Friede von Gott, unserem Ursprung, und von unserem Befreier Jesus Christus.

1 Kor 1,1-3
Bibel in gerechter Sprache

Mich beeindruckt die enorme Wucht der Eröffnungsverse von Paulusbriefen immer wieder, zeigt sich in ihnen doch in aller Kürze das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der ersten christlichen Gemeinden. Die Gemeinde in Korinth ist die „Gemeinde Gottes“. Ihre Mitglieder sind Heilige, schreibt Paulus, und zwar aus doppelter Perspektive: einerseits sind sie durch den Messias Jesus geheiligt – hineingetauft in Christi Tod und Auferweckung und somit heilig von Gott her. Andererseits ist damit aber auch der Aufruf verbunden, „heilig zu leben“ - also selbst einen Betrag zu leisten, um das Wirken Gottes in der Welt sichtbar zu machen. Das Heilige liegt nicht nur an uns Menschen, aber es liegt auch nicht nur an Gott allein!

Im weiteren Korintherbrief umreisst Paulus sein Bild von Gemeinde, ja von Kirche im Ganzen: von den vielen Gliedern des Leibes, von den verschiedenen Gnadengaben, die miteinander und füreinander da sind und von denen keine sich über die anderen erheben soll, und vom Kern des Göttlichen, Heiligen und Menschlichen: der Liebe (v.a. 1 Kor 12-14). Da wird auch klar, was es heisst, „heilig zu leben“: ich soll aus der Liebe heraus leben, liebevoll in dem, was ich tue und liebevoll zu den Menschen, denen ich begegne, friedfertig, selbstbewusst in meiner eigenen Begabung und Rolle, aber auch im Bewusstsein, dass ich angewiesen bin auf die Gaben der anderen.

Natürlich werde ich diesem Anspruch nicht immer gerecht, und Paulus weiss auch von vielen Gemeindemitgliedern in Korinth, die nicht so heilig leben. Für sie und für mich gilt das Wort von „unserem Befreier Jesus Christus“. „Freiheit“ ist ja ein tückischer Modebegriff unserer Zeit. Alle wollen frei sein, frei entscheiden und agieren. Als Christ kommt meine Freiheit aber zuerst von Jesus: er befreit mich, z.B. von meinem Anspruch, perfekt zu sein. Da, wo ich dem Ruf nicht gerecht werde, „heilig zu leben“ - im Scheitern von Liebe, Mitmenschlichkeit und Respekt – gerade da erweist sich der Messias Jesus als mein Befreier, durch den ich geheiligt bin. Und da, wo die anderen scheitern, weiss ich, dass auch ihr Unvermögen im Befreier Jesus geheiligt ist. Das befreit mich nicht davon, es selbst weiter zu versuchen – aber es macht vieles leichter, wenn ich weiss: Gottes Anteil an der Heiligung gilt gerade da, wo meine eigene Kraft, Begabung und Liebe nicht reicht.

So schliesse ich diesen Sonntagsbrief mit dem Wunsch, mit dem Paulus seinen zweiten Korintherbrief schliesst: „Die befreiende Zuwendung unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft, die uns die heilige Geistkraft schenkt, sei mit euch allen!“ (2 Kor 13,13)

Tobias Grimbacher

Bildnachweis: "SANCTUS PAULUS - sedet hic scripsit“: frühes 9. Jahrhundert, Schreiber Wolfcoz des St. Galler Skriptoriums (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, HB II 54)