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Sonntagsbrief zum 1. Sonntag im Jahreskreis - Fest der Taufe Christi – 7. Januar 2018

Gerechtigkeit richtet auf

Justitia. Intarsie im Kloster Engelberg, Zentralschweiz. Foto: Tobias Grimbacher, 2016

Schaut, diesen Menschen in meinem Dienst: An dieser Person halte ich fest, sie habe ich erwählt, an ihr habe ich Gefallen gefunden. Ich habe meine Geistkraft auf sie gegeben, Recht soll sie zu den Völkern hinausbringen. Sie schreit nicht, sie ruft nicht laut, sie lässt ihre Stimme draußen nicht hören. Das geknickte Rohr zerbricht sie nicht, und den glimmenden Docht löscht sie nicht aus, zuverlässig bringt sie das Recht hinaus. Sie wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis Recht auf der Erde gesprochen wird.
Auf ihre Weisung warten die Inseln.

Jes 42,1-4 Bibel in gerechter Sprache 

In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret, das in Galiläa lag, und wurde von Johannes im Jordan getauft. Sobald er aus dem Wasser herauskam, sah Jesus, wie der Himmel sich öffnete und die Geistkraft wie eine Taube auf ihn herabkam. Und aus dem Himmel tönte eine Stimme: »Du bist mein geliebtes Kind, über dich freue ich mich.«

Mk 1,9-11 Bibel in gerechter Sprache 

 

„Zuverlässig bringt sie das Recht“, schreibt Jesaja. Wir wissen es alle, „Recht haben“ ist noch nicht „Recht bekommen“, und Recht ist noch lange nicht Gerechtigkeit. Dennoch schätze ich es sehr, in einem Land mit rechtsstaatlichen Prinzipien zu leben, mit Gesetzen, die für alle gelten und die von den Vertreterinnen und Vertretern des ganzen Volkes verabschiedet und vor unabhängigen Gerichten einklagbar sind. Der Blick nach Polen oder in die Türkei zeigt leider, dass diese Rechtsprinzipien auch wieder zerstört werden können; auch in der Schweiz ist eine Volksinitiative hängig, die auf längere Sicht zum Austritt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention führen kann. Wir brauchen gar nicht erst auf Willkürstaaten zu zeigen oder in die Geschichte zu schauen, um den Wert unseres Rechtssystems zu erkennen.
Das Recht, von dem Jesaija spricht, geht aber weit darüber hinaus. Wer dieses Recht bringt, verbreitet eine umfassende, göttliche Gerechtigkeit. Mit dem Bild vom geknickten Roh und vom glimmenden Docht beschreibt Jesaija keinen Rechtsgrundsatz, sondern das Handlungsprinzip dieser Gerechtigkeit. Achtsam, vorsichtig, ja behutsam. Immer die vom „falschen“ Recht und von der Gesellschaft gebrochenen und erstickten im Blick – denn ihnen muss das wirkliche Recht gerecht werden.
Wenn wir so handeln - wenn wir so handeln wollen - dann ist es auch für uns immer wieder, als ob sich der Himmel öffnet und wir eine Stimme hören, die uns sagt „Du bist mein geliebtes Kind, an Dir habe ich Gefallen gefunden“. Wir wissen, es ist möglich auf dieser Grundlage des behutsamen, wirklichen Rechts zu handeln und zu leben. Jesus hat es vorgemacht. Und Johannes. Und Jesaija. Und viele andere. Darauf warten die Inseln. Und die Kontinente auch.
Ich wünsche allen einen gesegneten Sonntag
Tobias Grimbacher

Bild: Justitia. Intarsie im Kloster Engelberg, Zentralschweiz. Foto: Tobias Grimbacher, 2016