Mehr Mensch werden

Skulpturen des hessischen Bildhauers Stephan Guber in der Nikolai-Kirche Plön 2019

Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören. Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. 

 

Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.

 

1Kor 15, 20-26.28 Einheitsübersetzung

 

Mehr Mensch werden

Der Urvater Adam aß von der verbotenen Frucht und stürzte damit die Welt ins Chaos; Jesus kam, um sie zu retten. Adam steht für Tod und Finsternis, Jesus für Leben und Licht!

 

Im Islam dagegen steht Adam ganz und gar nicht für Finsternis, er ist der erste der Propheten, also eine Lichtgestalt. Da mir sehr an interreligiösem Dialog liegt, habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie man diese voneinander verschiedenen Sichtweisen zusammenführen kann. Die christliche, vor allem die römisch katholische Überlieferung, ist stark geprägt von der Erbsündenlehre, die sich sehr auf diese Verse von Paulus stützt. Dieser Erbsündenlehre zufolge tragen alle Kinder Adams dessen Sünde in sich, wandeln wegen ihr im Tod. Jesus kam als Retter zu uns auf Erden, um die Menschen von dieser Sünde reinzuwaschen durch sein Opfer. Dass Jesus zu uns kam war also nicht Ausdruck der überfließenden, sich verschenkenden, Liebe GOTTES, sondern diente einem Zweck, nämlich dem, die Menschheit aus dem Verderben zu befreien. Zudem hängt die Erbsündenlehre mit Lust und Sex zusammen; die Sexualität kann allein dadurch von ihrer Schuld befreit werden, wenn sie sich alleine dem Zwecke der Fortpflanzung im Rahmen einer Ehe zwischen Mann und Frau unterwirft. Dieser Erbsündenlehre will ich mich entgegenstellen!

 

Der Islam lehnt die Lehre von der Erbsünde ab. Jeder Mensch wird rein und frei geboren, d.h. als Moslem. Kein Mensch trägt in diesem Konzept die Sündenlast eines anderen. Der Mensch ist frei, sich GOTT zu unterwerfen oder sich ihm zu widersetzen. Dennoch müssen auch im Koran Adam und Eva das Paradies verlassen und leben seither auf Erden.

 

Dennoch ist das islamische Denken nicht frei von einem Fatalismus. Wen Allah rechtleitet, so wird man niemanden finden, der ihn in die Irre führen kann, und wen Allah in die Irre führt, so wird man niemanden finden, der ihn rechtleiten kann. So werden Mohammed der Tradition gemäß diese Sätze zugeschrieben:

 

„Gott schuf Adam. Dann strich er ihm mit der Rechten über den Rücken und holte aus ihm Nachkommen heraus; er sagte: Diese habe ich für das Paradies geschaffen; wie für das Paradies bestimmte werden sie handeln. Dann strich er ihm wieder über den Rücken und holte aus ihm Nachkommen heraus; er sagte: Diese habe ich für das (höllische) Feuer geschaffen; wie für das (höllische) Feuer bestimmte werden sie handeln.“ Auch dieser „Schicksalsergebenheit“ möchte ich mich entgegenstellen!

 

Ich greife aber den Gedanken auf, einen Fokus auf die Nachkommen Adams zu lenken; nämlich auf die ersten beiden, auf Kain und Abel. Bekanntermaßen endet ihre Geschichte mit Mord und Totschlag: Kain erschlug seinen Bruder Abel. Im Folgenden möchte ich nun aus meinem Büchlein „Am Anfang war die Einheit!“ zitieren. Dieses Büchlein kann jede/r ganz einfach gratis von meiner Homepage www.johannesbrinkmann.de herunterladen:

 

„Sigmund Freud schrieb einmal an Albert Einstein sinngemäß: „Alles, was friedlich zusammenführen und vereinen will, entspringt dem Eros. Alle, die das fördern, müssen willkommen sein. Dagegen steht die Aggression!“ Ich stimme dem ausdrücklich zu. Der Eros will liebevoll behüten und friedlich vereinen, entspringt einem - oder besser dem - guten Hirten. Er führt das Leben selbst auf gute Weide.

 

So begegnet uns im Hirten Abel der Ausdruck Adams (des Menschen), den ich als Fleisch gewordenen Eros bezeichne. Dagegen steht Kain als Mensch gewordene Aggression. So scheide ich die zwei Gesichter Adams: 1. In das friedliche Gesicht des „wahren Adam“, des guten Hirten und 2. in das aggressive Gesicht des Adams, der des Paradieses verwiesen wurde.

 

Der Eros beschreibt ein Streben weit größer als die Sexualität. Betrachtet man GOTTES Schöpfung und die Schöpfungsgeschichte verengt auf Mann/Frau/Kind(er), so ist man allein in der Betrachtung der Heterosexualität und verschleiert die wichtigere Bedeutung des Eros. Der Eros entspringt der Seele eines - oder besser des - guten Hirten und meint nicht zuerst die Reproduktion (=Zeugung von Kindern).„Seid fruchtbar und mehret Euch!“ (Genesis 1,28) Was meint das zuerst? Dass wir Menschen mehr werden oder dass wir mehr Mensch werden sollen? Was also meint der  Eros zuerst? Menschwerdung!

 

Gestehen Sie mir bitte zu, liebe Leserinnen und Leser, dass ich als Christ beim „guten Hirten“ an Jesus denke, der sich im Johannesevangelium (Joh. 10,11) sogar selber so nannte. Jesus war Jude und auch der Koran ehrt ihn als großen Propheten, ja sogar Messias nennt er ihn.Eine gute Person also als Gegengift gegen Spaltung und Angst!

 

Die Bibel sagt vom Menschen (Mann und Frau): er und sie seien von GOTT als „Abbild GOTTES“ geschaffen worden. Doch was beschreibt das? Ursprung oder Gegenwart? Meine Antwort ist: beides! Es ist Ursprung und Ziel zugleich!
Der Prozess der Menschwerdung ist in vollem Gange. Und ich sage: wenn wir jetzt nicht die Kurve kriegen, steuern wir mit Höchstgeschwindigkeit auf den Abgrund zu! Es geht also um Leben oder Tod! Ich kämpfe für das Leben! Für Leben in Fülle! Kämpft doch bitte mit!“

Ich wünsche einen gesegneten Christkönigssonntag in die ganze Runde Johannes Brinkmann / Essen

Bild:

Ausstellung: Kritische Besucher.  Skulpturen des hessischen Bildhauers Stephan Guber in der Nikolai-Kirche Plön 2019

Foto Sigrid Grabmeier

 

 

 

 

Vergraben und vertan

Symbolbild Foto S.Grabmeier

Denn die Welt Gottes solltet ihr auch mit der Geschichte von einem Mann vergleichen, der im Aufbruch zu einer Reise seine Sklaven rief und ihnen sein Vermögen zur Verwaltung übergab. Dem einen gab er fünf Talente, dem nächsten zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Tüchtigkeit. Dann reiste er ab. Sofort ging der mit den fünf Talenten los, machte mit ihnen Geschäfte und erwirtschaftete weitere fünf dazu. Ebenso erwirtschaftete der mit den zwei Talenten weitere zwei. Der mit dem einen Talent ging los, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Besitzers.

 

Nach langer Zeit kommt der Besitzer dieser Sklaven und rechnet mit ihnen ab. Der mit den fünf Talenten trat herzu und brachte weitere fünf mit den Worten: „Herr, du hast mir fünf Talente übergeben, hier sind die weiteren fünf, die ich erwirtschaftet habe.“ Sein Besitzer sprach zu ihm: „Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe. Du bist eine Freude für deinen Besitzer.“ Der mit den zwei Talenten trat herzu mit den Worten: „Hier sind die weiteren zwei, die ich erwirtschaftet habe.“ Sein Besitzer sprach zu ihm: „Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe. Du bist eine Freude für deinen Besitzer.“

 

Auch der mit dem einen Talent trat herzu und sprach: „Herr, ich wusste, dass du ein harter Mensch bist, der erntet, wo er nicht gesät hat, und einsammelt, was er nicht ausgeteilt hat. Ich bin aus Furcht vor dir losgegangen und habe dein Talent in der Erde versteckt. Hier hast du dein Geld zurück.“ Der Besitzer antwortete ihm: „Du böser und fauler Sklave, du wusstest also, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, was ich nicht ausgeteilt habe? Du hättest also mein Geld zur Bank bringen sollen. Dann könnte ich jetzt mein Eigentum mit Zinsen zurückbekommen. Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem mit den zehn Talenten. Die schon etwas haben, denen wird mehr gegeben, sogar bis zum Überfluss. Die nichts haben, denen wird das Wenige, das sie haben, noch weggenommen. Werft diesen nutzlosen Sklaven in den finstersten Kerker. Dort wird er schreien und vor Todesangst mit den Zähnen knirschen.“

Mt25,14-30  Bibel in gerechter Sprache 

 

Vergraben und vertan

Ich stand diesem Gleichnis immer schon etwas skeptisch gegenüber, denn auch wenn es bei Lukas ähnlich erzählt wird, so ganz authentisch scheint es mir nicht zu sein. Dieser strafende Herr hat mit dem väterlichen Gott, wie Jesus ihn sonst zeichnet, wenig gemein. - Die politischen und historischen Hintergründe hat Peter Hundertmark in einem Aufsatz „Das Gleichnis von den Talenten“ sehr einleuchtend dargelegt. In dieser Richtung werde ich mich also nicht mit dieser Stelle befassen. 

 

Die Schlüsselworte des heutigen Evangeliums waren diesmal für mich: „in der Erde versteckt.“ - Diese Situation konnte ich mir sehr gut vorstellen. Dem in der Erde Verstecken haben wir heute viele archäologische Funde zu verdanken. Gerade in Notzeiten und Kriegen haben Menschen aller Epochen Geld, Schmuck, Schriftstücke und was ihnen sonst wichtig war in Erdlöchern, Höhlen oder eigens ausgeschaufelten Verstecken in Sicherheit gebracht. Das Motiv jedoch, weshalb der dritte Knecht das ihm anvertraute Talent vergrub, scheint mir verglichen mit dem vorher genannten eher seltsam. „Dürfen habe ich mich nicht getraut.“ würde man bei uns sagen. Es ist eine Verhaltensweise, die wir kennen und vielleicht als „unter den Teppich kehren“ oder „den Mantel des Schweigens über etwas decken“ oder „in der Versenkung verschwinden lassen“ bezeichnen würden. - Natürlich besteht dabei immer die Hoffnung, dass damit das Problem „vom Tisch“ ist. - Doch das ist es in der Regel nicht so. 

 

Auch unsere Kirche hat ein reiches Repertoire an Techniken des Verschwinden Lassens, des Vertuschens und der Verdrängung entwickelt, wenn es um Themen ging und geht, die dem Ansehen und der eignen Vorstellung von Heiligkeit hätten schaden können. Gerade sexuelle Gewalt durch Priester wurde Jahrzehnte lang tabuisiert, den Tätern mehr Schutz gewährt als den Opfern. Oder es sind Themen, die die sorgsam gehüteten Machtstrukturen ins Wanken bringen könnten, man denke nur an das Diskussionsverbot zur Frauenordination durch Johannes Paul II.. Aus den Augen aus dem Sinn.

 

Ganz in dieser kirchlichen Tradition sehe ich das Verhalten von Kardinal Woelki und seiner Berater. Er möchte das Gutachten der Münchener Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu Sexueller Gewalt im Erzbistum Köln in der Versenkung verschwinden lassen. Die Gründe sind ungefähr so stichhaltig wie die des dritten Knechtes, ja es ist eigentlich die gleiche Haltung: Die Aufgabe, sich mit der harten Realität, die das Gutachten vermittelte, auseinanderzusetzen, schien zu groß. Lieber hoffen, dass es eine weniger schlimme Lösung gäbe.

 

Aufgaben, Vermögen, Talente, Chancen: sie haben immer zwei Enden. Das totale Gelingen und das totale Scheitern sind nur die beiden Pole, zwischen denen sich das ganze Feld aufspannt. Das totale Scheitern aber wird am schnellsten so erreicht: indem die Aufgabe nicht angegangen, die Chance gar nicht erst genutzt wird.

 

Auch in Aachen wurde die Bistumsleitung mit der Aufgabe der Aufarbeitung konfrontiert. Dort wurde das Gutachten der gleichen Kanzlei aus München jedoch nicht vergraben. Trotz aller Härten gegenüber Personen, die früher in der Bistumsleitung waren, stellte man sich den Ergebnissen in der Öffentlichkeit. Bischof Dieser  begreift das so: "Mit dieser Aufklärungsarbeit haben wir die Chance, besser zu verstehen, wo die Verantwortlichkeiten lagen, damit Täter hätten gestoppt werden können und warum gerade das nicht geschehen ist". 

 

Hier haben Menschen die Entscheidung getroffen, nicht nur im Verborgenen aus Fehlern zu lernen, sondern zugleich auch offen mit den Fehlern umzugehen, dazu zu stehen und um Vergebung zu bitten. Der Lohn dafür wird ein doppelter sein: Glaubwürdigkeit und die Möglichkeit einer Verbesserung der Prozesse und der Verhaltensweisen, um diese Fehler in Zukunft nicht mehr zu machen.

 

Wir sollten jedoch auf uns selbst auch schauen, nicht nur auf die Fehler, die in unserer Kirche gemacht werden, von Menschen, die auch nur Menschen sind. Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir gefragt sind, aber unter unseren Möglichkeiten bleiben. - Ja, immer geht es nicht, aber immer öfter.

 

Sigrid Grabmeier

 

 

 

Jetzt ist die Zeit!

Astronomische Uhr St. Marien Rostock Foto S.Grabmeier

 

 

Dann wird die Welt Gottes mit der Wirklichkeit in der folgenden Geschichteüber zehn junge Frauen verglichen werden: Sie nahmen ihre Fackeln und gingen hinaus, um dem Bräutigam zu begegnen. Fünf von ihnen waren naiv und fünf schlau. Denn die naiven nahmen ihre Fackeln, aber kein Öl mit sich. Die schlauen jedoch nahmen Öl in den Gefäßen mit ihren Fackeln mit. Als der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht ertönte Geschrei: ´Da ist der Bräutigam. Geht hinaus, um ihm zu begegnen.` Da wachten diese jungen Frauen alle auf und machten ihre Fackeln zurecht. Die naiven sagten zu den schlauen: ›Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Fackeln verlöschen.‹ Die schlauen antworteten: ´Dann wird es bestimmt nicht für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft welches für euch.` Während sie weggingen, um einzukaufen, kam der Bräutigam, und die fertig vorbereiteten gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier, und die Tür wurde geschlossen. Später kamen die übrigen jungen Frauen und sagten: ´Herr, Herr, öffne uns.` Er aber sagte: ´Das sage ich euch: Ich kenne euch nicht.` Seid wach, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde! 

Mt25,1-13 Bibel in gerechter Sprache 

 

Jetzt ist die Zeit!

Mit Verlaub: Das ist schon eine komische „Frohe“ Botschaft. Erst kommt der Bräutigam nicht bei, und als er endlich mitten in Nacht kommt, geben die sogenannten schlauen Mädchen nichts von ihrem Öl ab – wie eigensüchtig und unbarmherzig. Und als dann die naiven endlich vom Einkaufen zurückkommen, sind die Türen schon verschlossen und auf ihre Bitten, sie einzulassen, bekommen sie ein überhebliches „Ich kenne euch nicht!“ zur Antwort. Wie sieht’s denn da aus mit der immer gepredigten Nächstenliebe? Wie sieht’s denn da aus mit der Botschaft, dass Gott sich wie der barmherzige Vater auch dem Verlorenen zuwendet?



Na da schauen wir uns den Text mal näher an. Wenn wir ihn schon auf Anhieb nicht so recht verstehen und nachvollziehen können, dann versuchen wir’s doch mit der Frage, was denn der Kern der Botschaft sein könnte. Die schlauen Mädchen sagen: Nehmen wir lieber noch etwas Öl als Vorrat mit, man weiß ja nie. Die naiven denken: Es wird schon gutgehen. Und so zieht sich die Geschichte hin bis zum Schlusssatz: „Seid wachsam, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde.“



Wenn wir diese Geschichte in unsere Zeit, ganz konkret in unsere Kirche im Jahre 2020 übertragen, dann stellt sich uns die Frage: Wer sind die Schlauen – wer sind die Naiven? Na die Schlauen sind doch wohl die, die die ewigen Wahrheiten, die Offenbarung und die Tradition treu bewahren, die Glaubenstreuen unter den Bischöfen wie unter den Laien, die die Dogmatik und das Kirchenrecht auf ihrer Seite wissen usw. usw. Und damit ist auch klar, wer die Naiven sind, nämlich die, die alles in Frage stellen, die haben doch nichts in der Hand, wenn’s drauf ankommt, kein „Glaubensgut“. 



Das ist die eine Lesart. Müssen wir aber nicht vielmehr fragen: Was haben denn die selbsternannten „Glaubenstreuen“ wirklich in der Hand? Eine „Wahrheit“, die sie sich selbst zurechtgelegt haben, indem sie die befreiende Botschaft vom Reich Gottes, das liebende Werben des Mannes aus Nazaret, das Richtige zu tun, in Gesetze eingezwängt haben? Eine „Offenbarung“, die sie als ihren Besitz verwalten, ohne danach zu fragen, wie die Menschen sie heute verstehen und leben können? Eine „Tradition“, die sie erfunden haben, um ihre Männer-Macht über den Glaubenssinn der Glaubenden zu stellen und die sie nun als „gottgewollt“ verkaufen?



Wer nur krampfhaft festhält, was sich im Lauf der Geschichte der Kirche als Ausdruck des Glaubens dargestellt hat, verfällt einem Für-wahr-halte-Glauben. Und was ist, wenn der abgebrannt ist wie die Fackeln der naiven Mädchen? Was wirklich trägt, ist eine Tradition, die das Feuer hütet, nicht die Asche bewahrt; was wirklich trägt, ist ein Rückgriff auf die Botschaft des Mannes aus Nazaret ohne die dogmatischen Verkrustungen der Jahrhunderte; was wirklich trägt, ist der Glaube als Ur-Vertrauen, dass Gott auf unserer Seite steht und dass wir in seinem Geist für das Hier und Heute handeln. Jetzt ist die Zeit!



Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde. 

Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde.Heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt.

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du gewusst, was hast du Gescheites gelernt?
Seine Frage wird lauten: Was hast du bedacht, wem hast du genützt um meinetwillen?

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du beherrscht, was hast du dir unterworfen?
Seine Frage wird lauten: Wem hast du gedient, wen hast du umarmt, um meinetwillen?

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du gesagt? Was hast du alles versprochen?
Seine Frage wird lauten: Was hast du getan, wen hast du geliebt um meinetwillen?

Magnus Lux

 

 

 

Vergebung - Wort zum Leben

Brot des Lebens

 

 

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.

 

Joh 6,51-58  Einheitsübersetzung

 

 

 

Vergebung - Wort zum Leben

Ich stelle mir gerade vor, einer der beiden Präsidentschaftskandidaten, Trump oder Biden, hätte in seinem Wahlkampf diese Rede gehalten. Wie wäre das wohl bei den Wählern angekommen? „Wenn Ihr mein Fleisch nicht esst und mein Blut nicht trinkt, habt Ihr das Leben nicht in Euch!“ Was für ein starker Tobak ist das denn? Auch damals sagten viele von Jesu Anhängern: „Diese Rede ist hart. Wer kann sie anhören?“ (6,60) und nahmen als Folge Distanz zu Jesus. Darauf erklärte Jesus in 6,63: „Der Geist ist es, der Leben schafft, das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.“ Jesus ging es also nicht im wörtlichen Sinn um Fleisch und Blut, es ging ihm um GOTTES Geist, der Leben schafft und rettet. Diesen Geist nicht aufzunehmen hat tödliche Folgen. Davon ist Jesus zutiefst überzeugt. Und zugleich ist Jesus davon überzeugt, dass er diesen Geist GOTTES in seinem Fleisch und Blut repräsentiert.

 

„Jesus wusste nämlich von Anfang an, wer die sind, die nicht glauben, und wer der ist, der ihn überliefern wird.“ (6,64). Schließlich fragte er die Zwölf (einschließlich Judas also) in 6,67: „Wollt auch ihr weggehen?“ „Herr, zu wem sollen wir weggehen? Du hast Worte ewigen Lebens.“ antwortete Petrus im Namen der Zwölf in 6,68.

 

Was mich erschreckt ist die Tatsache, dass Jesus hier mit scharfer Klinge scheidet: wer seiner Einladung nicht folgt, hat den Tod gewählt. Oha. Ich selber hatte einst im Kloster die Gelübde als Oblate abgelegt. Auch wenn ich das Kloster schon seit langer Zeit wieder verlassen habe, hat dennoch das Versprechen, ein Oblate zu sein, mein Leben weiterhin geprägt. Ich will so leben, dass meine Lebensführung Speise wird, wahres Leben schafft und Hunger stillt, Seelenhunger! Aber ich würde niemals behaupten, dass jemand, der mein Angebot ablehnt in die ewige Verdammnis fährt. Ich wende mich den Menschen zu und diese respektvolle Zuwendung ist Ausdruck der barmherzigen Zuwendung GOTTES.

 

Mein Lebensweg als Oblate führte mich nun dazu, ein Theaterstück als Schauspieler einzustudieren, nämlich ein Solostück der niederländischen Autorin Lot Vekemans. Das Stück dreht sich um den sogenannten Verräter Jesu, Judas! Ich schlüpfe also in die Haut des Judas. Spannend ist, dass Judas hier den Zuschauern als Auferstandener begegnet, als einer, der aus dem Reich der Toten wieder lebendig vor ihnen steht, einer, der isst und trinkt und in dessen Wunden man greifen kann.

 

An einer Stelle in diesem bewegenden Stück fragt sich Judas: „Hat er (Jesus) mir vergeben, oder war seine Barmherzigkeit bei mir erschöpft?“ Um darauf eine Antwort zu geben ist mir das Evangelium von heute sehr hilfreich. Das Evangelium von heute in Kombination mit einer anderen Stelle aus dem Johannesevangelium, nämlich der Stelle am letzten gemeinsamen Abend nach der Fußwaschung, als Jesus tief erschüttert bekannt gab (13,21): „Einer von euch wird mich überliefern.“ Auf die Frage der erschrockenen Zwölf antwortet Jesus: „'Der ist es, dem ich den Bissen eintauchen und geben werde.‘ Darauf tauchte er den Bissen ein und gab ihm Judas.“ Judas aß ihn und verließ den Tisch.

 

Das letzte Abendmahl und seine Bedeutung, wie es von den anderen Evangelisten berichtet wird, findet bei Johannes allein nur in diesem Moment statt, ansonsten berichtet Johannes nur von der Fußwaschung! Deshalb antworte ich Judas: „Ja Judas, Jesus hat Dir vergeben! Seine Barmherzigkeit war bei Dir nicht erschöpft!“

 

Ein gutes Fest Allerseelen wünsche ich aus Essen

Johannes Brinkmann

 

 

 

... die aus der Bedrängnis kommen

Pamuk Santiago Manuin Valera

Die Beschreibung der 12 Stämme, die das Siegel der 4 Engel erhalten, mit dem sie als Gottesknechte geadelt werden —

Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen:

Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. 

Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen.

Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen?

Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.

Offb. 7,4;9;13-; 14b Einheitsübersetzung

 

 

Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn,
wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?

Der reine Hände hat und ein lauteres Herz,
der nicht betrügt und keinen Meineid schwört. 

Er wird Segen empfangen vom Herrn 
und Heil von Gott, seinem Helfer. 

Das sind die Menschen, die nach ihm fragen, 
die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs. 
 

Ps 24,3-6 Einheitsübersetzung 

 

 

Die Bergpredigt: Die Rede von der wahren Gerechtigkeit:


Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Mt 5, 8-10 Einheitsübersetzung 

 

 

... die aus der Bedrängnis kommen

Es geht in diesen Texten um die Menschen reinen Herzens, reiner Hände; um die Friedensstifter, die Nicht-Beirrbaren, um die aufs Reich Gottes Ausgerichteten…, die Nach-Gerechtigkeit-Hungernden- u.-Dürstenden. Da werden nicht Gebote aufgezählt, nicht kleinliche Dogmengehäuse angerichtet. Sondern die Gottes-Frager, die nach SEINEM Antlitz suchen, werden genannt. Die Zielrichtung ist angegeben, allverständlich, ohne theologisch-brokate Verschleierungen. Die Frage nach den Weissgekleideten wird klar beantwortet: Es sind jene, die aus der Bedrängnis kommen.

Für mich sind es die Propheten derer wir zu Allerheiligen u. ALLERSEELEN gedenken. Ich habe mir ein „Haus-Kapellen-Buch“ angelegt über meine Seelen- u. Blutsverwandten Ahnen…

Mit diesem kleinen „Nachschlagwerk meines Lebens“ gedenke ich gleichzeitig der großen prophetischen Gestalten in allen Völkern und allen Religionen, die für Heilung und Aussöhnung arbeiten; die oft Gefängnisstrafen u. Folter erduldeten und erdulden als Konsequenz ihres Mutes und offenen LEBENSEINSATZES FÜR DAS LICHT.

Ich denke an und bete für solche  Menschen in unserem Land.

Mit dankbaren Herzen bete ich auch für meine Familie und die mir  lieben Menschen. -- Gottes Segen und unsere gegenseitige Segnung kann uns eins machen und die Versöhnung untereinander, mit Gott und unserer Vergangenheit wirkkräftig und heilend für Leib u. SEELE initiieren.…Verstorbene, wie unsere Ahnen, die auf den Fluchtwegen dieser Welt  im ersten und zweiten Weltkrieg ihr Leben beendeten, kann ich mit ihren jeweiligen Talentgaben mit einschließen..

Und ich will sprechen von „sogenannten Toten“, weil ich fest annehme, dass sie nicht wirklich tot sind, sondern in ihrer jetzigen Daseinsweise ein erfüllteres Leben leben als je zuvor…aufgrund des Geheimnisses der Auferstehung Jesu.

Ich erinnere dabei auch die indigene Weisheit:

UNSERE AHNEN SIND NICHT TOT, 
SIE SIND EINE LEBENDIGE KRAFT IN UNS. 
WIR SIND TEIL VON IHNEN -
SIND MIT IHNEN AUFS INNIGSTE VERBUNDEN. 

Und meine Gedanken gehen zu den Propheten, mit denen ich hautnah in Lateinamerika gelebt u. gearbeitet habe… an denen ich gesehen habe, dass Leben eine Saat ist...; dass es möglich ist, „reines“ Leben einzufädeln in die Welten-Wandlung…

 

Um dieser Menschen-Erfahrung willen, die ihre `Kleider im Blut des Lammes`´ wuschen, die alles gaben, was sie hatten, die durchhielten, die unterwegs zur Selig-Werdung  waren, halte ich es in Kirche aus. - Ich bezeichne diese meine Erfahrung mit solchen Menschen als Gnade.- Nach diesem Maßstab haben wir alle, die wir auf denuniversalenChristus IN der Welt getauft sind, … dieses `weiße Kleid´ anzuziehen. Ohne `Hochzeitsgewand´ werden wir nicht zum gemeinsamen Weltenmahl gelangen…

 

Ja! dazu gehört Einiges. Selig die um DIESER Spur willen, verfolgt werden, selig, die sich nicht irritieren oder verbittern lassen von Einsprüchen wie „THEMENWECHSEL“…sondern Zeugnis von ihrer Hoffnung geben, indem sie berichten von dem was sie gesehen u. gehört haben. —

 

Ein herausfordernder Weg: tastend u. stolpernd. Ein Lebenslabyrinth, das nach Gestaltung ruft, doch auch von Momenten des Jubelns u. Tanzens unterbrochen, in solidarischer Gemeinschaft mit den Bedrängten…-Das ist die lebendige Wahlverwandtschaftsfeier mit Allerseelen u. Allerheiligen; wir alle können daran Anteil haben , gemeinsam mit Gott, der unter den Menschen weilt… (INKARNATION!!)

 

AHNEN-LICHT
Ihr seid nicht aus der Welt..
IHR seid Propheten Innen
in Euch tanzt das Licht
und machtvoll
erklingt uns
Euer Lied
Aus Euch
singt der Traum
vom Sturz aller Täter
vom Aufstand aller Opfer
zur Freundschaft
und Lebenslust!
IHR seid ProphetenInnen
ausgespannt
zwischen Himmel und Erde
in EUREN Händen
liegt Licht und Wahrheit
und ihr erzählt
von Unrecht und Schmerz
und von kommendem Leben
das leise unaufhaltsam
unter uns
Gestalt annimmt.
So werden wir:
Kosmische Gemeinschaft
zwischen Himmel und Erde,
in der Welt
nach: Lisianne Enderli; Cristy.O. leicht geändert )

 

Cristy Orzechowski

 

Bild: Santiago Manuin Valera war ein peruanischer Menschenrechtsaktivist und indigener Führer. Er wurde in der Provinz Condorcanqui in Peru geboren. Er war ein Schlüsselführer der Aguaruna in Peru. Er war Präsident des Komitees für den Kampf um Respekt für die indigenen Völker derCondorcanqui. 

Er überlebte das Massaker von Bagua 2009, als  Angehörige indigener Bevölkerungsgruppen in der Region um Bagua begannen mit Straßensperren auf Überlandstraßen gegen Gas- und Ölförderprojekte zu protestieren, die ihren Lebensraum zerstörten. Präsident Alan Garcia ließ ihren Aufstand durch die Polizei niederschlagen.  35 Menschen kamen ums Leben, darunter zwölf Polizisten. Über 150 Personen wurden verletzt. Kurz nach dem Vorfall kippte der peruanische Kongress das umstrittene Gesetz, welches Enteignungen ohne Anhörung der Stämme zugelassen hätte. 

Er starb am 1. Juli 2020 an Covid 19

 

Weitere Informationen in englisch und spanisch

https://thegreeninterview.com/interview/manuin-santiago/

https://www.servindi.org/actualidad-cronica/03/07/2020/pamuk-santiago-manuin-el-camino-de-un-servidor-extraordinario

 

 

Die Liebe in den Zeiten von Corona 

Zeichen der Zeit

An diesem Tag kamen Leute aus der sadduzäischen Gruppe, die überzeugt sind, dass es keine Auferstehung der Toten gibt. Sie befragten ihn und sagten: „Lehrer, Mose sagte: Wenn ein Mann kinderlos stirbt, soll sein Bruder mit seiner Witwe eine Schwagerehe eingehen und seinem Bruder Nachkommen erwecken. Es waren bei uns sieben Brüder. Der erste heiratete und starb, und da er keine Nachkommen hatte, hinterließer seine Frau seinem Bruder. Ebenso der zweite und der dritte bis zum siebten. Als letzte von allen starb die Frau. Wessen Frau, von den Sieben, wird sie nun bei der Auferstehung sein? Denn sie alle haben sie gehabt.“ Jesus antwortete ihnen: „Ihr irrt euch und kennt weder die Schrift noch Gottes Macht. Denn bei der Auferstehung heiraten sie nicht und werden nicht geheiratet, sondern sie sind wie die Engel im Himmel. Was die Auferstehung der Toten betrifft: Habt ihr nicht gelesen, was von der Gottheit gesagt worden ist, die spricht: Ich bin Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs. Es ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“ Als die Menschen das hörten, waren sie von seiner Lehre beeindruckt.

 

Als einige der pharisäischen Männer und Frauen hörten, dass er die sadduzäischen Leute zum Schweigen gebracht hatte, versammelten sie sich; und einer von ihnen, ein Toragelehrter, befragte ihn, um ihn auf die Probe zu stellen: „Lehrer, welches Gebot in der Tora ist das größte?“ Er sagte zu ihm: „Du sollst ADONAJ, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit deinem ganzen Leben und mit deinem ganzen Verstand lieben. Dies ist das große und erste Gebot. Und das zweite ist ihm gleich: Du sollst deine Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt die ganze Tora und die Prophetie.“

Mat 22, 23-40 Bibel in gerechter Sprache 

 

Die Liebe in den Zeiten von Corona 

 

Die Perikope im Matthäus -Evangelium ist wohl die Quintessenz der Botschaft Jesu und das „Grundgesetz“ des von ihm angestrebten „Reiches Gottes“. So allgemeingültig es ist für ein gelingendes Leben, so muß doch jede Zeit, jeder Mensch sich neu zu dieser Forderung verhalten. Die Zeit, die wir im Moment im Zeichen von Corona erleben, stellt uns vor ganz neue, noch nie erlebte Herausforderungen. Was bedeutet dieses Liebesgebot jetzt und hier? 

 

Als im März dieses unbekannte Virus Deutschland erreichte, war die Solidarität untereinander beeindruckend und weckte große Hoffnungen: Sollten die Menschen endlich entdecken, worauf es ankommt? Auch die Politik überraschte: plötzlich stand nicht mehr die Wirtschaft an erster Stelle, sondern der Schutz des menschlichen Lebens, unsere Gesundheit. Die Anordnungen wurden befolgt mit dem Ergebnis, dass im Gegensatz zu vielen anderen Ländern unser Staat die Kontrolle behielt. 

 

„Nächstenliebe“ stellt diemal ganz neue Forderungen: Unbequemlichkeiten und Vorsichtsmaßnahmen in Kauf zu nehmen, um Menschen, denen wir im Alltag begegnen, nicht zu gefährden. Wir müssen auf Vieles verzichten, was unser Leben bereichert hat, besonders auch auf Berührungen, Umarmungen, auf Nähe überhaupt. Das bedeutet hohe Anforderungen an unsere „Nächstenliebe“, zumal wir keinen Dank, kein freudiges Lächeln, keine Erfolge zu erwarten haben und unsere „Opfer“ auch denen zugute kommen, die aus Protest keine Masken tragen und gegen die notwendigen Maßnahmen auf die Straße gehen. Vielleicht muß unsere Nächstenliebe so weit gehen, dass wir ihre Angst und ihren Frust akzeptieren, so schwer es uns fällt. Aber es gibt ja auch die vielen Anderen. die mit viel Kreativität und Mühe versucht haben,  Menschen zu pflegen, zu betreuen, ihre Situation zu erleichtern, ihnen Freude und Lebensmut zu machen. Dieser „Menschendienst“ ist „Gottesdienst“, wie es Jesus in den Abschiedsreden erklärt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

 

Und wie ist es mit dem „lieben wie dich selbst“? Woher nehmen wir die Kraft in dieser Zeit, solidarisch zu sein? Ich denke, wir sollten diese schwierige Zeit nicht nur als beängstigend, einschränkend und „freiheitsberaubend“ sehen. Kann es nicht auch eine Zeit der Chance für Umkehr, Besinnung und Entschleunigung sein? Ergibt sich  daraus nicht auch die Erkenntnis, worauf es wirklich ankommt, was wichtig in unserem Leben ist, was wir eigentlich nicht brauchen, wozu wie endlich einmal Zeit finden, dass wir als Menschen nicht „alles“ machen können, auch dass manche Dinge nicht für Geld zu haben sind und der Markt nicht alles regeln kann - und dass  in dieser Corona-Herrschaft alle Völker, alle Kontinente in einem Boot sitzen?

 

Die Welt könnte aus diesen Erkenntnissen lernen, dass Solidarität und Mitmenschlichkeit - also die Nächstenliebe - unverzichtbar für das Überleben der Menschheit sind. Schaffen wir das ? 

Bleiben Sie gesund und behütet!

Eva- Maria Kiklas

 

 

 

Bild: Zeichen der Zeit

Wahrhaftig den Weg Gottes gehen

Münzen und Scheine © Tobias Grimbacher

 

 

In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? 

Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denár hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

Mt 22, 15-21 Einheitsübersetzung

 

 

Wahrhaftig den Weg Gottes gehen

Vielleicht lohnt es sich zuerst, unser Geld genauer anzuschauen. Die Euro-Scheine zeigen Europa (und zwar den ganzen Kontinent, nicht nur den Gültigkeitsbereich des Geldes), dazu Brücken und Torbögen aus verschiedenen Epochen. Unser Geld will europaweit Gegensätze überbrücken. Die Schweizer Franken-Scheine zeigen unter anderem Hände in verschiedenen Positionen. Unser Geld geht von Hand zu Hand. Auf den Münzen finden wir Pflanzen, Tiere, Gebäude und Nationalsymbole – nirgends mehr den Kaiser. Unser Geld sagt uns: Wir sind keine demütigen Untertanen, denen ein Kaiser Steuern abpresst. Als souveräne Bürgerinnen und Bürger achten wir darauf, ob die von uns gewählten Parlamente unsere Steuern sorgsam einsetzen, gegebenenfalls können wir andere Abgeordnete wählen oder selbst kandidieren.

Hat sich das Evangelium von heute also überholt? Vielleicht beim Geld - aber auch uns werden Fallen gestellt, wie Jesus. Die „Pharisäer und Anhänger des Herodes“ sind im Moment Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, erzkonservative Christen und auch ein paar ganz normale Leute. Der Kaiser heisst dieses Jahr Corona.

Im Weihnachtslied „zu Betlehem geboren“ singen wir „mein Herz will ich IHM schenken / und alles was ich hab“. Dieses Jahr wird es uns wohl vielerorts von einem Sänger oder einer Kantorin vorgesungen. Gut möglich, dass nach den Weihnachtsmärkten auch die Weihnachtsgottesdienste verboten oder extremst reglementiert werden. Was heisst es da, Gott alles schenken zu wollen und „wahrhaftig den Weg Gottes“ zu beschreiten, den Jesus gelehrt hat?

Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass die Regierungen Mitteleuropas im großen und ganzen massvoll und wissenschaftsbasiert auf das Virus reagiert haben und weiter reagieren werden (bei aller berechtigter Kritik und den nicht immer nachvollziehbaren föderalen Unterschieden). Als Kirchen haben wir im Lockdown und danach auch nicht alles richtig gemacht und manche Chance verpasst. Aber viele Seelsorgende haben sich engagiert und mutig eingesetzt, den Kontakt gerade zu älteren Menschen telefonisch aufrechterhalten, Hotlines und Apps eingerichtet, sehr darum gekämpft, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen weiterhin präsent sein zu dürfen, und vieles mehr. Der „Weg Gottes“, der ja immer ein Weg von Mensch zu Mensch ist, er kann in der Krise oft nur als Trampelpfad oder schmales Strässchen genutzt werden, und nicht als die gewohnte breite Allee. Aber er wurde immer begangen.

Als souveräne Bürgerinnen und Bürger befolgen wir die Corona-Massnahmen, mit gebührendem Respekt vor unseren Regierungen, vor unseren Mitmenschen und vor allem vor dem Virus. Als Christinnen und Christen können wir trotzdem unser Herz und alles, was wir haben, Gott schenken. Wir dürfen da sein, wo die soziale oder seelische Not besonders gross ist. Wir müssen lautstark protestieren, wenn die Verhältnisse durch Corona (und eigentlich überhaupt) unmenschlich werden. Als Gemeinden sollen wir aber auch die ganz normale Gemeinschaft so gut es geht aufrecht erhalten und nach coronakonformen Möglichkeiten der Begegnung – des miteinander Feierns, nicht nur von Gottesdiensten – suchen. Wo wir dieses Miteinander aufgeben, geben wir nur noch dem „Kaiser“. Wo wir das Miteinander, wo wir uns als Kirche immer wieder neu erfinden, geben wir Gott!

Ich wünsche allen eine gesunde und massvolle, vor allem aber lebensfrohe neue Woche.

Tobias Grimbacher

 Bild: Münzen und Scheine © Tobias Grimbacher

 

 

 

 

Eingeladen. Alle. Ganz besonders Du!

Hochzeitstafel in St.Peter/ Niederösterreich ©Andreas Huber

In jener Zeit erzählte Jesus den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen. Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Siehe, mein Mahl ist fertig, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden, wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen. Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren nicht würdig. Geht also an die Kreuzungen der Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein! Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen. Als der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Menschen, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: Freund, wie bist du hier ohne Hochzeitsgewand hereingekommen? Der aber blieb stumm. Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. Denn viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.

Mt 22,1-14 Einheitsübersetzung,

 

Eingeladen. Alle. Ganz besonders Du!

Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus! Zumindest nachdenklich muss uns diese frohe Botschaft machen. Äußerst nachdrücklich und ernst schildert Jesus in diesem Gleichnis, dass es absolut kein leichtes Spiel ist, ins Himmelreich zu gelangen. Begreifen wir eigentlich, dass tatsächlich wir ALLE eingeladen sind und wie reagieren wir auf diese Einladung? Wir finden immer wieder „triftige“ Gründe für eine Absage. Wie leicht ist es, sich vor sich selber und den anderen zu entschuldigen, dass man – leider Gottes – doch machtlos ist zu dem was rund um uns geschieht! Welchen Einfluss hat man denn auf die Entscheidungen der Politik, der Gesellschaft und nicht zuletzt der Kirche?

 

Als ich über „Die Instruktion zur pastoralen Umkehr der Pfarreien“ las, berührte sie mich eigentlich nicht besonders, sie ist derartig fern der Realität, denn man könnte sie nicht einmal befolgen, wirkt richtig lächerlich. Äußerst unangebracht und sogar kränkend empfinde ich aber die Formulierung. Wobei sollen wir Laien, die wir uns seit vielen Jahren in unseren Pfarren engagieren, instruiert, also belehrt werden? Und warum sollen wir umkehren? Sind wir etwa auf dem falschen Weg? Apropos Laien – in den einzelnen Bereichen sind wir Experten und Expertinnen! Was für ein Schatz! Was uns verbindet ist im Letzten das Anliegen, zum Evangelium, zum Vermächtnis Jesu zu stehen und es lebendig weiterzugeben. Wir sind auf einem guten Weg, davon bin ich überzeugt. Wir brauchen keine Instruktion mit Auftrag zur Umkehr, sondern Wertschätzung, Zuversicht und Ermutigung!

 

Wir ALLE sind Eingeladene, Böse und Gute! Unglaublich. Außerdem und umgekehrt: „Wir sind Kirche“ – ja, da stimmen wir sehr gern zu. Aber wie einladend sind wir als Kirche? Es genügt nicht, sich gegen die „Institution Kirche“ aufzulehnen. Was zählt ist Kirche sein vor Ort, da wo wir daheim sind.

Die Begrüßungskarte der Pfarre Krumpendorf am Wörthersee hat mich beeindruckt und macht so deutlich, was mit „Einladung“ gemeint ist – ein kleiner Auszug:

 

Wir heißen euch ALLE herzlich willkommen!

Alle Singles, Verheirateten, Geschiedenen, Hetero- und Homosexuellen, Stinkreichen, Bettelarmen und „those, who don´t speak German“.

Herzlich willkommen ihr alle, die ihr über 60 und trotzdem Kinder Gottes geblieben seid, und ihr Jugendlichen, die ihr wie Erwachsene behandelt werden wollt.

Du bist hier willkommen, wenn du Piercings hast oder Tätowierungen oder grün gefärbte Haare.

Bei uns bist du willkommen, wenn du Probleme hast, wenn du völlig am Boden bist oder wenn du keine Religion magst, die Regeln und Dogmen vorschreibt.

Wir heißen alle willkommen: Menschen mit gebrochenem Herzen, Touristen, Flüchtlinge, Suchende, Zweifler oder auch Mitglieder anderer Religionen … und ganz besonders dich!

 

Barbara Dominguez

 

Bildnachweis: Hochzeitstafel in St.Peter/ Niederösterreich ©Andreas Huber 

 

 

 

 

Die Welt braucht Lieder

Nina Simone, Konzert in Morlaix,Bretagne, Mai 1982. Foto: ©Roland Godefroy

Ich will singen von meinem Freund, 
das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg. 
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. 
Er grub ihn um und entfernte die Steine 
und bepflanzte ihn mit edlen Reben. 
Er baute in seiner Mitte einen Turm 
und hieb zudem eine Kelter in ihm aus. 
 
Dann hoffte er, dass der Weinberg Trauben brächte, 
doch er brachte nur faule Beeren. 
Und nun, Bewohner Jerusalems und Männer von Juda, 
richtet zwischen mir und meinem Weinberg! 
Was hätte es für meinen Weinberg noch zu tun gegeben, 
das ich ihm nicht getan hätte? 
Warum hoffte ich, dass er Trauben brächte? 
Und er brachte nur faule Beeren! 

 

Jetzt aber will ich euch kundtun, 
was ich mit meinem Weinberg mache: 
seine Hecke entfernen, sodass er abgeweidet wird; 
einreißen seine Mauer, sodass er zertrampelt wird. 
Zu Ödland will ich ihn machen. 
Nicht werde er beschnitten, nicht behackt, 
sodass Dornen und Disteln hochkommen. 
Und den Wolken gebiete ich, 
keinen Regen auf ihn fallen zu lassen. 
 
Denn der Weinberg des HERRN der Heerscharen ist das Haus Israel 
und die Männer von Juda sind die Pflanzung seiner Lust. 
Er hoffte auf Rechtsspruch - doch siehe da: Rechtsbruch, 
auf Rechtsverleih - doch siehe da: Hilfegeschrei.

Jes 5,1-7 Einheitsübersetzung

Die Welt braucht Lieder

„Ich will singen von meinem Freund, das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg.“

 

Ein Liebeslied und auch ein Liebeskummerlied! Ein Klagelied auch und auch ein Anklagelied! Und am Ende wird es zu einem Gerichtslied, ja zum Strafgerichtslied!

Wieso stimmt Jesaja das als Lied an? Wieso nur?

 

Ich selber arbeite als Therapeut für Senioren in einem großen Seniorenzentrum in Essen. Darunter sind viele hochdemente Bewohnerinnen und Bewohner. Mit vielen von ihnen kann ich ein vernünftiges Gespräch kaum noch führen. Doch mit Liedern erreiche ich sie alle.

Ich sage immer: Das Gehirn mag dement werden, das Herz nicht! Alles was uns Menschen im Leben zu Herzen gegangen ist, ist selbst bei stärkster Demenz noch abrufbar. Lieder tragen die Botschaft ihrer Texte ins Herz hinein.

Geht das Lied Jesajas dem Volk zu Herzen? Dann ist auch die Hoffnung nicht verloren? Dann hat sie einen Grund für alle Zeit.

Die Welt braucht Lieder!

 

Und so möchte ich an diesem Sonntag zur Inspiration den Kehrvers eines Liedes von Julia Engelmann anstimmen. Das Lied heißt „Das Lied": 

 

„Es geht nicht darum wen,
sondern darum dass du liebst.
Es geht nicht um wieviel,
sondern darum dass du gibst.
Es geht nicht um Gewinn,
sondern darum dass du kämpfst.
Es geht nicht um das Lied,
sondern darum dass du denkst.“
 

Ich wünsche einen gesegneten Sonntag in die ganze Runde

Johannes Brinkmann / Essen

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Schau mal wieder ins Net:

www.johannesbrinkmann.de

Bildnachweis:

Nina Simone, Konzert in Morlaix,Bretagne, Mai 1982. Foto: ©Roland Godefroy

 

 

 

 

 

Ehrenwerte Gesellschaft

Stephan Voigtländer: Der verlorene Sohn, Figurengruppe in Warn an der Müritz Foto Sigrid Grabmeier

„Wie denkt ihr über folgenden Fall? Ein Mann hatte zwei Kinder. Er kam zum ersten und sagte: `Mein Kind, geh' heute und arbeite im Weinberg.´ Der Junge antwortete: `Ich will nicht.´ Später tat es ihm leid und er ging. Der Vater kam zum zweiten und sprach genauso. Dieser Junge antwortete: `Ja, Herr´, aber er ging nicht.Wer von beiden hat den Willen des Vaters getan?“ Sie antworteten: „Das erste Kind.“ Jesus sagt zu ihnen: „Wahrhaftig ich sage euch mit allem Ernst: Die Zöllner und die Prostituierten werden vor euch in Gottes Welt gelangen. Johannes kam zu euch mit der Praxis der Gerechtigkeit, und ihr habt ihm nicht geglaubt. Die Zöllner und die Prostituierten haben ihm geglaubt. Und ihr – obwohl ihr das gesehen habt – seid doch nicht umgekehrt, um ihm endlich doch zu glauben.“

MT 21, 28-32 Bibel in gerechter Sprache

 

Ehrenwerte Gesellschaft

 

Was ist denn das für ein Evangelium! Das soll „Frohe Botschaft“ sein? Die Zöllner, damals die öffentlichen Sünder, weil sie für die römische Besatzungsmacht arbeiteten und die eigenen Leute betrogen haben, die sollen den Vorrang haben vor den Gottesfürchtigen und den Frommen? Die Prostituierten noch dazu? Ja wo sind wir denn hingeraten! Auch die Frommen unserer Tage sehen in den Prostituierten vielfach den Abschaum – die Männer, die zu den Prostituierten gehen, gehören natürlich nicht dazu, es sind halt Männer mit ihren männlichen Bedürfnissen. Bei den öffentlichen Sündern sind wir uns da nicht so einig. Ob’s die überhaupt noch gibt? Na ja, die Mafia vielleicht, hat man so gehört. Aber bei uns??? 



Ertappt! Die Selbstgerechtigkeit treibt fröhliche Urständ. Nein nein, wir sind okay. Uns kann man da nichts vorhalten. Wenn Gott ruft, dann sind wir zur Stelle. Na ja, vielleicht nicht sofort, aber dann schon, wir sind doch Christen – na ja, Christinnen nehmen wir, wenn’s sein muss, auch dazu; aber eigentlich sind die ja immer „mitgemeint“. Wir tun, was in unserer Macht steht.



Halt, jetzt wird’s zu kompliziert! Also worum geht’s? Das Kind soll im Weinberg arbeiten. „Weinberg“ ist ein Bild dafür, dass ein Mensch sich für das „Reich Gottes“ einsetzt, also das tut, was richtig und zum Heil der Menschen ist – „Heil“? Also vielleicht so: Was den Menschen dient, wirklich Mensch sein zu können. Und jetzt kommt’s: Das Kind sagt ja, tut aber nichts! Da fällt mir die derzeitige Politik ein: Ja natürlich sind wir das christliche Abendland und stolz auf unsere christliche Tradition. Und wir wollen das Christ-Sein auch hochhalten. – Freilich Flüchtlinge aufnehmen, das geht überhaupt nicht. Und da fällt mir unsere Kirche ein: Ja selbstverständlich ist Jesus mit den Frauen anders umgegangen als seine jüdischen Zeitgenossen, und das halten wir hoch! Bei uns ist es selbstverständlich, dass Frauen die gleiche Würde haben wie die Männer. – Freilich die gleichen Rechte können sie nicht beanspruchen, den Satz „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, als Mann und Frau schuf er sie“ hin oder her!



Und da sind wir beim anderen Kind. Das sagt erst mal nein. Und dann tut es doch das Richtige. Da fallen mir die vielen Menschen ein, die vielleicht mit der Kirche nichts mehr am Hut haben wollen, also nach unserer Vorstellung nein zu Gott sagen, aber die sich einsetzen für die Menschen in ihrer Umgebung, für die Menschen, gerade jetzt in der Krise; die sich einsetzen für die Notleidenden weltweit; die nicht Rast und Ruh geben, die Solidarität mit allen Menschen einzufordern und die sich für die Erhaltung der Schöpfung einsetzen, auch wenn sie es nicht so nennen.



Wer also hat den „Willen des Vaters“ getan? Der Fromme, der auf seinen Glauben nichts kommen lässt, der aber nur darum kreist und ihn nicht in dieser unserer Welt wirksam werden lässt – oder der, der einfach tut, was die Menschen brauchen? Wie wäre es, wenn wir uns als die Frommen, aber Untätigen auf die Seite des Kindes schlagen würden, das letztlich das Richtige tut? Dann würden wir die nicht mehr geringschätzen, die nicht so auf der kirchlichen Linie abfahren.

Magnus Lux

Bild: Stephan Voigtländer: Der verlorene Sohn, Figurengruppe in Waren an der Müritz, Foto Sigrid Grabmeier

 

 

 

 

Ich mache mein Gericht gleich einem Reigentanz

Weinberg - Foto Regina Grotefend-Müller

Jesus fuhr fort: »Das Himmelreich gleicht einem Grundbesitzer: Er zog früh am Morgen los, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Lohn von einem Silberstück für den Tag. Dann schickte er sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder los. Da sah er noch andere Männer, die ohne Arbeit waren und auf dem Marktplatz herumstanden . Er sagte zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen. Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.‹ Die Männer gingen hin. Später, um die sechste Stunde, und dann nochmal um die neunte Stunde machte der Mann noch einmal das Gleiche.

Als er um die elfte Stunde noch einmal losging, traf er wieder einige Männer, die dort herumstanden. Er fragte sie: ›Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹ Sie antworteten ihm: ›Weil uns niemand eingestellt hat!‹ Da sagte er zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen!‹

Am Abend sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: › Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Also kamen zuerst die Arbeiter, die um die elfte Stunde angefangen hatten. Sie erhielten ein Silberstück. Zuletzt kamen die an die Reihe, die als Erste angefangen hatten. Sie dachten: ›Bestimmt werden wir mehr bekommen!‹ Doch auch sie erhielten jeder ein Silberstück. Als sie ihren Lohn bekommen hatten, schimpften sie über den Grundbesitzer. Sie sagten: ›Die da, die als Letzte gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet. Aber du hast sie genauso behandelt wie uns. Dabei haben wir den ganzen Tag in der Hitze geschuftet!‹ Da sagte der Grundbesitzer zu einem von ihnen: ›Guter Mann, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf ein Silberstück als Lohn geeinigt? Nimm also das, was dir zusteht, und geh! Ich will dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so großzügig bin?‹ So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«

 

Mt 20, 1-16a (Basis Bibel)

Ich mache mein Gericht gleich einem Reigentanz, spricht Gott:
die Letzten sind nicht hinten und die Ersten nicht voraus

Ist das nicht verstörend, irritierend, unfair und fragwürdig, was uns das Matthäusevangelium des heutigen Sonntags vorstellt ? Unvoreingenommen und neutral gehört oder gelesen können wir bei dieser Erzählung, diesem jesuanischen Gleichnis, dieser Szene am Marktplatz eines unbekannten Ortes zur Zeit Jesu kaum bleiben, hören wir doch schon fast automatisch als moderne, aufgeklärte, politisch denkende und fühlende Menschen des 21.Jahrhunderts eine merkwürdige, höchst fragwürdige „Tarifpolitik Gottes“ heraus.

Der Weinbergbesitzer, der Winzer, also der „Arbeitgeber“ stellt für die harte Arbeit in seinem Weinberg an fünf unterschiedlichen Tageszeitpunkten zu gleichem Lohn Männer für die Arbeit bei sich ein. Heutige Menschen, ob nun gewerkschaftlich organisiert oder nicht, erwarten jedoch Löhne und Gehälter nach gerechten Tarifen. Uns wird doch in unserer Gesellschaft permanent vermittelt : gutes Leben wird belohnt, schlechtes Leben wird bestraft; Leistung muss sich lohnen und wird belohnt ! Wo kämen wir denn hin, wenn die Ersten, die Leistungsträger, die Angepaßten, die Fleißigen, die Guten, die Ehrgeizigen sogar im Reich Gottes tatsächlich Letzte sein sollen ?! Was sind denn das für abstruse Maßstäbe und Vorstellungen ?

Wenn wir uns dazu noch vorstellen, daß irgendwo wichtige politische Wahlen anstehen, dann könnte sich die Interpretation dieses von Jesus bewußt gewählten Gleichnisses schnell, fast unbemerkt, in eine ganz bestimmte Richtung entwickeln: Politiker aller Couleur werden nämlich nicht müde, auch und gerade Minderheiten in unserer Gesellschaft anzusprechen, vor allem dann, wenn sie sich wertvolle Wählerstimmen von diesen für sich erhoffen. Da kommt es oft auf Zehntelprozente an. Dieses Wählerklientel ist oft Motiv für Politiker-Interessen, für Versprechen und Hoffnungsszenarien, die sich nach den Wahlen genausooft als platzende Seifenblasen entpuppen können.

Aber: Jesus war kein Politiker ! Die Gesellschaft der Antike, in der Jesus lebte, hatte kein Gespür für und kein Interesse an Randgruppen und Minderheiten. Wer in diesen Gruppen lebte, war aus der Gesellschaft ausgeschlossen, er war letztlich selbst Schuld an seinem Status! Jesus aber sorgte sich ganz gezielt um Menschen, die am Rand des Existenzminimums lebten. Er sorgte sich um jene, deren Kampf ums tägliche Überleben existentiell war.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg steht für Gottes Liebe zu uns Menschen !

Ich mache mein Gericht gleich einem Reigentanz: die Letzten sind nicht hinten und die Ersten nicht voraus“, so wird Gott in einer jüdischen Vorlage aus der damaligen Zeit Jesu beschrieben. Vor Gott zählen Standesunterschiede nichts, auch und gerade nicht eine vermenschlichte Gerechtigkeitsvorstellung, wie im Gleichnis beschrieben. Nein! Alle, die im göttlichen Reigentanz teilnehmen, hören die gleichen Töne, vernehmen die gleiche Melodie. Für alle ist es gleich wichtig, sich in dem Rhythmus und in die Melodie hineinfallen zu lassen. Das Gleichnis macht deutlich, dass Jesus von einem Gott spricht, der sich eben nicht auf eine menschliche Konstruktion und eingeengte Sichtweise zwingen oder hineinpressen läßt. Er läßt sich nicht berechnen. Gottes Freiheit bedeutet, wie im Reigentanz, eine Gleichwertigkeit der Menschen, keine Rangordnung. Das Kommen des Reiches Gottes ist dann ein freier, be- freiter und be- freiender Zustand, dem wir auf Erden nicht nahekommen. Dennoch ist es not-wendig, unsere Maßstäbe und Statusvorstellungen-und Erwartungen , die so oft zementiert und unverrückbar erscheinen, besonders auch in unserer Kirche, zu überdenken und grundlegend zu ändern, um zu guten und zukunftsfähigen, zukunfts-tragenden Lösungen zu kommen.

Folgende Gendanken einer Freundin können zum Weiterdenken anregen:

 

Ge- Recht

Gerechtigkeit
Recht haben
Recht durchsetzen
Recht behalten
 
Worauf habe ich Recht?
Wofür setze ich mich ein?
Für mein Recht,
aber auch 
für das Recht
von anderen,
von Randgruppen,
von Menschen,
die nicht für sich 
sorgen können
 
Ich kann mich einbringen
zum Wohl der Gemeinschaft,
lerne dabei
mir immer mehr
zu vertrauen
 
die Lösung
ist schon in mir
wenn ich den Menschen
im Blick behalte,
das ist meine Leidenschaft,
das war die Leidenschaft Jesu.
 
( Ulrike Biesenbach)
 

 

Regina Grotefend-Müller

Bild: Weinberg; Regina Grotefend Müller

Vom Ende her denken

Frei Betto in Xapuri im Naturschutzgebiet Seringal Cachoeira

Groll und heftiger Zorn:
beides ist verabscheuenswürdig;
Menschen mit schwachem Charakter halten an ihnen fest.

Menschen, die sich an anderen rächen, 
werden die Rache der EWIGEN erfahren, 
und ihre Verfehlungen wird sie fest im Gedächtnis bewahren. 
Vergib deinen Mitmenschen Unrecht,
dann wirst auch du, wenn du darum bittest, 
von deinen Verfehlungen freigesprochen. 
Es gibt Menschen, die halten am Zorn anderen gegenüber fest:

 

Und dann suchen sie bei der EWIGEN Heilung? 
Mit Menschen, die ihnen doch gleich sind, 
haben sie kein Erbarmen:
Und dann bitten sie für ihre eigenen Verfehlungen? 
Sie selbst, die ja vergänglich sind, 
lassen vom Zorn nicht ab: 
Wer wird dann Versöhnung schaffen für ihre eigenen Verfehlungen? 
 
Denke an das Ende und lass ab vom Hass,
denke an Verwesung und Tod 
und bleibe den Geboten treu. 
Denke an die Gebote und trage den Mitmenschen nichts nach,
erinnere dich an den Bund mit der Höchsten und sieh über einen Fehltritt hinweg.

Sir 27, 30 – 28, 7 Bibel in gerechter Sprache

 

Vom Ende her denken

Das heutige Evangelium scheint gleichsam eine Ausführung für Jesu Publikum für diese Passage aus Jesus Sirach zu sein. Bei Mt 18 geht es um die Frage des Petrus, wie oft er denn vergeben müsse, siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Es folgt das Gleichnis vom Knecht, dem der König seine hohen Schulden erlässt. Er selbst aber zeigt sich ungnädig gegenüber einem anderen, der ihm eine verhältnismäßig geringe Summe schuldet. Die Strafe folgt auf den Fuß.

 

Ich will gar nicht zu sehr auf die Texte selbst eingehen, sie erzählen selbst deutlich genug um was es geht. Mir sind vielmehr diese Worte ins Auge gestochen. „Denke an das Ende“. Ganz sicher ist tatsächlich gemeint der Tod, das ergibt sich aus den folgenden Zeilen. Mir aber drängte sich die Formulierung: „Denke vom Ende her“ auf. Das ist ein Rat, den wir uns nicht oft genug zu Herzen nehmen können. Das gilt gleichermaßen für Äußerungen oder Handlungen, zu denen wir uns hinreißen lassen, sei es in Wut oder Euphorie. Noch mehr aber doch für unser oft kritikloses Verhalten gegenüber Erfindungen und Neuerungen, insbesondere solchen, die uns das Leben scheinbar einfacher machen. Da kann man an Plastikverpackungen denken, genauso gut wie an Lebensmittel oder Rohstoffe aus Südamerika, Afrika, aus den Ozeanen oder sonst woher. An die Ausbeutung von Kontinenten, an die Vernichtung Lebensgrundlagen, an Flüchtlinge, die in viel zu kleinen Lagern unter schlimmsten hygienischen Bedingungen zusammen gepfercht leben. Vom Ende her denken, das geht jeden und jede einzelne von uns an, aber auch Politiker oder Wirtschaftsunternehmen.

 

Einer, der sicher nicht vom Ende her denkt und womöglich auch nicht ans Ende, ist für mich Bolsonaro. Der brasilianische Befreiungstheologe und Dominikaner Frei Betto (Bruder Betto) hat ein Schreiben veröffentlich und um dessen Verbreitung gebeten,  in dem er den Tod von Tausenden und Abertausenden von Menschen, sei es durch Nachlässigkeit und/oder durch vorsätzliche Unterlassung durch die Bolsonaro-Regierung, als Völkermord bezeichnet. Ich komme der Bitte um Verbreitung gerne nach.  

BRIEF AN DIE FREUNDE UND FREUNDINNEN IM AUSLAND In Brasilien findet ein Völkermord statt

 

Sigrid Grabmeier

 

 Bildnachweis:

Frei Betto in Xapuri im Naturschutzgebiet Seringal Cachoeira

 

 

Lösen und Binden

Diamantknoten©David J. Fred

„Wenn dein Bruder oder deine Schwester sich gegen dich verfehlt, geh' hin und kläre den Konflikt zwischen euch unter vier Augen. Wenn du gehört wirst, hast du einen Bruder oder eine Schwester gewonnen. Wenn du nicht gehört wirst, nimm eine oder zwei Personen mit, damit über jeden Konflikt aufgrund der Zeugenaussage von zwei oder drei Personen entschieden werden kann. Wenn ihr nicht gehört werdet, sage es der Gemeindeversammlung. Wenn diese nicht gehört wird, soll dir der Bruder oder die Schwester zur Außenstehenden werden wie die Leute, die betrügerisch Abgaben kassieren, oder die Andersgläubigen. Wahrhaftig, ich sage euch: Alles, was ihr auf der Erde bindet, soll im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf der Erde löst, soll im Himmel gelöst sein. Und ich sage euch auch: Wahrhaftig, wenn zwei von euch sich auf dieser Erde in einer Sache einigen, wird ihnen alles, um das sie gemeinsam bitten, von Gott geschenkt werden, für mich Vater und Mutter im Himmel. Wo zwei oder drei in meinem Namen in Gemeinsamkeit zusammenkommen, bin ich mitten unter ihnen.“

Mt. 18, 15-20 Bibel in gerechter Sprache

 

Lösen und Binden

Diese Textstelle könnte man als „Stellenbeschreibung" für die Jünger - und damit auch für ihre Nachfolger - lesen. Meist wird sie als Einsetzung des Sakramentes der Beichte gedeutet. Aber ich glaube nicht, dass Jesus Sakramente eingesetzt hat, wie er auch keine Kirche gründen wollte. Was aber bedeuten dann diese Worte  von der „Binde-und Lösegewalt", wie die Kirche dann diese Textstelle interpretierte? Schon das Wort „Gewalt" sollte uns stutzig machen. Gewalt haben ja Menschen im Beichtstuhl auch erlebt, geistig und sexuell. Was sollten also die Jünger lösen und binden? Vers 15-17 könnte eine Antwort sein: Wir sollten einander helfen, frei zu werden von Abhängigkeiten, Ängsten, Konflikten, von Schuld. Und Jesus sagte auch, wie das geht: Geh und rede mit deinem Bruder, der sich gegen dich verfehlt hat. Und wenn das nichts nützt. nimm einen „Mediator" mit usw.  Jesus selbst hat dies vorgelebt: Seine Wunder kann man vielleicht auch so deuten, dass er die Menschen von ihren „Dämonen" befreit hat, von Besessenheiten, die sie krank gemacht haben, körperlich und geistig.Die Faszination Jesu bestand wohl darin, dass er ein freier Mensch war. Das kommt besonders in der Erzählung von den Versuchungen des Teufels in der Wüste zum Ausdruck: Weder die Aussicht auf eine Karriere als Zauberkünstler noch als Weltenherrscher können ihn dazu bringen, sich in Abhängigkeit von Satan zu begeben. Und obwohl er das „Gesetz" nicht aufheben will, sondern erfüllen, setzt er sich doch darüber hinweg, wenn es um das Wohl der Menschen geht.

 

Fragen wir als Menschen des 21.Jhd. uns doch mal, was uns gebunden hält, wovon wir abhängig sind, in welche Zwänge wir uns begeben haben, von welchen „Süchten" wir nicht lassen können. Auch unsere Kirchen müssten sich diesen Fragen stellen: an wen oder was fühlen sie sich gebunden: an Macht und Traditionen oder an die Weisung Jesu, das Reich Gottes zu schaffen und Frieden zu stiften? Die Corona-Krise könnte ein Chance  sein, die uns erkennen lässt, was wir alles *nicht* brauchen! Das einzige, was wir brauchen, sind Beziehungen, Bindungen, die uns frei machen im gegenseitigen Geben und Nehmen, im Füreinander-da-sein und in der Hilfe beim Lösen von Konflikten und Abhängigkeiten, die uns nicht gut tun. Jesus hat diesem Bemühen auch seine Hilfe zugesagt im Vers 20: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, bin ich mitten unter ihnen". Es ist zu hoffen, dass die Wahrheit dieses Wortes viele Menschen in der Corona-Krise erfahren konnten, als Gottesdienste in der Gemeinde nicht mehr möglich waren.

 

Und wohin zielt das alles? Wenn wir die nachfolgenden Zeilen 21 und 22 bei Matthäus weiter lesen, erkennen wir: das Ziel ist „Versöhnung", mit uns selbst, mit unserem Schuldigsein, mit unseren Mitmenschen, auch mit denen, die wir eigentlich nicht so mögen, mit allem Fremden und Neuem, das uns Angst macht und unsicher und letztlich mit Gott, dem Geist, der uns trägt. Und ich denke, dieses freie, versöhnte Dasein, das ist der „Himmel", in dem wir Gott begegnen können.

 

  In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Eva- Maria Kiklas

 

 Bildnachweis: David J. Fred Diamantknoten

 

 

 

Was ist Wahrheit?

Menorah der Knesset, Jeremia, ©Deror_avi

Du hast mich betört, o HERR,
und ich ließ mich betören;
du hast mich gepackt und überwältigt.
Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag,
ein jeder verhöhnt mich.
Ja, sooft ich rede, muss ich schreien,
Gewalt und Unterdrückung! muss ich rufen.
Denn das Wort des HERRN
bringt mir den ganzen Tag nur Hohn und Spott.
Sagte ich aber:
Ich will nicht mehr an ihn denken
und nicht mehr in seinem Namen sprechen!,
so brannte in meinem Herzen ein Feuer,
eingeschlossen in meinen Gebeinen.
Ich mühte mich,
es auszuhalten,
vermochte es aber nicht. 

Jer 20,7-9

Einheitsübersetzung

 

 

 

 

 

Was ist Wahrheit?

Der polnisch-amerikanische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer, der bisher als einziger jüdischer Schriftsteller Träger des Literaturnobelpreises (1978) ist, hat einmal formuliert: „Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt.“

Immer mehr Menschen heute würden wohl diesen Satz als wahr ansehen, vielleicht auch Menschen aus der KirchenVolksBewegung und den verschiedenen kirchlichen Reformgruppen. Schließlich bekämpfen wir doch gemeinsam eine kirchliche Obrigkeit, die sich in ihrem tradierten Selbstverständnis im Besitz der „reinen Lehre“ befindet, die sie verkündet und die wir als Gläubige gehorsam glaubend annehmen müssen, wenn wir nicht das verheißene Heil verlieren wollen.

 

Wenn es aber so ist, dass es keine ewigen und objektiven Wahrheiten gibt, ist die Vorstellung, ein Prophet tritt auf, eine abwegige. Das Auftreten eines Propheten ist nur dann glaubwürdig, wenn es absolute und ewige Wahrheiten gibt und nicht nur relative und subjektive Wahrheiten.

 

Doch selbst dann, wenn wir an ewige und absolute Wahrheiten glauben, ist das Auftreten eines Propheten noch längst kein glaubwürdiges Szenario. Denn wir könnten ja auch sagen, dass wir im Angesicht der ewigen Wahrheiten alle gleichermaßen Propheten sind, aber keine/r im besonderen. Das Auftreten eines Propheten für glaubhaft zu halten, setzt nicht nur den Glauben an absolute und ewige Wahrheit voraus, sondern an Wahrheit in Persona, die Unterschiede machen darf, die aus der Masse der Menschen eine oder einen herausheben darf. Diese Wahrheit in Person muss eine GOTTHEIT sein. Diese Wahrheit tritt in die Zeit hinein und den Menschen in der Zeit entgegen im auserwählten Propheten. Wer das nicht glauben kann, müsste konsequenter Weise Propheten als verrückte Spinner bezeichnen, und das nicht nur für die Gegenwart sondern auch rückwirkend auf die Vergangenheit bezogen. Menschen im Wahn! Jeremia genauso wie Jesus! Auch alle Menschen, die jemand anderen eine oder einen Propheten nennen, sind Menschen im Wahn! Z.B. Petrus, der im Evangelium des letzten Sonntags Jesus den Christus und Sohn des lebendigen GOTTES nannte. Dann macht es keinen Sinn mehr, sich auch heute noch mit diesen Spinnern auseinanderzusetzen.

 

Jeremia, wie er sich uns heute in der Lesung vorstellt, ist nicht aus freien Stücken ein Prophet geworden, sondern, wie er sagt, wie unter einem Bann. Betörung und Verführung seien im Spiel, also letztlich Gewalt.

 

Wer den Satz von Isaac Singer für wahr hält, müsste Jeremias gefühlten Bann als Zeichen eines Wahns begreifen. Dass er dafür also Hohn und Spott der Leute erntet, spräche nicht gegen, sondern für die Leute. Sie haben Jeremia durchschaut. Sie sind aufgeklärte Leute, die sich nicht mehr zum Narren halten lassen.

 

Nun beklagt Jeremia lauthals „Gewalt und Unterdrückung“. Sind Gewalt und Unterdrückung Fakten, die DER Wahrheit entgegenstehen, das Leben fundamental verdunkeln? Fakten, die auch einer gelungenen Menschwerdung diametral entgegenstehen? Müssten wir nicht gerade in einer Zeit, die man „postfaktisch" nennt, also in der selbst Fakten einer subjektiven Selbstherrlichkeit unterworfen werden, ganz besonderen Wert darauf legen für den Glauben an die Existenz von absoluten und ewigen Wahrheiten einzustehen?

 

Das Zitat von Singer „die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt“ ist, auch wenn es ganz hübsch klingt, zumindest ein Widerspruch in sich selbst . "Man könnte jetzt versuchen zu verteidigen, dass Widersprüche akzeptabel sind. Davon würde ich allerdings dringend abraten.“ sagt der Philosoph Prof. Markus Gabriel, der sich intensiv mit der Frage nach der Existenz von absoluter Wahrheit beschäftigt.

 

Wer sich 42 Minuten Zeit nehmen will, dem empfehle ich dieses Video mit Prof. Markus Gabriel auf youtube

Ich wünsche einen gesegneten Sonntag

Johannes Brinkmann / Essen

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Schau mal wieder ins Net:

www.johannesbrinkmann.de

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 Bildnachweis: Menorah der Knesset, der Prohet Jeremia, Foto: Deror avi; 

 

Kraft des Lebendigen

Baum auf Fels (Südostanatolien), Tobias Grimbacher

Als Jesus in das Gebiet von Cäsaréa Philíppi kam, fragte er seine Jünger und sprach: Für wen halten die Menschen den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elíja, wieder andere für Jeremía oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjóna; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein. Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.

Mt 16, 13-20  Einheitsübersetzung

 

Kraft des Lebendigen

 

„Jesus verkündete das Reich Gottes, aber gekommen ist die Kirche.“ „Jesus wollte das Judentum reformieren, nicht eine eigene Religion gründen.“ Wir alle kennen Positionen wie diese beiden, und da sie sicher richtig sind, vermute ich, dass die Antwort Jesu im heutigen Evangelium nicht von Jesus selber stammt. Sie wurde später vom Evangelisten formuliert, als es bereits eine Jesusgemeinschaft gab, die unabhängig vom Judentum existierte und sich als Kirche zu formieren begann. Aber was für eine Kirche schlagen Matthäus und Jesus hier eigentlich vor?

Einerseits steht diese Kirche auf einem Felsen. Sie bekommt einen festen, stabilen Untergrund. Jede Religion und jeder Glaube brauchen einen festen Grund und ein stabiles Fundament, sonst werden sie nicht überdauern.

Andererseits hängt dieses Fundament eng mit dem Bekenntnis des Petrus zusammen: „Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Petrus kann Jesus sehr konkret und direkt seinen Retter (Christus) nennen. Es ist erst ein paar Tage her, da wurde Petrus von Jesus aus dem Wasser gezogen, als er ihm über den See entgegen kam. Aber dieser Retter ist Sohn Gottes, und Gott ist der Lebendige. Es ist also ein Bekenntnis zur Rettung und zum Lebendigen – und das Lebendigen ist damit Wesenskern dieser Kirchengründung.

Die Kirche, wie sie von Matthäus, Petrus und Jesus her gedacht ist, ist eine lebendige Kirche, die aus der Kraft des Lebendigen heraus wirken soll. Jesus Christus ist eben nicht Elija, Jeremia oder sonst einer der alten Propheten, die das Leben der Menschen nicht mehr verändern können und am Ende eng mit der starren Reglementierung der Moses-Religion verbunden sind. Er ist das Gegenteil: ein Retter, der sich heute, ganz konkret, für die Lebendigkeit einsetzt.

In einer solchen Kirche will ich gerne leben und glauben: mit einem soliden Fundament auf einen mächtigen Felsen gebaut, aber der Kraft des Lebendigen verpflichtet, selbst quicklebendig und dynamisch, interessiert an der Rettung – an den Menschen in Not. Eine Kirche, die Tradition und Lebendigkeit verbindet – mehr noch, in der das Lebendige Tradition ist. Eine solche Kirche kann ihre starren Reglementierungen hinter sich lassen, in die Zukunft schauen, alte Fesseln lösen. In der Kraft des Lebendigen können wir leben und handeln wie Jesus, der das Reich Gottes verkündet.

 

Tobias Grimbacher

 

Bild:

Baum auf Fels (Südostanatolien), Tobias Grimbacher

Es geht ein Riss durch alle Dinge-, das ist die Stelle wo das Licht hineinfällt.

Es geht ein Riss durch alle Dinge-, das ist die Stelle wo das Licht hineinfällt. (Leonard Cohen) © Cristy Orzechowski

Gott sei uns gnädig und segne uns. 
Er lasse sein Angesicht über uns leuchten,

 


damit man auf Erden deinen Weg erkenne, 
deine Rettung unter allen Völkern. –

 


Die Nationen sollen sich freuen und jubeln, 
denn du richtest die Völker nach Recht 
und leitest die Nationen auf Erden.

 


Die Völker sollen dir danken, o Gott, 
danken sollen dir die Völker alle. 

 


Die Erde gab ihren Ertrag. 
Gott, unser Gott, er segne uns!

 

Es segne uns Gott! 
Fürchten sollen ihn alle Enden der Erde. –

Psalm  62,2-3,5-8 Einheitsübersetzung

 

Es geht ein Riss durch alle Dinge-, das ist die Stelle wo das Licht hineinfällt.

(Leonard Cohen)

Wie stets, halte ich mich an den „roten Faden“ der heutigen Leseordnung:Die Zielgruppe vom Propheten JESAIAS sind die damals Ausgeschlossenen der Gesellschaft: Fremde u. Kinderlose. - Und nun spricht der HERR zu diesen: „Wahrt das Recht, und sorgt für Gerechtigkeit“;…56:3 Der Fremde, der sich dem Herrn angeschlossen hat, soll nicht sagen: „Sicher wird der Herr mich ausschließen aus seinem Volk.“ Der Verschnittene soll nicht sagen:

„Ich bin nur ein dürrer Baum.“

Um solche Unterscheidungen geht es nicht. Einzig u. allein wichtig ist:

`Am-Bund-Gottes-festzuhalten´, `Recht-schaffend´ zu sein, Gerechtigkeit auszubreiten; einen befreiten gottgefälligen Zutritt zum `HAUS DES GEBETES aller Völker´ zu wirken.—

Welch ein schönes Bild für eine gelungene Globalisierungs-Vision!

Ausschluss findet vor u. seitens Gottes nicht statt. Vielmehr wird der Name dieser Ausgegrenzten untilgbar und ewig sein, mehr wert als der Stolz zur Schau und als Besitz getragene Name „Töchter und Söhne“. Da steht die Versuchung parat, Gedanken in sich zu hegen für das Vorhaben: allüberall eine Spaltung zu erzeugen... Mit Gott ist keine Exklusion zu rechtfertigen;

nur Einleuchtung, genau an dieser, mit altem Denken konstruierten Trennungslinie für: Andersartige—Andersdenkende—Andersfarbige, Anderen Religions-Angehörigen. - Auch die Trennung zw. Leib und Seele wird aufgehoben.

Aus dem Psalm 67 entnehme ich: Gott wird uns gnädig sein und sein Angesicht über uns leuchten, damit auf Erden sein Heils-Weg erkannt wird. Einleuchtung, das ist das Anliegen Gottes unter uns. Die all-sichtbaren Einschnitte in der Welt können der Ort unserer Verwandlung, unseres Umdenkens werden, ja des Segens—unter allen Völkern. Den Riss als Einfallsort des Lichtes zu begreifen, setzt unsere Licht-Empfänglichkeit in Gang:

 

-“In der Corona-Zeit tritt die permanent präsente Zerrissenheit, die durch unsere Welt geht, überaus krass zutage. Die Aufgaben für einen jeden liegen offen vor uns: BRING DICH ZUM LEUCHTEN!“ *

 

In der Segens-Schneise des Lichteinfalls können wir reifen und aus der gewonnenen Erkenntnis des Ausgeleuchteten Weges, Entwicklung anstoßen… statt Exklusion zu produzieren. *Richard Rohr nennt das den Geburtsort des ALL-EINS-SEINS—. Es ist der Beginn der Entstehungsgeschichte einer erweiterten Dreifaltigkeit: (s. zweites Foto) z.B.- Schöpfung, einschließlich der Menschen, Tiere, Pflanzen und aller Dinge! 

Dreifaltigkeit @ Cristy Orzechowski

 

Verortet Göttlichkeit- in allem!— Kosmo-Vision (die mir persönlich im Leben mit den Indigenas aufging), wird hier gespeist aus einem Universalen Christus, (wohlgemerkt nicht der Nachname Jesu*). Für mein Dafürhalten ist das eine einzigartige >Reiche-Frucht-Versprechende< Fährte für ÖKUMENE, auf der wir uns nicht mehr die Zähne an den offiziellen Verboten ausbrechen müssten.

 

Die Zahl der von uns deklarierten „Riss-Menschen-, Riss-Dinge, unwandelbaren Ideen - und multipler Situationen, die wir angelernt bekommen, ist unerschöpflich. Wir haben zu beginnen, mit der „Widerspenstigen Zähmung“ all dieser künstlichen und unwahren Dualismen, die man uns zu tragen und zu halten aufgab…(aufgibt)

 

Im obigen Sinne hören wir Paulus im Brief an die Römersprechen:

"Euch, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst, (…) weil ich hoffe, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten.“

Mit unseren Besitzer-Allüren in Sachen Glauben und GOTTESERKENNUNG haben wir eiligst Schluss zu machen und demütig–empfangsbereit ins Licht zu treten, persönlich und institutionell.

 

Das heutige Evangelium schlägt thematisch den skandalösen Bogen: „…ja kommt nur, ich bin für die verlorenen Schafe unterwegs…“ 

 

Die um Heilung bettelnde Frau, „soll den Kindern des Lichts nicht das Brot wegstehlen und den Hunden vorwerfen..“—Eine scharfe einordnende Abweisung! Gerät Jesus selbst in die damalige Falle des Ausschließens???—oder will er nur vorführen…was da so gängig ist…? Die Frau übernimmt seelenruhig die Beschimpfung für sich, aber behauptet sich weiterhin mit ihrer Bittstellung. … Das Blatt wendet sich, Jesus sagt nun: „Frau Dein Glaube ist groß, was du willst, das soll geschehen.“… 

 

Unterscheidung, Ausgrenzung und Riss sind ausgeschaltet, bewirkt durch die Entscheidung der Frau: `zu vertrauen´. Die Chance des Risses, der Dualismen, der multiplen Trennungen im sozialen Geschehen, wird deutlich.  Unsere Empfänglichkeit für das Licht ist die Messlatte zum Dazugehören und Mitwirken…

Für mich persönlich bedeutet das: die Mystische Einbindung unseres Engagements ist unverzichtbar--

 

©Text u. Baum-Rinden-Foto: Cristy Orzechowski

* Richard Rohr—Buchtitel: Alles trägt den einen Namen--

 

Ihr Kleingläubigen!

Das Wasser steht mir bis zum Hals

Gleich darauf drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Als es Abend wurde, war er allein dort. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See.Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.

Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus.

Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.

Mt 14,22-33 Einheitsübersetzung  

Ihr Kleingläubigen

Die letzte Schulaufgabe. Jetzt kommt’s drauf an. Wenn die daneben geht, dann war’s das. Dann ist eine Ehrenrunde fällig. Mir steht das Wasser bis zum Hals. Da schiebt mir mein Nachbar den rettenden Strohhalm zu. Ich ergreife ihn und sehe wieder Land. Gerettet!


Was hat denn diese Geschichte mit dem heutigen Evangelium zu tun, empört ihr euch vielleicht. Ich frage jetzt mal, wie ein „vernünftiger“ Mensch fragt. Erstens: Wo kommt in einem Klassenzimmer so viel Wasser her? Da hätte die Schule doch längst evakuiert werden müssen. Zweitens: Wie kann jemand schreiben, wenn er unter Wasser schreibt? Und was ist mit denen, die einen Kopf kleiner sind? Drittens: Wo hat der Nachbar plötzlich einen Strohhalm her und wie kann sich denn jemand an einem Strohhalm aus dem Wasser retten? Viertens: Was soll denn das: Ich sehe wieder Land – mitten in der Stadt?

Sicher werdet ihr jetzt sagen: Was für blöde Fragen! Wir wissen doch, wie’s gemeint ist! Natürlich wissen wir, wie’s gemeint ist. Wir sprechen in Bildern, die wir verstehen, niemand käme auf die Idee, die Geschichte wörtlich zu nehmen.

Und wie ist das mit der Geschichte vom Gang über den See, die wir heute in Evangelium lesen? Meint ihr, die Menschen damals haben nicht auch in Bildern gesprochen? Jesus hat in Gleichnissen gesprochen, in einer Bildersprache, die die Menschen verstanden haben. Und die Männer im heutigen Text haben die Bilder der Fischer benutzt: Sturm und hohe Wellen und Angst vor dem Versinken. So ist diese Geschichte ein österliches Zeugnis, dass Jesus der Retter ist, dass das Vertrauen auf ihn berechtigt ist. „Herr, rette mich!“ ruft nicht nur Petrus in seiner Angst, sondern das haben wohl viele der jungen Christinnen und Christen gerufen, wenn in der Zeit der Christenverfolgung die Wellen über ihren Köpfen zusammengeschlagen sind.

„Ihr Kleingläubigen!“ gilt auch uns Menschen heute: Ihr Kleingläubigen, die ihr euch pingelig an eure Vorschriften haltet; ihr Kleingläubigen, die ihr euch krampfhaft an eure Überlieferungen anklammert; ihr Kleingläubigen, die ihr euer erstes Vertrauen verloren habt und nun meint unterzugehen, nur weil nicht alles so läuft, wie ihr euch das ausgedacht habt! 

Was sagt uns Matthäus in unserer Zeit? Wenn wir an den Synodalen Weg denken, dann sehen wir: Ja, wir bekommen Gegenwind. Aber wir brauchen keine Angst zu haben; denn wir sehen keine Gespenster, sondern uns ist klar: Es geht uns um die Botschaft von Jesus, dem Mann aus Nazaret, nicht um überholte und verkalkte Strukturen der römischen Kirche, die uns dieser Botschaft mehr entfremdet, als dass sie uns zu ihr hinzuführt. Im Vertrauen auf diesen Mann aus Nazaret gehen wir über das Wasser – und wenn wir Angst haben unterzugehen, reicht er uns die Hand, dann bekommt das Wasser für uns Balken. Wir haben keinen Grund zu zweifeln. Ist er in unserer Mitte, dann legt sich der Wind und wir können getrost den Synodalen Weg, ja unsere ganze Lebensfahrt fortsetzen. Ich habe früher meinen Schülerinnen und Schülern oft gesagt: Lest mal die Bibel im Dialekt, in unserer Umgangssprache; dann spricht sie uns mehr an als in einer Sprache, die uns trotz moderner Übersetzung heute fremd ist.

Magnus Lux

 

Untrennbar

Relief Abtei Maria Frieden mit der Gründerin Mutter Edeltraut Danner

Wer sollte uns von der Liebe des Messias trennen? Unterdrückung, Angst, Verfolgung, Hunger, Obdachlosigkeit, Gefahr oder politische Verfolgung, die mit dem Tod endet?

Aber in all diesen Situationen sind wir es, die das Leben gewinnen durch den, der uns geliebt hat. Denn ich verlasse mich darauf: Weder Tod noch Leben, weder himmlische noch staatliche Mächte, weder die gegenwärtige Zeit noch das, was auf uns zukommt, weder Gewalten der Höhe noch Gewalten der Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf können uns von der Liebe Gottes trennen, die im Messias Jesus lebendig ist, dem wir gehören.

 Röm 8, 35; 37-39 Bibel in gerechter Sprache

 

Untrennbar

 

„Ich habe so gehandelt, wie Jesus es auch getan hätte. Ich habe nichts falsch gemacht! Flüchtlinge haben ein Kreuz zu tragen, da ist es mir egal, ob sie Christen oder Muslime sind, es sind Menschen in Not“. - Das sagt die Äbtissin Mechthild Thürmer von der Benediktinerinnenabtei Maria Frieden in Zapfendorf, nahe Bamberg. 

 

Sie und ihre Mitschwestern haben über mehrere Jahre hinweg über 30 Frauen, meist Eriträerinnen, in ganz besonderen Härtefällen, unter Berücksichtigung aller gebotenen Regelungen im Kirchenasyl aufgenommen. Sie wurden dort von einem Lehrer*innenteam unterrichtet, sie haben zusammen mit den Schwestern und Gästen gearbeitet, gegessen, gefeiert und auf diese Weise die Möglichkeit gehabt, das Erlebte zu verarbeiten und für sich neue Perspektiven zu sehen. Ich habe selbst einige dieser Frauen kennengelernt und erfahren, warum und unter welchen Umständen sie aus ihrem Land und von ihrem Kontinent geflohen sind. - Vieles davon können wir uns hier gar nicht vorstellen. 

 

Die Äbtissin steht demnächst in Bamberg vor Gericht, da sie sich geweigert hatte, die in einem Strafbefehl auf 2500 Euro festgesetzte Geldstrafe zu zahlen. „Ich käme mir nicht ehrlich vor, die 2500 Euro zu bezahlen, nur um meine Ruhe zu haben“, erklärt Mutter Mechthild.

 

In zweierlei Weise spricht mich vor diesem Hintergrund die heutige Lesung aus dem Brief an die Römer an: zum einen ist es Mutter Mechthilds unerschütterlicher Glaube (den ich auch anderweitig immer wieder erleben durfte), dass sie mit ihrem Handeln nicht allein ist, sondern dass sie untrennbar getragen ist von der Liebe Gottes. Und zum anderen verwirklicht sie und ihr Konvent genau das, was den Unterdrückten und Verfolgten zugesagt ist. Sie schenken ihnen Zuflucht, und Zuwendung, sie lassen sie Gottes Liebe spüren. - Als ich Mutter Mechthild fragte, wie wir sie unterstützen könnten schrieb sie mir: „Beten wir und vernetzen wir uns betend für diese gute Sache der Flüchtlingshilfe in Härtefällen.“

 

Es gibt vieles, was in meiner, in unserer Kirche Anlass geben mag, an ihr zu zweifeln. Aber dass in ihr und durch die Unterstützung vieler, die diese Kirche bilden, so etwas möglich ist, das gibt mir den Mut und die Liebe, mich weiterhin in ihr und für sie zu engagieren. 

 

Ich bete und hoffe, dass es für Mutter Mechthild mit einem Freispruch enden wird. Angesichts der Kreuze, die nach Ministerpräsident Söders Kreuzerlass in allen bayerischen Behörden als „Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung“ des Freistaats hängen sollen, angesichts dieser Kreuze, die Zeugen sind für die jesuanische Botschaft von der Liebe Gottes für die Menschen wäre es für mich ein Hohn, wenn die Äbtissin verurteilt werden sollte.

 

Vernetzen wir uns im Gebet

Sigrid Grabmeier

 

Bild: Relief der Abtei Maria Frieden mit der Gründerin Mutter Edeltraut Danner

 

 Weitere Informationen: 

infranken.de: Mutige Mutter Mechthild

katholisch.de: Warum Mutter Mechthild kein Staatsfeind ist

Süddeutsche Zeitung: Mutter Mechthilds Mission

 

 

 

Der Schatz eines hörenden Ohres

Nasenschild

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie. 

Mt 13,44 Einheitsübersetzung

 

Der Schatz eines hörenden Ohres

„Was gefällt ihnen an der Kirche?“, wird ein Journalist gefragt. Antwort: „Dass sie einen großartigen Schatz verwalten darf!“ „Und was nicht?“ Antwort: „Dass sie ihn nicht hebt!“ 

 

Wie lässt sich der sensationelle Gedanke vom Himmelreich als dem wertvollsten Schatz, den es zu gewinnen gibt, in die Köpfe der kirchlichen Hierarchen operieren? Jeder, der es ehrlich und gut im Sinne Jesu mit der Kirche meint, sehnt sich nach Einsicht der Verantwortlichen, den himmlischen Schatz zu erkennen, ihn mit allen Getauften zu heben und zu leben. Den Schatz, den Jesus doch uns allen versprochen hat, damit wir ihn für die Menschheit fruchtbar werden lassen. „Schaut, wie sie einander lieben!“ und an anderer Stelle heißt es, „sie hatten alles gemeinsam!“ Das ist es, was mit dem Himmelreich vergleichbar ist.

Ob die Kleriker die Not nicht spüren, den Schatz immer noch nicht heben zu können?

 

Der Reichtum des Himmels, abgebildet in der Liebe zu den Menschen, bleibt Stachel für die Mächtigen, Besitzenden und Geldgierigen dieser Welt, die sich auch und besonders in der Kirche heimisch fühlen.

 

Die Errungenschaften der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und die Gewaltenteilung - machten nach Jahrhunderten der Alleinherrschaft von Kaiser- und Königshäusern den Garaus. Auf einmal war ein menschliches Miteinander möglich, ohne vor dem Herrscher in die Knie zu gehen. Judikative, Exekutive und Legislative sollten künftig für gegenseitige Kontrolle sorgen und Rechenschaft vor dem Volk fordern. 

 

Die Kirche hat diesen Schritt bis heute nicht mit vollzogen. Nach wie vor sehen Bischöfe, wie die Monarchen damals, ihr Amt mit umfassenden Vollmachten ausgestattet. Dem „gemeinen Volk“ wird die Mitarbeit in der Gemeindeleitung verwehrt.  

 

Entschiede man sich in Rom endlich für das System der Gewaltenteilung, käme man Jesu Gleichnis, der laut Matthäus das Himmelreich mit einem unbezahlbaren Schatz gleichsetzt, automatisch näher.

 

Dann fiele nämlich die gar nicht jesuanische, jahrhundertelang erprobte Methode weg: „Wie halte ich möglichst lange die Fäden meiner Macht und damit die Untertanen in der Hand?“ Dann fürchteten die Kleriker nicht mehr die Freude der Christen, ihre Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, die alles verwandelnde Liebe, das miteinander Diskutieren, den alles befriedenden Schatz Gottes – denn dann würden auch sie an dem Glück gemeinsamen Hinschauens auf das Himmelreich teilhaben.

 

Der weise König Salomo hatte erkannt, was er als König und Herrscher braucht: nicht Reichtum, nicht Gold, nicht Macht über Menschen, sondern ein Herz, das hören kann, um sein Volk nach der Weisung Gottes führen zu können. 

 

Möge den Bischöfen Salomos weiser Gedanke kommen, Gott nur um den Schatz eines hörenden Herzens zu bitten!

 

G. Mollberg

Bild: Nasenschild

 

Von Gott lernen heißt Menschenfreundlichkeit lernen

Zeltstadt Katholikentag Mannheim 2011

Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; 
daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast.

Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen
wegen der Menschen, die du gestraft hast.
 

Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht
und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht,
den zu verurteilen, der keine Strafe verdient.

Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit
und deine Herrschaft über alles lässt dich alles schonen. 

Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt,
und bei denen, die sie kennen, strafst du die anmaßende Auflehnung.
 

Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde
und behandelst uns mit großer Schonung;
denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst.

Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt,
dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss,
und hast deinen Söhnen und Töchtern die Hoffnung geschenkt,
dass du den Sündern die Umkehr gewährst.

 Weisheit 12, 13-19 Einheitsübersetzung

 

Von Gott lernen heißt Menschenfreundlichkeit lernen

Diese Stelle aus dem Buch der Weisheit vermittelt uns ein Gottesbild, das als Vorbild für unser Leben und Handeln dienen soll. Die vorletzten zwei Sätze könnten geradezu in einem Leitfaden für Führungspersonal stehen. Wichtig scheint mir insbesondere die Grundaussage, dass das Bewusstsein für die eigene Stärke und Position eine wohlwollende, sorgsame Haltung gegenüber der Aufgabe und denen verlangt, die im Bereich dieser Leitungsverantwortung liegen. Dazu gehört auch der Verzicht auf Überheblichkeit und Großspurigkeit. - Das könnte auch ein Vorbild für unsere Kirche sein. Könnte.

 

Vor hundertfünfzig Jahren wurde während des ersten vatikanischen Konzils das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet, der damit ebenso das Jurisdiktionsprimat und das oberste Lehramt in der Kirche bekam. Darüber sagt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf: 

„Der Jurisdiktionsprimat erweist sich in der Tat als viel wirkmächtiger als die Unfehlbarkeit, weil er bis heute praktisch tagtäglich ausgeübt wird. Seit 1870 ist die katholische Kirche endgültig zur Papstkirche geworden. Die vielfältigen Katholizismen, die die Kirchengeschichte bis dahin auszeichneten, wurden für unrechtmäßig erklärt“

und der Dogmatiker Peter Neuner äußert sich über die neue starke Stellung des Papstes in der katholischen Kirche:

„Alles, was vom Papst kam, eventuell auch alles, was von römischen Dikasterien, von der römischen Kurie kam, wurde mit einer Aura der Unüberbietbarkeit, der Hingabe eines religiösen Gehorsams verbunden, und das machte die Diskussion oft sehr schwierig. Auch in der Theologie war es dann die römisch vorgegebene Richtlinie: Was vom römischen Lehramt entschieden ist, ist nicht mehr der Diskussion anheimgegeben, sondern das ist durch Autorität, durch göttliche Autorität letztlich bekräftigt und bestätigt.“

Damit hat Pius IX. das Papstamt und die kirchliche Struktur völlig neu aufgestellt und zu einer absolutistischen Wahlmonarchie gemacht. Kein Papst vor ihm war mit einer derartigen Machtfülle ausgestattet. - Er und diejenigen, die ihn unterstützten, reagierten damit auf die Entwicklungen nach der Aufklärung und der französischen Revolution. Sie hatten insbesondere auch eine Trennung von Kirche und Staat hervorgebracht und mit der Säkularisation weitreichende Folgen. Gleichzeitig erlebten Papst und Bischöfe dies als Umsturz und Zuwiderhandlung gegen die göttliche Ordnung. Deshalb musste ihrer Überzeugung nach das Papstamt und die Kirche von innen heraus durch neue Machtfülle und eine absolutistische Struktur gestärkt werden.

 

Die Kirche von heute leidet immer noch unter den Folgen und ist anscheinend nicht in der Lage, sich von den Fesseln, die dieses Allmachtsdenken hervorgebracht hat, zu befreien, aus- und aufzubrechen und sich neu zu er - finden. Auch wenn unter dem jetzigen Papst die Glaubenskongregation eine deutlich geringere Rolle spielt, so ist sie immer noch der Organisation gewordene Anspruch auf das „Ordentliche Lehramt“. Immer noch ist der Papst, wie im übrigen auch die Bischöfe für ihre Bereiche, Gesetzgeber, Richter und Exekutor in einer Person. Immer noch steht der Machterhalt des Klerus ganz oben auf der Agenda.

 

Vor kurzem fragte mich eine junge Frau, wie ich mir die Zukunft der Kirche vorstelle. Ich meinte, sie würde so langsam aber sicher zerfallen. Am Schluss stünde da eine Ruine und die Menschen, die sich noch verbunden fühlen, würden die Teile, die sie noch für verwendbar halten, raussuchen und die, mit denen sie nichts mehr anfangen können, liegen lassen. -

 

Und, wie wird sie dann aussehen? - Eine Zeltstadt, kein Prachtbau mehr, flexibel, mobil, bescheiden. - Was müsste passieren, dass Kirche noch eine Chance hätte? - Die Diakonie steht an erster Stelle, nicht die Liturgie. Sie wird sich ihrer eigenen inneren Stärke bewusst und nicht versuchen mit äußerer Pracht und Ansehen ihre Positionen durchzusetzen. Sie lernt, glaubwürdig die Menschenfreundlichkeit Gottes in der Welt zu repräsentieren. -

 

Sigrid Grabmeier

Bild: Zeltstadt Katholikentag 2011 in Mannheim 

Wer nicht hören will ...

Khamkhonsou betet Isis und Horus an - Louvre, Ägyptische Altertümer

 

Noch am gleichen Tag ging Jesus aus dem Haus und setzte sich an den See. Und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn, so dass er in ein Boot stieg und sich darin hinsetzte, während die ganze Menge am Strand stand. Und er redete lange zu ihnen, und zwar in Gleichnissen. Er sagte: „Seht, jemand ging hinaus um zu säen. Beim Säen fiel einiges an den Weg. Da kamen die Vögel und pickten es auf. Andere Körner fielen auf felsigen Boden, wo sie wenig Erde fanden. Sie gingen schnell auf, weil sie nur eine dünne Erdschicht hatten. Als die Sonne aufging, wurden sie versengt und verdorrten, weil sie kaum Wurzeln hatten. Andere Körner fielen in Dornengestrüpp. Die Dornen wuchsen in die Höhe und erstickten sie. Andere jedoch fielen auf gute Erde und brachten Frucht, sei es hundertfach, sei es sechzigfach oder dreißigfach. Die Ohren haben zu hören, sollen hören.“

 

Die Jünger und Jüngerinnen traten zu ihm heran und fragten: „Warum sprichst du zu ihnen in Gleichnissen?“ Jesus antwortete ihnen: „Weil euch die verborgenen Wahrheiten der Welt Gottes offenbart worden sind, jenen aber nicht. Die schon etwas haben, denen wird mehr gegeben, sogar bis zum Überfluss. Die nichts haben, denen wird das Wenige, das sie haben, noch weggenommen. Ich rede deshalb in Gleichnissen zu diesen Leuten, weil sie sehenden Auges nicht sehen, und obwohl sie hören, nicht hören und nicht verstehen. Bei ihnen ist die Prophezeiung Jesajas wahr geworden, die lautet: 

 

 

 

Ihr werdet hören, hören und nicht verstehen, und sehen, sehen und nicht sehen. Das Herz dieses Volkes wurde undurchlässig, ihre Ohren wurden schwerhörig, und ihre Augen haben sie verschlossen, damit sie mit ihren Augen nichts sehen und mit den Ohren nichts hören und mit dem Herzen nichts verstehen, das alles, damit sie nicht umkehren und ich sie heilen werde. 

 

 

 

Selig sind eure Augen, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. Wahrhaftig, ich sage euch: Viele Prophetinnen und Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und sahen es nicht, und zu hören, was ihr hört, und hörten es nicht.

 

 

Hört jetzt das Gleichnis vom Säen. Wenn Menschen das Wort von Gottes Nähe hören und nicht verstehen, kommt der Böse und nimmt ihnen weg, was in ihr Herz gesät war. Das sind die an den Weg Gesäten. Die auf den Fels gesät sind, das sind die, die das Wort hören und es gleich mit Freude aufnehmen. Sie haben jedoch keine Wurzel in sich, sondern leben in den Tag hinein. Wenn eine Notzeit oder Verfolgung wegen des Wortes kommt, werden sie gleich untreu. Die unter die Dornen Gesäten sind die, die das Wort hören, doch die Sorgen dieser Weltzeit und die Verführung durch Wohlstand ersticken das Wort, so dass es keine Frucht bringt. Die auf gute Erde Gesäten sind die, die das Wort hören und verstehen. Die tragen dann auch Frucht und bringen sie hervor, sei es hundertfach, sechzigfach oder dreißigfach.“

MT 13, 1-23 Bibel in gerechter Sprache 

 

Wer nicht hören will ...

Oft hören wir in den Gottesdiensten ja nur die kurze Fassung dieses Evangeliums und dann endet es bei „Wer hören kann soll hören!“ Mich sprachen aber beim Lesen besonders die Verse 14 und 15 an, in denen Jesus Jesaja 44, 18 in Erinnerung ruft. Bei mir wiederum löste das die Erinnerung an den Schluss von Psalm 135 aus. Die Stelle beschreibt die Erfahrung des jüdischen Volkes, das von Stämmen und Reichen umgeben war, in denen der Götzenkult üblich war. Ihre Gottheit jedoch durften sie nicht durch ein Kultobjekt darstellen, ihr Gott war nicht materialisierbar. 

 

Die Standbilder der Völker sind Silber und Gold,
Machwerke von Menschenhand.
Sie haben einen Mund, sprechen aber nicht,
Augen, sehen aber nicht.
Sie haben Ohren, hören aber nicht.
Auch ist kein Atem in ihrem Mund.
Ihnen gleich werden die, die sie machen,
alle, die auf sie vertrauen. 

 

Gerade die Metamorphose der Anbetenden zu dem was sie anbeten löste bei mir heftige Assoziationen aus, nicht zuletzt natürlich die Metamorphose Ovids von König Midas, der sich von Gott Dionysos gewünscht hatte, alles was er anfasse solle zu Gold werden. - Erst als er merkte, dass er das Gold nicht essen und trinken konnte, bat er, dass diese Eigenschaft ihm wieder genommen werde. „Ihnen gleich werden die, die sie machen, alle die auf sie vertrauen.“ Sie werden taub, blind und geistlos.

 

Damit, meine ich, sind wir da, um was es Jesus eigentlich ging. Um die Sensibilität für Gott, für das Göttliche. Um den Respekt vor Gottes Schöpfung, um die göttliche Gegenwart, um die Annäherung der Menschen an Gottes Wohlwollen für die Menschheit, um das Wahrmachen von Frieden und Gerechtigkeit.

 

Wir erleben es immer und immer wieder, kein Gleichnis Jesu durchbricht die Ignoranz derjenigen, die nicht sehen wollen, nicht hören wollen, deren Herzen verschlossen sind. Die Macht, Profit und Luxus um jeden Preis wollen, die keinen Respekt haben vor dem Leben der anderen und denen der Rest der Welt egal ist.

 

Letztes Jahr reiste ein junges Mädchen in der Welt herum, um die Augen, Ohren und Herzen derer zu erreichen, die bisher alle Warnungen der Wissenschaft in den Wind geschlagen haben. Das Amazonasgebiet brennt immer noch. - Die Auswirkungen von Covid 19 waren spätestens seit dem Ausbruch der Pandemie in Italien für alle Welt deutlich, und noch immer verhöhnen Mächtige, Gierige und Egoisten die Gefahr. - Weiter geht die Ausbeutung von Bodenschätzen, Tieren und Menschen. Und wir müssen uns vom Bundesminister für Entwicklungshilfe Gerd Müller sagen lassen, dass für uns in Deutschland pro Kopf 50 Sklaven arbeiten. 

https://www.bz-berlin.de/deutschland/minister-mueller-es-sind-50-sklaven-pro-kopf-die-fuer-unseren-wohlstand-arbeiten

 

Es ist leicht, auf die zu deuten, die sich einen Dreck darum scheren, was sie anrichten. Aber es ist auch für keinen und keine von uns einfach, immer gut zuzuhören, genau hinzuschauen, das Herz offen zu halten. Nicht jedes Saatkorn fällt gleich auf fruchtbaren Boden, manchmal ist eine Nachsaat dringend erforderlich. Versuchen wir also, jeden Tag von Neuem unsere Augen und Ohren zu gebrauchen, unser Herz berührbar zu halten und unseren Verstand einzusetzen. Damit das Reich Gottes wahr werden kann.

Sigrid Grabmeier

Bild: Khamkhonsou betet Isis und Horus an. Louvre, Ägyptische Altertümer

Beschenkt sein

Bücherregal mit Ausgaben von Aristoteles

 

Es war zu dieser Zeit, dass Jesus Gott antwortete und bekannte: »Ich singe dir Loblieder, Gott, Vater und Mutter für mich und mächtig im Himmel und auf der Erde! Ich singe davon, dass du das vor den Weisen und Gebildeten verborgen und es für die einfachen Menschen aufgedeckt hast. Ja, mein Gott, denn so hast du es gewollt. Du hast mir alles mitgeteilt. Niemand kennt mich als dein Kind so wie du, väterlich und mütterlich. Niemand kennt dich so väterlich und mütterlich wie ich als dein Kind, und wie alle Geschwister, die ich darüber aufkläre. So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen. Nehmt meine Last auf euch und lernt von mir: Ich brauche keine Gewalt, und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus. So werdet ihr für euer Leben Ruhe finden. Denn meine Weisungen unterdrücken nicht, und meine Last ist leicht.« 

 

Mt 11, 25-30 Bibel in gerechter Sprache 

 

Beschenkt sein

Manchmal dürfen wir uns von einem Bibelwort, das uns unvermutet begegnet, beschenken lassen. So geht es mir mit dem Vers von den Weisen und Gebildeten im heutigen Evangelium. Ich hätte ihn instinktiv bei Paulus gesucht. Ich finde ihn unvermutet als Leitvers für meinen Sonntagsbrief. Ich bin beschenkt.

 

Dabei muss ich befürchten, dass ich mit diesem Vers eigentlich gar nicht – oder negativ – gemeint bin. Viele Menschen in meiner Umgebung halten mich für gebildet, was ich mir auch gerne sagen lasse. In der Tat habe ich lange gelernt, studiert, promoviert, mich weitergebildet; ich habe hart für das gearbeitet, was ich heute weiss, kann und bin – im sprichwörtlichen Sinn ist mir nichts geschenkt worden.

 

Was aber, bei nochmaligem Nachdenken, gar nicht stimmt. Natürlich habe ich das Meine dazu getan. Aber es ist Zufall, dass ich in eine bildungsoffene, stabile Familie im Deutschland des späteren zwanzigsten Jahrhunderts geboren wurde und nicht in eine vielleicht genauso liebevolle Familie in einem Slum ohne Geld und Schule oder in zerbrochene Verhältnisse an irgendeinem Rand der Gesellschaft. Aus dieser Perspektive kann ich genauso beginnen, wie Jesus sein Loblied beginnt: ich danke Euch, Papa, Mama und übrige Verwandtschaft für diese Grundausstattung aus Liebe, Vertrauen und eröffneten Möglichkeiten – ganz ohne eigenes Zutun, geschenkt.

 

Das Beschenktsein ist dann auch der Grundtenor des ganzen Gebets Jesu. Ich spüre, dass er sich dabei nicht gegen eine Weisheit und Bildung richtet, die mir hilft, meinen Werdegang in das Gesamt der Welt einzuordnen. Aber manchmal hindert mich meine Bildung daran, die Welt einfach so – so einfach - zu sehen und zu leben, wie sie ist. Nicht zuletzt haben Weise und Gebildete zu allen Zeiten zu ergründen versucht, wo wir herkommen und hingehen, was der Sinn des Lebens und wer Gott ist, und haben dazu Theorien, Denkschulen und Dogmen entwickelt. Dem setzt Jesus seine Botschaft, sein Credo, gegenüber: „Niemand kennt dich so väterlich und mütterlich wie ich als dein Kind.“ Wenn wir die Liebe und das Zutrauen, die wir als Kinder erfahren haben – und die Liebe, die wir allen Kindern der Welt wünschen – zusammennehmen, dann haben wir schon das meiste verstanden, was es von Gott zu erkennen gibt. Gott-in-Beziehung, so will Gott in uns wirken; wirk-„mächtig im Himmel und auf der Erde“, aber nicht unbedingt als das jenseitige Wesen, der All-Schöpfer, Schicksals-Lenker, Gesetzes-Offenbarer oder Endzeit-Richter, den die Gebildeten in tausend Büchern festschreiben.

 

Eine weitere Schlagseite von uns Weisen und Gebildeten deckt Jesus auf, wenn er von sich und seinen Geschwistern, den einfachen Menschen, sagt „ich brauche keine Gewalt und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus“. Wir neigen dazu, nach mehr zu streben, mehr Wissen, mehr Einfluss. Wir denken oft in Kategorien der Herrschaft, der Macht, des Geldes oder vielleicht auch nur des Recht-Behaltens. Als gebildeter, wohlhabender Europäer mache ich mich mitschuld an der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen ebenso wie an der Zerstörung unserer klimatologischen Lebensbedingungen – und zwar nicht nur durch meinen Lebensstil, sondern auch, weil ich es dank meiner Bildung durchschaue und eigentlich besser wüsste.

 

Als Geschwister Jesu dürfen wir unsere Weisheit und Bildung nutzen, um diese Verstrickung von Macht und Geld, Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung aufzudecken – besonders auch da, wo sie uns als Gottes Last verkauft werden. Jesu Last ist leicht, und Gottes Weisungen unterdrücken nicht! Offensichtliche Differenzen zu einigen kirchenrechtlichen Anweisungen unserer klerikale Kirche und ihres Herrgotts seien hier nicht weiter ausgeführt.

 

Als Kinder und Geschwister dürfen wir uns von Gott und von einander beschenken lassen; mehr noch: wir sind durch Gott und durch einander beschenkt! Und das ist – wenn wir uns mit unserer Weisheit und Bildung nicht selbst behindern – ganz einfach.

 

Tobias Grimbacher

 Bild: Bücherregal mit Ausgaben von Aristoteles "Metaphysik" © Roman Eisele

 

 

 

 

 

Vom wahren Wert

Inhalt meines Geldbeutels +X Sigrid Grabmeier

„Die ihren Vater oder ihre Mutter mehr lieben als mich, passen nicht zu mir, und auch die, die ihre Söhne und Töchter mehr lieben als mich, passen nicht zu mir. Wer das eigene Kreuz nicht aufnimmt und mir nachfolgt, passt nicht zu mir. Wer das eigene Leben findet, wird es verlieren, und wer das eigene Leben meinetwegen verloren hat, wird es finden. Die euch aufnehmen, nehmen mich auf, und die mich aufnehmen, nehmen die Macht auf, die mich gesandt hat. Diejenigen, die einen Propheten oder eine Prophetin aufnehmen, weil sie prophetisch leben, empfangen Prophetenlohn, und die Gerechte aufnehmen, weil sie gerecht leben, empfangen den Lohn der Gerechten. Diejenigen, die einem dieser Geringen auch nur einen Becher mit frischem Wasser geben, weil diese Geringen leben wie Jünger und Jüngerinnen Jesu, wahrhaftig, ich sage euch, sie werden nicht um ihren Lohn kommen.“

Mt 10,37-42: Bibel in gerechter Sprache 

 

weitere Textstellen:

2 Kön 4,8 ff: Elischa zu Gast – Gastgeschenk: ein Kind, also Fruchtbarkeit

Ps 89: Treue ist im Himmel gegründet

 

 

Vom Wahren Wert

Radikales Ja als neue Bindung – was wird der Lohn sein? Was springt heraus?

Du selbst, entfaltet, ins Format gebracht.

Nicht jeder bekommt, was er verdient. Nicht jeder verdient, was er bekommt.

So wird vieles, was Normalität zu sein scheint, über Nacht auf den Kopf gestellt.

Die Ersten werden Letzte sein, wie an Kassen, die neu eröffnet werden,

und Letzte laufen überraschend als Erste ins Ziel.

Nicht alles, was einen Preis hat, hat einen Wert. Und nicht jeder Wert ist auch käuflich.

Die Frage, was uns etwas wert ist, drückt den Grad unserer Vor-Liebe aus.

Die Frage nach den unverrückbaren Werten, weist den Staat in die Schranken.

In Krisen wie der aktuellen Corona-Pandemie fahnden wir nach dem, was Leben und

was unsere Freiheit wert ist. Waren-Wert ist nicht der wahre Wert!

Es stellt sich heraus, welche Aufgaben die menschlich wirklich wichtigen sind, und wer

dem Allgemeinwohl die Treue hält, die, wie der Psalmist weiß, im Himmel gründet.

Und was wir einander schuldig sind, wenn es hart auf hart kommt. 

Wie viel Empathie und Solidarität wert sind. Und erst recht kreative 

Wege, einander nahe zu sein, ohne einander zu gefährden.

 

SCHICKSAL BINDET, FREIHEIT ENTFESSELT – 

 

um ein Versprechen zu riskieren. Sie informiert uns; wir formieren uns neu.

Wir haben die freie Wahl, uns im Geist Jesu neu zu scharen.

 

Wer ist meiner nicht wert?

Wer die Eltern mehr liebt Wer die Kinder mehr liebt

Wer Gebote nicht auf den Prüfstand stellt

Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt

Wer nur sein Leben allein sucht, rücksichtslos, 

Wer nur auf Titel und Ansehen achtet (Prophet, Gerechter)

Wer die Botschaft nicht aufnimmt wie ein Kind

Wer Durstigen keinen Becher frischen Wassers zu trinken gibt

Wer Niedergeworfenen auf dem Hals kniet

Wer das Gastrecht nicht achtet und Gastfreundschaft nicht übt 

(Elischa, mit Zügen von Jesus, der neues Leben weckt)

Wer die gängigen Beziehungen nicht relativiert

Wer sich nicht gegen das entleerte Luxus-Leben stellt

Wer einer intensiven Beziehung aus dem Weg geht

Wer nicht offen ist für den Weg der Liebe, der alles übersteigt 

Wer Verzeihung der Täter komplett ausschließt

Wer sich nicht aufrütteln lässt, Altes und Verbrauchtes hinter sich zu lassen

Wer sich der Verschwörung gegen die zwanghaften Theorien nicht anschließt

Wer sich nicht auf den je größeren Horizonteinlassen kann

Wer aus seiner Überzeugung keine Praxis macht

Wer nicht einen neuen Blick auf das Leben wirft

Wer den wahren Reichtum im Leben nicht erkennt 

 

Wer aber ist seiner wert?

Wer den Glauben aufrichtet, Hoffnung anhäuft,

wer Liebe entfacht und sie bedingungslos lebt

Und den Glaubenstärken

die Hoffnungmehren

kann einzig, wer die Liebe entzündet.

 © Günther M. Doliwa, 18.5.2020 (www.doliwa-online.de)

 

Bild: Inhalt meines Geldbeutels + X, Sigrid Grabmeier

„Fürchtet euch nicht!“

Rostock - Tanzende Mädchen Sigrid Grabmeier

Fürchtet sie nicht! Es gibt nichts Verhülltes, was nicht aufgedeckt werden wird, und nichts Verborgenes, was nicht bekannt wird.

 

Was ich euch in der Dunkelheit sage, das sagt im Licht! Und was euch ins Ohr geflüstert wird, das verkündet von den Dächern! Ängstigt euch nicht vor denen, die den Körper töten. Das Leben aber können sie nicht vernichten. Fürchtet vielmehr die Macht, die Körper und Leben in der Hölle vernichten kann. Werden nicht zwei Spatzen für Kleingeld verkauft? Und doch fällt keiner von ihnen ohne Gott zur Erde. Nun sind aber sogar eure Haare auf dem Kopf alle gezählt! Habt nun keine Angst, ihr seid von den Spatzen unterschieden. Denn zu allen, die sich zu mir bekennen vor den Menschen, werde auch ich mich bekennen vor Gott, für mich Vater und Mutter im Himmel. Aber die mich verleugnen vor den Menschen, werde auch ich verleugnen vor Gott im Himmel.

Mt 10,26-33 Bibel in gerechter Sprache 

 

„Fürchtet euch nicht!“ 


„Fürchtet euch nicht!“, wird den Menschen zugerufen. Dieses Wort soll vor allem denjenigen Christinnen und Christen Mut zusprechen, die verfolgt werden und um ihr Leben bangen müssen. Das war in der Verfolgung durch die Juden, die ja den Christenverfolger Paulus bis nach Damaskus geführt hat, ein tröstliches Wort: Ihr seid auf dem richtigen Weg. Das war in der Verfolgungszeit im Römischen Reich ein aufmunterndes Wort: Ihr seid so wichtig, dass sogar alle Haare auf dem Kopf gezählt sind. Das gilt heute noch den Verfolgten in vielen Teilen der Erde als ein Wort, das Kraft gibt: Steht zu dem, was euch wichtig ist, und lasst euch nicht dazu bringen, den Sinn und die Mitte eures Lebens zu verlieren.

Aber was sagt uns dieses Wort heute, in Mitteleuropa, wo keine Christin und kein Christ wegen seines Glaubens um sein Leben bangen muss? Wo jede und jeder freimütig zu dem stehen kann, was er, was sie für richtig hält? Haben wir diese Freiheit nicht in langen Kämpfen der letzten Jahrhunderte errungen? Die Französische Revolution schrieb auf ihre Fahnen: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“– urchristliche Werte, die nicht nur gegen die Könige, sondern auch gegen den erbitterten Widerstand von Bischöfen und Päpsten errungen werden mussten.

Aber was sage ich „errungen werden mussten“? Nein, die Freiheit müssen wir auch heute noch erringen, sie fällt uns nicht einfach in den Schoß. So manche Bischöfe und Kardinäle möchten sie im Namen der „Treue zum Herrn“ auch heute noch beschneiden – als ob wir nicht bekennen würden, dass Christus uns befreit hat. Paulus ruft den jungen Christinnen und Christen in Galatien zu: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!“ Das Joch der Knechtschaft in der Kirche heißt „Klerikalismus“, den auch Papst Franziskus anprangert. Für Kardinal Marx gehört „Freiheit“ zur Kernbotschaft des Christentums. Freiheit bedeutet Mut zur Veränderung: „Fürchtet euch nicht!“

„Einer ist euer Meister, ihr alle seid Brüder und Schwestern“: das meint Gleichheit aller. Lassen wir uns nicht vormachen, dass dafür in der Kirche kein Platz sei, dass Gleichheit allem widerspreche, was Katholische Kirche meint, wie Kardinal Woelki sagt. Nein, Brüder und Schwestern zu sein gehört ebenfalls zur Kernbotschaft. „Big brother is watching you“, das hätten manche immer noch gern auch in der Kirche. Sie nennen es Glaubensverantwortung, wenn sie mündigen Christinnen und Christen, getauft in „ein heiliges Volk, eine königliche Priesterschaft“ kleinlich vorschreiben, was sie zu glauben hätten, anstatt mit ihnen um den rechten Glauben zu ringen. Für mündige Christinnen und Christen, die Geistliche sind, denn zu allen ist Gottes Geist gesandt, gilt: „Habt keine Angst!“

Statt „Brüderlichkeit“ verwenden wir heute besser „Geschwisterlichkeit“; denn mit dem Wort Geschwister sind alle Kinder in der Familie und darüber hinaus alle in der Menschheitsfamilie gemeint. Als Christen und Christinnen sind wir solidarisch mit allen Menschen dieser Erde; Solidarität ist auch eine christliche Kernbotschaft. Gerade heute in Zeiten der Corona-Krise ist diese Solidarität gefragt: mit den Menschen bei uns, die ihren Arbeitsplatz verloren haben; mit den Menschen in unseren Nachbarländern, die unter Corona viel mehr zu leiden hatten und immer noch haben; und auch mit den fernen Nächsten in den Ländern der Dritten Welt, die wirtschaftlicher Einbruch und Arbeitslosigkeit viel härter trifft als uns, die wir gut abgesichert sind. Und doch möchten uns einige populistisch einreden, doch an uns zuerst zu denken, doch zuerst unseren Wohlstand zu erhalten, einfach weiterzumachen wie vorher – auch auf Kosten anderer. Nehmen wir ihr abschätziges „Gutmensch“ als Ehrentitel: „Fürchtet euch nicht!“

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“: Habt keine Angst, „verkündet das von den Dächern!“

Magnus Lux

 

 

Die Tür zum Reich Gottes suchen

Tür in einem Haus in Zagreb

Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.

 

Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn ausgeliefert hat. Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.

 

Mt 9, 36-10,8 Einheitsüberstzung

 

Die Tür zum Reich Gottes suchen

 

Im Zentrum dieses Textes aus dem Evangelium nach Matthäus steht, so scheint es, die Hervorhebung der Besonderheit der zwölf Männer, Apostel genannt. Und doch sandte er diese hier ausdrücklich zu denen, die sich für etwas Besonderes hielten, nämlich „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!“. Bedenkenswert!

 

Und dann spricht Jesus den Satz, den ich einen Kernsatz des Glaubens nenne: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ Dieser Satz „folgt nicht den Gesetzen des Rechnens, sondern des Schenkens.“, wie das einmal der ehemaligen Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, in einer Predigt zu diesem Evangelium treffend formuliert hat.

 

„Reich ist man erst, wenn man etwas hat, was man für Geld nicht kaufen kann.“ sagt ein anderer Spruch. Leben ist ein Geschenk, Liebe ist ein Geschenk, und auch eine Aussendung durch GOTT, wie sie hier die Zwölf erfahren, ist und bleibt ein Geschenk.

Das Wort „umsonst“ ist in unserer deutschen Sprache doppeldeutig. „Umsonst haben wir uns bemüht, der Erfolg ist ausgeblieben, eher geht es zurück.“Im lateinischen gibt es für „umsonst“ zwei Ausdrücke: frusta und gratis! Was wir gratis bekommen, kostet uns nichts, denken wir in einer Welt, in der Rechnen und Geld dominieren. Doch stimmt das auch für ein Geschenk GOTTES?

 

„Was nichts kostet ist auch nichts wert!“ ist auch so ein Spruch unserer Zeit. Kostet ein Geschenk GOTTES also nichts? Ist es etwa nicht kost-bar?

 

„Es ist wie es ist, sagt die Liebe!“ noch so ein Satz, der mir sehr wichtig ist. Wer von GOTT ein Geschenk bekommt und es dankend annimmt, muss sich von GOTT verwandeln lassen. „Das Himmelreich ist nahe!“, soll das Lebenszeugnis derer sein, die GOTT zu jemand Besonderem erhebt.

 

Wer so erhoben wurde, muss seine Eitelkeit überwinden, jede Harmoniesucht, die die Realität schöner malt als sie ist, jeden Frust, der die Hoffnung erdrückt, jedes Machtstreben, das erzwingen will, darf die Form nicht wichtiger nehmen als den Inhalt, darf nicht dem Recht des Stärkeren anhängen, muss sein Temperament zügeln, ob hitzig mit wenig Geduld oder gar Tendenz zu Wutausbrüchen oder Manipulation oder sogar zu Narzissmus, darf nicht nach Schuldigen suchen, sondern soll in entspannter, fast gleichgültiger, supervisorischer Haltung die Dinge betrachten lernen, wie sie nun mal sind. Unbegründet Hoffnung haben und sie gegen jeden Frust aufrichten, und einfach das „wie es ist“ akzeptierend hinnehmen, es absuchen nach der Tür für GOTTES REICH! Nicht nach der Tür zum eigenen Auftritt oder Selbstdarstellung suchen, nicht nach der Tür für Rechthaberei, sondern nach der Tür, die den Satz: „Das Himmelreich ist nahe!“ wahr oder zumindest wahrer macht, erfahrbarer macht denen, zu denen wir uns gesandt wissen.

 

Wer das begriffen hat, tritt nicht als Lehrmeister auf sondern bleibt Schüler und Suchende/r. Diese/r weiß, dass wenn sie oder er sich erhebt, weil sie als Person von GOTT erhoben wurde, und sich deswegen für etwas Besonderes hält, zum Verlorenen wird. Die Person, die so tut, bringt nämlich das Himmelreich nicht näher, sondern stellt sich ihm in den Weg, wird zum „verlorenen Schaf“.

 Einen gesegneten Sonntag in die ganze Runde

 

Johannes Brinkmann / Essener

 

Brot herumtragen

Lebensmittel für die Ärmsten

 

Mose sprach zum Volk:

 

Der ganze Weg, den dich ADONAJ, deine Gottheit, diese 40 Jahre in der Wüste geführt hat, soll dir in Erinnerung bleiben. Sie machte dich gefügig und stellte dich auf die Probe, um dein Herz und deinen Verstand auszuloten: Würdest du auf ihre Gebote achten oder nicht? Sie machte dich gefügig und ließ dich hungern. Sie gab dir Manna zu essen. Das kanntest du gar nicht. Auch deine Vorfahren wussten nicht, was das ist. Du aber hast es geschmeckt und erfahren, dass die Menschen nicht nur von Brot leben, sondern von all dem, was aus dem Mund Adonajs hervorgeht.

 

Dtn 8, 2-3 Bibel in gerechter Sprache

 

„Ich bin das Brot des Lebens. Eure Eltern haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabsteigt, damit alle von ihm essen und so nicht mehr sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist; alle, die von diesem Brot essen, werden ewig leben.

Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Körper für das Leben der Welt.“ Die anderen jüdischen Menschen stritten nun miteinander und sagten: „Wie kann uns dieser seinen Körper zu essen geben?“

Joh 6, 48-52 Bibel in gerechter Sprache

 

Brot herumtragen

Mein Kollege im Bundesteam und ebenfalls Sonntagsbriefautor Magnus Lux ist ja der Ansicht, Brot sein nicht zum Herumtragen da, sondern zum Essen. Ich kann ihm da in gewisser Weise beipflichten, möchte ihm jedoch etwas widersprechen. Natürlich ist Brot zum Essen da und nicht zum Herumtragen. Wenn ich das Brot, das ich beim Bäcker kaufe, aber nicht nachhause trage, dann können wir es da nicht essen. Das Brot bedarf also des Herumtragens, denn sonst würde es gar nicht dorthin kommen wo es hin soll. - 

 

In diesem Jahr fallen die Fronleichnamsprozessionen weitestgehend aus. Wobei ich das nicht ganz verstehe, denn man wäre ja im Freien, auf Fahnenabordnungen und ein oder zwei Stationen könnte man getrost verzichten. Es wäre zumindest eine gute Gelegenheit, sich als Gemeinde, als wanderndes Volk Gottes bei aller Abstandswahrung gemeinsam zu erleben und, ähnlich wie die Apostel an Pfingsten, hinaus zu gehen, nach draußen, ins Freie und den „Leib des Herrn“, das ist die Bedeutung von „Fronleichnam“, in die Welt zu tragen.

 

Die beiden Textstellen, die ich aus den heutigen Lesungstexten ausgewählt habe, sind eng miteinander verbunden. Nicht nur, weil Jesus in der „Brotrede“ auf das Manna in der Wüste verweist. Es geht jeweils um das Wort, um die Botschaft Gottes an die Menschen: die Menschen leben nicht nur von Brot, sondern von all dem, was aus dem Mund Adonajshervorgeht. - Und Jesus, das Mensch gewordene Wort Gottes ist für die, die dieses Wort in sich aufnehmen, Nahrungsmittel, das Leben schenkt. - Der Kern dieser Bilder wird meines Erachtens durch die Form unserer Fronleichnamstraditionen mehr verschleiert als verdeutlicht. Besonders für Außenstehende muten die Prozessionen mit Himmel, Kommunionkindern und Blaskapelle folklorehaft an, sie erscheinen in unserer heutigen Zeit wie ein Gruß aus der Vergangenheit, als die Kirche noch eine ecclesia triumphans war. 

 

Ich möchte mit drei ganz anderen Beispielen für das Tragen und Bringen von tatsächlichem Brot und tatsächlichen Nahrungsmitteln mit einem anderen Focus auf „Fronleichnam“ blicken: 

 

  • Die Foodtrucks der Caritas in München versorgten zu Beginn der Corona-Krise, als andere Einrichtungen geschlossen hatten, Obdachlose und Bedürftige mit Lebensmitteln, die Diakonie richtete eine Notausgabestelle für Kleidung und Hygieneartikel ein.
  •  Eine Kirchenreformkollegin aus Indien berichtete, dass die meisten der zahlreichen Pfarrgemeinden in Mumbay ihre Aktivitäten bis auf Online-Gottesdienste eingestellt hatten. Eine Gemeinde jedoch verzichtete auf ein Onlineangebot und richtete eine Versorgung der gestrandeten Wanderarbeiter ein.
  •  Ashiknaz Khokhar in Pakistan organisierte mit seiner Gruppe junger Christinnen und Christen eine Versorgung von in Not geratenen Menschen in seiner Stadt. Die Gruppe ist Mitglied bei We are Church International.

 

Brot darf also herumgetragen werden, wenn es dann auch seiner Bestimmung zugeführt wird, Leben zu schenken.

 

Sigrid Grabmeier

Dreifaltig

Mittelalterliches Fresco der Hl. Dreifaltigkeit in der St. Jakobskirche in Urschalling am Chiemsee;

Schließlich, liebe Geschwister, freut euch, fangt noch einmal an, lasst euch ermutigen, lebt einmütig und in Frieden! Gott ist Liebe und Frieden und wird mit euch sein. Begrüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle heiligen Geschwister.

Die befreiende Zuwendung unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft, die uns die heilige Geistkraft schenkt, sei mit euch allen!

2 Kor 13, 11-13

 Bibel in gerechter Sprache

Dreifaltig

Als mir diese Darstellung entgegenkam, ist es mir wie eine Erleichterung aufgegangen – beim Glauben an die Dreifaltigkeit geht es überhaupt nicht um das Verstehen im intellektuellen Sinn. Es gibt so viele unterschiedliche Bilder, die nahe an dieses göttliche Geheimnis kommen, mehr als viele Worte. Geheimnisvoll und unwirklich ist ja auch dieses Bild der Dreifaltigkeit. Eine Figur mit drei Köpfen bzw. Gesichtern, mit nur zwei Armen und Händen, gekleidet in ein gemeinsames Gewand! Gott Vater und Gott Sohn wenden sich der jungen, offensichtlich weiblichen Gestalt in der Mitte zu. Hat der Künstler aus dem Mittelalter damit die Ruach, die Geistkraft Gottes gemeint? Mir gefällt der ehrfürchtige Gedanke, dass Gott für uns Menschen unvorstellbar groß, weit, unfassbar ist. „Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten“, Karl Rahner. In Gott ist auf jeden Fall alles, was wir uns kleine Menschen vorstellen können, wie der Kosmos, die Lebensalter, Mann und Frau, Beziehung und Liebe. Ohne mehr Worte zu machen lade ich ein, sich auf dieses lebendige Bild der Dreifaltigkeit einzulassen, mit dem Text von Kurt Marti:

Am Anfang also: Beziehung.

Am Anfang: Rhythmus.

Am Anfang: Geselligkeit.

Und weil Geselligkeit: Wort.

Und im Werk, das sie schuf,

suchte die gesellige Gottheit sich neue Geselligkeiten.

Weder Berührungsängste noch hierarchische Attitüden.

Eine Gottheit, die vibriert

vor Lust, vor Leben.

Die überspringen will

auf alles, auf alle.

Barbara Dominguez

 

Bild: Mittelalterliches Fresco der Hl. Dreifaltigkeit in der St. Jakobskirche in Urschalling am Chiemsee; 

Die unbändige Triebkraft

Rosenkranzstelen von Michael Franke, Marienpark, Gebetsstätte Heede, Kirchstraße in Heede (Emsland) Frank Vincentz

Als der 50. Tag, der Tag des Wochenfestes, gekommen war, waren sie alle beisammen. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Tosen wie von einem Wind, der heftig daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus. Unter den Jüdinnen und Juden, die in Jerusalem wohnten, gab es fromme Menschen aus jedem Volk unter dem Himmel. Als nun dieses Geräusch aufkam, lief die Bevölkerung zusammen und geriet in Verwirrung, denn sie alle hörten sie in der je eigenen Landessprache reden. Sie konnten es nicht fassen und wunderten sich: „Seht euch das an! Sind nicht alle, die da reden, aus Galiläa? Wieso hören wir sie dann in unserer je eigenen Landessprache, die wir von Kindheit an sprechen? Die aus Persien, Medien und Elam kommen, die in Mesopotamien wohnen, in Judäa und Kappadozien, in Pontus und in der Provinz Asien, in Phrygien und Pamphylien, in Ägypten und in den zyrenischen Gebieten Libyens, auch die aus Rom Zurückgekehrten, von Haus aus jüdisch oder konvertiert, die aus Kreta und Arabien kommen: Wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden.“

Apg 2,1-11 Bibel in gerechter Sprache

 

Die unbändige Triebkraft

Es geschehen noch Zeichen und Wunder, heißt es, wenn etwas Unerwartetes geschieht. Wenn ein Schüler plötzlich alle Hausaufgaben hat, mit denen er sonst recht großzügig umging. Oder wenn die Kinder überraschend fragen: „Kann ich dir im Garten helfen?“

Wenn in der Bibel von Zeichen und Wundern die Rede ist, dann ist in der Regel der Heilige Geist nicht weit.

 

Maria von Magdala, um ihren Herren trauernd, beugt sich weinend ins Grab. Sie erfährt Gottes Geist leibhaftig im Auferstandenen, der sich mit der Nennung ihres Namens zu erkennen gibt. Auch den Emmausjüngern brannte das Herz, als er ihnen unterwegs den Sinn der Schrift erschloss - Gottes Geist! Er ist bei ihnen, die mit Jesus gingen, ihn oft nicht verstanden, auch seinen Tod am Kreuz nicht.

 

Dann das Pfingstwunder: Nach Kreuzigung und Himmelfahrt hatten viele, die sich ihm angeschlossen hatten, erst mal der Öffentlichkeit entzogen, weil sie fürchteten, ebenso verfolgt und umgebracht zu werden wie ihr Herr. Zitternd vor Angst, um Geist und Beistand Gottes flehend, kauern Jesu Anhänger im Abendmahlssaal. Auf einmal hörten sie ein gewaltiges Brausen, alle wurden mit Heiligem Geist erfüllt, schreibt Paulus. Infiziert von diesem „Gotteswirkstoff“ stürmten die eben noch verängstigten Juden und Jüdinnen, Frauen, Männer und Kinder, auf die Straße. Sie konnten nicht mehr für sich behalten, was sie mit ihrem Rabbi bis zu seinem Kreuzestod und nachher erlebt hatten. Ihnen war jetzt klar geworden, worin ihre Berufung bestand. Strenge Toravorschriften traten in den Hintergrund. Der Glaube, in pharisäischer Dogmatik sei die Botschaft des Rabbi aus Nazareth und seines himmlischen Helfergeistes zu finden, erschien ihnen von einem Augenblick zum anderen total irreal. Denn das hätte ja geheißen, die sensationelle Botschaft vom Tod des Todes, von Jesu Auferstehung und Geistsendung auf menschengemachte Ordnungen und Paragraphen zu reduzieren.

 

Gott war in Jesus Mensch geworden, um wahrhaftig bei seinen Geschöpfen zu sein, die Liebe zum Nächsten vorzuleben. Für ihn hatte dieser Einsatz ganzheitlichen Charakter. Er hat sich nicht umbringen lassen, um für mich zu leiden, sondern in seinem Kreuzestod leuchtet sein Programm auf: Nächstenliebe - sich für andere bedingungslos einsetzen, und sei es bis zur Lebenshingabe.

 

Seit dem Pfingstfest hat der Heilige Geist nicht aufgehört, Wunder zu wirken. Er zeigt sich auch heute, sogar in Rom: Ein Papst mahnt seine Kardinäle, das klerikale System sei an Egoismus und Selbstbeweihräucherung erkrankt, es müsse auf Grund gesetzt und wieder an Jesu Liebesbotschaft orientiert werden. Frauen stellen sich mutig mittelalterlich verkrusteten kirchlichen Hierarchien entgegen, um die gottgegebene Würde aller Menschen, eben auch die der Frauen, wieder unter dem Scheffel hervorzuholen.

 

Solange es aber keine faire Gewaltenteilung, kein Sichrechtfertigenmüssen von Pfarrern vor der Gemeinde gibt, solange sich Bischöfe immer noch als Allein- und Letztentscheidende wahrnehmen, statt die unendlichen Charismen der Gläubigen zu akzeptieren und sie in Denken und Schaffen von Kirchen einzubinden, hat es der Heilige Geist sehr schwer.

 

Dennoch glaube ich: Gegen die unbändige Triebkraft des Heiligen Geistes ist kein Kraut gewachsen. Er macht stark und gibt den notwendigen Mut, aus dem verkrusteten zweitausendjährigen Dickicht von kirchlich-hierarchischen Denkmodellen die Botschaft des Jesus aus Nazareth wieder freizulegen - die unüberbietbare einzigartige Sensation der Gottesliebe für die ganze Erde!

 

Ob auch an den Tagen weltweiten Coronabefalls Wunder geschehen? Klar! Corona brachte plötzlich Dinge in uns in Bewegung, die als verschollen galten. Die durch Hetze und Konsum unter Sauerstoffmangel leidende Solidarität bekommt wieder Luft. Im schwer getroffenen Italien versuchten Nachbarn mit Musik ihre kasernierten Mitmenschen aufzubauen und abzulenken. Die Ode an die Freude klang geistgesteuert von deutschen Balkonen. Es geschehen noch Zeichen und Wunder!

 

Vermutlich hat jeder eine besondere Situation im Kopf, bei der er auf ein Wunder hofft. Lasst uns am Pfingstfest einfach daran glauben, dass das Unerwartete doch passieren kann, vielleicht ganz leise, kaum spürbar - auch dort, wo wir vielleicht schon die Hoffnung aufgegeben hatten.

Amen

 Georg Mollberg

 

Bildnachweis: Pfingsten

Rosenkranzstelen von Michael Franke, Marienpark, Gebetsstätte Heede, Kirchstraße in Heede, ©Frank Vincentz

 

 

Nun ist Raum für ...

Blick nach oben @ Sigrid Grabmeier

Als Jesus in den Himmel aufgenommen worden war, kehrten die Apostel von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück. Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philíppus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelót, sowie Judas, der Sohn des Jakobus.
Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

Apg 1, 12 - 14  Einheitsübersetzung

 

Nun ist Raum für ...

 

Natürlich hatten sie Angst. Sie hatten Angst, weil er nun unwiderruflich weg war. Die Apostelgeschichte schildert das anschaulich. Die kleine Pflanze Hoffnung, die nach der aufwühlenden Wiederbegegnung mit dem auferstandenen Gekreuzigten – gegen alle Vernunft – aufgekeimt war, musste sich nun gegen die raue Wirklichkeit der Welt verteidigen. Da versteckten sie sich lieber mit einigen Gleichgesinnten und hielten die Türen verschlossen. 

 

Worauf sie warteten, wussten sie zunächst selbst nicht. Aber irgendetwas hatte ihnen Jesus angekündigt; nebulös, genau so „unvernünftig“, wie das gerade erlebte. Von der „Verherrlichung des Vaters durch den Sohn“ war da die Rede; dass mit ihnen das Werk des Vaters zu Ende geführt werden soll; dass ihnen der Geist gesandt würde und viele andere schwer verständliche Dinge. Also warten sie erst einmal in Angst und Unsicherheit und hielten die Türen verschlossen.

 

Natürlich haben wir Angst. Wir haben Angst, weil unsere Überzeugungen erschüttert, unsere Selbstgewissheiten fraglich geworden sind. Weil unser rücksichtsloser Umgang mit der Natur plötzlich unbekannte Kräfte, Erderwärmung und Klimaveränderungen hervorgerufen haben. Und schließlich dieses Virus, gegen das es kein Mittel zu geben scheint. Bis gestern schien es, wir hätten alles einigermaßen im Griff, zumindest in Europa, in der westlichen Welt. Und nun? Da ist es besser, erst einmal zuhause zu bleiben und zu warten.

 

Aber worauf?

 

Nun, ich meine, dass wir erst einmal zur Ruhe kommen müssen. Die Dinge unseres rastlosen Alltags sind erst einmal weggefallen oder zurückgetreten. Nun ist Raum für… ja, wofür?

 

Natürlich geht es um die Frage, ob und wie es weitergehen kann. Aber eben nicht nur, darauf zu warten, bis in den Laboren der Impfstoff entwickelt ist, der uns gestattet, zu unserem bisherigen Leben zurückzukehren. Das würde uns nur eine kurze Atempause bringen, bis die nächste Katastrophe über uns hereinbricht. Nein. Diese Welt- und Naturkrise können wir – wenn überhaupt noch - nur gemeinsam mit allen Kräften des Guten in der Welt überwinden. Das braucht den guten Willen und die Mithilfe jedes einzelnen. Nachdenken, Beten oder Meditieren über die Frage: Was mache ich ab Corona künftig anders?

 

Weniger egoistisch sein, mehr den Blick auf meine Mitmenschen richten, das will ich ja schon länger, aber die richtig guten Ideen dazu fehlen mir noch. Und es fehlt mir der Mut, dass meine bescheidenen Kräfte wirklich etwas bewirken können. Was soll ich tun, wenn selbst im so aufgeklärten Europa die lebenswichtigen Klimaziele fragwürdigem Wohlstandsdenken geopfert werden; wenn Regenwälder abgeholzt und damit weitere unbekannte Krankheitserreger freigesetzt werden, nur um unsere Autos zu betanken und unseren Fleischkonsum zu sichern?!

 

„Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens, vor wem sollte mir bangen?“, beten wir heute mit Psalm 27. In dieser Hoffnung sitzen auch die Jünger „im Obergemach“ und es scheint ein Öffnungsprozess stattzufinden – gegen alle Vernunft - und weil durch den Wegfall von Bekanntem und Vertrautem Raum geworden ist für Neues, für den Geist des Guten. Und das lässt dann auch nicht lange auf sich warten. Wir dokumentieren es in 10 Tagen zwischen vergangenem Donnerstag und Pfingstsonntag.

 

Wie nötig, wie bitter nötig haben auch wir diesen Geist! Wie lange sollen, müssen wir darauf warten? Reichen die zurückliegenden 7 Wochen schon? Oder braucht‘s noch einmal so viel? Oder erreicht der Geist jeden zu einem anderen Zeitpunkt, weil wir ja derzeit isoliert sind?

 

Fest steht eins: Wenn sich unser Leben nach/seit Corona deutlich von dem davor unterscheidet, dann ist er da der Geist! Möge er durch uns wirken in der Welt.

 Reinhard Olma

 

Bild: Blick nach oben, Messehalle Berlin © Sigrid Grabmeier

Irgendwas ist anders

Kondensstreifen © Tobias Grimbacher

In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu
und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Mt 28,16-20 Einheitsübersetzung

 

Irgendwas ist anders

 

In seiner Apostelgeschichte lässt der Evangelist Lukas die Himmelfahrt Christi 40 Tage nach Ostern und in Jerusalem stattfinden. Das Matthäusevangelium, aus dem unser heutiger Text stammt, nennt keinen Zeitraum und einen anderen Ort. Am Ostermorgen sagt Jesus zu Maria von Magdala und der anderen Maria: „Fürchtet Euch nicht“, und dass sie die Jünger nach Galiläa schicken mögen. Dem folgen die Jünger dann auch, sie gehen nach Galiläa, nach Hause. Vermutlich gehen sie zurück zu ihren Familien, ihrer Arbeit. Der Evangelist Johannes berichtet, dass sie wieder fischen gehen. 

Aber irgendwas ist anders. Jetzt sind sie nicht mehr Jesus und die Zwölf und die übrigen Jüngerinnen und Jünger, die so viel zusammen erleben, sondern nur noch die Elf, ohne Jesus. Sie haben wohl vernommen, dass Jesus auferstanden sei, aber was diese neue Wirklichkeit für sie bedeutet, so ganz begreifen sie das noch nicht. Sie merken nur, dass nach der begeisternden Zeit als Jesusbewegung und dem tiefen Absturz des Karfreitag sich ihr Alltag verändert hat. Vielleicht bemerken sie, dass sie sich verändert haben. Ich glaube, dass wir dieses Gefühl nie besser nachvollziehen konnten als heute.

Wir hatten uns ziemlich stabil in unserem Alltag eingerichtet, als Ende Februar zuerst die Grossveranstaltungen und dann immer mehr Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens untersagt wurden. Am Karfreitag fehlte nicht nur die Eucharistiefeier im Gottesdienst, sondern die ganze Liturgie. Die Osterkerze haben wir zuhause angezündet. Seither gibt es immer mehr Lockerungen. Allmählich kehrt der Alltag zurück. Wir kehren in den Alltag zurück. Aber irgendwas ist anders. 

Einerseits liegt das natürlich daran, dass noch lange nicht alles gelockert ist. Manche glauben in diesem Zusammenhang an den Weihnachtsmann, Adventsbazaar, Glühwein auf vollen Weihnachtsmärkten, „Transeamus“ mit Chor im Hochamt. Andere halten selbst das für unrealistisch. In der Apostelgeschichte sagt Jesus direkt vor seiner Himmelfahrt: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.“ Auch das klingt wie für uns heute gesprochen. Wie lange die Einschränkungen dauern, wir wissen es nicht, unsere Politiker nicht, unsere Epidemologen nicht. Früher hätte man gesagt, wir sind in Gottes Hand.

Dass heute irgendwas anders ist als vor dem Lockdown liegt aber nicht nur am Alltag. Es liegt andererseits auch – wie bei den Jüngern – daran, dass wir uns verändert haben. Natürlich vermissen wir vieles. Aber ich bin mir sicher, dass jede und jeder auch Dinge aus dem früheren Alltag benennen kann, die wir nicht zurück haben wollen. Dieses Gefühl, dass irgendwas anders ist, kann eine kreative Kraft entfalten. Im Privatleben, als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, als kirchlich oder politisch engagierte Menschen können wir die Erfahrungen der Krise bewahren. Viele Initiativen sind entstanden. Kontakte wurden neu geknüpft. So wächst das Reich Gottes.

Wenn Christus wirklich lebt, wenn wir leben sollen wie Christus, dann soll sich auch unser Alltag ändern - dann brauchen wir nicht in den stabilen alten Alltag zurück. Die Osterbotschaft zu Christi Himmelfahrt in Corona-Zeiten lautet dann: seid umsichtig, haltet Abstand – aber fürchtet Euch nicht!

Tobias Grimbacher

 

Foto: Kondensstreifen, 2015 Tobias Grimbacher

„Wort des lebendigen Gottes“

Kanzel in der St. Johannis Kirche in Krummesse © Sigrid Grabmeier

Schließlich bitte ich euch: lebt einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen. Seid bescheiden und vergeltet nicht Böses mit Bösem und üble Nachrede mit übler Nachrede! Im Gegenteil: Wenn ihr die segnet, die euch verleumden, entsprecht ihr eurer Berufung. Denn ihr seid ausgewählt, um den Segen zu erben.

Wer nämlich das Leben lieben und gute Tage sehen will,
soll die Zunge vom Bösen fernhalten
und die Lippen davon, listig zu sprechen,
soll sich vom Bösen abwenden und das Gute tun,
soll nach Frieden suchen und streben.
Denn die Augen Gottes schauen auf die Gerechten
und die Ohren Gottes hören auf ihre Gebete.
Gott wendet sich aber gegen jene, die Böses tun.

Und wer wird euch schlecht behandeln, wenn sich herausstellt, dass ihr euch stets darum bemüht zu tun, was erwartet wird? Aber auch wenn ihr leiden würdet, weil ihr euch nicht davon abbringen lasst, das zu tun, was vor Gott richtig ist, könntet ihr euch glücklich schätzen. Vor der Furcht, die Menschen verbreiten, braucht ihr euch nicht zu fürchten oder aus der Fassung bringen zu lassen. Haltet in euren Herzen Christus heilig, denn ihm gehören wir. Seid immer bereit, allen, die euch danach fragen, zu erklären, welche Hoffnung in euch lebt. Erklärt es freundlich und mit furchtsamer Zurückhaltung. Wenn ihr ein gutes Gewissen habt, dann werdet ihr die Menschen beschämen, wenn sie schlecht über euch reden und euch misshandeln, denn ihr pflegt als solche, die Christus gehören, einen Lebenswandel, der nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn Gottes Wille es so vorsieht, dann ist es besser, dass ihr als Menschen leidet, die tun, was erwartet wird, als dass ihr als Menschen leidet, die einen schlechten Lebenswandel haben.

 1 Petr 3,8-17 BigS Bibel in gerechter Sprache

 

„Wort des lebendigen Gottes“

 

lautet der Ruf nach der Lesung. Wort des lebendigen Gottes? Vermutlich um das Jahr 90, in einer Zeit, die nicht unsere ist – schreibt ein Mann, den wir nicht kennen, vermutlich ein Gemeindeleiter – unter dem Namen des Petrus, also mit seiner Autorität, heute würden wir sagen: unter falschem Namen – einen Brief an Leute, die wir nicht kennen – in ihre konkrete Lebenssituation hinein, die nicht unsere ist: Und das soll für uns „Wort Gottes“ sein?



Was ist das denn eigentlich, das „Wort Gottes“? Hat denn „das absolute Geheimnis, Gott genannt“, wie es Karl Rahner, der große Theologe des letzten Jahrhunderts sagt, hat also Gott je zu den Menschen so gesprochen wie ein Mensch zum anderen spricht? Machen wir uns auf die Suche.



Wenn wir die Bibel aufschlagen, dann finden wir am Anfang des Buches Genesis, dem Buch von der Erschaffung der Welt: „Und Gott sprach: Es werde Licht!“ Und was Gott spricht, das geschieht. Worte schaffen Neues und verändern die Welt. Das können wir immer wieder erleben. Wenn wir sagen „Ich liebe dich“, dann ist unsere kleine Welt auf einmal eine andere. Wenn Brautpaare Ja zueinander sagen, dann verändert das nicht nur ihre Welt, sondern auch die Beziehung zu ihren Familien, ihren Freund*innen und Bekannten.



Die Propheten des Ersten Testaments verstehen sich als Sprachrohr Gottes. Auch das ist uns geläufig. Wenn wir sagen: „Dich schickt der Himmel!“ erfahren wir in unserem Leben, dass Worte des Zuspruchs nicht nur kurzfristigen Trost spenden, sondern unserem Leben eine andere Richtung geben können.



Und dann ist Jesus, der Mann aus Nazaret, als einfacher Wanderprediger durch das Land Palästina gezogen. Was er gesagt und getan hat, das hat die Menschen aufhorchen lassen. Sein anderes Reden über Gott, den er abba, lieber Papi nennt, hat schließlich zum Zerwürfnis mit den religiösen Führern geführt, die ihn als Verbrecher ans Kreuz gebracht haben. Das Johannes-Evangelium aber bekennt: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ Im Mensch-Sein von Jesus ist das Wort Gottes zu uns gekommen, durch ihn spricht Gott zu uns. Seine zentrale Botschaft ist: Liebe Gott – und deinen Nächsten – wie dich selbst. In allem, was dieser Botschaft entspricht, erfahren wir das „Wort Gottes“, unser Handeln nach dieser Botschaft ist unsere „Ant-Wort“ und wir sind „ver-ant-wortlich“ für das, was wir tun.



Der Schreiber des 1. Petrusbriefes ruft also nicht nur die Menschen damals, sondern auch uns heute auf: „Lebt einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen. Seid bescheiden und vergeltet nicht Böses mit Bösem und üble Nachrede mit übler Nachrede! Im Gegenteil: Wenn ihr die segnet, die euch verleumden, entsprecht ihr eurer Berufung. Denn ihr seid ausgewählt, um den Segen zu erben.“ Und das ist wirklich „Wort des lebendigen Gottes“ für uns.



Magnus Lux

 

Bild: Kanzel in der St. Johannis Kirche in Krummesse © Sigrid Grabmeier, sehr schön zu sehen sind die Sanduhren, die den Predigern anzeigten, wie lange sie noch predigen mussten. 

 

Der Störer

Bergpredigt; Ireneo Alfredo Benitez, Argentinien 2007, Caritas Pirckheimer Haus Nürnberg

Wenn ihr zu dem lebenden Stein kommt, den die Menschen weggeworfen haben, der vor Gott aber auserwählt und wertvoll ist, werdet ihr selbst wie lebendige Steine. Mit euch wird ein Haus gebaut, das die Geistkraft selbst zusammenhält. Ihr werdet zu einer heiligen Priesterschaft, damit ihr Gaben darbringt, die die Geistkraft wirkt, die Gott gefallen, weil sie im Vertrauen auf Jesus Christus dargebracht wurden. Deswegen heißt es in der Schrift: Siehe, ich setze in Zion einen Eckstein, erwählt und wertvoll, und wer ihm vertraut, wird nicht verloren gehen. Ihr vertraut ihm, für euch ist er das Wertvollste. Für die aber, die ihm nicht vertrauen, ist er der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der zum Eckstein geworden ist, ein Stein, an dem sie sich stoßen, und ein Fels, der Anlass gibt, sich zu ärgern. Diejenigen, die sich durch das Wort nicht überzeugen lassen, stoßen sich daran, das ist ihre Situation. Ihr aber seid eine Familie, ausgewählt wie der Ort, an dem der König wohnt, eine Gemeinschaft von Priesterinnen und Priestern, ein heiliges Volk, ein Volk, das Gott selbst gehört. So sollt ihr der Welt verkünden, was Gott getan hat, denn Gott hat euch aus dem Dunklen in das göttliche Licht gerufen.

1 Petr 2,4-9 Bibel in gerechter Sprache

 

Der Störer

 

Eines Tages kam einer,
der störte.
Den König,
in dessen Reich er geboren wurde.
Die Folgen waren grausam.
Der Störer
störte die Schriftgelehrten,
er war gerade zwölf.
Er störte Satan,
der ihn nicht umgarnen konnte.
Er störte Dämonen
die er austrieb
und die Gesetzestreuen,
denn er heilte am Sabbat.
Er störte die Hochzeit,
sein Wein war besser.
Er störte die Herrschenden,
denn er ließ sich nicht einschüchtern.
Er störte den Tod,
denn er erweckte zum Leben.

 

 

Eines Tages kam einer
der verstörte die Fischer,
als sie mehr fingen als je zuvor.
Er verstörte die Gesellschaft
denn er berührte die Unberührbaren
und aß mit denen,
die Unrecht getan hatten.
Er verstörte die Frommen,
denn er vergab Sünden.
Er verstörte die Mächtigen,
denn er segnete die Machtlosen.
Er verstörte die Gewalttätigen,
denn er forderte Gewaltlosigkeit.
Er verstörte die Reichen,
denn er predigte Demut.
Er verstörte Pharisäer,
denn er warf ihnen Scheinheiligkeit vor.

 

 

Der Störenfried sprach:
Der Friede sei mit Euch.
Doch kein fauler Friede.
Mein Frieden ist nicht von dieser Welt.

 

 

Und sie sannen auf seine Zerstörung.
Die, die glaubten, die Macht zu haben
über richtig und falsch,
über Wahrheit und Recht,
über Leben und Tod.
Über Gott und die Welt.
Und sein Leib wurde zerstört.
Gewaltsam, grausam, zynisch.
Sein Körper geschunden,
verhöhnt und begraben.
Bis zum dritten Tag.
 

 

sein Geist störte die Grabesruhe,
zerstörte, die Fesseln des Todes,
verstörte, die ihm begegneten.

 

Stört – ewig.

Sigrid Grabmeier 

 

Bild: Bergpredigt; Ireneo Alfredo Benitez, Argentinien 2007, Caritas Pirckheimer Haus Nürnberg

Von Tür, Stimme, Würde und Gleichberechtigung

Die Tür ist offen  Foto Regina Grotefend-Müller

„Amen, amen, das sage ich euch: Wer nicht durch das Tor in den Schafstall geht, sondern anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber. Der Hirt der Schafe kommt immer durch das Tor. Der Wächter am Tor öffnet ihm, und die Schafe hören seine Stimme. Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie ins Freie. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er vor ihnen her. Die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme. Aber einem Fremden werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen. Denn sie kennen die Stimme des Fremden nicht.“ Dieses Gleichnis erzählte Jesus den Pharisäern. Aber sie verstanden nicht, was er ihnen damit sagen wollte. 

Jesus begann noch einmal: „Amen, amen, das sage ich euch: Ich bin das Tor zu den Schafen. Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber. Aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin das Tor. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Er wird hinein- und hinausgehen und eine gute Weide finden. Der Dieb kommt nur, um die Schafe zu stehlen. Er schlachtet sie und stürzt sie ins Verderben. Ich bin gekommen, um den Schafen das Leben zu bringen – das Leben in seiner ganzen Fülle.“

Johannes 10, 1-10 Basis-Bibel

 

 

Von Tür, Stimme, Würde und Gleichberechtigung

 

Ich fotografiere gern. Auf Spaziergängen, Ausflügen oder im Urlaub faszinieren mich oft besondere Motive, z.B. auch Fassaden oder Türen. Türen haben es in sich, finde ich, denn viele fallen aus dem üblichen Rahmen, weil sie durch ihre äussere Gestaltung, Form-, Farb- oder Materialgebung, oder aufgrund ihrer architektonischen Position hervorstechen. Türen und Tore sind daher oft auch Visitenkarten von Gebäuden und Häusern. Je nach subjektivem Empfinden scheinen Türen zu Objekt zu passen oder auch nicht, müssen sie repräsentativen Pflichten bzw. Vorstellungen entsprechen, können aber auch in ihrer Schlichtheit viel von dem verstecken, was sich „dahinter“ verbirgt. Türen und Tore haben also auch etwas Geheimnisvolles an sich. Eintreten oder hindurchblicken ist in der Regel nur denjenigen gestattet, die den passenden Schlüssel oder Code zum Öffnen besitzen. Damit erst erhält man dann die Erlaubnis des Zutritts zu einem größeren Ganzen.

 

Türen sind also von großer Bedeutung. Sie schützen; es ist nicht gleichgültig, wem sie offenstehen oder wem sie verschlossen sind oder bleiben, wenn sie vor der Nase zugeschlagen werden oder gar nach einem Streit laut in Schloss fallen. Manchmal auch mit der durch persönliche Verletzung verbundenen Drohung „Wenn Du jetzt gehst, bleibt diese Tür für immer geschlossen“!

 

Türen spielen auch im biblisch-christlichen Kontext eine entscheidende Rolle. In der Osterzeit geht sogar Jesus durch verschlossene Türen, wenn auch nicht materiell zu missdeuten. Ja, er sagt selbst von sich „ich bin die Tür“!- Wenn wir uns den Evangelientext des Johannes nochmals erinnern, ist dort von Schafen, Hirten und Tor zum Schafstall die Rede. Wenn Jesus davon spricht, daß der Hirte durch das Tor in den Stall tritt und jedes einzelne (!) Schaf namentlich (!) kennt und zu sich ruft, dann richtet er seine Rede zunächst an die sehr strengen Pharisäer, die die biblischen Gesetze ihrer jüdischen Glaubensgruppe sehr ernst nahmen und entsprechend auslegten. Aber die Pharisäer haben Jesus damals nicht verstanden: Jesus ist das Bindeglied, er ist die Tür z u m Schafstall! Nicht von oben wird hierarchisch-dogmatisch oder legalistisch bestimmt, wer zur Glaubens“herde“ dazugehören darf und wer nicht; nein, es geht Jesus um konkrete und namhafte Teilhabe a l l e r , gewissermaßen um ein Referendum oder neusprachlich um „Synode“ ! Es geht um Hören oder Nicht-Hören, um Mitgehen oder sich verweigern. Die Reaktion der „Herde“= Glaubende verweist auf den wahren oder falschen Hirten, auf die Stimme des Vertrauten oder die des Fremden. Die Einzelnen entscheiden aufgrund ihres individuellen und personellen Gerufenseins (=Namen !), über Anerkennung oder Ablehnung derer, die leiten, führen werden, nicht aber jene, denen es um Macht geht, und die Macht unter dem Deckmantel des „Dienens“ so leicht und gern verstecken.

 

Das kirchliche Amt „Kardinal“ steht für „cardo“, was so viel heißt wie Türangel, Dreh-und Angelpunkt. Es geht hier nicht nur bildsprachlich um Beweglichkeit und Offenheit der (kirchlichen) Türen, die verschließen und auch ausschließen können. Damit ist klar gesagt, um was es letztlich Jesus selbst geht: ER ist keine Tür, vor der man Angst haben muss, nein, diese Tür steht bereits weit offen: „Wer durch mich hineingeht, wird gerettet“. Es gibt keine Bedingung oder besondere Forderung. Diese Tür steht allen offen, Mann und Frau gleichermaßen, jeder sexuellen Orientierung, jedem Amt, jeder Aufgabe. Es gilt der Name, die gleiche Würde, das gleiche gegenseitig verantwortete Recht auf Gerechtigkeit. „Das Leben in seiner ganzen Fülle " ist nicht nur ein Versprechen, es ist bereits Wirklichkeit mit allen Konsequenzen, wenn wir uns darauf einlassen, durch diese Tür der Liebe, die zum Leben führt, hindurchzugehen. Wer einen Namen hat, hat Würde und Bedeutung, hat Stimme. Genau das macht vor Gott und den Menschen unser Christsein aus.

 

Regina Grotefend-Müller

 

Bild: Die Tür ist offen  Foto Regina Grotefend-Müller

Sie erkannten ihn nicht

Ernst Barlach - Lehrender Jesus, Peterskirche Ratzeburg,  Sigrid Grabmeier

 

Und siehe, zwei von ihnen wanderten an diesem Tag in ein Dorf, das von Jerusalem 60 Stadien entfernt war, namens Emmaus; und sie redeten miteinander über alle diese Ereignisse. Als sie miteinander redeten und nachdachten, da näherte sich Jesus selbst und ging ein Stück Weg mit ihnen. Ihre Augen aber wurden mit Kraft davon abgehalten, ihn zu erkennen. Er sprach zu ihnen: „Was sind das für Worte, die ihr unterwegs miteinander wechselt?“ Und sie blieben niedergeschlagen stehen. Derjenige, der Kleopas hieß, antwortete ihm: „Bist du der Einzige, der in Jerusalem weilt und nicht erfahren hat, was sich in diesen Tagen da ereignet hat?“ Er sagte zu ihnen: „Was?“ Sie antworteten ihm: „Das mit Jesus von Nazaret, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk; wie ihn die Hohenpriester und unsere Obrigkeit zum Todesurteil ausgeliefert haben und sie ihn gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel befreien sollte. Aber bei dem allem ist es schon der dritte Tag, seit dies geschehen ist. Aber auch einige Frauen aus unserer Mitte haben uns erschreckt. Nachdem sie früh am Morgen bei der Gruft gewesen waren und seinen Leib nicht gefunden hatten, kamen sie und sagten, sie hätten gar eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagten, dass er lebe! Einige von uns gingen hin zur Gruft und fanden es so, wie die Frauen gesagt hatten. Ihn selbst aber haben sie nicht gesehen.“ Er sprach zu ihnen: „Oh, ihr seid ja unverständig und zu schwer von Begriff, um darauf zu vertrauen, was die Prophetinnen und Propheten gesagt haben! War es nicht notwendig, dass der Gesalbte dies erlitten hat und in seinen Lichtglanz hineinging?“ Und er begann bei Mose und allen prophetischen Schriften und erklärte ihnen überall, was dort über ihn stand.

 

Und sie näherten sich dem Dorf, wohin sie unterwegs waren, und er tat so, als ob er weiterwandern wollte. Sie nötigten ihn mit den Worten: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.“ Und er ging mit, um bei ihnen zu bleiben. Als er mit ihnen zu Tische lag, nahm er das Brot, dankte; brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn. Er aber verschwand. Und sie sagten zueinander: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg mit uns sprach, und als er uns die Schriften erklärte?“ In dieser Stunde standen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück. Dort fanden sie die Elf und ihre Gefährtinnen und Gefährten versammelt. 

 

 LK.24,13-35 Bibel in gerechter Sprache

Sie erkannten ihn nicht

Wenn man die nachösterlichen Texte des Neuen Testamentes liest, fällt auf, dass  alle, die dem Auferstandenen begegnen, ihn erst einmal nicht erkennen. Das geht den Emmausjüngern so, nachdem sie mit dem Fremden viele Meilen diskutierend gelaufen sind, ebenso den Fischern am See Genezareth, bis sie mit vollen Netzen an den Strand kommen und Jesus sie zum Frühstück einlädt. Ja selbst Maria Magdalena, die ihn besser kennt als die Jünger, erkennt ihn erst einmal nicht. Erst als er mit ihnen das Brot bricht oder sie persönlich bei ihrem Namen nennt, wissen sie, dass es Jesus ist. Und das, nachdem sie drei Jahre mit im zusammen waren! Er wird erkennbar im gemeinschaftlichen Tun und in der gegenseitigen Beziehung, die auch durch seinen Tod nicht abgebrochen ist. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ ist sein Auftrag, sein Erbe und dazu seine Zusicherung: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“

  Ich glaube die Jünger haben Jesus nie ganz verstanden. Vielleicht erwarteten sie nach der Kunde von der Auferstehung, dass ihr Meister wieder leibhaftig bei ihnen ist wie früher. Dass es eine andere Wirklichkeit ist, in der sie ihn erfahren, ist für sie schwer zu verstehen. Sie erwarteten ein anderes Reich als das Reich Gottes, um das es Jesus ging. Die einen sahen in ihm den Befreier von der römischen Besatzungsmacht, andere verstanden darunter ein anderes Reich, in dem sie sich gute Posten erhofften. Nur wenige ahnten, worum es ihm wirklich ging.

  Zu denen, die Jesus nicht erkannten, gehört auch Paulus. Er hat ja Jesus nie erlebt, außer im Damaskuserlebnis. Er stilisierte Jesus als Opferlamm, dessen grausamer Tod notwendig war, um einen beleidigten Gott wieder versöhnlich zu stimmen. Ob die Opfertheologie des Paulus auch seinem dringendenWunsch entsprach, dass seine Morde an den Christen gesühnt werden müssen durch einen starken Erlöser, der die Schuld aller Menschen auf sich nahm und dafür starb?

  Welch ein Gottesbild, das sich so grundsätzlich unterscheidet von dem Bild, das Jesus von Gott verkündete! Für ihn war Gott ein Liebender, ein Vater, ein Gott der Vergebung und Versöhnung, der keine Opfergaben benötigte, sondern nur die Hingabe der Menschen an seine Liebe. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater ist das Bild, das Jesus von Gott hatte.

  Es bleibt nun die Frage: Wer ist dieser Jesus für uns heute nach der Auferstehung? Erkennen wir ihn, an welchen Zeichen? In den Gerichtsreden gibt Jesus die Antwort : „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.

  Wo und wie werden wir in diesem ungewöhnlichen Jahr unser Emmauserlebnis haben? Werden wir ihn erkennen? Die Emmausjünger baten Jesus :“Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Auch wenn er ihren Augen entschwand, ist er gegenwärtig, auch für uns in vielfältiger Weise: in denen, die im Mittelmeer Flüchtlinge retten, die ihre Gesundheit als Ärzte und Pflegepersonal aufs Spiel setzen in dieser Zeit, aber auch in denen, die unter Einsamkeit und Existenzängsten leiden und auf ein Zeichen der Verbundenheit, der Hilfe und des Trostes warten. Emmaus ist überall !

 

Der Weg

 

Irgendwo vor dir

liegt Emmaus,

das deine.

Von irgendwoher

tritt an deine Seite,

begrüßt,

begleitet dich

der geringste deiner Brüder. 

 

Georg Bydinski

 

Einen gesegneten Sonntag ! Bleiben Sie behütet !

Eva- Maria Kiklas

 

Bild: Ernst Barlach, Lehrender Christus, Kirche St. Petri Ratzeburg Foto Sigrid Grabmeier.

 

Gottesgeflüster

Corona-Agape Cristy Orzechowski

 

Sie blieben fest bei der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und bei den Gebeten. Jede Person überkam ehrfürchtiges Staunen; viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel. Alle aber, die Vertrauen gefasst hatten, waren zusammen und teilten alles, was sie hatten. Sie verkauften ihren Besitz und ihr Vermögen und verteilten den Erlös an alle, je nachdem jemand Not litt. Tag für Tag hielten sie sich einmütig und beständig im Heiligtum auf, brachen das Brot in den einzelnen Häusern, nahmen Speise zu sich voll Jubel und mit lauterem Herzen, lobten Gott und waren gut angesehen beim ganzen Volk. Der Herr aber ließ täglich welche zu ihrer Rettung dazukommen.

Apg 42-47 Bibel in gerechter Sprache 

 

 

 

Am Abend dieses ersten Tages nach dem Sabbat, als die Jüngerinnen und Jünger hinter geschlossenen Türen saßen aus Angst vor der jüdischen Obrigkeit, da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ Als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jüngerinnen und Jünger, dass sie Jesus den Lebendigen sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: „Friede sei mit euch! Wie mich Gott gesandt hat, so sende ich euch.“ Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und sagte ihnen: „Nehmt die heilige Geistkraft auf. Allen, denen ihr Unrecht vergebt, ist es vergeben. Allen, denen ihr dies verweigert, bleibt es.“

 

Joh 20, 19-23 Bibel in gerechter Sprache

 

Gottesgeflüster

Diese hier beschriebenen urchristlichen Treffen und Gepflogenheiten, die dem Abendmahl Jesu mit seinen Getreuen - und dem Aufruf: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“(Wiege der Eucharistie...? so wird gesagt…) folgten; waren Kennzeichen des Zusammenlebens und Feierns der Gemeinden. 

 

Nach und nach, haben sie sich vom URSPRUNG fortentwickelt, so meine ich. Im Abschlussdokument der Amazonassynode (Nr. 109) wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Teilnahme an diesem Mahl Quelle und Höhepunkt christlichen Lebens sei. (II. Vat. Konzil-)—Dass es Symbol des Christlichen Leibes sei. Darüber hinaus werden weitere Attribute aufgezählt: Mitte und Höhepunkt der christlichen GEMEINDEN; Quelle und Höhepunkt aller Evangelisierung!…

 

Deshalb, so heißt es, wäre der Zugang zur Eucharistie, ein Recht der Gemeinden. –Es wird logisch und kritisch bemerkt, wie das möglich sei, bei der heutigen Knappheit der Berufsklasse der Priester, die für dieses Feiern substanziell nötig seien…? An dieser Stelle hört meine Begeisterung über die Vorbildfunktion der Urgemeinde auf. Wir sind so >entstellt< u. fernab davon groß geworden… z.B.. Jetzt in Zeiten Coronas, sehen wir einsamen Eucharistien im Lifestream zu und fragen uns, ob das Gültigkeit hat mit uns Gemeindemenschen >Außen vor<?.. …

 

Ich frage momentan nur nach INNEN HINEIN… Welcher Trost wäre es besonders zum EMMAUS-Tag gewesen, mit einem kleinen Abstand-haltenden-Menschen-Kreis dieses Mahl zu feiern, da wir uns beim Brot-Brechen erkennen, beim Teilen der Speisen, der Angst wie auch der Hoffnung; und uns der Geborgenheit in Liebe gewahr würden, die dem Virus nicht erliegt…

 

Ein Solches erfahre ich im Außerhalb der Lifestreams, wenn Mahl Wirklichkeit werden kann, weil Junge Leute, die vielleicht, nicht oft in den Gottesdiensten zu sehen sind, hier Gottesdienst im Abseits unserer. Kirchen erleben lassen, jedoch nicht abseits des Evangeliums! Beispielsweise Jugendliche, welche mir, einer ihnen fremden Person, Speis und Trank ins Haus tragen! Ich segne regelmäßig diese Gaben in meinem häuslich-heiligen Gebetsort; verweile an meiner aufgestellten Coronakerze; bete für all diese Gottesdienst-HelferInnen und danke und preise wie Petrus

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir; durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten; eine lebendige Hoffnung haben:

Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst. Dadurch soll sich euer Glaube bewähren, und es wird sich zeigen, dass er wertvoller ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist. (1 Petr 1, 3; 6,7)

 

Werden uns solche und andere Goldwertige Erfahrungen, (ich nenne sie auch „GOTTESGEFLÜSTER“) jetzt in diesen Zeiten, …wieder zum Wesentlichen unserer Agapen und Eucharistien zurückfinden lassen…?

 

Werden wir uns verbinden mit dem URBI et ORBI, mit dem gesamten Erdkreis…? Werden wir Agape feiern mit den armen, um ein vielfaches mehr betroffenen Ländern oder werden wir uns auf uns nützenden, alten Gesetzen ausruhen;?

 

Werden wir die Auferstehung und GEBURT des NEUEN MENSCHEN leugnen; verraten?

Wir sind beauftragt und aufgefordert, durch die verschlossenen Türen unserer Gräber…aufzubrechen, um Frieden zu bringen. Wie?---

Es gibt nur eine Antwort: Nehmt die heilige Geistkraft auf!

 

VERGEBLICHE GLAUBENSBEKENNTNISSE 

Viel zu viele Glaubensbekenntnisse verlaufen sich bei Orgelmusik 
und Pauken und Trompeten 
bei Böllerschüssen und Herrengeschwätz 
in der Vergeblichkeit. 
Sie bringen das Geklirr der Ketten 
nicht zum Schweigen, 
verwandeln nicht, wie angesagt, 
die Herzen aus Stein,
ändern nichts an den, von uns geschaffenen, Hungerreservaten,
lassen uns das blaue Wunder 
nicht erleben. 
Denn nur getaner Glaube 
weckt die Himmelskraft: 
ICH GLAUBE 
ALSO
LIEBE ICH.

Cristy Orzechowski

Bild: Corona-Agape  Cristy Orzechowski

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brannte uns nicht unser Herz

 

 

Und siehe, zwei von ihnen wanderten an diesem Tag in ein Dorf, das von Jerusalem 60 Stadien entfernt war, namens Emmaus; 14und sie redeten miteinander über alle diese Ereignisse. Als sie miteinander redeten und nachdachten, da näherte sich Jesus selbst und ging ein Stück Weg mit ihnen. Ihre Augen aber wurden mit Kraft davon abgehalten, ihn zu erkennen. Er sprach zu ihnen: „Was sind das für Worte, die ihr unterwegs miteinander wechselt?“ Und sie blieben niedergeschlagen stehen. Derjenige, der Kleopas hieß, antwortete ihm: „Bist du der Einzige, der in Jerusalem weilt und nicht erfahren hat, was sich in diesen Tagen da ereignet hat?“ Er sagte zu ihnen: „Was?“ Sie antworteten ihm: „Das mit Jesus von Nazaret, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk; wie ihn die Hohenpriester und unsere Obrigkeit zum Todesurteil ausgeliefert haben und sie ihn gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel befreien sollte. Aber bei dem allem ist es schon der dritte Tag, seit dies geschehen ist. Aber auch einige Frauen aus unserer Mitte haben uns erschreckt. Nachdem sie früh am Morgen bei der Gruft gewesen waren und seinen Leib nicht gefunden hatten, kamen sie und sagten, sie hätten gar eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagten, dass er lebe! Einige von uns gingen hin zur Gruft und fanden es so, wie die Frauen gesagt hatten. Ihn selbst aber haben sie nicht gesehen.“ Er sprach zu ihnen: „Oh, ihr seid ja unverständig und zu schwer von Begriff, um darauf zu vertrauen, was die Prophetinnen und Propheten gesagt haben! War es nicht notwendig, dass der Gesalbte dies erlitten hat und in seinen Lichtglanz hineinging?“ Und er begann bei Mose und allen prophetischen Schriften und erklärte ihnen überall, was dort über ihn stand.

 

Und sie näherten sich dem Dorf, wohin sie unterwegs waren, und er tat so, als ob er weiterwandern wollte. Sie nötigten ihn mit den Worten: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.“ Und er ging mit, um bei ihnen zu bleiben. Als er mit ihnen zu Tische lag, nahm er das Brot, dankte; brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn. Er aber verschwand. Und sie sagten zueinander: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg mit uns sprach, und als er uns die Schriften erklärte?“ In dieser Stunde standen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück. Dort fanden sie die Elf und ihre Gefährtinnen und Gefährten versammelt.

 

Lk 24, 13-33 Bibel in gerechter Sprache

 

Brannte uns nicht unser Herz 

Brannte uns nicht unser Herz
Wie auf dem Emmaus-Gang
Gefangen war es in Scheitern und Schmerz
Bis Feuer die Dornen verschlang
 

      Wie einst der Dornbusch entflammt
      In Gottes Gegenwart
      Selbst schuld wer in Vergangenem kramt
      Uns bleibt Verzweifeln erspart
 

Brennt erst einmal unser Herz
Lädt es dich ein zum Tanz
Es braucht nicht den hohlen Kommerz
Schwingt lieber in Resonanz
 
     Hoffnung erweckt unsern Leib
     Befeuert die Leidenschaft
     Zögere nicht, mit dem Herz unterschreib
     Liebe erneuert die Kraft
 
Brennt uns nicht auch unser Herz
Wird es in Liebe berührt
Zieht uns unwiderstehlich himmelwärts
Hat im Nu zum Lieben verführt
 
     Da geh‘ n die Augen uns auf,
     Kurz darauf auch dein Kleid
     Liebe nimmt nackt seinen zärtlichen Lauf
     Erspart dem Genuss nicht den Neid
 
Brannte uns nicht unser Herz
Was hat entzündet die Glut
Lichterloh züngelt befreit das Herz
Dies Wunder tut mehr als gut
 
    Leer ist das Grab kein Beweis
    Dass Liebe den Tod überwandt‘
    Notfalls zahlt sie den unfairsten Preis
    Und alle Angst ist verbrannt
 
Brannte das Herz in der Tat
Gefeit gegen übles Geschwätz 
Mächtig in Wort und prophetischer Tat
Schrieb er ins Herz sein Gesetz
 
    Bleibe bei uns zur Nacht
    Kommt loben wir Brot und Wein
    Souverän hat er das Wunder vollbracht
    Feuer und Flamme zu sein
 
Brennt erst einmal unser Herz
Virtuos flackert sein Schein
Reckt es sich lodernd himmelwärts
Lasst uns Feuer & Flamme sein

 

Günther M. Doliwa

Ostermontag 2019

Die Verlierer*innen sind die Sieger*innen

Hans Holbein d. J. - Noli me Tangere 1524 Hampton Court

 

Am ersten Tag nach dem Sabbat kam Maria aus Magdala früh, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie los und kam zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, dem, den Jesus liebte. Sie sagte zu ihnen: „Sie haben den Rabbi aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wo sie ihn hingebracht haben.“ Da gingen Petrus und der andere Jünger los und kamen zum Grab. Die beiden liefen zusammen, aber der andere Jünger lief schneller als Petrus und kam zuerst zum Grab. Er bückte sich und sah die Tücher daliegen, aber er ging nicht hinein. Simon Petrus, der ihm folgte, kam auch, ging in das Grab hinein und sah die Tücher daliegen, aber das Tuch, das seinen Kopf bedeckt hatte, lag nicht bei den anderen Tüchern, sondern zusammengefaltet für sich an einem eigenen Ort. Dann ging auch der andere Jünger, der zuerst zum Grab gekommen war, hinein und er sah und glaubte. Allerdings wussten sie noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste. Die beidenJünger gingen wieder zu sich.

 

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sah zwei Engel in weißen Kleidern dasitzen, einer am Kopf und einer an den Füßen, wo der Körper Jesu gelegen hatte. Sie sagten zu ihr: „Frau, warum weinst du?“ Sie sagte zu ihnen: „Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.“ Als sie dies gesagt hatte, drehte sie sich um und sah Jesus dastehen, aber sie wusste nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: »Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Sie dachte, dass er der Gärtner wäre, und sagte zu ihm: „Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sage mir, wo du ihn hingebracht hast, und ich werde ihn holen.“ Jesus sagte zu ihr: „Maria!“ Sie wandte sich um und sagte zu ihm auf Hebräisch: „Rabbuni!“ – das heißt Lehrer. Jesus sagte zu ihr: „Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Geh aber zu meinen Geschwistern und sage ihnen: Ich steige auf zu meinem Gott und eurem Gott, zu Gott, die mich und euch erwählt hat.“ Maria aus Magdala kam und verkündete den Jüngerinnen und Jüngern: „Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen.“

 

Joh 20, 1-18 Bibel in gerechter Sprache

 

Die Verlierer*innen sind die Sieger*innen

Ostern. Das Fest aller Feste. Das Fest aller Feste? Hat nicht Weihnachten diesem Ostern den Rang nicht längst abgelaufen? Weihnachten, das ist was fürs Gemüt – Ostern, na ja, Osterfreude, Auferstehung: tot ist tot – und dann doch nicht? Was soll man damit anfangen?


Und doch ist Ostern das Fest aller Feste: Hier geht es darum, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass die Verlierer die Sieger sind, dass „die Mächtigen vom Thron gestoßen“ werden, wie Maria schon im Magnificat singt. Das ist das Programm der ganzen Botschaft des Mannes aus Nazaret, an Ostern kristallisiert es sich.


Eingebettet in das heutige Evangelium ist der „Wettlauf der Jünger zum Grab“. Ich kann mich an eine Predigt erinnern, die diesen Wettlauf zum Thema gemacht hat. Der Jünger, den Jesus liebte, lässt dem Petrus den Vortritt. So sei das nun mal in der Kirche: der Amtsträger habe den Vorrang. (So hätten es reaktionäre Bischöfe in der Kirche immer noch gern.) Der Lieblingsjünger glaubt; doch was heißt das, wenn auch er wie Petrus nicht verstanden hat, worum es eigentlich geht. Na ja, was soll man machen, man geht halt wieder nach Hause.


Ich habe mir damals schon gedacht: Welche Rolle spielt eigentlich Maria von Magdala, die sich als erste auf den Weg gemacht hat? Von zwei Engeln muss sie sich fragen lassen, warum sie weint. Engel, das sind die Boten Gottes, die die Menschen darauf hinweisen, was das bedeutet, was sie von sich aus nicht begreifen. Und tatsächlich hat Maria nichts begriffen; als sie sich umdreht und Jesus sieht, meint sie, es sei der Gärtner. Doch dann spricht sie Jesus mit Namen an: Maria. Und Maria wendet sich um und erkennt Jesus. So kann Maria von Magdala zur Apostolin der Apostel werden.

Nur wenn ich mich angesprochen weiß, wenn ich mich beim Namen gerufen fühle, wenn also ich gemeint bin, kann ich erkennen, wer der mir fremde Mann aus Nazaret, aus einer langen Zeit vor uns, für mich und für uns ist: Rabbuni, das heißt Meister, Lehrer. Mehr noch: Wir müssen uns umwenden, das heißt wir müssen etwas mit anderen Augen sehen, um zu erkennen, worum es wirklich geht, wir müssen „konvertieren“, wie es im lateinischen Text heißt. Eine Frau hat den Männern die Augen geöffnet. Das können die Männer der Kirche den Frauen bis heute nicht verzeihen. Erst jetzt merken sie allmählich, dass die Kirche ohne die Frauen nur die halbe Kirche ist. Diese Erkenntnis muss aber genügen! Dass sich Frauen als Nachfolgerinnen der Apostolin der Apostel sehen und gleiche Rechte wie die Nachfolger der Apostel fordern: Das geht doch entschieden zu weit!

Wie war das doch? „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Das ist Ostern.

Magnus Lux

Bild: Hans Holbein d. J. - Noli me Tangere 1524 Hampton Court

KARFREITAG 2020 – unter anderen Vorzeichen

Günther M. Doliwa

Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Jener andere Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt und ging zusammen mit Jesus in den Hof des Hohenpriesters. Petrus aber stand draußen an der Tür. Der andere Jünger, der mit dem Hohenpriester bekannt war, ging wieder hinaus, sprach mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da sagte die Sklavin, die Türhüterin, zu Petrus: „Bist du nicht auch ein Jünger dieses Menschen?“ Petrus sagte: „Das bin ich nicht.“ Die Sklavinnen und Sklaven und die Leute standen bei einem Kohlenfeuer, das sie angezündet hatten, weil es kalt war, und wärmten sich. Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.

Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jüngerinnen und Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: „Ich habe öffentlich vor der Welt gesprochen, ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle zusammenkommen. Ich habe nichts im Geheimen gesagt. Warum fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich ihnen gesagt habe! Sieh, diese wissen wirklich, was ich gesagt habe.“ Als er das sagte, ohrfeigte einer der dabeistehenden Leute Jesus und sagte: „Antwortest du so dem Hohenpriester?“ Jesus antwortete ihm: „Wenn ich Falsches geredet habe, dann bezeuge, dass es falsch ist! Wenn es aber richtig ist, warum schlägst du mich?“ Da sandte ihn Hannas gefesselt zum Hohenpriester Kajaphas.

Simon Petrus stand und wärmte sich. Da sagten sie zu ihm: „Bist du nicht auch sein Jünger?“ Er stritt es ab und sagte: „Das bin ich nicht.“ Ein Sklave des Hohenpriesters, ein Verwandter von dem, dem Petrus das Ohr abgeschlagen hatte, sagte: „Habe ich dich nicht mit ihm im Garten gesehen?“ Da leugnete Petrus wieder. Und sofort krähte der Hahn.

 

Joh 18, 15-27  Bibel in gerechter Sprache

 

KARFREITAG 2020 – unter anderen Vorzeichen

Dies ist kein Loblied auf das „hochheilige Kreuz“, in dem sich Gott offenbaren würde. Hier wird nicht das Leiden und Sterben Christi gefeiert, das Vergießen des edelsten Blutes, durch das wir von Sünden erlöst wären. Das Thema an Karfreitag ist der VERRAT - und die Folgen. Es geht um die Spannung zwischen den diametralen Gegen-Sätzen: Ich bin es! den Jesus sagt, und der Selbstverleugnung des Petrus, der ausstößt: Ich bin es nicht! SELBSTVERRAT ist das einzige, wovor der Mensch sich hüten muss gerade im Angesicht des Todes. Der Verrat zerstört ein ganzes Leben. Er stürzt in extremste Verzweiflung. Diese ahnt Petrus, als er an der Pforte, am Kohlenfeuer, im Morgengrauen als Anhänger Jesu erkannt wird – und verleugnet, Jesus überhaupt zu kennen. Sogar ein Ohr des Hohepriester-Dieners Malchus als Schlachttrophäe bringt ihm nichts als Scherereien. Petrus erweist sich als Großmaul. Er ist noch nicht so weit, zu sich zu stehen. Er wird zurechtgestutzt. Er muss erst durch die Hilflosigkeit hindurch. Der krähende Hahn verrät seinen Verrat. Petrus, von wegen Fels - eher Klippe! Eine andere Verzweiflung erlebt Judas, der von Jesus enttäuscht, ihn mit einem Kuss verrät. Die dreißig Silberlinge wirft er den Auftraggebern hin. Sein Leben erstickt im Strick.

Jesus, der Nazoräer, aber steht ganz zu sich. Er nimmt kein Wort zurück, das er in der Synagoge gelehrt hat, keine Tat, die er „offen vor aller Welt“ als öffentliche Person vollbracht hat. Jesus vertritt keine Geheimlehre. Er allein strahlt, trotz Gefangenschaft, in seiner ganzen Freiheit im Hof des Hohenpriesters Hannas, der von seinem Schwiegervater Kaiphas das Amt geerbt hat und nach dessen Devise lebt: Es ist besser, dass ein einziger für das Volk stirbt. Wer zur Macht verführt ist, der ist für Verführung zum Leben verloren.

Die Psychologie nennt die Angst vor der Autonomie den eigentlichen Verrat. Zwei Wege biete die Entwicklung: Liebe oder Macht. Der Weg der Macht spiegelt die Ideologie des Herrschens, die Leiden und Hilflosigkeit als Schwäche ablehnt, abspaltet und sich auf das Erfolgsrezept versteift, sich ständig beweisen zu müssen. Ein ständiger Kampf, weit entfernt von der Fähigkeit, das Leben zu bejahen. Er vermeidet, verneint, unterdrückt gerade das, wozu im besonderen Maße Frauen Zugang haben, sofern diese ein Selbst haben, das Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen kann, nämlich: zur Empathie fähig zu sein. Die wahre Autonomie entwickelt sich aus dem Lebendig-sein, dem Zugang zu ureigenen Gefühlen der Freude, des Leids, des Schmerzes. Empathie wird zum Katalysator der Autonomie. „In Gesellschaften, in denen als Preis für die Liebe Gehorsam, Konformität und Abhängigkeit gefordert werden, darf es nicht erstaunen, dass Autonomie als wesentlichster Integrationsfaktor der Entwicklung verneint oder zumindest verschleiert wird.“ (Arno Gruen. Der Verrat am Selbst 1986/1998 S. 28) Alles, was den persönlichen Selbstbetrug gefährdet, wird gehasst. Zu hoffen, dass uns eine Autorität bestätigt, der wir uns ergeben haben, erlöst nicht. Wer anfällig ist, stets gefällig zu sein, kommt in gefährliche Ergebenheit (Fatalismus). Merken wir eigenes Leiden, können wir uns differenzieren und von der Illusion befreien, dass Machtausübung weniger hilflos macht. Prüfe, ob es dir um Macht oder Liebe geht! Das ist das Dilemma. Das wäre eine Karfreitagsmeditation heute.

Das Böse der Macht ist aus dieser Sicht eine Flucht vor dem Selbst. Die Entmenschlichung des Mannes und die Unterdrückung der Frau nehmen hier doppelt Ansatz. Die Sucht der Männer nach Überlegenheit und die Angst vor Lebendigkeit schädigen uns Männer enorm. Frauen müssen keine Stütze mehr sein, indem man sie missbraucht, um eigene Schwächen zu vermeiden. Wir müssen unsere eigenen Bedürfnisse entdecken, sonst verlieren wir uns selbst. Die Bürokratie der Kirche, die ihre Rolle nach dem Vorbild Roms aufbaute, auf bedingungslosen Gehorsam an eine Autorität setzt(e), untergräbt das Menschliche durch institutionelle Macht. Ein Bewusstsein, das auf Herrschen aufgebaut ist, fällt auseinander, wenn die Ohnmacht kommt, weil sie nichts anderes gelernt hat, als sich aufzuplustern. Und diese Ohnmacht kommt. Zurzeit mit Wucht durch ein von Tieren auf Menschen übertragenes Virus, das die Räder zum Stillstand bringt, Firmen und Läden schließt, Flugzeuge am Boden hält, Kontaktverbote veranlasst, aber auch die Natur aufatmen lässt. Jetzt hat die Gesellschaft Zwangspause. Eine unerwartete Chance, über Prioritäten nachzudenken, Verzichtbares zu prüfen, menschliche Abstände neu zu vermessen und Solidarität im Kleinsten zu üben. Aber bitte nicht so, dass alle anderen Katastrophen plötzlich irrelevant wären. „Für mich ist das Hauptproblem, dass die Schutzlogik derzeit alle anderen Anliegen überlagert.“ (Pater Mertes, Zeit, 2.4.2020) 

Befreiend ist es, sich in einen größeren Lebenszusammenhang einzubetten. Befreiend, seine Grenzen zu akzeptieren; befreiend, seine Grandiosität aufzugeben. Jeder Organismus braucht Stimulation, sich lebendig zu fühlen. Wahre Stärke strömt aus der Konfrontation mit der Schwäche. Dazu lädt Karfreitag ein. Unter der Angst (vor dem Tod) schläft eine Kraft. Wahre Beherrschung des Selbst (Autonomie) ist möglich. 

In Zeiten der Corona-Pandemie 2020 aber bekommen wir unsere Ohnmacht geballt zu spüren. Wir ahnen paradoxerweise im Kontakt-Entzug, was Befreiung sein könnte. Politik meint, sie könnte uns von der existenziellen Hilflosigkeit angesichts des Todes befreien. Keine Politik schafft den Tod ab. Sie schnürt Milliardenschutzschirme, wo doch die bisherigen Verteilungsmechanismen schon fragwürdig waren. Unterbezahlten stehend zu applaudieren anstatt sie finanziell zu honorieren, enthält eine zynische Note. Das bekannte Szenario – Quarantäne, Kontaktsperre, Ausgangsbeschränkungen - lässt uns erleben, was alles nicht mehr geht und wer am meisten darunter leidet. Dem gegenüber erfahren wir, welch ungeheurer Einfallsreichtum im Volk schlummert, das Beste aus dem Schlechten zu machen; wir erleben im Wurzelwerk des Volkes, was plötzlich alles einfach geht, ohne Aufforderung oder Erlaubnis von oben, aus Solidarität, Bürgerwitz, Künstlerkreativität. Not macht erfinderisch. Sketsche, Witze, (manchmal unter Niveau), Balkon-, Wohnzimmer-Musik, Gratiskonzerte. Solidarität blüht auf, Spenden beenden Miseren. 

Auf einen Schlag ist Kirchenversammlung verzichtbar. Reformthemen sind irrelevant. Weil Glaubens- und Wissenskonzerne im Grunde nur mit Hoffnungspraxis punkten können, nicht damit, Meinungen zu sortieren. Absurd, wie die katholische Kirche sich verhält, wenn Priester vorkonziliare Solo-Altar-Messen ohne Gemeinde feiern; wenn sie, mit nachträglichem Dispens von der Sonntags-Gottesdienstpflicht, den vom Staat verordneten Veranstaltungsverboten einen klerikalen Machtstempel aufdrücken will. Wenn sie im 21. Jahrhundert noch immer meint, Sündenstrafen „urbi et orbi“ vergeben zu müssen, als wären die Folgen von Handlungen nicht schon Strafe genug. Und da steht dann der gute alte Papst unterm Baldachin auf dem menschenleeren Petersplatz im Regen und stemmt mit letzter Kraft eine Monstranz hoch. Eine perfekt inszenierte „Oper“ des Trostes? Reicht virtuelle, geistliche Kommunion? 

Wer so richtig zu handeln meint, der schaue auf Jesus im Johannes-Evangelium, alleine vor Gericht. (Sehen wir einmal davon ab, dass ausgerechnet ihrer Autonomie beraubte Männer immer den souveränen Part Jesu vortragen.) Der Machtzyniker Pilatus leistet den Offenbarungseid der Machtpolitik. Mit Jesu Königtum kann er nichts anfangen. Der spricht vom „Zeugnis für die Wahrheit“, die ein Fremdwort für jeden Pilatus ist, der nicht weiß, woher die kommen soll. Obwohl er dreimal Jesu Unschuld feststellt, lässt er ihn auf Druck der Massen foltern, verspotten, bloßstellen: Seht, der Mensch! Dann liefert er ihn und zwei andere zur Kreuzigung aus und wäscht seine Hände in Unschuld.

Und die Frauen? Sie zeigen, was Männern unmöglich scheint: Empathie. Einfach da sein im Ärgsten. Ausnahme, der Jünger, für den Jesus heftige Gefühle zeigt und der sich um Jesu Mutter kümmern wird. Beim Kreuz stehen nur noch: seine Mutter, seine Tante, die Frau des Klopas und Maria Magdalena. Das Evangelium des Johannes, spät, vielleicht erst ein Jahrhundert nach Christus verfasst, zoomt nah ans Geschehen. Es erfasst, wie Jesus zu sich steht; wie Petrus dies nicht schafft; wie Religion und Politik aus Eigeninteressen über Leichen gehen. „Mich kann man töten, nicht aber die Stimme der Gerechtigkeit!“ Dieser bleibend gültige Satz der Unüberwindbarkeit der Wahrheit, für die Jesus Zeugnis ablegt, stammt aus dem Mund des ebenfalls ermordeten Oscar Romero (24. März 1980) aus El Salvador. Kirchen-Männer, die sich scheuen, sich mit dem Kirchenvolk gemein zu machen, die meinen, das Katholische lasse sich über ihre Privilegien definieren, sind wahrlich auf dem Holzweg. Karfreitag ist auch ihre Stunde der Wahrheit.

Aber vielleicht bequemt man sich ja, sich an Ostern der frühlingsstarken Lebendigkeit des Lebens zuzuwenden, (zu dem auch Viren und der Tod gehören). Denn Ostern steht vor der Tür. Richtig: Vor der Tür. Man muss sich also ins Freie wagen. Und – siehe da! – Frauen, unter ihnen als erste Maria Magdalena, kommen uns mit einer frohen Lebensbotschaft entgegen: Er ist im Grab einfach nicht zu finden!  

 © Günther M. Doliwa, Autor, Künstler, Theologe www.doliwa-online.de

Bild: Günther M. Doliwa

Ich gebe euch ein Beispiel

Rembrandt van Rijn Fußwaschung zw. 1640 und 1649, Rijksmuseum Amsterdam.

Vor dem Pessachfest wusste Jesus, dass seine Zeit gekommen war und er aus dieser Welt weg und zu Gott, seinem Ursprung, gehen würde. Und wie er alle, die in der Welt zu ihm gehören, immer geliebt hatte, liebte er sie bis zum Ende. Bei einem Essen, als die teuflische Macht schon Judas, dem Sohn von Simon Iskariot, eingegeben hatte, Jesus auszuliefern, wusste Jesus, dass Gott ihm alles anvertraut hatte, und dass er von Gott hergekommen war und wieder zu Gott gehen würde. Da stand er vom Essen auf, zog seine Kleider aus, nahm eine Schürze und band sie sich um. Dann goss er Wasser in die Schüssel und begann die Füße der Jüngerinnen und Jünger zu waschen und sie mit der Schürze, die er umgebunden hatte, abzutrocknen. Als er zu Simon Petrus kam, sagte der zu ihm: „Rabbi, du willst mir die Füße waschen?“ Jesus antwortete und sagte zu ihm: „Was ich mache, verstehst du jetzt nicht, du wirst es aber später begreifen.“ Petrus sagte zu ihm: „Du sollst mir bestimmt niemals die Füße waschen!“ Jesus antwortete ihm: „Wenn ich dich nicht wasche, gehörst du nicht zu mir.“ Simon Petrus sagte zu ihm: „Rabbi, wasche nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und den Kopf!“ Jesus sagte ihm: „Wer gewaschen ist, braucht nichts – außer dass die Füße gewaschen werden –, sondern ist ganz rein. Ihr seid rein, aber nicht alle.“ 1Denn er wusste, wer ihn ausliefern würde. Deshalb sagte er: „Ihr seid nicht alle rein.“

Als er ihnen die Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und legte sich wieder hin. Er sagte zu ihnen: „Versteht ihr, was ich für euch getan habe? Ihr habt euch mir angeschlossen und lernt von mir, ihr verehrt mich und gehorcht mir, und das ist gut und angemessen. Ich bin euer Lehrer und Herr – wenn nun ich euch die Füße gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füße zu waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr füreinander tut, was ich für euch getan habe.“ 

Joh 13,1-15, Bibel in gerechter Sprache

 

Ich gebe euch ein Beispiel

Die Kartage und das Osterfest werden diesmal sehr anders verlaufen, als wir es sonst gewohnt sind. Fehlen wird uns vor allem die Gemeinschaft, sowohl in unserem familiären als auch im kirchlichen Leben. Dass uns das bewußt wird, kann durchaus zu den positiven Erfahrungen zählen, die wir in der momentanen Situation machen. Wir spüren immer mehr, was wirklich ein Wert in unserem Leben ist und was entbehrlich wird. Wir können auch neue Einsichten gewinnen und andere Erfahrungen machen.

Von den Kar- und Ostertagen ist mir der Gründonnerstag immer wichtiger geworden, weil die Opfertheologie in den Lesungen und in der Liturgie nicht vorherrschend ist. Es geht in den Texten Jesu darum wie die Jünger nach seinem Sterben miteinander umgehen sollten. Zwei Ereignisse gehören zum Gründonnersta : das Pessachmahl und die Fußwaschung. Johannes stellt die Fußwaschung in den Mittelpunkt seines Berichtes und das Mahl nur als solches erwähnt er nur beiläufig. Die Kirche jedoch hat die Eucharistie in den absoluten Mittelpunkt gestellt. Aber ich denke, die Fußwaschung als Aufforderung zum Machtverzicht und zum Dienst an den Menschen ist die eigentliche Aufgabe der Kirche und all derer, die zur Jesusnachfolge bereit sind.

Das gemeinsame Mahl ist die Kraftquelle, das Brot, das uns zu diesem Dienst am Nächsten befähigt. So war auch das Amt, das als erstes in den Jesusgemeinden eingeführt wurde, nicht das des Priesters, sondern das der Diakonin, des Diakons, die sich um die kümmern sollten, die der Hilfe der Gemeinde bedurften. Dass das nur Männer waren, glaube ich nicht; denn unter denen, die Jesus nachfolgten, waren ja auch viele Frauen. Frauen waren jahrhundertelang in dieser dienenden Rolle, z.T. bis heute. Und wenn Jesus sagt, dass er mit der Fußwaschung ein Beispiel gibt, „damit ihr einander tut, wie ich euch getan habe“, dann gilt das für alle, Männer und Frauen.

In diesen Zeiten der Coronakrise müssen wir zwangsläufig auf die gemeinsame Mahlfeier als Zeichen der Gemeinschaft, der Gemeinde verzichten. Aber die zweite Säule, unser Dienst am Nächsten, bekommt eine ganz neue Bedeutung, wird plötzlich auch Brot und Stärkung für viele, die allein, hilflos und voller Ängste sind. Unsere modernen Kommunikationsmittel bieten viele Möglichkeiten; und die Hilfe der Jüngeren den Älteren gegenüber wird gebraucht wie nie zuvor.

Die Hoffnung, dass nach Bewältigung dieser Krise vieles anders sein wird, dass viele Menschen erfahren haben worauf es im Leben ankommt, was Menschen wirklich brauchen, auch von uns als Kirche - könnte das die Osterbotschaft von 2020 sein ? Von Bischof Gaillot stammt das Wort : „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts!“ Und Jesus sagt: „Ich habe Euch ein Beispiel gegeben, damit ihr tut, was ich euch getan habe.“

 

Ein gesegnetes Osterfest Ihnen allen !

Eva- Maria Kiklas

 Bildnachweis: Rembrandt van Rijn Fußwaschung zw. 1640 und 1649, Rijksmuseum Amsterdam.

 

Hätten Sie ihn empfangen?

Stephan Guber: Kritische Besucher - Nikolai-Kirche Plön 2019

Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los, und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen.

Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!

Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.


Mt 21,1-11, Einheitsübersetzung

 

Hätten Sie ihn empfangen? 

„Angenommen, Sie hätten damals gelebt

Mal angenommen

Hätten Sie ihn dann empfangen als den Erlöser?

Den Messias?

Den König des neuen Reiches?

Einer neuen Zeit

Hätten Sie ihn mit Palmwedeln zugewinkt und gerufen: Hosianna, der König ist gekommen!

Der Christus ist geboren!

Oder wären Sie drinnen geblieben

Aus Ihren Häusern spähend

Auf den Mann, der etwas brachte, was niemand wirklich verstand

Eine Botschaft

Ein Beispiel

Ein Opfer?

Wo hätten Sie gestanden

Am Wegesrand

Oder hinter den Fenstern

Oder wäre das egal gewesen

Sind wir alle ein Spielball des Schicksals

Wird uns unser Platz angewiesen und nicht von uns selbst gewählt

Es ist verlockend, das zu glauben, nicht wahr?

Dass deine Geschichte geschrieben ist, noch bevor du geboren wirst

Und dass du höchstens ein Mal mehr flehen kannst:

„Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“

Aber manchmal geht er nicht vorüber

Manchmal wird er einem in die Hand gedrückt und muss man trinken vom sauren Wein

Das galt nicht nur für ihn

Sondern auch für mich

Nein, nein, das soll keine Entschuldigung sein

Ich nehme an, dass Sie das mittlerweile schon verstanden haben

Dass es mir nicht um Entschuldigungen geht

Oder um Rechtfertigung

Rechtfertigung Meiner Tat“

 

 

Das ist ein Ausschnitt aus dem Theaterstück JUDAS von der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans. Wir, die Studio-Bühne-Essen, haben gerade beschlossen, dieses Ein-Mann-Stück zu inszenieren. Die Premiere ist für Februar 2021 geplant, und ich werde die Rolle des Judas übernehmen. Die Produktion wird mobil sein, d.h. ich werde sie auch in Gemeinden, Klöstern oder auf Kirchentagen spielen können. Vielleicht ja sogar auf einer Bundesvesammlung von WIR SIND KIRCHE?!

Das kommende Osterfest wird anders sein, als alle bisherigen Osterfeste. Während ich diesen Brief gerade verfasse, weiß ich nicht, wie die Welt aussieht, wenn er an Palmsonntag veröffentlicht werden wird. Wir erleben gerade ein Paradoxon, das wir hoffentlich sehr intensiv erleben: Ein zueinander Näherrücken bei gleichzeitiger Isolation voneinander. Da steckt bei allem Schrecken ein riesiges Potential drinnen, das wir hoffentlich gut nutzen. In der zwangsweisen Entschleunigung wieder klar zu kriegen, was wirklich wichtig ist und was nicht! Dann hat das Virus einen Sinn, ist nicht heillose Strafe sondern heilsames Geschenk!

 Bitte bleibt gesund im HERRN

 

Johannes Brinkmann / Essen

 

 

Bild:

Ausstellung: Kritische Besucher. Skulpturen des hessischen Bildhauers Stephan Guber in der Nikolai-Kirche Plön 2019

Foto Sigrid Grabmeier

 

Tod, Co-Vid19 und Beziehungen über den Tod hinaus

Lazarus - Friedhof  der Stabholzkirche  in Karpacz Górny

 Ein Mann war schwer krank, Lazarus aus Betanien. Das ist das Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta lebten. Maria war es übrigens, die Jesus später die Füße mit Öl gesalbt und mit ihren Haaren abgetrocknet hat. Der kranke Lazarus war ihr Bruder. Die Schwestern ließen Jesus die Nachricht zukommen: »Herr, sieh doch! Dein Freund ist schwer krank!« Als Jesus das hörte, s gte er: »Diese Krankheit führt nicht zum Tod. Sie soll vielmehr die Herrlichkeit Gottes zeigen. Denn durch sie soll der Sohn Gottes zu seiner Herrlichkeit kommen.«5 Jesus liebte Marta und ihre Schwester und ebenso auch Lazarus. Jesus wusste also, dass Lazarus schwer krank war. Trotzdem blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er gerade war. Dann sagte er zu den Jüngern: »Lasst uns wieder nach Judäa gehen.«  Die Jünger erwiderten: »Rabbi, vor Kurzem wollten die Leute in Judäa dich steinigen! Und du willst wieder dorthin gehen?«9 Jesus antwortete: »Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wer tagsüber umhergeht, stolpert nicht, denn er sieht das Licht, das diese Welt erhellt. Wer aber bei Nacht umhergeht, stolpert, denn er hat kein Licht bei sich.« Nachdem er dies zu den Jüngern gesagt hatte, fuhr er fort: »Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen. Aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.« Da sagten die Jünger zu ihm:» Herr, wenn er schläft, wird er sich erholen.« Jesus hatte aber über den Tod des Lazarus gesprochen. Die Jünger dagegen meinten, es geht um den gewöhnlichen Schlaf. Da sagte Jesus ganz offen zu ihnen: »Lazarus ist gestorben. Und ich freue ich für euch, dass ich nicht bei ihm war. Denn dadurch werdet ihr zum Glauben kommen. Also lasst uns jetzt zu ihm gehen.« Thomas, der auch Didymus genannt wird, sagte zu den anderen Jüngern: »Kommt, wir gehen mit –und sterben mit ihm!« 

Als Jesus nach Betanien kam, lag Lazarus schon vier Tage im Grab. Betanien war nahe bei Jerusalem nur ungefähr fünfzehn Stadien entfernt. Viele Leute aus der Umgebung waren zu Marta und Maria gekommen. Sie wollten ihnen in ihrer Trauerüber den Tod ihres Bruders beistehen. Als Marta hörte, dass Jesus kam, ging sie ihm entgegen. Aber Maria blieb im Haus. Marta sagte zu Jesus: »Herr, wenn du hier gewesen wärst, hätte mein Bruder nicht sterben müssen. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, das wird er dir geben.« Jesus antwortete ihr: »Dein Bruder wird vom Tod auferstehen!« Marta erwiderte: »Ich weiß, dass er auferstehen wird –bei der Auferstehung der Toten am letzten Tag.« Da sagte Jesus zu ihr: »Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben -in Ewigkeit nicht. Glaubst du das?« Sie antwortete: »Ja, Herr, ich glaube fest: Du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in diese Welt kommen soll! 

 Nachdem Marta das gesagt hatte, kehrte sie zurück und rief ihre Schwester Maria. Leise sagte sie zu ihr: »Der Lehrer ist da. Er lässt dich rufen.« Als Maria das hörte, stand sie schnell auf und ging zu Jesus. Jesus war noch nicht ins Dorf hineingegangen. Er hielt sich immer noch dort auf, wo Marta ihn getroffen hatte. Im Haus waren immer noch die Leute, die Maria beistehen wollten. Als sie sahen, dass Maria aufstand und schnell hinausging, folgten sie ihr. Sie dachten: »Sie will zum Grab gehen, um dort zu weinen.« Maria kam dorthin, wo Jesus war. Als sie ihn sah, fiel sie vor ihm auf die Knie und sagte: »Herr, wenn du hier gewesen wärst, hätte mein Bruder nicht sterben müssen.« Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Leute weinten, die sie begleiteten. Da wurde er im Innersten von Zorn ergriffen. Er fragte:» Wo ist sein Grab?« Sie antworteten: »Herr, komm und sieh selbst!« Da brach Jesus in Tränen aus.3Die Leute sagten: »Seht doch, wie sehr er ihn geliebt hat!« Aber einige von ihnen bemerkten: »Dem Blinden hat er die Augen geöffnet. Konnte er nicht verhindern, dass Lazarus stirbt?« 

Jetzt wurde Jesus erst recht zornig. Er ging zum Grab .Es bestand aus einer Höhle, vor deren Eingang ein Stein gerollt war. Jesus sagte:» Wälzt den Stein weg!« Marta, die Schwester des Verstorbenen, erwiderte: »Herr, er stinkt schon. Es ist doch schon der vierte Tag.«  Jesus sagte zu ihr: »Habe ich nicht zu dir gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?« Da wälzten sie endlich den Stein weg. Jesus blickte zum Himmel empor und sprach: »Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste ja, dass du mich immer erhörst. Aber ich sage es wegen der Leute, die hier stehen. Sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.« Nachdem er das gesagt hatte, schrie er mit lauter Stimme: »Lazarus, komm heraus!« Da kam der Tote heraus. Seine Füße und seine Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Tuch verhüllt. Jesus sagte zu den Leuten: »Befreit ihn davon und lasst ihn nach Hause gehen.«  Die Leute, die bei Maria waren, hatten miterlebt, was Jesus getan hatte. Daraufhin kamen viele zum Glauben an Jesus.

Joh 11, 1-45,  Basis-Bibel 

Tod, Co-Vid19 und Beziehungen über den Tod hinaus

Wie geht es Ihnen beim Lesen des heutigen Sonntags-Evangeliums nach Johannes ? Es ist eine unglaublich dichte, spannungsreiche Begebenheit, die uns erzählt ist und die es wirklich in sich hat !

Lazarus stirbt! Eine Todesnachricht, aber auch eine Auferweckungserzählung so kurz vor Ostern in Zeiten unserer heutigen weltweiten Krisensituation, die durch einen Virus (Covid-19) ausgelöst wurde, die unsere weltweite menschliche Solidarität in existentiellen Bereichen extrem herausfordert.

Lazarus stirbt- und seine Schwestern, Marta und Maria, trauern zusammen mit ihrem gemeinsamen guten Freund Jesus. Angesichts der vielen tausend Virus-Toten in wenigen Monaten des Jahres 2020 eine sehr beklemmende, übertragbare Erfahrung. Das Corona-Virus wirft uns auf das zurück, was wir sind: sterbliche Menschen, zurückgeworfen auf unsere eigene Endlichkeit. Unser aller Leben ist abhängig von der Gesundheit des eigenen Körpers. Der Corona-Virus katalysiert die sehr berechtigte Angst vor tödlichen Krankheiten, vor Krebs, Schlaganfällen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die statistisch gesehen die heute häufigsten Todesursachen darstellen. Technisch haben wir Menschen viel erreicht, in der westlichen Welt funktioniert fast alles, was wir erschaffen haben, nahezu nahtlos. Aber über uns selbst sind wir Menschen alle letztlich machtlos. Uns ereilt derzeit eine lange nicht mehr gekannte Extremerfahrung, die uns alle aufs äusserste herausfordert:  Erfahrungen der Solidarität für Schwächere stehen individuellen Ansprüchen und Bedürfnissen und Konfrontationen mit Entfremdung, Wahrnehmungsbeeinflussungen, Verunsicherungen des uns begegnenden Gegenübers, Misstrauen, Abschottung, Vereinsamung, Atomisierung, Isolation, aber auch sensibler Wahrnehmung von Entschleunigung und der Besinnung auf Rücksichtnahme gegenüber, der solidarischen Fürsorge und es Teilens, des Lasten mit-tragens. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“- der Sinn dieses bekannten Kirchenliedes von Peter Janssens, bekommt gerade jetzt eine Bedeutung größerer Dimension.

Trotzdem: Lazarus stirbt ! Und Jesus ? Dieses siebte und größte, letzte Zeichen seiner Macht, stellt der biblische Redakteur Johannes bewusst in eine Chronologie, die Jesus uns als denjenigen vorstellt, der im Johannesevangelium gerade NICHT das Reich Gottes, sondern SICH SELBST verkündet ! Jesus ist eben auch  Mensch ! Er weint, er fühlt, ist emotional genauso getroffen, wie Maria und Marta ! Aber er handelt auch als göttlicher Sohn vollständig souverän ! Die Auferweckung des geliebten Freundes Lazarus ( der Name ist sicher nicht zufällig gewählt und bedeutet im hebräischen Elazar /Eleazar „Gott hat geholfen“!) ist Höhepunkt des Heilsgeschehens durch Jesu aktives Tun und deutet auf eine göttliche Teilhabe und Macht (Heilswirken), verweist aber auch auf seinen eigenen nahen Tod und Auferweckung. Es sind wieder interaktive Beziehungen untereinander, die verdeutlichen, was Glaube an Gottes Macht bedeutet. Jesus selbst ist tief getroffen von Lazarus‘ Tod, sein Zorn ist Ausdruck seines Wissens um die menschliche Endlichkeit. An Martas und Marias je unterschiedlich gezeigtem Verhalten, können wir ein tiefes Vertrauen und Glauben an Jesus erkennen, die eine Liebe meint, die am Grab nicht endet, sondern eine Beziehung beschreibt und bezeugt, der sterben nichts anhaben kann. Diese Beziehung, die Jesus zu Gott hat, zeigt sich in dieser Wunderhandlung: Jesus DANKT Gott dafür, dass er ihn erhört und erweckt Lazarus mit dem Ruf seines Namens. – „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen- Du bist mein.“…Leben in Gottes Gegenwart auch angesichts des Todes, mit ihm, ihm zum Trotz und durch ihn hindurch !

Mit allen guten Wünschen für eine gesunde Zeit !

 

Regina Grotefend-Müller

Bild:

Lazarus - Friedhof  der Stabholzkirche  in Karpacz Górny

Die Stabkirche Vang ist eine mittelalterliche norwegische Stabholzkirche aus Vang, die 1841 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. erworben und in Brückenberg (heute Karpacz Górny), mittlerweile Ortsteil von Krummhübel (heute Karpacz) im Riesengebirge wieder aufgebaut wurde. 

 

Kinder des Lichts

Taufkerzen ©Tobias Grimbacher

Einst nämlich wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht bei dem, der über uns Herr ist. Lebt als Kinder des Lichts. Denn die Frucht des Lichts besteht in lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. 

Prüft, was Gott wohlgefällt, und habt keinen Umgang mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis. Vielmehr deckt sie auf! Denn was von ihnen im Verborgenen getan wird, davon auch nur zu reden, ist beschämend. Alles aber, was aufgedeckt wird, wird durch das Licht offenbar. Denn alles, was offenbar wird, ist Licht. Deshalb heißt es: „Du, wach auf aus dem Schlaf und steh auf von den Toten! Und Christus wird dir aufleuchten.“

Eph 5, 8-14 Bibel in gerechter Sprache

 

Liebe Kinder des Lichts,

Paulus schreibt uns heute drei Werte zu: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Was sagt das über uns – allgemein, aber auch in diesen ungewohnten Zeiten des virusbedingt reduzierten Lebens?

 

Ich beginne mit der Wahrheit, denn mir ihr habe ich am meisten Mühe. Wenn jemand sagt, er habe die Wahrheit, dann blinken bei mir die Alarmlampen. Päpste und Bischöfe (und selbst kirchliche Reformgruppen) behaupten zuweilen, sie wüssten was unumstösslich wahr ist. Naturwissenschaftler müssen ihre Wahrheit belegen und auf Axiome zurückführen. In der Corona-Krise haben viele Fakten eine gewisse Bandbreite, aber keinen absoluten Wahrheitsanspruch. Dabei gehört zu den Wahrheiten, dass Gesundheitspolitiker in einer relativ kleinen Krise innerhalb weniger Wochen zuvor undenkbare Einschränkungen anordnen können - während Umweltpolitiker in der vergleichsweise riesigen Klima-Krise innerhalb von 40 Jahren nichts anordnen durften. Oder darf man hoffen, dass die Politiker, ermutigt durch die Erfahrungen mit der Virus-Seuche, anschliessend die CO2-Verseuchung genauso beherzt angehen werden? Zu den Wahrheiten gehört, dass unser Gesellschaftssystem zutiefst kapitalistisch fundiert ist: Arbeiten und Kaufen sind die letzten legitimen Gründe, das Haus zu verlassen. Dass wir Menschen als soziale Wesen die Kontakte zueinander brauchen, wird einfach übersehen – Folgen unabsehbar. Jesus sagt, „wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind ...“: Ist er auch mitten unter uns, wenn ich zeitversetzt die Frühmesse des Papstes auf youtube mitfeire? Oder wenn ich mich in die leere Kirche schleiche und auf die Altarstufe setze? Vielleicht hat Wahrheit ja mit Wahrhaftigkeit zu tun: als selbstbewusst leuchtende Kinder des Lichts.

 

Gerechtigkeit. Der Slogan, mit dem der Katholische Frauenbund Schweiz im letzten Sommer in den Frauenkirchenstreik zog, lautet „Gerechtigkeit. Punkt. Amen.“ In gebotener Kürze sagt er alles über unsere Kirche und die Geschlechter. Gerechtigkeit soll uns als Kinder des Lichts auszeichnen, doch wir können gegen Ungerechtigkeit oft wenig ausrichten. Ist es gerecht, dass jemand am Virus stirbt und jemand anderes noch nicht mal hustet? Ist es gerecht, dass die einen Home-Office machen, die anderen Kurzarbeit und die dritten (im Gesundheitswesen) Überstunden? Ist es gerecht, dass wir über geschlossene Museen und Fitness-Studios klagen, während hinter der griechischen und der syrischen Grenze Menschen krepieren? So sehr wir uns für Gerechtigkeit einsetzen mögen, bleibt sie doch eine transzendente Grösse, die erst bei Gott umfassend eingelöst sein wird.

 

Schliesslich die Güte, vom Wortstamm her: die Gutheit. Sie zeichnet uns Kinder des Lichts aus, indem wir wohlwollend in der Welt stehen, ausgeglichen, gelassen, barmherzig (und damit herzlich), mit dem rechten Augenmass die Herausforderungen, Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten des Lebens angehend. Indem wir im wahrsten Sinn das Leben ein bisschen heller machen. In den Texten zum heutigen Sonntag begegnet uns die Güte ein zweites Mal im Tagespsalm, wo es heisst: „Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit“ (Ps 23,6). Güte hat also mit Wohnen bei Gott zu tun, mit dem Ruheplatz am Wasser, oder neutestamentlich: dem Reich Gottes.

 

Als Kinder des Lichts wohnen wir im Reich Gottes. Wir bauen daran mit, dass Gutheit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit unsere Welt heller machen. Dieses fruchtbare Denken und Handeln unterscheidet uns fundamental vom unfruchtbaren, destruktiven Denken der Finsternis (zu der unsere kirchlichen Missbrauchsskandale genauso gehören wie Fake-News über den Virus). Natürlich müssen wir uns damit befassen - „deckt sie auf“, ruft uns Paulus zu – aber es ist beschämend, dass wir darüber reden müssen. Und wir sollen bloss nicht darauf hereinfallen, uns bloss nicht darin fangen lassen, sondern Güte zeigen sowie zukunfts- und gegenwartsorientiert leben.

„Christus wird dir aufleuchten“, so endet die heutige Perikope. „Christus das Licht“, so singen wir in der Osternacht (oder dieses Jahr vielleicht zeitversetzt auf youtube?). Als Kinder des Lichts sollen wir die Botschaft Jesu Christi zum Leuchten bringen und sein gütiges, gerechtes und bis zum Ende wahrhaftiges Handeln weiterführen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen, dass Eure Welt durch liebe Menschen ein kleines bisschen heller wird und wir gemeinsam aufwachen, aufstehen und aufleuchten können.

Tobias Grimbacher

 

 

Bild: Taufkerzen (Foto: Tobias Grimbacher)

 

 

Geisteskraft und Wahrheit

Samaritaner auf dem Garizim

Er musste durch Samaria wandern. Er kam also in ein Dorf in Samaria, das Sychar heißt, in der Nähe von dem Grundstück, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Dort war die Quelle Jakobs. Jesus war von der Wanderung müde und setzte sich deshalb an die Quelle. Es war ungefähr zwölf Uhr mittags. Da kam eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte ihr: „Gib mir zu trinken!“ Seine Jüngerinnen und Jünger waren nämlich weggegangen in das Dorf, um Essen einzukaufen. Die Frau aus Samaria nun sagte ihm: „Wie kannst du als Jude von mir zu trinken erbitten, wo ich doch eine samaritanische Frau bin?“ – Jüdische und samaritanische Menschen haben nämlich keine Gemeinschaft miteinander. – Jesus antwortete und sagte ihr: „Wenn du das Geschenk Gottes kennen würdest und wer es ist, der dir sagt: ´Gib mir zu trinken!` – dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Die Frau sagte ihm: „Rabbi, du hast keinen Schöpfeimer und der Brunnen ist tief. Woher also hast du das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab und selbst aus ihm trank und auch seine Kinder und seine Herden?“ Jesus antwortete ihr und sagte: „Alle, die von diesem Wasser trinken, werden wieder durstig werden. Alle dagegen, die von dem Wasser trinken, das ich ihnen gebe, werden bis in Ewigkeit nicht mehr durstig sein, sondern das Wasser, das ich ihnen geben werde, wird in ihnen zu einer Quelle sprudelnden Wassers für das ewige Leben werden.“ Die Frau sagte zu ihm: „Rabbi, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr durstig werde und nicht zum Schöpfen hierher kommen muss!“ Er sagte zu ihr: „Geh, rufe deinen Mann und komm hierher!“ Die Frau antwortete und sagte ihm: „Ich habe keinen Mann.“ Jesus sagte zu ihr: „Du hast ganz richtig gesagt: ´Ich habe keinen Mann.` Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du die Wahrheit gesagt.“ Die Frau sagte ihm: „Rabbi, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Eltern haben auf diesem Berg ihre Gebete verrichtet; ihr aber sagt, dass in Jerusalem gebetet werden muss.“ Jesus sagt ihr: „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem Gott anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn die Erlösung kommt durch das Judentum. Aber es kommt die Zeit – und ist schon jetzt da –, wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geistkraft und Wahrheit anbeten werden. Denn Gott wünscht sich ja Menschen, die so beten. Gott ist Geistkraft, und die Gott anbeten, müssen sie in Geistkraft und Wahrheit anbeten.“ Die Frau sagte ihm: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christos oder der Gesalbte genannt wird. Wenn jener kommt, wird er uns alles verkünden.“ Jesus sagte ihr: „Ich bin es, der mit dir redet.“

Inzwischen kamen seine Jüngerinnen und Jünger und wunderten sich, dass er mit einer fremden Frau redete. Allerdings sagte niemand: „Was willst du?“ oder: „Was redest du mit ihr?“ Die Frau ließ ihren Wasserkrug stehen und ging weg in das Dorf und sagte zu den Leuten: „Kommt! Seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob dieser nicht der Messias ist!“ Sie gingen aus dem Dorf hinaus und kamen zu ihm. In der Zwischenzeit baten ihn seine Jüngerinnen und Jünger und sagten: „Rabbi, iss!“ Er aber sagte ihnen: „Ich habe Nahrung zu essen, die ihr nicht kennt.“ Da sagten die Jüngerinnen und Jünger zueinander: „Es hat ihm doch niemand etwas zu essen gebracht?“ Jesus sagte ihnen: „Meine Nahrung ist es, den Willen Gottes zu tun. Gott hat mich gesandt, um sein Werk zu vollenden. Sagt ihr nicht: ´Noch vier Monate dauert es, dann kommt die Ernte` ? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und seht die Felder: Sie sind weiß zur Ernte. Schon bekommen diejenigen, die ernten, Lohn und bringen Frucht ein für das ewige Leben, damit sich die Säenden gemeinsam mit den Erntenden freuen. Darin nämlich ist der Spruch wahr: ´Die einen säen und die anderen ernten.` Ich habe euch ausgesandt, zu ernten, wofür ihr nicht gearbeitet habt. Andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit eingetreten.“ Viele aus dem samaritanischen Dorf glaubten an ihn wegen des Wortes der Frau, die bezeugte: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.“ Als die Samaritanerinnen und Samaritaner nun zu Jesus kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben: Er blieb dort zwei Tage. Und noch viel mehr glaubten an ihn wegen seines Wortes. Der Frau sagten sie: „Wir glauben nicht mehr nur wegen deiner Rede; denn ihn selbst haben wir gehört und wir wissen: Dieser ist wirklich der Erlöser der Welt.“ Nach zwei Tagen ging er von dort weg nach Galiläa.

 Joh 4, 4-42 Bibel in gerechter Sprache

 

Geistkraft und Wahrheit!

Eine Geschichte, die ich schon als Jugendliche toll fand. Dieser Jesus. Was der alles weiß. Dass die Frau es mit der ehelichen Treue nicht so genau nimmt. Was er ihr alles auf den Kopf zusagt. Und dann diese kühne Behauptung, er habe das Wasser, das nie mehr durstig werden lässt. Mir war nicht klar, dass Jesus, allein aus der Tatsache, dass die Frau um die Mittagszeit an den Brunnen kam, schließen konnte, dass sie einen ungeordneten, von der Gemeinschaft nicht akzeptierten Lebenswandel pflegte und damit eine mehr oder weniger Ausgestoßene war. Dass sie in dieser Gemeinschaft nicht ernst genommen wurde wird ja auch im letzten Satz noch einmal deutlich. Und was die Tragweite des Wassers des ewigen Lebens bedeuten sollte konnte ich noch viel weniger ermessen. 

 Die Aussage Jesu: „Aber es kommt die Zeit – und ist schon jetzt da –, wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geistkraft und Wahrheit anbeten werden.“ konnte ich schon gar nicht einordnen. Ich blieb also an der Oberfläche hängen. Aber wie gesagt, ich fand die Stelle toll und es war so richtig eine zum Dranbleiben, zum Reinwachsen.

Geistkraft und Wahrheit. Schon im Kapitel vorher, im Gespräch mit Nikodemus, lässt Johannes Jesus eindringlich von der Geistkraft sprechen: „Amen, amen, ich sage dir: Alle, die nicht aus Wasser und Geistkraft geboren werden, können nicht in das Königreich Gottes hineingehen. Was aus der Materie geboren ist, ist Materie; und was aus der Geistkraft geboren ist, ist Geistkraft.“ - Was ist diese Geistkraft? - Johannes schreibt sein Evangelium als letzter, er hat am meisten Abstand gewonnen, zum unmittelbaren Geschehen im Leben Jesu und er sieht es nicht nur durch die Osterbrille, er sieht es auch durch die Pfingstbrille, die den Blick weitet über das jüdische Volk hinaus.

Er sieht, dass Jesus durch den Tod nicht vernichtet wurde und sein Leben, seine Liebe, seine Hingabe stärker sind als Kreuz und Grab. Und er hat die Erfahrung gemacht, dass Verzagtheit zu Stärke und Mutlosigkeit zu Entschlossenheit werden, wenn die Botschaft Jesu, des Christus, wenn die Geistkraft Raum bekommt zu wirken. Die Geistkraft, die sich Zutritt verschafft durch verschlossene Türen und in ängstliche Seelen hinein. Die Geistkraft, die die Augen, die Sinne, das Herz öffnet dafür, Gott als tiefste Lebensquelle zu erfahren. Gott, Urgrund allen Seins. Quelle des Lebens. 

Johannes lässt Jesus weit über seine Zeit hinausblicken: „Aber es kommt die Zeit – und ist schon jetzt da – wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geistkraft und Wahrheit anbeten werden. Denn Gott wünscht sich ja Menschen, die so beten.“ Er bezieht sich damit auf die beiden Anbetungsorte, den der Juden, den Tempel in Jerusalem, und den der Samaritaner, den Berg Garizim, von dem aus Gott das Volk Israel gesegnet hatte, zwei fest verortete Heiligtümer. Beide sind eng mit der Geschichte der beiden Gruppen verbunden. Jesus, der Jude, lehnt die samaritanische Religion ab, da sie die Mischehe mit Menschen anderer Religionen erlaubte und nach jüdischer Vorstellung Kontakt zu anderen Göttern hatte. Aber auch den Tempel und damit auch die Religionsausübung dort wertet er ab. Er setzt dem die Anbetung in „Geistkraft und Wahrheit“ entgegen. Ein Kirchenlied beschreibt für mich das, was damit gemeint sein kann. 

Gerne können Sie beim Lesen „Herr“ durch „Gott“ ersetzen.

 

1. Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr,
heute und morgen zu handeln.

2. Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Liebe, Herr,
heute die Wahrheit zu leben.

3. Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Hoffnung, Herr,
heute von vorn zu beginnen.

4. Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr,
mit dir zu Menschen zu werden.

Text und Melodie: Kurt Rommel 1964

 

Ich wünsche Ihnen einen geistkäftigen Sonntag.

Sigrid Grabmeier

Bildnachweis:

Samaritaner beten auf dem Berg Garizim 

 

Steh auf und geh!

Ameen

Da sprach Adonaj zu Abram: „Geh los! Weg aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft, aus deinem Elternhaus in das Land, das ich dich sehen lasse. Ich werde dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen. Werde so selbst ein Segen! Ich will segnen, die dich segnen; wer dich erniedrigt, den verfluche ich. In dir sollen sich segnen lassen alle Völker der Erde.“

Da ging Abram, wie Adonaj ihm gesagt hatte, und Lot ging mit ihm. 

Gen 12,1-4a Bibel in gerechter Sprache

 

Steh auf und geh!

Nachdenkenswert und aktuell an diesem Text aus dem ersten Buch Moses finde ich die Aufforderung Gottes an Abraham, seine Seßhaftigkeit aufzugeben, aufzustehen und ins Ungewisse zu gehen. Er weiß nicht, was ihn erwartet, aber er vertraut der Weisung Gottes und seiner Verheißung und macht sich auf den Weg. Auch im neuen Testament finden wir diese Aufforderung: aufzustehen und sich auf den Weg zu machen, sich nicht mit dem scheinbar Unabänderlichen abzufinden, sondern aktiv zu werden. So sind die Heilungswunder Jesu, ja auch die Totenerweckungen oft mit der Aufforderung verbunden: Steh auf und geh !

Diese Worte sind auch das Thema des diesjährigen Weltgebetstages, den wir vor diesem Sonntag auf der ganzen Welt feiern, und den Frauen aus Simbabwe gestaltet haben. Im Mittelpunkt steht auch hier die Heilungsgeschichte im Johannesevangelium: Der Kranke am Teich Betesda, der geheilt ist nach der Aufforderung Jesu: Steh auf und geh! Jesus reißt die Menschen, die zu ihm kommen, aus ihrer Lethargie, aus ihrer Passivität und ihrer Hoffnungslosigkeit. Wie Gott dem Abraham, so traut Jesus den Heilungsuchenden den Mut und die Kraft zur Veränderung ihrer Lage zu. Daraus erwächst ihr Vertrauen auf Gott, auf Jesus. Auch in den Texten des Weltgebetstages ist immer wieder von Veränderung die Rede: "Wir brauchen Veränderung", die Frauen bitten um " Mut zur Veränderung " und sie gestehen : " Wir haben viele Ausreden, um Veränderungen zu umgehen. Stärke uns in unserer Suche nach Heilung und Versöhnung-". Diese Frauen wissen: Heilung, Veränderungen fordern unser Mittun und unser Vertrauen , wenn wir uns auf den Weg machen . Auch in Kirche (Maria 2.0 ) und Gesellschaft (me Too- Bewegung ) sind Frauen nach jahrhundertlangem Dulden und Stillschweigen aufgestanden und stellen ihre Forderungen nach Teilhabe, Mitverantwortung , Gerechtigkeit und Menschenwürde - vor Kirchen und auf den Straßen . 

Wie anders wäre die Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk verlaufen, wenn Abraham die Sicherheit des Status quo dem Weg ins Ungewisse vorgezogen hätte. Hätte Gott ihn dann zu einem "großen Volk" machen können und zum Segen für "alle Völker der Erde " ?

Die Kirche in Deutschland hat sich auch auf den Weg, den "Synodalen Weg" , gemacht, um nach den Erschütterungen der letzten Jahre wieder Vertrauen, Versöhnung und Heilung zu finden. Vom Ergebnis dieses Weges wird das Schicksal der Kirche, vielleicht nicht nur für Deutschland, abhängen. Die Kirche ist existenziell gefordert, grundlegende Reformen anzugehen. Da gilt auch das Wort : Steh auf und geh! Auch ins Ungewisse, wie Abraham.

 

Aus China

Ich sagte zu dem Engel , 
der an der Pforte des neuen Weges stand:
Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes 
der Ungewißheit entgegengehen kann. 
 
Aber er antwortete:
Geh` nur in die Dunkelheit,
und leg` deine Hand in die Hände Gottes.
Das ist besser als Licht
und sicherer als ein bekannter Weg.

 

Mit dieser leicht abgewandelten Hoffnung wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag!

Eva- Maria Kiklas

 Bildnachweis. Ameen © Cature Queen

Gott allein dienen

Venusfalle

In jener Zeit
wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. 
Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er um deinetwillen, und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.
Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen. 11 Darauf ließ der Teufel von ihm ab und siehe, es kamen Engel und dienten ihm.

Mt 4,1-11, Einheitsübersetzung

 

Gott allein dienen

Eine komische Geschichte, und das in mehrfacher Hinsicht. Jesus wird vom Teufel versucht? Das geht doch gar nicht, er ist doch der Sohn Gottes! Langsam, langsam, nicht so vorschnell! Dieser Jesus aus Nazaret, einem Kaff in Galiläa, ist erst einmal Mensch. Und als solcher ist er allem ausgeliefert, was einem Menschen begegnet. Und als Mensch begegnet er auch der Versuchung. 


Versuchung? Was soll denn das sein? Wer versteht das denn heute noch – außer vielleicht denen, die beten „Und führe uns nicht in Versuchung“, und die wissen meist auch nicht recht, was damit gemeint ist. Wenn wir sagen: „Versuch’s doch mal!“, dann meinen wir: „Probier’s, vielleicht schmeckt es dir!“ „Jemand auf die Probe stellen“ meint aber mehr und kommt damit der „Versuchung“ näher. Oft wissen wir in unserem Leben nicht, ob das, was wir tun wollen, wirklich der richtige Weg ist. Und da kommt jemand und sagt: „Mach’s doch so!“ und malt uns ein himmelblaues Bild, wenn wir uns darauf einlassen. Und damit werden wir auf die Probe gestellt, ob wir zu dem stehen, was wir als den richtigen Weg erkannt haben.

Was erzählt uns Matthäus? Der Teufel ist an Jesus herangetreten? Pechschwarz, mit Pferdefuß und Schwanz? Ja, das haben wir aus dem Teufel gemacht: einen Kinderschreck. Der griechische Hirtengott Pan stand dabei Pate: schwarz mit Hörnern und Schwanz und Bocksfüßen (der Pferdefuß kommt wohl von der Verteufelung des germanischen Gottes Wotan, der auf dem Pferd daherkam). Das Wort „Teufel“ ist die Eindeutschung des griechischen Wortes diábolos und meint „Durcheinanderwerfer“, der, der Zerwürfnis stiftet, der, der verleumdet, der, der Fakten verdreht: die Personifizierung des Bösen.

Und was bedeutet das für uns? Wie oft ist in den Jahrzehnten, seit denen Päpste große Pastoralreisen unternehmen, gesagt worden: Das viele Geld hätte man besser dafür ausgegeben, die Hungrigen satt zu machen. Den Kritikern sei geantwortet: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Bibelzitate müssen immer wieder herhalten, unser Denken in eine bestimmte Richtung zu lenken. Reaktionäre und Reformgegner hämmern uns ein: Das steht in der Bibel, glaub es so, wie es da steht, dann ist alles richtig. Dagegen spricht: „Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht auf die Probe stellen.“ Oder anders gesagt: Ein „blinder“ Glaube, der die Zeichen der Zeit nicht erkennt und der sich gegen die notwendigen Änderungen stellt, demütigt den Heiligen Geist, wie Papst Franziskus sagt.

Wie oft haben Menschen Allmachts-Fantasien. Politiker stellen ihr Land über alles: Sie werden zu neuen Lichtgestalten, ihre diabolischen Lügen zu „alternativen Fakten“. Konzerne denken nur an Gewinnmaximierung: Der Blick auf die Aktienkurse sind die neuen Gebete der Ersatzreligion Geld. Im kirchlichen Bereich heißt das: „Hierarchie – heilige Herrschaft“, „Unfehlbarkeit“: Menschen sehen sich an der Stelle Gottes. Und was steckt hinter alldem? Jesus sieht das als satanische Verführung an, als das Werk des Satans, des Anklägers und Widersachers, des Feindes aller Rechtschaffenheit und derer, die Gott folgen möchten. „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.“

Der Diábolos kommt bei Jesus nicht an; denn er hat gerade 40 Tage gefastet. 40, das ist in der Bibel die Zahl für die Zeit einer besonderen Gottesnähe: 40 Jahre wandert das Gottesvolk durch die Wüste, 40 Tage nach Ostern ist Christi Himmelfahrt. Und weil Jesus sein Leben im Vertrauen auf Gott gelebt und in seiner Person das Wort Gottes uns Menschen gebracht hat, ist er der Christus, haben wir ihn als den „Sohn Gottes“ erkannt. Wenn wir auf seine Botschaft hören und sie in unserem Leben Wirklichkeit werden lassen, dann werden auch wir zu Söhnen und Töchtern Gottes. 

Magnus Lux

Bildnachweis: Venusfliegenfalle mit Fanghaaren, Foto Noah Elhardt 

 

 

Faschingspredigt

Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: Augeum Augeund Zahn um Zahn.Ich lege euch das heute so aus: Leistet dem Bösen nicht mit gleichen Mitteln Widerstand. Vielmehr, wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, halte ihm auch die andere Backe hin. Und wenn jemand gegen dich prozessiert, um dein Hemd zu bekommen, gib diesem Menschen auch deinen Mantel. Wenn dich jemand zur Zwangsarbeit für eine Meile Weg nötigt, gehe mit ihm zwei. Gib denen, die dich darum bitten, und wende dich nicht ab von denen, die etwas von dir borgen wollen.

Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: Liebedeine Nächste und deinen Nächstenund hasse die feindliche Macht. Ich lege das heute so aus: Begegnet denen, die euch Feindschaft entgegenbringen, mit Liebe und betet für die, die euch verfolgen. So werdet ihr Töchter und Söhne Gottes, eures Vaters und eurer Mutter im Himmel, die ihre Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt und es über Gerechte und Ungerechte regnen lässt. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn wird Gott euch geben? Tun das nicht auch die Zöllnerinnen und Zöllner? Und wenn ihr nur eure Geschwister grüßt, was tut ihr Großartiges? Tun das nicht auch die Menschen aus den Völkern? Seid nun vollkommen, wie euer Gott im Himmel vollkommen ist.

Mt 5,38-48 Bibel in gerechter Sprache

 

Am Faschingssonntag ist es Brauch
und deshalb wollen wir es auch:
Wir halten heute keine Predigt,
die Sache ist für uns erledigt.
Und deshalb hört ihr heute hier
`ne Büttenpredigt ohne Bier.

 

Auch heuer sehn wir uns nicht um,
es geht ums Evangelium.
Matthäus ist der fromme Dichter,
ich hoffe, euch geh‘n auf die Lichter.
Das wünsch‘ und hoffe ich gar sehr-
doch fürcht‘ ich, manchem fällt es schwer.

 

Vergeben heißt es, statt vergelten-
und das ist heute eher selten.
Wenn einer uns ein Unrecht tut,
verdient der nicht auch unsre Wut?!
„Mein ist die Rache“, spricht der Herr.
Das anzunehmen, fällt uns schwer.

 

Und noch verrückter geht es weiter
Und dieses find ich gar nicht heiter:
Nicht Aug um Auge, Zahn um Zahn-
Zu Ende ist der Rache-Wahn!
Wenn einer dir was Böses tut,
dann sei nicht grantig; sei ihm gut!
 

Doch völlig anders denkt die Welt,
die gar nichts von Vergebung hält.
Da wird ganz schnell mal in der Nacht
ein „Böser“ einfach umgebracht.
Der Blondschopf, der den Mord befohlen,
der brüstet sich ganz unverhohlen:

 

 

Vom Bösen er die Welt befreit.
Es wär jetzt endlich an der Zeit,
die Welt mal richtig aufzuräumen
und nicht mehr von Versöhnung träumen!
„Was gut ist, das bestimme ich!“-
Ich fürchte, das wird fürchterlich.
 

Ein andrer Blondschopf, auch nicht fein,
der meint, er könne es allein;
will England wieder mächtig machen.
Wird es nicht Zeit, mal aufzuwachen?!
Nur ein Europa könnt‘ es wagen,
im Spiel der „Großen“ was zu sagen.
 

„Halt Deinem Feind die Wange hin!“
Das käme denen nicht in Sinn.
Erst kommen wir, dann kommt die Welt.
Was wichtig ist, bestimmt das Geld.
Und geht die ganze Welt kaputt-
Hauptsache ist, mir geht es gut!
 

Da saß ein Mädchen still am Rand,
Mit einem Poster in der Hand:
„Die Schöpfung, die ist in Gefahr,
es wird stets schlimmer, Jahr um Jahr.
Sehr Ihr das nicht, Ihr Weisen alle?!
Verblendet seid Ihr, in der Falle!“

 

Das ruft uns Greta allen zu.
Und wir? Wir wollen unsre Ruh‘.
Und hoffen, dass es uns nicht trifft.
Ganz anders steht es in der Schrift:
„Täuscht Euch nicht selbst, bewahrt den Tempel!“
Sonst geht Ihr ein mit Euerm Krempel.
 

Was nutzt die Weisheit dieser Welt,
wenn alles auseinanderfällt?
Schon gehen viele Inseln unter,
wir aber leben froh und munter
so, als ob nichts gewesen wär.
Uns ändern fällt uns wirklich schwer.

 

Ab Mittwoch ist die Fastenzeit,
vielleicht ist mancher dann bereit,
statt Autofahren mehr zu laufen,
was man nicht braucht, auch nicht zu kaufen.
„Ich brauch das nicht, es geht auch ohne,
mir fällt kein Zacken aus der Krone!“
 

 

Den andern auch mal anzuhören
und sich nicht ständig nur beschweren,
wenn wer `ne andre Meinung hat.
Zuhören ist `ne gute Tat!
Und manchmal auch daran zu denken,
dem Nächsten etwas Zeit zu schenken;

 

ein bisschen auch den Feind zu lieben-
und sei es nur von sechs bis sieben;
`nen Wintermantel abzugeben,
du brauchst nicht acht, um gut zu leben,
wenn nebenan wer keinen hat-
sieh dich nur um in deiner Stadt.

 

Wer solches tut, der wird belohnt,
weil Gottes Geist dann in ihm wohnt.
Nur so kommt seine Weisheit an,
die unsre Welt noch retten kann.
Und diese Weisheit hat die Kraft,
die unsern Kindern Zukunft schafft.

 

Auch Kirche will sich vorbereiten,
den synodalen Weg beschreiten,
der uns in Gottes Nähe führt.
Ich weiß nicht, ob ihr das schon spürt.
Zu sprengen sind manch alte Fesseln
und Aufsteh´n heißt`s, aus weichen Sesseln.
 

Wenn wir nur unsres Geistes Gaben,
die wir von Gott empfangen haben,
mit einbringen, dann kann`s gelingen,
das „Kirchenschiff“ in Fahrt zu bringen. 
Versuchen wir`s in Gottes Namen!
Das wollt‘ ich heute sagen. 
Amen

Reinhard Olma

Bildnachweis:

Hexen der Narrenzunft Furtwangen

Sichtbar

Strahl

Denkt nicht, ich sei gekommen, die Tora und die prophetischen Schriften außer Kraft zu setzen! Ich bin nicht gekommen, sie außer Kraft zu setzen, sondern sie zu erfüllen. Wahrhaftig, ich sage euch: Bevor Himmel und Erde vergehen, wird von der Tora nicht der kleinste Buchstabe und kein einziges Häkchen vergehen, bis alles getan wird. Wer nur ein einziges dieser Gebote außer Kraft setzt, und sei es das kleinste, und die Menschen entsprechend lehrt, wird in Gottes Welt als klein gelten. Aber wer sie befolgt und lehrt, wird in Gottes Welt großgenannt werden. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht über die schriftgelehrte und pharisäische Gerechtigkeit hinausgeht, werdet ihr nicht in Gottes Welt kommen.

Ihr habt gehört, dass Gott zu früheren Generationen sprach: Dusollst nicht töten.Wer aber tötet, wird vor Gericht als schuldig gelten. Ich lege euch das heute so aus: Die das Leben ihrer Geschwister im Zorn beschädigen, werden vor Gericht als schuldig gelten. Und die ihre Geschwister durch Herabwürdigung beschädigen, werden in der Ratsversammlung als schuldig gelten. Und wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als schuldig gelten.Wenn du also im Begriff bist, deine Gabe auf dem Altar darzubringen und dich dort erinnerst, dass eines deiner Geschwister etwas gegen dich hat, so lass dein Opfer dort vor dem Altar und geh', vertrage dich erst mit deinem Bruder oder deiner Schwester, und dann magst du kommen und dein Opfer darbringen. Einige dich schnell mit Menschen, die dich vor Gericht bringen wollen, solange du noch mit ihnen auf dem Weg bist, damit sie dich nicht aburteilen lassen und du dem Gerichtsdiener übergeben wirst und ins Gefängnis musst. Wahrhaftig, ich sage dir, du wirst von dort nicht freikommen, ehe du nicht den letzten Rest deiner Schulden bezahlt hast.

Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: dusollst nicht ehebrechen. Ich lege euch das heute so aus: Wenn jemand eine Frau durch seinen begehrlichen Blick erniedrigt, hat er in seinem Herzen mit ihr schon die Ehe gebrochen. Wenn dein rechtes Auge dich in die Gefahr bringt, von Gott abzufallen, reiß' es aus und wirf es von dir. Denn es ist besser, dass eines deiner Körperteile verloren geht, als dass dein ganzer Körper von Gott verurteilt wird. Und wenn deine rechte Hand dich in die Gefahr bringt, von Gott abzufallen, schlag' sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser, dass eines deiner Körperteile verloren geht, als dass dein ganzer Körper von Gott verurteilt wird. Gott hat gesagt: Wenn eine Frau gehen möchte, gebt ihr einen Scheidebrief. Ich lege euch das heute so aus: Wenn jemand seine Frau einfach nur gehen lässt, ausgenommen im Falle von sexuellen Beziehungen, die die Tora verbietet, verursacht er, dass sie die Ehe bricht. Und wer eine Frau heiratet, die getrennt lebt, bricht ihre erste Ehe.

Ihr habt weiterhin gehört, dass Gott zu früheren Generationen gesagt hat: Du sollst keinen Meineid schwören und sollst deine Gelübde bei Adonajeinhalten. Ich lege euch das heute so aus: Ihr sollt überhaupt keine Eide im Namen Gottes ablegen, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde,denn sie ist der Schemel der Füße Gottes,noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Du sollst auch nicht bei deinem Kopf schwören, denn du kannst noch nicht einmal ein Haar weißoder schwarz machen. Euer Wort soll ein eindeutiges Ja sein oder ein eindeutiges Nein. Was darüber hinausgeht, geschieht aus Bosheit.

Mt 5,17-37. Bibel in gerechter Sprache

 

Keine Anti-Thesen, sondern Thesen Pro Himmelreich

Originale sorgen für ein kreatives Übertreffen des bisher Gültigen. Traditionen legen Wert darauf, alles Neue einzubinden in bekannte Vorstellungsmuster. Böse ist, wer aus der Reihe tanzt und etwas Neues unter der Sonne verkündet. Eine Ethik jenseits der Konvention ist nur Neuerern denkbar. „Ein solcher Böser war Sokrates, als er die Athener ironisch nach ihren Definitionen des Guten und Gerechten fragte. Nicht weniger böse war Jesus, wenn er sich die Freiheit nahm, am Sabbat Kranke zu heilen.“ (P. Sloterdijk) Bewusstere Erben der Tradition wollen keine Marionetten sein. Sobald sie das innere Gesetz erkannt haben und es geltend machen, stehen sie unter Rechtfertigungsdruck. So auch die AnhängerInnen Jesu. Aber um Jesus treu zu bleiben, können sie nicht anders, als sich von den Gelehrten ihrer Zeit zu unterscheiden.

 

Zu den Alten ist gesagt worden… Ich aber sage euch… Ihr habt gehört – hier hört ihr etwas Unerhörtes! Die sog. Anti-Thesen sind keine Anti-Thesen gegen das Gesetz des Moses, sondern Thesen Pro Himmelreich. Jesus kommt aus der jüdischen Tradition, die er nicht aufheben will, um kein Jota, aber unmissverständlich überbieten will er sie. Etwas Neues flickt man nicht auf alte Gewänder…Er ist eindeutig für eine Vertiefung, einen Weg, der alles bisher Dagewesene übersteigt. Sein Wort ist in unseren Augen ein Wegweiser zu einem neuen Welt- und Lebensverständnis.

 

Jesu empathische Impulse sind weit größer als alle Gerechtigkeit, alle Ehenormen, alle Neigung zum Missbrauch des Leibes, gegen alles mit Schwüren unterlegte Reden, das die Eliten pflegen. Jesus erinnert die Leute daran, dass alles längst in ihr Herz geschrieben ist, das sie aber mit weit aufgerissenen Augen lesen sollen. Er stellt das Gesetz nicht auf die Seite, aber in den Schatten – in den Schatten eines neuen Lichts: und zwar in das Licht einer je größeren Liebe. Liebe allein erfüllt - Herz und Gesetz. Nicht nur das Gesetz. Aber sie hebt das Zwanghafte im Gesetzesdenken auf. Das neue Denken der Gerechtigkeit muss weit größer sein als es das Recht vorgibt, um die Verhältnisse auf die Füße zu stellen. Herzenshärte regiert oft Juristensprache. Gerade in der deutschen Kirche erleben wir, wie schmerzlich es ist, wenn das, was Jesus wollte, vom Recht her verstanden wird und nicht vom konkreten Menschen her. Wie vieles ist heute legal und doch nicht recht! Wie viele nutzen mithilfe teurer Juristenschläue Gesetzeslücken aus, um ihre Egoismen durchzusetzen! Nicht erst Greta Thunberg macht die Mächtigen darauf aufmerksam, welche anti-ökologischen Interessen und Desinteressen für das Gemeinwohl das Versagen dokumentieren. Ich denke an die hartnäckigen Klimawandelleugner.

 

Statt Morden und Kollateralschäden zu rechtfertigen, muss der Friedenswille weit größer sein. Schluss damit, Feuer in Konflikten zu schüren mit Waffenlieferungen! Versöhnungs-bereitschaft muss dem Feind eine Chance geben. Gerichte können vielleicht Recht bringen, aber nie Gerechtigkeit, die dem Frieden vorausgeht. Solange Streitparteien uneinsichtig sind, scheitert jeder Ausgleich.

 

Erschreckend ist der damalige Mangel an Sinn für die Unversehrtheit des Leibes. Die Vorstellung, dass man Teile abschneidet, damit sie keinen Schaden anrichten, ist uns fremd. Leibfreundlichkeit aber ist Sache der Liebenden. Man schaue ein Ballett von John Neumeier an und man kann nur staunen über die unglaubliche Ausdruckskraft der Körper! Wie wundervoll und ausdrucksstark Körper miteinander sprechen können! Das Gefühl, fehl am Platz, gar fehl im Körper zu sein, sozusagen ein Alien in einer Welt, in der man mit Drogen, Gewalt, Kontrollzwang der Sinnlosigkeit zu entfliehen hofft, um stecken zu bleiben im Versuch sich zu ändern in einer unbehaglichen Welt – die Literatur ist voll davon.

 

Jesus schneidet die Flucht in den Gesetzesgehorsam ab. Von wegen meineidig schwören, um seine Haut zu retten, wenn ein sexueller Missbrauch längst hundertfach bezeugt ist (siehe Weinstein und #MeToo). Da helfen keine Kreuzverhöre, um Widersprüche der Opfer zugunsten des Täters aufzudecken. 

 

Was nützt es Bischöfen zu beteuern, sie hätten leider „nur“ den Ruf der Kirche mehr geliebt statt die aufgetauchten (An-)Klagen der Opfer ernst zu nehmen, die nur eins wollen: „Damit es aufhört!“ (M. Katsch)! Wenn der klerikale Status den Zugang der Täter zu Opfern erleichtert, dann sind grundlegende Veränderungen im Umgang mit spiritueller Macht und Sexualität unumgänglich. Bischof Geoffrey Robinson beklagt bereits 2010 die „erbärmlichen Reaktionen kirchlicher Autoritäten“. Wenn entsprechende Faktoren zusammenkommen, gedeihen die Blumen des Bösen in sexualisierten Verbrechen. Die Welt aber ist vielfach in einem völlig ignoranten Zustand. Ehrlichkeit ist der Anfang eines Weges, der vielleicht ein gemeinsamer (synodaler) werden kann…Jemand muss die Last der Verantwortung für die Missbräuche in der Kirche auf sich nehmen. Wer zu Vertuschung, klammheimlichen Versetzungen, Verschiebung der Schuld, Verzögerung der Aufklärung beigetragen hat, muss Konsequenzen ziehen und sein Amt abgeben. Weit und breit reichlich wenig davon zu sehen…

 

Jesus ist nicht anti, sondern pro: Er vertieft das Gesetz, das äußerlich ist, zum Gewissen, das innerlich ist. Von ihm geht ein Wärmestrom aus, der alles durchdringt, ein Strahlenfeld, das die Gegenwart verändern kann. Sein Evangelium einer weit größeren Barmherzigkeit hat stets individuelle wie kollektive Befreiung im Sinn. Deshalb sind alle Schritte Richtung Befreiung stets die Grundachsen der Theologie. Und diese Achsen machen vor keinem System Halt. 

 

Günther M. Doliwa, Autor SingerSongWriter, 

Februar 2020, Herzogenaurach

Sichtbar

Licht  über Deggendorf

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden.  Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus.  So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Mt 5,13-16.  Einheitzsübersetzung.

Sichtbar

In dieser Perikope aus der Bergpredigt ermuntert Jesus seine Jüngerinnen und Jünger. Er setzt auf ihre Würze und Ausstrahlungskraft. Diese wird andere Menschen überzeugen und dazu bringen, „den Vater im Himmel zu preisen“.

Warum nur werde ich gerade so traurig?

Johannes Brinkmann/ Essen

 

Bild: Licht über Deggendorf © Sigrid Grabmeier

Lange Wartezeit für Frauen

Advents- und Weihnachtskrippe in der Kirche Allerheiligen Zürich

Als sich für sie die Tage der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung erfüllt hatten, brachten sie das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn darzustellen, wie im Gesetz des Herrn geschrieben ist: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn heilig genannt werden. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann namens Simeon. Dieser Mann war gerecht und fromm und wartete auf den Trost Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe. Er wurde vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, - und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.

Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.

 

Lk 2,22-39 Einheitsübersetzung

 

Lange Wartezeit für Frauen

Die Protagonisten des heutigen Evangeliums sind sicher die beiden Alten, Simeon und Hanna. Doch bevor ich den Inhalt richtig erfasse, löscht es mir schon wieder ab, denn wörtliche Rede bekomme ich mal wieder nur vom Mann (die Leseordnung der katholischen Kirche bietet sogar eine Kurzfassung an, in der Hanna gar nicht mehr vor kommt). Es ist also damals wie zu jeder Zeit: der alte weisse Mann darf reden, und die alten Weibchen und jungen Familien sollen bitte schön brav zuhören.

Wenn ich den Blick etwas weiter ziehe, merke ich, dass der Bericht zur Geburt Jesu gleich von zwei Hymnen alter weisser Männer eingerahmt ist: Simeon am Ende steht Zacharias am Anfang gegenüber. Dazwischen aber bilden zwei andere Loblieder den Höhepunkt der Zeitenwende. Das erste singt eine junge Frau, deren Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und endlich das Erbarmen zeigt, das die alten weissen Männer um Abraham, Isaak und Jakob seit ewigen Zeiten ankündigen (Magnifikat). Im zweiten verkündet sogar der Himmel selbst den Frieden auf Erden bei allen Menschen, die Gottes Willen tun (Gloria). Das Alte bildet nur den Rahmen, damit die Umkehr der Verhältnisse in der Geburt des Messias umso kräftiger wirken kann.

Mit diesem Wissen kann ich nun doch schauen, was Simeon sagt: Er kann jetzt in Frieden sterben, weil er den Messias gesehen hat. Eigentlich sieht er ja nur ein sechs Wochen altes Baby, aber der Geist lässt ihn den Messias im Baby erkennen. Bei Abraham und anderen alten Männern heisst es, sie starben „alt und lebenssatt“. Erst durch diese Begegnung wird Simeon lebenssatt und kann befreit sterben wie Abraham. Will der Evangelist mit dieser Parallele am liebsten gleich die ganze Zeit der alten weissen Männer zu Grabe tragen? Jedenfalls ist Simeon zwar alt und traditionsgefestigt, aber doch sicher kein Ewiggestriger.

Und damit komme ich – endlich – zu Hanna. Wir wissen nicht, was sie sagt. Aber dass sie zu allen spricht. Sie lässt sich nicht in die demütige hinterste Kirchenbank drängen, sie hat etwas zu sagen. Dass ich ihre Worte nicht nachlesen kann, regt meine Phantasie an, und ich denke an viele mutige Frauen, die in zweitausend Jahren Kirchengeschichte nicht gehört wurden und werden. Vielleicht ist ihre Botschaft ja die selbe, die das Jesus-Baby dreissig Jahre später bringt: Habt keine Angst, Gott speist die Hungernden und lässt die Reichen leer ausgehen.

Hanna ist 84 Jahre alt. In diesen Tagen, in denen in Frankfurt der Synodale Weg gangbar gemacht wird, erinnern mich Hanna und Simeon auch an die vielen, die das Zweite Vatikanische Konzil als junge, begeisterte Menschen miterlebt haben und in den langen Jahren der Stagnation alt geworden sind. Viele von ihnen stehen noch immer treu und mutig zu ihrer Kirche, warten, und reden zu allen, die auf die Einlösung und Umsetzung des Konzils warten - z.B. auf ein Subsidiaritätsprinzip, das es den Ortskirchen im Amazonas ganz selbstverständlich zugesteht, Viri Probati zu weihen, egal was Bischöfe oder Altbischöfe in Deutschland oder Rom denken und sagen. Zu hoffen bleibt, dass wir nicht nochmal 84 Jahre warten müssen, und nochmal 84 Jahre und nochmal, wie die vielen Hannas in der langen Geschichte weisser alter Männer.

 

Zu Mariä Lichtmess wünsche ich uns alle den Glauben an den Messias als Licht, das die Menschen erleuchtet und neuen Frieden schafft.

Tobias Grimbacher

Bild: Advents- und Weihnachtskrippe in der Kirche Allerheiligen Zürich, Foto: Tobias Grimbacher

Ernst machen

Ökumenische Taufvesper 2014 

Ich ermahne euch Schwestern und Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung! Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus –ich zu Apóllos –ich zu Kephas –ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?  Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird.

1 Kor 1,10-13.17 Einheitsübersetzung

 

Das Evangelium verkünden

Oje, was war da los in Korinth? Paulus muss Tacheles reden, weil die Leute sich heillos zerstritten haben. Er zeigt ihnen klipp und klar, wo’s langgeht: Es geht um die Verkündigung des Evangeliums, nicht um einen Personenkult um die Verkündiger. Liegt der Streit in der DNA der Kirche?



Jahrhundertelang haben Christ*innen sich gegenseitig den wahren Glauben abgesprochen und andere aus der Kirche rausgedrängt. Ich weiß nicht, wie es den älteren Leser*innen gegangen ist; ich habe mich jedenfalls als kleiner Ministrant sehr darüber gewundert, dass wir in der Filialgemeinde einerseits Eucharistiefeier in der evangelischen Kirche gefeiert, „denen“ aber das wahre Christ-Sein abgesprochen haben; sie waren ja evangelisch, mit „denen“ wollten wir nichts zu tun haben. Und niemand ist in den Sinn gekommen, dass die Katholischen auch „evangelisch“ sein müssten, nämlich „dem Evangelium gemäß“, nein, wir hatten ja den Papst, und der war „unfehlbar“, wir hatten „Schrift und Tradition“, das war allemal besser als das protestantische „sola scriptura“.



Und wie sieht’s heute aus? Die Wogen haben sich etwas geglättet. Gerade in Deutschland gibt es viele „konfessionsverbindende Ehen“ und die Eheleute gehen gemeinsam zur Kommunion wie zum Abendmahl. Ein ehemaliger Klassenkollege hat mir mal gesagt: „Bei euch Katholiken ist es doch so, dass die konsekrierte Hostie auf Dauer als der Leib Christi angesehen und deshalb im Tabernakel aufbewahrt wird. Bei uns Protestanten ist Christus im Mahl gegenwärtig, übriggebliebene Oblaten kommen zurück in die Tüte. Und bei den Reformierten ist alles nur symbolhaft. – Meinst du, das hätte Jesus interessiert?“ Ich bin sicher, dass Jesu Antwort gewesen wäre: „Wo zwei oder drei in meinen Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“



Aber nein, so einfach machen wir uns das nicht. Da wird gar der Papst als potentieller Ketzer angesehen, wenn er nur darüber nachdenkt, ob vielleicht, innerhalb ganz enger Grenzen, evangelischen Ehepartner*innen der Zugang zur Kommunion gewährt werden könnte. Da erklären wir das „Brot des Lebens“ zur Belohnung für die eingetragenen Katholik*innen und verweigern es denen, die an Christus glauben, aber „das falsche Gebetbuch“ haben.



Die offizielle wechselseitige Anerkennung der Taufe gibt es erst seit 2007 (!). Beim Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin hat der Priester alle zum Tisch des Herrn eingeladen, die sich gerufen fühlen; denn der Einladende ist nicht der Priester, sondern Christus selbst. Er wurde suspendiert und ist es bis heute. 2010 hat eine beeindruckende Menschenschlange von der evangelischen Hauptkirche in München bis zum Dom „gemeinsame Mahlfeier jetzt“ gefordert.



Wann endlich machen wir Ernst damit, dass wir nach der Lesung sagen: „Wort des lebendigen Gottes?“ Nicht der Streit um Macht und Vorrang ist der Wille Gottes, nicht die Spaltung, sondern „die Verkündigung des Evangeliums“, wie Paulus sagt. Wenn die Kirchenleitungen uns Knüppel in den Weg legen, der gemeinsam zu Christus führt, dann ermächtigen wir uns doch selbst, diesen Weg zu gehen; denn die Taufe ist unsere Priesterweihe, wir sind „ein heiliges Volk, eine königliche Priesterschaft“.



Magnus Lux

Die gesamte Menschheit

Lichtkreis 

 

Der Herr sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.

Jetzt hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke.

Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Jes 49 3,5-6 Einheitsübersetzung 

 

Die gesamte Menschheit

Dieser Text ist das zweite Gottesknecht-Lied. Für Viele gelten die Gottesknecht-Lieder als messianische Texte. Falls man die Vokabel "messianisch" nur ganz eng im Sinne von "königlich" versteht, gehören die "Lieder vom Knecht Jahwes" natürlich nicht mehr zu den messianischen Texten. In ihnen begegnet zwar auch noch der ein oder andere königliche Zug, die Rolle der Heilsfigur, die der "Knecht Jahwes" darstellt, ist aber aufs große und ganze gesehen keine königliche Rolle mehr. Der "Knecht Jahwes" ist vorab Prophet und Weisheitslehrer. Wenn man "messianisch" nun aber im erweiterten und üblich gewordenen Sinn versteht, nämlich im Sinne von "heilsmittlerisch", dann fallen die Lieder vom Gottesknecht ganz selbstverständlich unter die Kategorie der messianischen Texte. Sie stellen dann sogar einen Brennpunkt der messianischen Botschaft dar.

Wer mag dieser Knecht sein? Ist er ein Einzelner? Oder ist er ein Kollektiv, wird er doch im Vers 3 „Israel" genannt? Oder ist er beides, Einzelner und Kollektiv?

Dass der Knecht der Lieder eine individuelle Gestalt ist, Israel aber ein Kollektiv, lässt sich mit der Vorstellung der „corporate personality“ erklären, das heißt, Israel wird wie in den Heilsorakeln in der Gestalt seines Erzvaters Jakob / Israel angesprochen. Gegen die kollektive Deutung spricht aber bereits, dass der Gottesknecht der Lieder außer in Jes 49,3 nirgends einen Namen hat.

„Israel“ kann man zwar nicht textkritisch eliminieren (der Name fehlt nur in einer unbedeutenden Handschrift), wohl aber literarkritisch. „Israel“ in Jes 49,3 ist also entweder als Ergänzung oder im Einklang mit dem Kontext zu verstehen. Und der spricht entscheidend gegen die Kollektivdeutung. Der Knecht der Lieder hat nach Jes 49,5f. eine Aufgabe an Jakob / Israel zu vermitteln und kann deshalb mit ihm wohl kaum identisch sein.

In Jes 49,4 zitiert der Knecht seine Klage, er habe sich vergeblich gemüht. Dieser Vers 4 fehlt leider im Text oben, er wurde einfach übersprungen: "Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem GOTT ist.“ Allerdings wird in Jes 43,22 Israel vorgehalten, es habe sich nicht für Jahwe gemüht. So kann man ihm auch nicht die Klage von Jes 49,4 in den Mund legen. – Nach Jes 53,9 hat der Knecht unschuldig gelitten, was für Israel ebenfalls nicht zutrifft, war doch das Exil Strafe für seine Sünden. Der Knecht ist also ein namenloser Einzelner und kein Kollektiv. Was aber genau ist sein Auftrag?

Der Knecht wird sicher nicht kommen und sprechen: „Ich bringe hier eine völlig unverbindliche, rein subjektive Botschaft.“ Der Knecht wird kommen und so sprechen, als gäbe es nur das Eine, nämlich sein Wort! Doch geht es dem Knecht nicht um Herrschaft oder Macht, die er für sich selbst beansprucht. Es geht dem Knecht nicht um sich selbst, sonst wäre er kein Knecht; es geht ihm allein um seine Botschaft, Und was ist seine Botschaft? GOTTES Heil soll bis an das Ende der Erde reichen! GOTT macht seinen Knecht deshalb zum Licht der Nationen! Die Botschaft bestärkt nicht irgendeine Nation, dass sie, will sie GOTT gehorchen, sagen kann: Unsere Nation zuerst! Vielmehr gilt: GOTTES Heil, durch seinen Knecht der Welt offenbart, überwindet die Grenzen der Nationen und führt die Menschheit zusammen zur Einheit in GOTT!

Und doch: In alttestamentlicher Sicht ist eine Führungsfigur auch immer Haupt und Repräsentant ihrer zugehörigen Gemeinschaft.Und was ist die zugehörige Gemeinschaft des GOTTES-knechtes? Die gesamte Menschheit!

  

Einen gesegneten Sonntag

Johannes Brinkmann / Essen

Mit heiliger Geistkraft

Rom, Vatikan, Petersdom,   

 

Petrus begann zu sprechen und sagte: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht parteilich ist. Vielmehr sind Gott in jedem Volk diejenigen recht, die Gott achten und rechtschaffen handeln. Das ist die Botschaft, die dem Volk Israel gesandt wurde, als Gott durch Jesus, den Gesalbten, der Macht hat über alle, Frieden verkünden ließ. Ihr wisst, was sich in ganz Judäa herumgesprochen hat: Begonnen hat Jesus aus Nazaret in Galiläa nach der Taufe, die Johannes verkündigte, als Gott ihn mit heiliger Geistkraft und Macht wie mit Salböl übergoss. Da zog er umher, tat Gutes und heilte alle, die vom Teufel unterjocht wurden, weil Gott mit ihm war.“ 

 

(„Wir bezeugen alles, was er im jüdischen Gebiet und in Jerusalem getan hat. Ihn hat man durch Aufhängen am Holz umgebracht. Den hat Gott am dritten Tag erweckt und es gewährt, dass er gesehen werden konnte – nicht vom ganzen Volk, sondern von denen, die Gott vorher zur Zeugenschaft bestimmt hatte: von uns, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er von den Toten aufgestanden war.“)

 

Apostelgeschichte 10, 34-38; (39-41) Bibel in gerechter Sprache

 

Mit heiliger Geistkraft

Wir beobachten gerade, wie Petrus ein „Aha-Erlebnis“ hat. Wie kommt es zu dieser Erkenntnis?

Im Kapitel 10 der Apostelgeschichte wird berichtet, wie Petrus und der römische Hauptmann Cornelius sich in Folge zweier Visionen begegnen. Cornelius ist zwar kein Jude, er hat sich aber mit der jüdischen Religion vertraut gemacht und lebt nach deren Regeln, vor allem wird er als gottesfürchtig und wohltätig beschrieben. Er lässt auf eine Vision hin nach Petrus schicken.

Petrus hatte beim Beten auch eine Vision, in der sich dreimal die gleiche Szene wiederholte: In einem Tuch, das vom Himmel auf die Erde gesenkt wurde, befanden sich Tiere aller Art: Vierfüßler, Kriechtiere und Vögel, und er wurde aufgefordert, sie schlachten und zu essen. Petrus reagierte heftig:

„Auf keinen Fall, Herr! Habe ich doch noch nie irgendetwas gegessen, was vor Gott als abscheulich und unrein gilt.“ Aber die Stimme richtete sich wiederum an ihn: „Was Gott für rein erklärt hat, erkläre du nicht für abscheulich!“

Danach hatte er noch eine Eingebung, nämlich den beiden Männern, die nach ihm fragten, zu Cornelius zu folgen. -Soweit also die Vorgeschichte.

Das was wir gerade mitbekommen, ist nicht weniger als die Erkenntnis, dass die Botschaft Jesu nicht nur für Juden bestimmt ist, sondern für alle Menschen guten Willens, also der Beginn der „Heidenmission“. Die nächsten Worte sind mehr an Cornelius und seine Hausgemeinschaft gerichtet. Und auch sie haben eine Bedeutung, die weit über den Augenblick hinaus weist. Genau betrachtet sind sie der Beginn eines Glaubensbekenntnisses. Im Gegensatz zu dem Glaubensbekenntnis, das wir heute sprechen, kommt allerdings das Leben Jesu und seine Botschaft vor, nicht jedoch die Spekulationen über Jungfrauengeburt und eine unmittelbare Gottessohnschaft.

Mich hat beim ersten Lesen der Perikope dieser Satz besonders angesprochen: „Begonnen hat Jesus aus Nazaret in Galiläa nach der Taufe, die Johannes verkündigte, als Gott ihn mit heiliger Geistkraft und Macht wie mit Salböl übergoss.“

Lukas, der in seinem Evangelium eine Mythologisierung der Herkunft Jesu betrieben hat, gibt hier eine völlig andere Version wieder. Für Petrus ist Jesus, der ihn berufen hat, mit dem er umhergezogen ist, mit dem er gegessen hat, ein Mensch. Ein Mensch, über den Gott „Geistkraft und Macht wie mit Salböl“ ausgoss. An Jesu Menschlichkeit ändert auch die Erfahrung der Auferstehung und der nachösterlichen Begegnungen nichts. So wie Petrus hier auftritt kommt die Botschaft authentisch und und unmanipuliert rüber. Bei ihm wabern keine vorderorientalischen oder griechischen Göttervorstellungen herum, er ist ein bodenständiger Jude, der vor seinem jüdischen Hintergrund, wie er beispielsweise auch in der 1. Lesung bei Jesaja vorkommt, seine Erfahrungen mit Jesus deutet:

Ich, Gott, habe dich gerufen in Gerechtigkeit
und ich halte dich fest an deiner Hand.
Ich habe dich gebildet und dich eingesetzt
zum Bund mit einem Volk,
zum Licht für die fremden Völker,
um die blinden Augen zu öffnen,
um Gefangene aus dem Gefängnis zu führen,
heraus aus dem Kerker jene, die in Finsternis sitzen.
Jes 42, 6-7

 

Sein Glaubensbekenntnis spricht mich an und ich kann es, anders als das sogenannte apostolische, nachvollziehen und überzeugt mitsprechen. - Die Botschaft ist übrigens auch beim Hauptmann Cornelius voll angekommen:

„Während Petrus noch diese Worte sprach, kam die heilige Geistkraft über alle, die seine Rede hörten. Alle an Jesus Glaubenden aus dem Volk der Beschneidung, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass die Gabe der heiligen Geistkraft auch auf Menschen aus den Völkern ausgegossen war.“ - (Apg 10, 44-45)

Daraufhin ordnete Petrus an, dass Cornelius und die Seinen getauft würden.

  

Sigrid Grabmeier

Bild: 

Rom, Vatikan, Petersdom, Die Taube des Hl. Geistes (Cathedra Petri, Bernini)

  

Hirten und Könige

Botticelli-Florenz-Uffizien 

 

Steh auf, werde licht, denn dein Licht kommt
und der Glanz GOTTES strahlt über dir auf!
Schau nur: Finsternis bedeckt die Erde
und dunkle Wolken die Völkerschaften,
aber über dir wird GOTT aufstrahlen, 
Gottes Glanz wird über dir sicchtbar.

Die fremden Völker werden zu deinem Licht gehen,
königliche Herrschaften zu dem Lichtschein, der über dir aufstrahlt.
Erhebe deine Augen ringsum und schau!

Sie alle sammeln sich, kommen zu dir!
Deine Söhne werden aus der Ferne kommen
und deine Töchter werden sicher an deiner Seite sein.
Da wirst du schauen und strahlen,
dein Herz wird erbeben und weit werden,
denn zu dir hin wenden sich die Schätze der Meere,
der Reichtum der fremden Völker kommt zu dir.
Scharen von Kamelen werden dich bedecken,
junge Kamele aus Midian und Efa.
Aus Saba werden alle kommen, Gold und Weihrauch werden sie bringen,
die Ruhmestaten GOTTES verkündigen sie.

Jesaja 60, 1- 6 Bibel in gerechter Sprache

Hirten und Könige

Ich möchte Sie einladen, diesen wunderbaren Text auf sich wirken zu lassen, einfach mal eintauchen. Vielleicht geht auch bei Ihnen das Kopfkino an. - Können Sie sich vorstellen, dass Verse wie diese zu unserer Vorstellung der Weisen aus dem Morgenland beigetragen haben?

Sie wurden dargestellt wie Könige, in drei Altersstufen und in verschiedenen Hautfarben. Mehr noch. Die Medici identifizierten sich öffentlich mit den ´Magi`, in Florenz stößt man allerorten auf Darstellungen. Benozzo Gozzoli (1459) oder Sandro Botticelli (1475/76)fertigten in ihrem Auftrag Darstellungen, in denen Familienmitglieder als handelnde Personen integriert waren.

Hirtendarstellungen gab es zunächst fast nur in illustrierender Weise in der Buchmalerei, in großformatigen, eigenständigen Werken tauchen sie zunächst vorwiegend im Hintergrund auf, nicht jedoch direkt an der Krippe. Selbst nach der Reformation, die in der Bilderwelt einiges neues brachte, blieben sie auf Gemälden selten. Allerdings wurden sie zu den wichtigen Personen in den plastischen volkstümlichen Krippen.

Eine der wichtigen frühen Krippendarstellungen mit Hirten ist das Gemälde des Flamen Hugo van der Goes 1473-1477. Er fertigte im Auftrag von Tomaso Portinari ein Tryptichon, auf dessen Mitteltafel drei Hirten in einer Schar von Engeln das Kind anbeten. Die Stifterfamilie ist auf den beiden Seitenflügeln dargestellt. Portinari führte in Brügge die Vertretung des Hauses Medici, ohne also sich in Konkurrenz zu seinem Chef zu begeben setzte er somit ein Zeichen und ließ seine Frömmigkeit dokumentieren.

Bei mir wirft dieses kunsthistorische Beobachtung immer wieder die Frage auf, wie die Kirche selbst sich positioniert hat. Stellte sie sich lieber auf die Seite der Hirten oder auf die Seite der Könige?

 

 

Hirten und Könige
 
Meine Mutter mochte die Könige nie,
Hirten und Frauen, Schafe und Hunde,
eine Schnecke, Vögel und eine Maus,
die durften zu Krippe und Kind.
Die Könige, so sagte sie,
die soll´n zu den Großkopferten geh´n
Die Hirten nämlich kamen zuerst.
 
Die Großkopferten, Mächtigen, Reichen,
sich malen ließen sie gern,
prachtvoll gewandet mit Hofstaat im Stall,
Museen sind ihrer voll,
Hirten trifft man dort selten.
 
Natürlich hören wir immer,
sie stünden für Weisheit und Weite.
Für Machtlosigkeit, Armut und Not
sind sie ein schlechter Beleg.
Doch gerne maß sich die Kirche
in ihrer prunkenden Macht
mit denen die prachtvoll regierten.
 

Sigrid Grabmeier

Bild: Sandro Botticelli, 1476/77, Die Anbetung der Weisen, Uffizien Florenz

 

Mit der Dimension des Segens leben

eibsee 

Gott! Sie schenke uns ihre Zuneigung und segne uns.
Sie lasse ihr Antlitz leuchten bei uns. 

Damit man auf der Erde deinen Weg erkenne,
unter allen Völkern dein Befreien.

Es sollen dich loben die Völker, Gott.
Es sollen dich loben alle Völker zusammen.

Die Nationen sollen sich freuen und ihre Freude laut in die Luft werfen –
ja, du richtest die Völker in Geradlinigkeit.
Den Nationen auf der Erde zeigst du deinen Weg. 
Es sollen dich loben die Völker, Gott.
Es sollen dich loben alle Völker zusammen.

Die Erde gab ihren Ertrag. Es segne uns Gott, unsere Gottheit.
Es segne uns Gott. Es sollen Gott fürchten alle Enden der Erde.
 

Psalm 67, Bibel in gerechter Sprache

 

Mit der Dimension des Segens leben

Vor einigen Jahren sprach mich ein älterer evangelischer Pfarrer nach einer Tagung an, bei der ich einen Vortrag gehalten hatte, er wolle mir einen Segen zusprechen, ob ich das annehmen könne. Ich habe wohl etwas skeptisch geschaut, er wollte schon zurückziehen, da bat ich ihn, das doch zu tun.

Ich weiß nicht mehr, was er gebetet hat, aber er legte mir die Hände auf und mich erfüllte eine große Ruhe und Freude, der Segensspruch tat mir in der Seele gut.

Der Segen öffnete in mir einen Raum, in dem mehr Platz war als nur ein gutes Wort oder ein dickes Lob. Er stellte eine Verbindung her, die über die Beziehung zwischen dem Pfarrer und mir hinaus ging. Im Geschehen wandten wir uns einander zu und doch war klar, dass es um mehr ging als um uns. Gott war da, wir waren in Verbindung.

Vielleicht erinnern sie sich an den Sonntagsbrief vom 10. November, „Eingebunden in den Bund des Lebens“. Auch durch einen Segen wird unser Leben in den Bund des Lebens eingebunden, es wird eine andere Dimension eröffnet, die uns aus dem hier und jetzt hinausführt.

Früher war es sehr verbreitet, z.B. das Brot vor dem Anschneiden zu segnen. Mütter zeichneten ihren Kindern vor dem Schulweg ein Kreuz auf die Stirn. Es war ein anheim Stellen, ein Anvertrauen, ein Bewusstsein, dass man nicht alles selbst in der Hand hat, nicht alles selbst bestimmen kann. -

Ich wünsche uns allen für das Neue Jahr, dass wir wieder lernen, mit der Dimension des Segens und des Segnens zu leben.

 

Gesegnet bist du vom allwaltenden Gott,
der dich segnet mit aller Fülle des Segens,
ob vom Himmel hoch oben oder aus den Tiefen der Erde,
mit der Fülle des Segens
aus Brust und Schoß der Mutter,
mit der Segensfülle
der Ähren und Blüten,
mit der Segensfülle
der ewigen Gebirge,
der Pracht der uralten Berge
 
nach Genesis 49,25 -26 

Sigrid Grabmeier

Liebe Freundinnen und Freunde der Sonntagsbriefe und des Adventskalenders,

Seit über einer Woche haben Sie nichts mehr von uns gehört. - Die Sonntagsbriefe gibt es wieder zum Neuen Jahr, der Adventskalender, den wir sonst täglich per Mail verschickt haben, ist in diesem Jahr auf Grund technischer Schwierigkeiten beim Versand nur auf der Webseite von Wir sind Kirche zu finden. 

Sie erreichen ihn unter diesem Link oder einfach auf www.wir-sind-kirche.demit einem Klick auf die Kerze.

 

Ihnen allen eine gesegnete Adventszeit

herzliche Grüße

Sigrid Grabmeier

11. Januar 2020 von Sigrid Grabmeier

Sonntagsbrief zum Fest Taufe des Herrn

Mit heiliger Geistkraft

Rom, Vatikan, Petersdom, Die Taube des Hl. Geistes

Das ist die Botschaft, die dem Volk Israel gesandt wurde, als Gott durch Jesus, den Gesalbten, der Macht hat über alle, Frieden verkünden ließ. Ihr wisst, was sich in ganz Judäa herumgesprochen hat: Begonnen hat Jesus aus Nazaret in Galiläa nach der Taufe, die Johannes verkündigte, als Gott ihn mit heiliger Geistkraft und Macht wie mit Salböl übergoss.

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3. Januar 2020 von Sigrid Grabmeier

Sonntagsbrief zum Fest Erscheinung des Herrn

Hirten und Könige

Eibsee

Die fremden Völker werden zu deinem Licht gehen,
königliche Herrschaften zu dem Lichtschein, der über dir aufstrahlt.
Erhebe deine Augen ringsum und schau!

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31. Dezember 2019 von Sigrid Grabmeier

Sonntagsbrief zum Neujahrstag 2020

Mit der Dimension des Segens leben

Eibsee

Gott! Sie schenke uns ihre Zuneigung und segne uns.

Sie lasse ihr Antlitz leuchten bei uns.

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9. Dezember 2019 von Sigrid Grabmeier

Sonntagsbriefe und Adventskalender

Seit über einer Woche haben Sie nichts mehr von uns gehört. - Die Sonntagsbriefe gibt es wieder zum Neuen Jahr, der Adventskalender, den wir sonst täglich per Mail verschickt haben, ist in diesem Jahr auf Grund technischer Schwierigkeiten beim Versand nur auf der Webseite von Wir sind Kirche zu finden. 

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Ihnen allen eine gesegnete Adventszeit

herzliche Grüße

Sigrid Grabmeier

 

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23. November 2019 von Günther Doliwa

Sonntagsbrief zum letzten Sonntag im Jahreskreis, Christkönig, 24. November 2019

Das Größte im Kleinsten

Plön, Nicolaikirche, Der Auferstandene, ©Sigrid Grabmeier

Mit Freuden dankt Gott wie einer Mutter oder wie einem Vater! Gott hat euch bevollmächtigt zum Anteil am Los der Heiligen im Licht. Gott hat uns gerettet aus der Macht der Finsternis und versetzt in das Reich des Kindes göttlicher Liebe, durch das wir Erlösung, die Vergebung der Sünden, haben.

 

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15. November 2019 von Reinhard Olma

Sonntagsbrief zum 33. Sonntag im Jahreskreis 17. November 2019

Empfinden Sie das vielleicht auch so?

Pavel Sevela

Als einige vom Tempel sagten, er sei mit schönen Steinen und geweihten Gaben geschmückt, sagte er: „Was ihr da betrachtet – es werden Tage kommen, in denen nicht Stein auf Stein bleiben wird, sondern Stein um Stein heraus gebrochen wird!"

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8. November 2019 von Sigrid Grabmeier

Sonntagsbrief zum 32. Sonntag im Jahreskreis 10. November 2019

Unsere Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens

Roman Eisele, Waibstadt Jüdischer Friedhof

Die Kinder dieser Welt heiraten und werden verheiratet, jene aber, diewürdig sein werden, jener Welt anzugehören und der Auferstehung von den Toten: die heiraten nicht und werden nicht verheiratet. Auch sterben können sie dann nicht mehr, denn sie sind engelgleich, und als Kinder Gottes haben sie Teil an der Auferstehung.

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1. November 2019 von Barbara Dominguez

Sonntagsbrief zum 31. Sonntag im Jahreskreis 3.November 2019

An-Sehen

Alina

Siehe, da war ein Mann namens Zachäus, der war Oberzöllner und reich. Er versuchte, zu sehen, wer Jesus denn sei, aber wegen der Menge Leute konnte er es nicht. Denn er war klein gewachsen. Er eilte voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum hinauf, damit er ihn sehe, wenn er vorbeiziehen würde.

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31. Oktober 2019 von Cristy Orzechowski

Sonntagsbrief zum Fest Allerheiligen, 1. November 2019

Gnadengaben

Cristy Orzechowski

Deshalb erinnere ich dich: Fache das Feuer der Gnadengabe Gottes, das durch das Auflegen meiner Hände in dir ist, wieder an, denn Gott hat uns keineswegs einen Geist der Feigheit gegeben, sondern einen Geist der tätigen Kraft und der liebevollen Zuwendung, einen Geist, der zur Vernunft bringt.

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25. Oktober 2019 von Eva-Maria Kiklas

Sonntagsbrief zum 30. Sonntag im Jahreskreis, 27. Oktober 2019

Rechtfertigung

Ignaz Winter (1705-1777)

„Es gingen einmal zwei Personen hinauf in den Tempel, um zu beten. Die eine war pharisäisch, die andere arbeitete am Zollhaus. Die pharisäische Person stellte sich hin und betete folgendermaßen: ´O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, die rauben, Unrecht tun und die Ehe brechen oder wie die, die am Zollhaus arbeiten.

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