Sonntagsbrief zum zum Fest der Darstellung des Herrn, 2. Februar 2020

31. Januar 2020 von Tobias Grimbacher

Lange Wartezeit für Frauen

Advents- und Weihnachtskrippe in der Kirche Allerheiligen Zürich

Als sich für sie die Tage der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung erfüllt hatten, brachten sie das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn darzustellen, wie im Gesetz des Herrn geschrieben ist: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn heilig genannt werden. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann namens Simeon. Dieser Mann war gerecht und fromm und wartete auf den Trost Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe. Er wurde vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, - und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.

Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.

 

Lk 2,22-39 Einheitsübersetzung

 

Lange Wartezeit für Frauen

Die Protagonisten des heutigen Evangeliums sind sicher die beiden Alten, Simeon und Hanna. Doch bevor ich den Inhalt richtig erfasse, löscht es mir schon wieder ab, denn wörtliche Rede bekomme ich mal wieder nur vom Mann (die Leseordnung der katholischen Kirche bietet sogar eine Kurzfassung an, in der Hanna gar nicht mehr vor kommt). Es ist also damals wie zu jeder Zeit: der alte weisse Mann darf reden, und die alten Weibchen und jungen Familien sollen bitte schön brav zuhören.

Wenn ich den Blick etwas weiter ziehe, merke ich, dass der Bericht zur Geburt Jesu gleich von zwei Hymnen alter weisser Männer eingerahmt ist: Simeon am Ende steht Zacharias am Anfang gegenüber. Dazwischen aber bilden zwei andere Loblieder den Höhepunkt der Zeitenwende. Das erste singt eine junge Frau, deren Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und endlich das Erbarmen zeigt, das die alten weissen Männer um Abraham, Isaak und Jakob seit ewigen Zeiten ankündigen (Magnifikat). Im zweiten verkündet sogar der Himmel selbst den Frieden auf Erden bei allen Menschen, die Gottes Willen tun (Gloria). Das Alte bildet nur den Rahmen, damit die Umkehr der Verhältnisse in der Geburt des Messias umso kräftiger wirken kann.

Mit diesem Wissen kann ich nun doch schauen, was Simeon sagt: Er kann jetzt in Frieden sterben, weil er den Messias gesehen hat. Eigentlich sieht er ja nur ein sechs Wochen altes Baby, aber der Geist lässt ihn den Messias im Baby erkennen. Bei Abraham und anderen alten Männern heisst es, sie starben „alt und lebenssatt“. Erst durch diese Begegnung wird Simeon lebenssatt und kann befreit sterben wie Abraham. Will der Evangelist mit dieser Parallele am liebsten gleich die ganze Zeit der alten weissen Männer zu Grabe tragen? Jedenfalls ist Simeon zwar alt und traditionsgefestigt, aber doch sicher kein Ewiggestriger.

Und damit komme ich – endlich – zu Hanna. Wir wissen nicht, was sie sagt. Aber dass sie zu allen spricht. Sie lässt sich nicht in die demütige hinterste Kirchenbank drängen, sie hat etwas zu sagen. Dass ich ihre Worte nicht nachlesen kann, regt meine Phantasie an, und ich denke an viele mutige Frauen, die in zweitausend Jahren Kirchengeschichte nicht gehört wurden und werden. Vielleicht ist ihre Botschaft ja die selbe, die das Jesus-Baby dreissig Jahre später bringt: Habt keine Angst, Gott speist die Hungernden und lässt die Reichen leer ausgehen.

Hanna ist 84 Jahre alt. In diesen Tagen, in denen in Frankfurt der Synodale Weg gangbar gemacht wird, erinnern mich Hanna und Simeon auch an die vielen, die das Zweite Vatikanische Konzil als junge, begeisterte Menschen miterlebt haben und in den langen Jahren der Stagnation alt geworden sind. Viele von ihnen stehen noch immer treu und mutig zu ihrer Kirche, warten, und reden zu allen, die auf die Einlösung und Umsetzung des Konzils warten - z.B. auf ein Subsidiaritätsprinzip, das es den Ortskirchen im Amazonas ganz selbstverständlich zugesteht, Viri Probati zu weihen, egal was Bischöfe oder Altbischöfe in Deutschland oder Rom denken und sagen. Zu hoffen bleibt, dass wir nicht nochmal 84 Jahre warten müssen, und nochmal 84 Jahre und nochmal, wie die vielen Hannas in der langen Geschichte weisser alter Männer.

 

Zu Mariä Lichtmess wünsche ich uns alle den Glauben an den Messias als Licht, das die Menschen erleuchtet und neuen Frieden schafft.

Tobias Grimbacher

Bild: Advents- und Weihnachtskrippe in der Kirche Allerheiligen Zürich, Foto: Tobias Grimbacher

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