Sonntagsbrief zum Vorabend von Pfingsten, 4. Juni 2022

3. Juni 2022 von Günther Doliwa

Die Kraft des Geistes gipfelt in der Liebe

Am letzten, dem Haupttag des Sukkotfestes, stand Jesus da und rief aus: „Alle, die durstig sind, sollen zu mir kommen und trinken. Alle, die an mich glauben, über die heißt es in der Schrift: `Flüsse lebendigen Wassers werden aus ihrem Inneren fließen.´“ Dies sagte er über die Geistkraft, die alle empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn es gab noch keine Geistkraft, weil Jesus noch nicht in göttlichem Glanz war.

Joh 7,37-39 Bibel in gerechter Sprache

 

Die Kraft des Geistes gipfelt in der Liebe

 

Wo taucht der „Geist“ auf in der Evolution? Die Evolution des Lebendigen bringt unaufhörlich Überraschungen hervor. „Alles ist Wechselwirkung.“ (1793) Alexander von Humboldt (1769-1859) sieht eine „ewige, allverbreitete Kraft“ zusammenwirken. Das sanfte Beben der Mensch-Werdung besteht darin, geistig selbstbewusst Intelligenz in Anschlag zu bringen, das Zwielicht der Wirklichkeit aufzuhellen. Im Fackellauf des Denkens freundet sich der Mensch mit der Liebe zur Wahrheit an. Ziel ist „Besonnenheit, die Humanität bedeutet“ (P. Sloterdijk).

 

Der Weg (Tao), die Spirale sind Metaphern der Evolution. Sein (Materie) - Leben - Bewusstsein! heißen die Durchbrüche der Evolution. Sich-seines-Lebens-bewusst-sein! lautet in Analogie die Aufgabe des Menschen. Sozusagen vom Brennpunkt der Evolution her erweist sich, dass das Leben und der lebendige Geist der Materie erst zu ihrem Triumph verhelfen. Erkenntnis ist ein Aufwachen für Gut und Böse. Der offene Horizont spricht eine Einladung aus. Geist ist stets leiblich verfasst. Ist es nun Gnade oder eine in uns angelegte Gabe, dass in uns die geistig-leibliche Kraft zu lieben schlummert, die, sobald einmal geweckt, sich verausgaben will? Löscht nur eins nicht aus: den Geist! Warnt die Schrift (1 Thessalonicher 5,19)! 

 

Ich denke nicht, dass der windige Geist nur eine Gabe der Christen ist. Hebräisch denkt man bei Geist an Atem, Wind, Wehen. Wer kann den Wind einsperren? Hätte man je von Windbesitzern gehört? „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So verhält es sich mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh. 3,8). Weshalb sollte sich der Sauser auf kirchliche Räume, Lehrbücher und Sprache beschränken!? Er ist die Kraft zu vollbringen. Er überfällt, ergießt sich ins Herz, bewegt das Innerste, treibt an, leitet, steht bei, wirkt, verwandelt, erneuert, schenkt Freundlichkeit, Sanftmut, Liebe (Gal 5,22), wirkt mit an dem, was Gott will: Gerechtigkeit, Friede, Freude (Röm 14,17) Er ist die Lebenskraft. Er trägt auch das nachösterliche Leben der Kirche - solange sie nicht Buchstabe und Geist verwechselt - indem er Glaube Liebe Hoffnung stiftet. Ist er da, ist Freimut da. Wahrheit schlägt Lüge und Fundamentalismus in die Flucht. 

 

Geistlos aber wie Menschen sind, wollen sie hoch und höher hinaus, um zu schauen, was machbar ist. Sie verwechseln Höhe und Größe, und merken es nicht einmal, so dumm sind sie. Besser, weiter, höher? Die höchsten Bauwerke der Menschen kratzen nicht einmal die Kumulus-Wolken: 830 Meter hoch ist der Burj Khalifa in Dubai mit 163 nutzbaren Etagen. Mit der Parabel vom Turmbau zu Babel warnt die Bibel den Superehrgeiz vor der Katastrophe. Zerstreut sich die Kraft, verwirren sich die Sprachen, zersplittern Machtinteressen, kämpfen Reiche gegeneinander. Am Anfang Irrsal und Wirrsal (Martin Buber), Tohuwabohu, am Ende wieder Chaos? So wird kein solidarisches Menschheitsprojekt an ein Ziel kommen. 

 

Was nützen Protzbauten, wenn ein Anschlag, wenn Krieg sie zerstören kann!? Dann liegen „die Gebeine der Toten“ (Ez 37,1-14) herum.„Krieg“ (Alfred Kubin) zermalmt alles, was Menschen gebaut haben. Bilder zertrümmerter Städte in der Ukraine entsetzen. Dazu das Leid der Terrorisierten, welches ein Willkür-Gewalthaber, der die Ohnmacht der Subjekte will, im Namen seiner Paranoia bezweckt, um seinen imperialen Wahn zu befriedigen. Wir spüren, was es kostet, den Schmerz auszuhalten, Illusionen zu ernüchtern, Zorn und Hass zu zügeln. Krieg lähmt, weil er schockt. Mit jeder Explosion wird der Reizschutz durchbrochen. „Operationen werden durchgeführt, bis kein Gras mehr wächst. Der Feind fungiert als Patient und Leiche.“ „Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten“ (Adorno, Minima Moralia 1944). Krieg wird vollständig verdeckt durch Propaganda. Da hilft geistreicher Widerstand durch Mobilisierung von Sachlichkeit und Empathie. Das Ungetüm des Krieges beherrscht kein Mensch. Krieg ist ein Poltergeist, ein Produkt des Hasses, der vervielfacht, was ihn antreibt. Allmachtsfantasien – verwünschen, bestrafen, leugnen der Kräfteverhältnisse - wirken grotesk. Widersprüchlichkeit zu akzeptieren, gehört zum Arbeitsfeld des Geistes.

 

Welcher Geist aber macht lebendig!? Der gute, allgütige, nicht der böse, von Hass zerfressene. Ezechiel erzählt eine Parabel. Israel ist ausgetrocknet, seine Hoffnung ist untergegangen, wie abgeschnitten. Im Jahr 587 wird Jerusalem zerstört, viel Volk verschleppt. Eine Macht hat sie niedergestreckt. Wer nur an Rache für die Ermordeten denkt, verlängert die Katastrophe der Entmenschlichung. Gibt es eine größere Macht als die Vernichtungsmacht des Todes? Die Wiederkehr des Lebens macht den Tod zu einem Moment. Liebe ist stärker, wenn die milde Macht Gottes aus Erbarmen Gräber öffnet und den Geist der Hoffnung einhaucht. Der Geist fliegt ein aus vier Himmelrichtungen wie zu einer Konferenz der Friedenswilligen. Guter Geist macht lebendig, weil er belebend ins Leere strömt. Mit Vision befeuert. Flügel verleiht. Das Leben feiert. „Es ist der Sinn der Sprache zu feiern, und jede Sprache, die zu feiern vergäße, ist von allen guten Geistern verlassen.“ (Peter Sloterdijk)

 

Der Prophet Joel lehrt: Ohne den Ruf des Geistes regiert nur Schrecken. Geist wird ausgegossen wie Wasser über alles, was nur vegetiert und nach Leben dürstet. Alte träumen, erzählt Joel, Junge entwerfen Visionen, Söhne und Töchter atmen prophetischen Geist. Knechte und Mägde erwachen.

 

Aber ehrlich gesagt, die Schöpfung stöhnt, jammert, keucht, seufzt wie in Wehen vor der Geburt. Sie geht mit Hoffnung schwanger. Röm 8,22f. Manche seufzen bei der Flut von Kirchenaustritten. Anders gefragt: Was wird da geboren? Der Mystiker David Steindl-Rast sieht „voll Hoffnung ein Austreten der Kirche über ihre herkömmlichen Ufer“, also kein Leck, sondern einen Befruchtungsvorgang. Bei aller Erfüllung – immer bleibt etwas offen. Erforsche dein Herz, dann erkennst du, was es will. „Immer versagt die Erfüllung im Realen, aber der Weg der Sehnsucht und der Freiheit ist unendlich und niemals ausschreitbar, ist schmal und abseitig wie der des Schlafwandlers...“ (Hermann Broch, Die Schlafwandler Frankfurt 1978, S. 380) 

 

Eins bleibt gewiss: Dummheit und Lüge spielen Geisttöter, fade, dröge, ohne Esprit. Geistbegabt sind alle, geisterfüllt nur wenige. Ein gerüttelt‘ Maß an Selbstvertrauen braucht jeder. Wir sind soweit, dass der Verzicht auf Triumphe eine Frage der Vernunft wird. Einerseits braucht der Mensch eine Spannung, um die Spannkraft auszutesten, auszureizen. Man darf ihm nicht zu früh mit Grenzen kommen. Andererseits braucht es innere Qualitäten, um nach außen hin vorzulegen. Man muss auch dem Scheitern gewachsen sein. Eins der schönsten Filmbeispiele dafür ist „Alexis Sorbas“, der nach dem Misslingen eines Projekts am Strand einen Tanz hinlegt. 

 

Im Evangelium wird im Fokus aufbewahrt, ein Mensch ist ganz vom Geist erfüllt: Jesus als Magnet und Brennpunkt der Evolution. Der lösende Geist der Befreiung kommt mit ihm. Er weckt aus Lethargie und Melancholie, löscht Todessehnsucht. Ostern kündet: Mensch, blüh‘ auf in der Hoffnung über das Grab hinaus! Liebe ist eine Gabe ohne genauen Absender, aber eine Aufgabe mit präzisen Adressen: den Armen. Woher hat der Nazarener diese Lebendigkeit, diese Klarheit, diese Sanftmut? Er schöpft aus der Quelle der Fülle. So eine sinnliche, annäherungsfreundliche Geistesgegenwärtigkeit und Lebensfrische wünschen wir uns doch auch! Also, weg mit Jammer-Masochismus und Sünden-Depression! Glauben wir mit ihm, wächst provozierende Großzügigkeit. Der Feuergeist Jesu ist die Kraft, die guttut – da sind Dogmen trübe Tassen. Er nimmt den Reichtum in sich und in anderen wahr. Er hat die Kraft, mit der Versuchung der Allmachtsphantasien, des Besitzes, des Personenkults fertig zu werden. Er hat die Freiheit sich zu steigern! Hoffnung ragt hinüber in die heitere Utopie von einem gastfreundlichen Zusammenleben, von offener „Tischgemeinschaft“ (Halbfas). Der Hoffende erfreut sich eines fröhlichen Windes, der von Pfingsten her weht. Seinen Leib konnten sie brechen, seinen Geist nicht. Der begeistert – bis auf den heutigen Tag.

  

„Gewalt ist keine Lösung. Krieg ist keine Lösung. Mord ist keine Lösung. 
Wir müssen endlich begreifen, 
dass wir entweder gemeinsam gesegnet oder 
dass wir gegeneinander zum Untergang verdammt sind.“
Daniel Barenboim (*1942)
 

Günther M. Doliwa

 

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