Sonntagsbrief zum Pfingstsonntag 31. Mai 2020

30. Mai 2020 von Georg Mollberg

Die unbändige Triebkraft

Rosenkranzstelen von Michael Franke, Marienpark, Gebetsstätte Heede, Kirchstraße in Heede (Emsland) Frank Vincentz

Als der 50. Tag, der Tag des Wochenfestes, gekommen war, waren sie alle beisammen. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Tosen wie von einem Wind, der heftig daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus. Unter den Jüdinnen und Juden, die in Jerusalem wohnten, gab es fromme Menschen aus jedem Volk unter dem Himmel. Als nun dieses Geräusch aufkam, lief die Bevölkerung zusammen und geriet in Verwirrung, denn sie alle hörten sie in der je eigenen Landessprache reden. Sie konnten es nicht fassen und wunderten sich: „Seht euch das an! Sind nicht alle, die da reden, aus Galiläa? Wieso hören wir sie dann in unserer je eigenen Landessprache, die wir von Kindheit an sprechen? Die aus Persien, Medien und Elam kommen, die in Mesopotamien wohnen, in Judäa und Kappadozien, in Pontus und in der Provinz Asien, in Phrygien und Pamphylien, in Ägypten und in den zyrenischen Gebieten Libyens, auch die aus Rom Zurückgekehrten, von Haus aus jüdisch oder konvertiert, die aus Kreta und Arabien kommen: Wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden.“

Apg 2,1-11 Bibel in gerechter Sprache

 

Die unbändige Triebkraft

Es geschehen noch Zeichen und Wunder, heißt es, wenn etwas Unerwartetes geschieht. Wenn ein Schüler plötzlich alle Hausaufgaben hat, mit denen er sonst recht großzügig umging. Oder wenn die Kinder überraschend fragen: „Kann ich dir im Garten helfen?“

Wenn in der Bibel von Zeichen und Wundern die Rede ist, dann ist in der Regel der Heilige Geist nicht weit.

 

Maria von Magdala, um ihren Herren trauernd, beugt sich weinend ins Grab. Sie erfährt Gottes Geist leibhaftig im Auferstandenen, der sich mit der Nennung ihres Namens zu erkennen gibt. Auch den Emmausjüngern brannte das Herz, als er ihnen unterwegs den Sinn der Schrift erschloss - Gottes Geist! Er ist bei ihnen, die mit Jesus gingen, ihn oft nicht verstanden, auch seinen Tod am Kreuz nicht.

 

Dann das Pfingstwunder: Nach Kreuzigung und Himmelfahrt hatten viele, die sich ihm angeschlossen hatten, erst mal der Öffentlichkeit entzogen, weil sie fürchteten, ebenso verfolgt und umgebracht zu werden wie ihr Herr. Zitternd vor Angst, um Geist und Beistand Gottes flehend, kauern Jesu Anhänger im Abendmahlssaal. Auf einmal hörten sie ein gewaltiges Brausen, alle wurden mit Heiligem Geist erfüllt, schreibt Paulus. Infiziert von diesem „Gotteswirkstoff“ stürmten die eben noch verängstigten Juden und Jüdinnen, Frauen, Männer und Kinder, auf die Straße. Sie konnten nicht mehr für sich behalten, was sie mit ihrem Rabbi bis zu seinem Kreuzestod und nachher erlebt hatten. Ihnen war jetzt klar geworden, worin ihre Berufung bestand. Strenge Toravorschriften traten in den Hintergrund. Der Glaube, in pharisäischer Dogmatik sei die Botschaft des Rabbi aus Nazareth und seines himmlischen Helfergeistes zu finden, erschien ihnen von einem Augenblick zum anderen total irreal. Denn das hätte ja geheißen, die sensationelle Botschaft vom Tod des Todes, von Jesu Auferstehung und Geistsendung auf menschengemachte Ordnungen und Paragraphen zu reduzieren.

 

Gott war in Jesus Mensch geworden, um wahrhaftig bei seinen Geschöpfen zu sein, die Liebe zum Nächsten vorzuleben. Für ihn hatte dieser Einsatz ganzheitlichen Charakter. Er hat sich nicht umbringen lassen, um für mich zu leiden, sondern in seinem Kreuzestod leuchtet sein Programm auf: Nächstenliebe - sich für andere bedingungslos einsetzen, und sei es bis zur Lebenshingabe.

 

Seit dem Pfingstfest hat der Heilige Geist nicht aufgehört, Wunder zu wirken. Er zeigt sich auch heute, sogar in Rom: Ein Papst mahnt seine Kardinäle, das klerikale System sei an Egoismus und Selbstbeweihräucherung erkrankt, es müsse auf Grund gesetzt und wieder an Jesu Liebesbotschaft orientiert werden. Frauen stellen sich mutig mittelalterlich verkrusteten kirchlichen Hierarchien entgegen, um die gottgegebene Würde aller Menschen, eben auch die der Frauen, wieder unter dem Scheffel hervorzuholen.

 

Solange es aber keine faire Gewaltenteilung, kein Sichrechtfertigenmüssen von Pfarrern vor der Gemeinde gibt, solange sich Bischöfe immer noch als Allein- und Letztentscheidende wahrnehmen, statt die unendlichen Charismen der Gläubigen zu akzeptieren und sie in Denken und Schaffen von Kirchen einzubinden, hat es der Heilige Geist sehr schwer.

 

Dennoch glaube ich: Gegen die unbändige Triebkraft des Heiligen Geistes ist kein Kraut gewachsen. Er macht stark und gibt den notwendigen Mut, aus dem verkrusteten zweitausendjährigen Dickicht von kirchlich-hierarchischen Denkmodellen die Botschaft des Jesus aus Nazareth wieder freizulegen - die unüberbietbare einzigartige Sensation der Gottesliebe für die ganze Erde!

 

Ob auch an den Tagen weltweiten Coronabefalls Wunder geschehen? Klar! Corona brachte plötzlich Dinge in uns in Bewegung, die als verschollen galten. Die durch Hetze und Konsum unter Sauerstoffmangel leidende Solidarität bekommt wieder Luft. Im schwer getroffenen Italien versuchten Nachbarn mit Musik ihre kasernierten Mitmenschen aufzubauen und abzulenken. Die Ode an die Freude klang geistgesteuert von deutschen Balkonen. Es geschehen noch Zeichen und Wunder!

 

Vermutlich hat jeder eine besondere Situation im Kopf, bei der er auf ein Wunder hofft. Lasst uns am Pfingstfest einfach daran glauben, dass das Unerwartete doch passieren kann, vielleicht ganz leise, kaum spürbar - auch dort, wo wir vielleicht schon die Hoffnung aufgegeben hatten.

Amen

 Georg Mollberg

 

Bildnachweis: Pfingsten

Rosenkranzstelen von Michael Franke, Marienpark, Gebetsstätte Heede, Kirchstraße in Heede, ©Frank Vincentz

 

 

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