Sonntagsbrief zum Palmsonntag 5. April 2020

3. April 2020 von Johannes Brinkmann

Hätten Sie ihn empfangen?

Stephan Guber: Kritische Besucher - Nikolai-Kirche Plön 2019

Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los, und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen.

Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!

Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.


Mt 21,1-11, Einheitsübersetzung

 

Hätten Sie ihn empfangen? 

„Angenommen, Sie hätten damals gelebt

Mal angenommen

Hätten Sie ihn dann empfangen als den Erlöser?

Den Messias?

Den König des neuen Reiches?

Einer neuen Zeit

Hätten Sie ihn mit Palmwedeln zugewinkt und gerufen: Hosianna, der König ist gekommen!

Der Christus ist geboren!

Oder wären Sie drinnen geblieben

Aus Ihren Häusern spähend

Auf den Mann, der etwas brachte, was niemand wirklich verstand

Eine Botschaft

Ein Beispiel

Ein Opfer?

Wo hätten Sie gestanden

Am Wegesrand

Oder hinter den Fenstern

Oder wäre das egal gewesen

Sind wir alle ein Spielball des Schicksals

Wird uns unser Platz angewiesen und nicht von uns selbst gewählt

Es ist verlockend, das zu glauben, nicht wahr?

Dass deine Geschichte geschrieben ist, noch bevor du geboren wirst

Und dass du höchstens ein Mal mehr flehen kannst:

„Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“

Aber manchmal geht er nicht vorüber

Manchmal wird er einem in die Hand gedrückt und muss man trinken vom sauren Wein

Das galt nicht nur für ihn

Sondern auch für mich

Nein, nein, das soll keine Entschuldigung sein

Ich nehme an, dass Sie das mittlerweile schon verstanden haben

Dass es mir nicht um Entschuldigungen geht

Oder um Rechtfertigung

Rechtfertigung Meiner Tat“

 

 

Das ist ein Ausschnitt aus dem Theaterstück JUDAS von der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans. Wir, die Studio-Bühne-Essen, haben gerade beschlossen, dieses Ein-Mann-Stück zu inszenieren. Die Premiere ist für Februar 2021 geplant, und ich werde die Rolle des Judas übernehmen. Die Produktion wird mobil sein, d.h. ich werde sie auch in Gemeinden, Klöstern oder auf Kirchentagen spielen können. Vielleicht ja sogar auf einer Bundesvesammlung von WIR SIND KIRCHE?!

Das kommende Osterfest wird anders sein, als alle bisherigen Osterfeste. Während ich diesen Brief gerade verfasse, weiß ich nicht, wie die Welt aussieht, wenn er an Palmsonntag veröffentlicht werden wird. Wir erleben gerade ein Paradoxon, das wir hoffentlich sehr intensiv erleben: Ein zueinander Näherrücken bei gleichzeitiger Isolation voneinander. Da steckt bei allem Schrecken ein riesiges Potential drinnen, das wir hoffentlich gut nutzen. In der zwangsweisen Entschleunigung wieder klar zu kriegen, was wirklich wichtig ist und was nicht! Dann hat das Virus einen Sinn, ist nicht heillose Strafe sondern heilsames Geschenk!

 Bitte bleibt gesund im HERRN

 

Johannes Brinkmann / Essen

 

 

Bild:

Ausstellung: Kritische Besucher. Skulpturen des hessischen Bildhauers Stephan Guber in der Nikolai-Kirche Plön 2019

Foto Sigrid Grabmeier

 

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