Sonntagsbrief zum Palmsonntag, 10. April 2022

8. April 2022 von Cristy Orzechowski

Wir kennen ihn nicht

 

Als helfende Deutungshintergründe zur Zusatzlektüre empfohlen: Das Buch Jesaja  Kapitel 50, 4-7:

Jesaja spricht vom Menschen, der sich selbst hinhält,  Jenen, die ihn prügeln; der Alternativen für die Kriegsmaschinerie zwischen Einzel-Menschen und Völkern vorlebt…

 

Ebenfalls in diese Richtung zeigt der Brief an die Gemeinde in Philippi Kapitel 2, 6-11, in dem uns vorgestellt  wird: der aller Vorrechte entsagende Christus, der nicht an Göttlichkeits-Gleichheits-Attributen festgeklammert lebt, der den Weg der Erniedrigung geht, bis zum damalig üblichen Sklaventod am Kreuz, ein Ideal? Nein, eine je mögliche Konsequenz eines solidarischen Lebens unter den Geknechteten. Wem also gilt unser Kniefall z.B. am Karfreitag vor dem Kreuz-Symbol, den Gläubigen zur Verehrung aufgestellt? –

Er gilt einem, mit den Ausgestoßenen, Angegriffenen dieser Erde, solidarischen Christus. 

 

 

Nachdem Jesus dies gesagt hatte, machte er sich auf, um nach Jerusalem hinaufzuziehen. Und als er nach Betfage und Betanien kam und sich dem so genannten Ölberg näherte, da schickte er zwei von seinen Jüngerinnen und Jüngern mit den Worten aus: „Geht in das Dorf gegenüber, und wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Fohlen angebunden finden, auf dem noch kein Mensch gesessen hat. Bindet es los und führt es her! Und wenn euch jemand fragt, warum ihr es losbindet, so sagt: Der Gebieter braucht es.“ Und die Ausgesandten gingen weg und fanden es so, wie er es ihnen gesagt hatte. Als sie das Fohlen losbanden, sagten seine Besitzer zu ihnen: „Warum bindet ihr das Fohlen los?“ Und sie sagten: „Der Herr braucht es.« Und sie brachten es zu Jesus, warfen ihre Kleider auf das Fohlen und ließen ihn aufsteigen. Als er loszog, breiteten sie ihre Kleider auf dem Weg aus. Aber schon als er sich dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die ganze Gruppe der Jüngerinnen und Jünger sich zu freuen und Gott wegen all der machtvollen Taten, die sie gesehen hatten, lauthals mit den Worten zu loben:
„Gepriesen ist, der da kommt, der König, im Namen der Lebendigen. Im Himmel ist Friede
und Gottesglanz in den Höhen!“ Und einige von der pharisäischen Gruppe sagten abgewandt vom Volk zu ihm: „Lehrer, verbiete das deinen Schülern und Schülerinnen!“ Er antwortete: „Ich sage euch: Wenn sie schweigen werden, werden die Steine schreien.“ 

Lk 19,28-40 

Und als die Stunde da war, legte er sich mit den Aposteln zu Tisch. Er sagte zu ihnen: „Ich habe mich danach gesehnt, dieses Pessachmahl mit euch zu essen, bevor ich leide. Ich sage euch: ich esse es nicht mehr, bis es sich erfüllen möge in der Königsmacht Gottes.“ Er nahm den Becher, sprach das Dankgebet darüber und sagte: „Nehmt ihn und teilt ihn unter euch! Denn ich sage euch: Ich werde von jetzt an keinen Saft des Rebstocks mehr trinken, bis das Gottesreich gekommen ist.“ Er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach es, gab es ihnen und sagte: „Das ist mein Leben, das für euch gegeben wird. Das tut zu meiner Erinnerung.“ Genauso nahm er den Becher, nach dem Essen, und sagte: „Dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird. Doch siehe, die Hand dessen, der mich ausliefert, ist mit meiner Hand auf dem Tisch. Es ist so, dass der Mensch den Weg geht, der beschlossen wurde; aber dem Menschen ergeht es schlecht, durch den er ausgeliefert wird.“ Sie fingen an, sich gegenseitig zu prüfen, wer von ihnen wohl so etwas tun würde. 

 

Da sah ihn (Petrus) eine Sklavin beim Feuer sitzen, blickte ihn an und sagte: 

„Auch dieser war mit ihm.“ Er aber leugnete und sagte: „Frau, ich kenne ihn nicht.“ 

 

Lk 22,14-23,56  Bibel in gerechter Sprache

 

Wir kennen ihn nicht

 

Die Bibeltexte der heutigen Leseordnung zeigen den Palmsonntag in seiner ZWIEGESPALTENHEIT auf.- Darüber lohnt es sich, in der Fasten- bzw. Karwoche nachzudenken, es zu überbeten, zu überwinden-, zu erinnern. Wäre ein eindringliches Fasten z.B. Folgendes: In der Erinnerung des Leidens Jesu unsere Welt zu entdecken..., unsere Erde, die Mitgekreuzigte durch uns Menschen, die wir zu laut jubeln...und uns in diesen illusorischen Friedens-Glückseligkeits-Sicherheit baden...?

 

Die Karwoche ist während des Ukraine-Kriegs wohl fast allen Menschen in und auf die  Seele gefallen. Taucht da auch unter uns, und in unseren Christliche Werte verteidigenden Systemen, dieser UNS UNBEKANNTE JESUS auf?  Der von uns Verleumdete?

 

Explodierende Freude macht sich unter den Anhängern Jesu in Jerusalem breit; gebettet in Sicherheitssehnsucht und Verlass auf diesen Jesus..., der die Karre aus dem Dreck schieben wird...; der Lösungen aus dem Ärmel zaubern wird; für das gesamte Volk Israels... Der, heutzutage und zulande, den Ukraine-Krieg ausgehen lassen wird. —Doch wird übersehen, dass er auf dem Fohlen reitet..;  Einige Jünger  bringen das Tier auf Anweisungen Ihres Meisters; kein stolzes Reit-Tier für einen starken Reiter. Ohne nähere Begründung können die Jünger die Anfrage der präsenten Menschen beantworten, es heißt nur: „Der Herr braucht es“...nun ja.

 

„Der Herr…": der endlich das HURRA des Sieges der „Gut-Macht“ in der schutznötigen Wirklichkeit anstimmen wird. Ein Herr, der alles im Griff hat. Es fliegen die Jacken und Kleider nur so teppichhaft auf die Wege und Strassen, um diesem „Herrn“, den verdienten, schon lang bemerkten Gottesglanz zuzusprechen, zuzusingen. 

 

Das Fohlen wird geholt; weil die kleine Ohnmacht Jesu Reittier ist — nicht das bravouröse Zucht-Pferd.  Noch werden die die Kleider auf dem Weg geworfen, passend zum Halleluja...,  zum gerockten Lobpreis..., mit ekstatisch, hypnotisierenden Wiederholungen. — Endlich ist er da, der Siegesglanz...der Gottesglanz auf Erden. So wie es die „follower“ schon lange wollten: Jesus soll sich groß machen und mächtig auftreten... Die empört zuschauenden Pharisäer verbitten sich bei Jesus dieses Volks-Geschrei.....er erwidert: "Schreien sie nicht, werden die Steine es tun..."  Dieses Loben wird von den Pharisäern also als Protest-Tanz und Protest-Marsch gedeutet. Jesus lässt sich kurze Zeit in diesem Volksjubel tragen, lässt es zu — verweist die Pharisäer an ihren Platz.

 

Unsere kirchlichen Feiertags-Liturgien haben diesen begeisternden Jesus-Followertag übernommen in unserem sogenannten Palmsonntag, wissen aber von seiner Zwiegespaltenheit. Jesus entzieht sich diesem Lobesgetümmel und Alleluja-Wahn. Wie oft hat er das erklärt:... „Ja ich bin ein König. Von der Würde eines jeden Menschen her gesehen.....Doch mein Reich ist nicht von dieser Welt..“— 

 

Näher als dieses Lobes-Gestürm von „Gestern“ vor und in der Stadt, das Singen, das Jubeln — auch Gröhlen,  das hauptsächlich dazu dient,  sich selbst zu entlasten von den Pflichten des Alltags und dem Einsatz für Gerechtigkeit im Staatswesen etc. ist Jesus die Sehnsucht mit seinen FreundenInnen das Pessach-Mahl zu halten. 

 

Doch genau in diesem heimeligen Moment, da sie bei Tische liegen und Brot und Wein teilen mit den so Neuen Worten der Hingabe des Lebens Jesus und der Aufmunterung dieses Mahl immer wieder zur Erinnerung zu feiern, gibt es auch ein Blockierung im Geschehen. Der Verrat durch einen Menschen wird sichtbar. Er sitzt mit Jesus am Tisch, ihre jeweiligen Hände berühren sich beim Brot-Teilen. Wenig später hat in dieser, vorher so lauten Jubel-Orgie auch die Verleumdung seitens Petrus, (dem „Fels“) Platz. Aus seiner Angst heraus  will er sich retten: „Ich kenne diesen Menschen nicht...“ Das ist sicherer, um nicht selbst zur Zielscheibe zu werden. In diesem Sinne gibt es genügend Kirchen-Bredouille , in der immer wieder dieser Satz auftaucht: „ICH KENNE DIESEN MENSCHEN NICHT, weder den Menschen von der Strasse in all seinem Leid, noch dem Menschen Jesus, der zur Welt kam.“

Es gibt genügend Grund, sich an den aktuellen Kirchenfürsten festzubeißen. Doch dieser Satz fällt auch tief in mein eigenes Herz.. „Ich kenne diesen MENSCHEN nicht.“ Dieser Jesus hat, nach dem sich ereignenden falschen Jubel, keine größere Sehnsucht als die, das Mahl zu feiern. Und selbst da schwingt in unserem Innern und in der Äußeren Welt der Verrat mit.

 

„Wir kennen IHN nicht...“—Da hängt soviel fest; ist unbeweglich geworden. Ich kenne ihn nicht. Mein Christ-Sein hat von IHM ausgehend, nicht auf mich abgefärbt. Ich trage meine eigen Ideen, — meine eigene Farbe, — tauche ein ins Grau des Mainstreams, — oder ins Gefasel der überall und zu jeder Zeit präsenten Talk-Shows. Ich esse von dem Brot, um später  nach dem rettend-verräterischem  Wort zu leben: „Ich kenne diesen Menschen nicht...“—

Nein! ich kenne ihn nicht, weil ich beim Teilen des Mahles sein Wort nicht verinnerliche, es nicht zur Welt bringe wie eine wirkliche FollowerIn 

 

Cristy Orzechowski

 

DER AUSGELASSENE EINSPRUCH

 

 

…es rächt sich

nur einmal mehr

das zu laute

und frühe jubeln

einer halbherzigen 
weltkirche.
 
am grab glatt
vorbeidrängend,

strömt ihre beharrliche

alleluja-prozession 
glocken und weißrotbefrackte

chöre schmücken den jubel aus.
 
 
das hingegebene blut

vergißt sich im
kelch so leicht 

 
 
das osterlamm wird als

billiges teigwarenangebot

zum munde geführt

wie zur schlachtbank.

eingelullt von

dieser soft-ware

der beschwichtigungen,

wen wundert es
 da noch,

dass uns die

richtigen erinnerungen

ausgingen
 
an Seine geschichte.
 
 

 

VERFRÜHTES ALLELUJA 

 

 

Den Karfreitag
verdrängen wir

in unserer Angst

und verkünden
 
breite Osterwege.
 

So bleibt das Alleluja,

zu früh

zu laut

 

zu oft
an der falschen Stelle

gesungen,
 

 
als unbedeutender

lauer Hauch 
unter uns 
und über
 den Städten der Armen-
über kleinen u. großen Kriegen

in der Luft hängen….
und wir daneben..
 

 

 

 

 

Texte CRISTY Orzechowski aus: SEINE KLEINE GEGENWART S.116./186

 

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