Sonntagsbrief zum Ostersonntag, 12. April 2020

11. April 2020 von Magnus Lux

Die Verlierer*innen sind die Sieger*innen

Hans Holbein d. J. - Noli me Tangere 1524 Hampton Court

 

Am ersten Tag nach dem Sabbat kam Maria aus Magdala früh, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie los und kam zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, dem, den Jesus liebte. Sie sagte zu ihnen: „Sie haben den Rabbi aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wo sie ihn hingebracht haben.“ Da gingen Petrus und der andere Jünger los und kamen zum Grab. Die beiden liefen zusammen, aber der andere Jünger lief schneller als Petrus und kam zuerst zum Grab. Er bückte sich und sah die Tücher daliegen, aber er ging nicht hinein. Simon Petrus, der ihm folgte, kam auch, ging in das Grab hinein und sah die Tücher daliegen, aber das Tuch, das seinen Kopf bedeckt hatte, lag nicht bei den anderen Tüchern, sondern zusammengefaltet für sich an einem eigenen Ort. Dann ging auch der andere Jünger, der zuerst zum Grab gekommen war, hinein und er sah und glaubte. Allerdings wussten sie noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste. Die beidenJünger gingen wieder zu sich.

 

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sah zwei Engel in weißen Kleidern dasitzen, einer am Kopf und einer an den Füßen, wo der Körper Jesu gelegen hatte. Sie sagten zu ihr: „Frau, warum weinst du?“ Sie sagte zu ihnen: „Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.“ Als sie dies gesagt hatte, drehte sie sich um und sah Jesus dastehen, aber sie wusste nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: »Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Sie dachte, dass er der Gärtner wäre, und sagte zu ihm: „Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sage mir, wo du ihn hingebracht hast, und ich werde ihn holen.“ Jesus sagte zu ihr: „Maria!“ Sie wandte sich um und sagte zu ihm auf Hebräisch: „Rabbuni!“ – das heißt Lehrer. Jesus sagte zu ihr: „Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Geh aber zu meinen Geschwistern und sage ihnen: Ich steige auf zu meinem Gott und eurem Gott, zu Gott, die mich und euch erwählt hat.“ Maria aus Magdala kam und verkündete den Jüngerinnen und Jüngern: „Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen.“

 

Joh 20, 1-18 Bibel in gerechter Sprache

 

Die Verlierer*innen sind die Sieger*innen

Ostern. Das Fest aller Feste. Das Fest aller Feste? Hat nicht Weihnachten diesem Ostern den Rang nicht längst abgelaufen? Weihnachten, das ist was fürs Gemüt – Ostern, na ja, Osterfreude, Auferstehung: tot ist tot – und dann doch nicht? Was soll man damit anfangen?


Und doch ist Ostern das Fest aller Feste: Hier geht es darum, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass die Verlierer die Sieger sind, dass „die Mächtigen vom Thron gestoßen“ werden, wie Maria schon im Magnificat singt. Das ist das Programm der ganzen Botschaft des Mannes aus Nazaret, an Ostern kristallisiert es sich.


Eingebettet in das heutige Evangelium ist der „Wettlauf der Jünger zum Grab“. Ich kann mich an eine Predigt erinnern, die diesen Wettlauf zum Thema gemacht hat. Der Jünger, den Jesus liebte, lässt dem Petrus den Vortritt. So sei das nun mal in der Kirche: der Amtsträger habe den Vorrang. (So hätten es reaktionäre Bischöfe in der Kirche immer noch gern.) Der Lieblingsjünger glaubt; doch was heißt das, wenn auch er wie Petrus nicht verstanden hat, worum es eigentlich geht. Na ja, was soll man machen, man geht halt wieder nach Hause.


Ich habe mir damals schon gedacht: Welche Rolle spielt eigentlich Maria von Magdala, die sich als erste auf den Weg gemacht hat? Von zwei Engeln muss sie sich fragen lassen, warum sie weint. Engel, das sind die Boten Gottes, die die Menschen darauf hinweisen, was das bedeutet, was sie von sich aus nicht begreifen. Und tatsächlich hat Maria nichts begriffen; als sie sich umdreht und Jesus sieht, meint sie, es sei der Gärtner. Doch dann spricht sie Jesus mit Namen an: Maria. Und Maria wendet sich um und erkennt Jesus. So kann Maria von Magdala zur Apostolin der Apostel werden.

Nur wenn ich mich angesprochen weiß, wenn ich mich beim Namen gerufen fühle, wenn also ich gemeint bin, kann ich erkennen, wer der mir fremde Mann aus Nazaret, aus einer langen Zeit vor uns, für mich und für uns ist: Rabbuni, das heißt Meister, Lehrer. Mehr noch: Wir müssen uns umwenden, das heißt wir müssen etwas mit anderen Augen sehen, um zu erkennen, worum es wirklich geht, wir müssen „konvertieren“, wie es im lateinischen Text heißt. Eine Frau hat den Männern die Augen geöffnet. Das können die Männer der Kirche den Frauen bis heute nicht verzeihen. Erst jetzt merken sie allmählich, dass die Kirche ohne die Frauen nur die halbe Kirche ist. Diese Erkenntnis muss aber genügen! Dass sich Frauen als Nachfolgerinnen der Apostolin der Apostel sehen und gleiche Rechte wie die Nachfolger der Apostel fordern: Das geht doch entschieden zu weit!

Wie war das doch? „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Das ist Ostern.

Magnus Lux

Bild: Hans Holbein d. J. - Noli me Tangere 1524 Hampton Court

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