Sonntagsbrief zum Fest Erscheinung des Herrn

3. Januar 2020 von Sigrid Grabmeier

Hirten und Könige

Botticelli-Florenz-Uffizien 

 

Steh auf, werde licht, denn dein Licht kommt
und der Glanz GOTTES strahlt über dir auf!
Schau nur: Finsternis bedeckt die Erde
und dunkle Wolken die Völkerschaften,
aber über dir wird GOTT aufstrahlen, 
Gottes Glanz wird über dir sicchtbar.

Die fremden Völker werden zu deinem Licht gehen,
königliche Herrschaften zu dem Lichtschein, der über dir aufstrahlt.
Erhebe deine Augen ringsum und schau!

Sie alle sammeln sich, kommen zu dir!
Deine Söhne werden aus der Ferne kommen
und deine Töchter werden sicher an deiner Seite sein.
Da wirst du schauen und strahlen,
dein Herz wird erbeben und weit werden,
denn zu dir hin wenden sich die Schätze der Meere,
der Reichtum der fremden Völker kommt zu dir.
Scharen von Kamelen werden dich bedecken,
junge Kamele aus Midian und Efa.
Aus Saba werden alle kommen, Gold und Weihrauch werden sie bringen,
die Ruhmestaten GOTTES verkündigen sie.

Jesaja 60, 1- 6 Bibel in gerechter Sprache

Hirten und Könige

Ich möchte Sie einladen, diesen wunderbaren Text auf sich wirken zu lassen, einfach mal eintauchen. Vielleicht geht auch bei Ihnen das Kopfkino an. - Können Sie sich vorstellen, dass Verse wie diese zu unserer Vorstellung der Weisen aus dem Morgenland beigetragen haben?

Sie wurden dargestellt wie Könige, in drei Altersstufen und in verschiedenen Hautfarben. Mehr noch. Die Medici identifizierten sich öffentlich mit den ´Magi`, in Florenz stößt man allerorten auf Darstellungen. Benozzo Gozzoli (1459) oder Sandro Botticelli (1475/76)fertigten in ihrem Auftrag Darstellungen, in denen Familienmitglieder als handelnde Personen integriert waren.

Hirtendarstellungen gab es zunächst fast nur in illustrierender Weise in der Buchmalerei, in großformatigen, eigenständigen Werken tauchen sie zunächst vorwiegend im Hintergrund auf, nicht jedoch direkt an der Krippe. Selbst nach der Reformation, die in der Bilderwelt einiges neues brachte, blieben sie auf Gemälden selten. Allerdings wurden sie zu den wichtigen Personen in den plastischen volkstümlichen Krippen.

Eine der wichtigen frühen Krippendarstellungen mit Hirten ist das Gemälde des Flamen Hugo van der Goes 1473-1477. Er fertigte im Auftrag von Tomaso Portinari ein Tryptichon, auf dessen Mitteltafel drei Hirten in einer Schar von Engeln das Kind anbeten. Die Stifterfamilie ist auf den beiden Seitenflügeln dargestellt. Portinari führte in Brügge die Vertretung des Hauses Medici, ohne also sich in Konkurrenz zu seinem Chef zu begeben setzte er somit ein Zeichen und ließ seine Frömmigkeit dokumentieren.

Bei mir wirft dieses kunsthistorische Beobachtung immer wieder die Frage auf, wie die Kirche selbst sich positioniert hat. Stellte sie sich lieber auf die Seite der Hirten oder auf die Seite der Könige?

 

 

Hirten und Könige
 
Meine Mutter mochte die Könige nie,
Hirten und Frauen, Schafe und Hunde,
eine Schnecke, Vögel und eine Maus,
die durften zu Krippe und Kind.
Die Könige, so sagte sie,
die soll´n zu den Großkopferten geh´n
Die Hirten nämlich kamen zuerst.
 
Die Großkopferten, Mächtigen, Reichen,
sich malen ließen sie gern,
prachtvoll gewandet mit Hofstaat im Stall,
Museen sind ihrer voll,
Hirten trifft man dort selten.
 
Natürlich hören wir immer,
sie stünden für Weisheit und Weite.
Für Machtlosigkeit, Armut und Not
sind sie ein schlechter Beleg.
Doch gerne maß sich die Kirche
in ihrer prunkenden Macht
mit denen die prachtvoll regierten.
 

Sigrid Grabmeier

Bild: Sandro Botticelli, 1476/77, Die Anbetung der Weisen, Uffizien Florenz

 

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