Sonntagsbrief zum letzten Sonntag im Jahreskreis, Christkönig, 24. November 2019

23. November 2019 von Günther Doliwa

Das Größte im Kleinsten

Plön, Nicolaikirche, Der Auferstandene, ©Sigrid Grabmeier

 

Mit Freuden dankt Gott wie einer Mutter oder wie einem Vater! Gott hat euch bevollmächtigt zum Anteil am Los der Heiligen im Licht. Gott hat uns gerettet aus der Macht der Finsternis und versetzt in das Reich des Kindes göttlicher Liebe, durch das wir Erlösung, die Vergebung der Sünden, haben.

 

Das Kind göttlicher Liebe ist Abbild der unsichtbaren Gottheit,
erstgeboren in der Schöpfung.
Denn in ihm ist alles im Himmel und auf der Erde geschaffen worden,
das Sichtbare und auch das Unsichtbare,
Throne und Herrschaften,
Mächte und Gewalten.
Alles ist durch es und auf es hin geschaffen.

Und es ist vor allem da gewesen,
und das All hat in ihm Bestand.
Und es ist das Haupt der ganzen himmlischen Versammlung.
Das Kind göttlicher Liebe ist Anfang,
erstgeboren aus den Toten,
damit es in allem vorausgehe.

Denn in ihm hat es der ganzen Fülle Gottes gefallen,
Wohnung zu nehmen,
und durch es das All zu versöhnen mit Gott,
indem es Frieden auf Erden wie im Himmel machte
durch das Blut, das an seinem Kreuz vergossen wurde.

 

 

Kol 1, 12-20 Bibel in gerechter Sprache

 

Das Größte im Kleinsten

Wer ist souverän? Eine Person, die sich eine Blöße geben kann, ohne ihre Würde zu verlieren. Souverän ist ein König, ein Herrscher in Gerechtigkeit und Güte. Kaiser, König, Vater Staat, Präsident und Parlament sollen bürgen für Rechtssicherheit, Ordnung, Stabilität, Kontinuität, Wohlergehen des Volkes. Wer das nicht kann, verliert jedes Mandat, jede Souveränität. Für Oberhirten gilt: Wer nicht dient, hat Jesus missverstanden (Lk 22,25f). Der Größte soll werden wie der Kleinste. Dann ist Licht. - König David wird als souverän beschrieben. Kein Wunder, dass Souveräne gepriesen werden, trotz ihrer Schwächen. Die Psalmen schäumen über vor Lust, das Leben zu preisen, das als Geschenk begriffen wird. Aber die Preislieder verwandeln sich in Klage und Fluch, wenn das Leben mit Überforderungen daher kommt. Dann zerfetzt sich der Zusammenhang.

Im Lukas-Evangelium 23,35-43 stürzen alle Flüche auf Jesus ein, als er gekreuzigt am Balken hängt. Nachdem er von Judas verraten, von Petrus verleugnet, von Herodes und seinen Soldaten verachtet , vor Pilatus verhört und gedemütigt und unverdient zum Tod verurteilt worden ist - der Pöbel forderte lauthals ein grausames Schauspiel - da wird der Gemarterte von der Menge und von der Elite verlacht, von Soldaten mit Essig „verköstigt“ und verspottet, selbst von einem Verbrecher verhöhnt: Hilf dir selbst, wenn du erwählt bist! Da erlischt das Licht. Finsternis fällt übers Land. Der Tempelvorhang zerreißt. Jesus stirbt mit einem Schrei, in dem der Schrei der ganzen gequälten Welt mit hallt. Die im Dunklen erkennen betroffen, dass ihnen das Licht fehlt, dass man einen vor Gott Gerechten erledigt hatte, mit dem das Licht unterging.

Das Christus-Licht verdichtet sich im Christus-Lied (Kol 1,12-20). Ein gewaltiger Hymnus, der den von den Toten Auferstandenen, Auferweckten preist als Ebenbild Gottes, als Werkzeug der Schöpfung, als Haupt der Kirche, als Ursprung des Lebens, als Erstgeborenen der Toten, als Versöhner und Friedensstifter. Durch ihn ist alles, in ihm wohnt und erhält sich alles, auf ihn zu führt alles. Wer in ihm bleibt, hat alles. Das Unsichtbare ist Gestalt geworden. Sein Licht vertreibt alle Finsternis. Wer ihm vertraut, tritt ins Licht. Wird durch ihn Licht und Salz, das alles auf das Bekömmlichste würzt. Er, den sie verspotteten, er solle sich selbst retten, hat sein Leben gegeben, um alle zu retten, die ohne zu wissen, was sie tun, in Finsternis wandeln. 

„Christus ist das Licht der Völker.“ Lumen Gentium. Sagt das Konzil. So mag das Jahr sich verfinstern, die dunkelste Stunde kommen – in der Dunkelheit strahlt ein Licht auf, das nur blenden kann. Jünger*innen sind Zeugen des Lichts. Als Verheißung wandert es über die Erde, schneller als wir fliegen können. Uns voran auf dem Weg. Wie sagt der Philosoph Peter Sloterdijk: „Die Seele soll eine maximale Exilfähigkeit erlangen.“ Und wir Christen wissen uns im Exil, nie ganz daheim. Sonst wäre das Himmelreich schon ganz da. Aber wir haschen nach einem Zipfel des Künftigen, das sich im Sakrament der Liebe schenkt.

Erzkonservativlinge à la Woelki, Vorderholzer & Co, die der Mannwerdung Gottes huldigen und sich direkt senkrecht von oben vorösterlich ins Amt gesetzt wähnen, klammern sich an ein senkrechtes Gottes- und Kosmos-Bild. Sie verteidigen die Statik eines Gebäudes, das gar kein Gebäude ist. So absurd wirkt ihr Beharren in demokratischen Zeiten. Sie begreifen scheint’s die universelle Dynamik des Christentums nicht, das vom Geist geführt, befreit, getrieben ist in die Weite. Sie verdrehen das Evolutionsereignis der menschlichen Geburt des Göttlichen in Jesus Christus, weil sie es rechtlich zu fassen kriegen wollen. Die Positionen, die jene Bremser Frauen zuschreiben sind so veraltet wie ihre höfischen Gewänder. Statik-Denker pochen auf klerikale Ordnung. Sie fürchten um ihre Entscheidungskompetenz und beschwören „die Gefahr, das Lehramt und die Bischöfe zu marginalisieren.“ (Woelki) Wenn ihnen wie im Arbeitspapier zum Synoden-Statut „keine exklusiven Entscheidungskompetenzen in Form von Vetorechten für die Bischöfe bei der Abstimmung der Ergebnisse“ zugestanden werden, steigen sie aus dem Prozess aus. Macht und Gewalt zu teilen, überfordert ihr Kirchenbild. Päpstliche lehramtliche Verlautbarungen zu hinterfragen, gehe nicht an. Synodale Parlamente und Experimente würden „Taschenspielertricks“ nutzen, der Kirche ihre gute alte katholische Identität zu rauben. Ausgerechnet Vereitler notwendiger Reformen reden von trügerischer Hoffnung. Das ist ganz und gar nicht souverän, sondern kleinkariert und angstverzerrt

So mögen die Vertreter der Indigenen bei der Amazonas-Synode symbolisch ein Kanu in den Saal tragen, in dem Überlebensmittel sterbender Urvölker dargestellt sind – Musikinstrumente, Körbe, Jagdutensilien. Wir dürfen bei Licht besehen deshalb nicht nachlassen, uns zu bemühen, Dinge zu retten, die wir konkret lieben. Der stumme Kosmos schreit auf. Macher und Machos übertönen ihn. Wahrheit ist ökologisch. Da hilft kein „Dreiklang von beten, singen und fordern“ (Bischof Schick/Bamberg). Es gilt globale Gewaltursachen zu kritisieren, Unrecht zu ächten, besonders das gegen Frauen, den Fortschrittsbegriff auf katastrophale Nebenwirkungen zu prüfen. Denn verführt von dunklen Trieben der Gier nach Erdöl, Gold, Edelholz, Palmöl aus dem Amazonasgebiet, kommen wir nicht ins Licht. Stauseeprojekte, die entwurzeln und ersäufen, lassen verdursten. Falsche, marktliberale Wirtschaftsmodelle empören. Kaiser, König, Vater Staat, Präsident und Parlament sollen Rechtssicherheit, Ordnung, Stabilität, Kontinuität, Wohlergehen des Volkes vor Augen haben. Wer das nicht kann, verliert jede Autorität und Souveränität. Autokraten und Urwald-Schänder gehen ihres Auftrags verlustig. Ein brodelnder Kontinent im Aufruhr zeigt, dass immer mehr ums tägliche Überleben kämpfen, während abgehobene Eliten sie im Stich lassen. Das Volk formiert sich neu, gerufen, jedes Mitglied gerecht zu achten. Wir sind alle auf Souveränität hin getauft. 

 

Das Neue Kirchenjahr möge beginnen. Segen euch allen!

 Günther Doliwa

Bild: Nikolaikirche in Plön, Kirchenfenster mit dem Auferstandenen © Sigrid Grabmeier

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