Sonntagsbrief zum Karfreitag 10. April 2020

8. April 2020 von Günther Doliwa

KARFREITAG 2020 – unter anderen Vorzeichen

Günther M. Doliwa

Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Jener andere Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt und ging zusammen mit Jesus in den Hof des Hohenpriesters. Petrus aber stand draußen an der Tür. Der andere Jünger, der mit dem Hohenpriester bekannt war, ging wieder hinaus, sprach mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da sagte die Sklavin, die Türhüterin, zu Petrus: „Bist du nicht auch ein Jünger dieses Menschen?“ Petrus sagte: „Das bin ich nicht.“ Die Sklavinnen und Sklaven und die Leute standen bei einem Kohlenfeuer, das sie angezündet hatten, weil es kalt war, und wärmten sich. Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.

Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jüngerinnen und Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: „Ich habe öffentlich vor der Welt gesprochen, ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle zusammenkommen. Ich habe nichts im Geheimen gesagt. Warum fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich ihnen gesagt habe! Sieh, diese wissen wirklich, was ich gesagt habe.“ Als er das sagte, ohrfeigte einer der dabeistehenden Leute Jesus und sagte: „Antwortest du so dem Hohenpriester?“ Jesus antwortete ihm: „Wenn ich Falsches geredet habe, dann bezeuge, dass es falsch ist! Wenn es aber richtig ist, warum schlägst du mich?“ Da sandte ihn Hannas gefesselt zum Hohenpriester Kajaphas.

Simon Petrus stand und wärmte sich. Da sagten sie zu ihm: „Bist du nicht auch sein Jünger?“ Er stritt es ab und sagte: „Das bin ich nicht.“ Ein Sklave des Hohenpriesters, ein Verwandter von dem, dem Petrus das Ohr abgeschlagen hatte, sagte: „Habe ich dich nicht mit ihm im Garten gesehen?“ Da leugnete Petrus wieder. Und sofort krähte der Hahn.

 

Joh 18, 15-27  Bibel in gerechter Sprache

 

KARFREITAG 2020 – unter anderen Vorzeichen

Dies ist kein Loblied auf das „hochheilige Kreuz“, in dem sich Gott offenbaren würde. Hier wird nicht das Leiden und Sterben Christi gefeiert, das Vergießen des edelsten Blutes, durch das wir von Sünden erlöst wären. Das Thema an Karfreitag ist der VERRAT - und die Folgen. Es geht um die Spannung zwischen den diametralen Gegen-Sätzen: Ich bin es! den Jesus sagt, und der Selbstverleugnung des Petrus, der ausstößt: Ich bin es nicht! SELBSTVERRAT ist das einzige, wovor der Mensch sich hüten muss gerade im Angesicht des Todes. Der Verrat zerstört ein ganzes Leben. Er stürzt in extremste Verzweiflung. Diese ahnt Petrus, als er an der Pforte, am Kohlenfeuer, im Morgengrauen als Anhänger Jesu erkannt wird – und verleugnet, Jesus überhaupt zu kennen. Sogar ein Ohr des Hohepriester-Dieners Malchus als Schlachttrophäe bringt ihm nichts als Scherereien. Petrus erweist sich als Großmaul. Er ist noch nicht so weit, zu sich zu stehen. Er wird zurechtgestutzt. Er muss erst durch die Hilflosigkeit hindurch. Der krähende Hahn verrät seinen Verrat. Petrus, von wegen Fels - eher Klippe! Eine andere Verzweiflung erlebt Judas, der von Jesus enttäuscht, ihn mit einem Kuss verrät. Die dreißig Silberlinge wirft er den Auftraggebern hin. Sein Leben erstickt im Strick.

Jesus, der Nazoräer, aber steht ganz zu sich. Er nimmt kein Wort zurück, das er in der Synagoge gelehrt hat, keine Tat, die er „offen vor aller Welt“ als öffentliche Person vollbracht hat. Jesus vertritt keine Geheimlehre. Er allein strahlt, trotz Gefangenschaft, in seiner ganzen Freiheit im Hof des Hohenpriesters Hannas, der von seinem Schwiegervater Kaiphas das Amt geerbt hat und nach dessen Devise lebt: Es ist besser, dass ein einziger für das Volk stirbt. Wer zur Macht verführt ist, der ist für Verführung zum Leben verloren.

Die Psychologie nennt die Angst vor der Autonomie den eigentlichen Verrat. Zwei Wege biete die Entwicklung: Liebe oder Macht. Der Weg der Macht spiegelt die Ideologie des Herrschens, die Leiden und Hilflosigkeit als Schwäche ablehnt, abspaltet und sich auf das Erfolgsrezept versteift, sich ständig beweisen zu müssen. Ein ständiger Kampf, weit entfernt von der Fähigkeit, das Leben zu bejahen. Er vermeidet, verneint, unterdrückt gerade das, wozu im besonderen Maße Frauen Zugang haben, sofern diese ein Selbst haben, das Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen kann, nämlich: zur Empathie fähig zu sein. Die wahre Autonomie entwickelt sich aus dem Lebendig-sein, dem Zugang zu ureigenen Gefühlen der Freude, des Leids, des Schmerzes. Empathie wird zum Katalysator der Autonomie. „In Gesellschaften, in denen als Preis für die Liebe Gehorsam, Konformität und Abhängigkeit gefordert werden, darf es nicht erstaunen, dass Autonomie als wesentlichster Integrationsfaktor der Entwicklung verneint oder zumindest verschleiert wird.“ (Arno Gruen. Der Verrat am Selbst 1986/1998 S. 28) Alles, was den persönlichen Selbstbetrug gefährdet, wird gehasst. Zu hoffen, dass uns eine Autorität bestätigt, der wir uns ergeben haben, erlöst nicht. Wer anfällig ist, stets gefällig zu sein, kommt in gefährliche Ergebenheit (Fatalismus). Merken wir eigenes Leiden, können wir uns differenzieren und von der Illusion befreien, dass Machtausübung weniger hilflos macht. Prüfe, ob es dir um Macht oder Liebe geht! Das ist das Dilemma. Das wäre eine Karfreitagsmeditation heute.

Das Böse der Macht ist aus dieser Sicht eine Flucht vor dem Selbst. Die Entmenschlichung des Mannes und die Unterdrückung der Frau nehmen hier doppelt Ansatz. Die Sucht der Männer nach Überlegenheit und die Angst vor Lebendigkeit schädigen uns Männer enorm. Frauen müssen keine Stütze mehr sein, indem man sie missbraucht, um eigene Schwächen zu vermeiden. Wir müssen unsere eigenen Bedürfnisse entdecken, sonst verlieren wir uns selbst. Die Bürokratie der Kirche, die ihre Rolle nach dem Vorbild Roms aufbaute, auf bedingungslosen Gehorsam an eine Autorität setzt(e), untergräbt das Menschliche durch institutionelle Macht. Ein Bewusstsein, das auf Herrschen aufgebaut ist, fällt auseinander, wenn die Ohnmacht kommt, weil sie nichts anderes gelernt hat, als sich aufzuplustern. Und diese Ohnmacht kommt. Zurzeit mit Wucht durch ein von Tieren auf Menschen übertragenes Virus, das die Räder zum Stillstand bringt, Firmen und Läden schließt, Flugzeuge am Boden hält, Kontaktverbote veranlasst, aber auch die Natur aufatmen lässt. Jetzt hat die Gesellschaft Zwangspause. Eine unerwartete Chance, über Prioritäten nachzudenken, Verzichtbares zu prüfen, menschliche Abstände neu zu vermessen und Solidarität im Kleinsten zu üben. Aber bitte nicht so, dass alle anderen Katastrophen plötzlich irrelevant wären. „Für mich ist das Hauptproblem, dass die Schutzlogik derzeit alle anderen Anliegen überlagert.“ (Pater Mertes, Zeit, 2.4.2020) 

Befreiend ist es, sich in einen größeren Lebenszusammenhang einzubetten. Befreiend, seine Grenzen zu akzeptieren; befreiend, seine Grandiosität aufzugeben. Jeder Organismus braucht Stimulation, sich lebendig zu fühlen. Wahre Stärke strömt aus der Konfrontation mit der Schwäche. Dazu lädt Karfreitag ein. Unter der Angst (vor dem Tod) schläft eine Kraft. Wahre Beherrschung des Selbst (Autonomie) ist möglich. 

In Zeiten der Corona-Pandemie 2020 aber bekommen wir unsere Ohnmacht geballt zu spüren. Wir ahnen paradoxerweise im Kontakt-Entzug, was Befreiung sein könnte. Politik meint, sie könnte uns von der existenziellen Hilflosigkeit angesichts des Todes befreien. Keine Politik schafft den Tod ab. Sie schnürt Milliardenschutzschirme, wo doch die bisherigen Verteilungsmechanismen schon fragwürdig waren. Unterbezahlten stehend zu applaudieren anstatt sie finanziell zu honorieren, enthält eine zynische Note. Das bekannte Szenario – Quarantäne, Kontaktsperre, Ausgangsbeschränkungen - lässt uns erleben, was alles nicht mehr geht und wer am meisten darunter leidet. Dem gegenüber erfahren wir, welch ungeheurer Einfallsreichtum im Volk schlummert, das Beste aus dem Schlechten zu machen; wir erleben im Wurzelwerk des Volkes, was plötzlich alles einfach geht, ohne Aufforderung oder Erlaubnis von oben, aus Solidarität, Bürgerwitz, Künstlerkreativität. Not macht erfinderisch. Sketsche, Witze, (manchmal unter Niveau), Balkon-, Wohnzimmer-Musik, Gratiskonzerte. Solidarität blüht auf, Spenden beenden Miseren. 

Auf einen Schlag ist Kirchenversammlung verzichtbar. Reformthemen sind irrelevant. Weil Glaubens- und Wissenskonzerne im Grunde nur mit Hoffnungspraxis punkten können, nicht damit, Meinungen zu sortieren. Absurd, wie die katholische Kirche sich verhält, wenn Priester vorkonziliare Solo-Altar-Messen ohne Gemeinde feiern; wenn sie, mit nachträglichem Dispens von der Sonntags-Gottesdienstpflicht, den vom Staat verordneten Veranstaltungsverboten einen klerikalen Machtstempel aufdrücken will. Wenn sie im 21. Jahrhundert noch immer meint, Sündenstrafen „urbi et orbi“ vergeben zu müssen, als wären die Folgen von Handlungen nicht schon Strafe genug. Und da steht dann der gute alte Papst unterm Baldachin auf dem menschenleeren Petersplatz im Regen und stemmt mit letzter Kraft eine Monstranz hoch. Eine perfekt inszenierte „Oper“ des Trostes? Reicht virtuelle, geistliche Kommunion? 

Wer so richtig zu handeln meint, der schaue auf Jesus im Johannes-Evangelium, alleine vor Gericht. (Sehen wir einmal davon ab, dass ausgerechnet ihrer Autonomie beraubte Männer immer den souveränen Part Jesu vortragen.) Der Machtzyniker Pilatus leistet den Offenbarungseid der Machtpolitik. Mit Jesu Königtum kann er nichts anfangen. Der spricht vom „Zeugnis für die Wahrheit“, die ein Fremdwort für jeden Pilatus ist, der nicht weiß, woher die kommen soll. Obwohl er dreimal Jesu Unschuld feststellt, lässt er ihn auf Druck der Massen foltern, verspotten, bloßstellen: Seht, der Mensch! Dann liefert er ihn und zwei andere zur Kreuzigung aus und wäscht seine Hände in Unschuld.

Und die Frauen? Sie zeigen, was Männern unmöglich scheint: Empathie. Einfach da sein im Ärgsten. Ausnahme, der Jünger, für den Jesus heftige Gefühle zeigt und der sich um Jesu Mutter kümmern wird. Beim Kreuz stehen nur noch: seine Mutter, seine Tante, die Frau des Klopas und Maria Magdalena. Das Evangelium des Johannes, spät, vielleicht erst ein Jahrhundert nach Christus verfasst, zoomt nah ans Geschehen. Es erfasst, wie Jesus zu sich steht; wie Petrus dies nicht schafft; wie Religion und Politik aus Eigeninteressen über Leichen gehen. „Mich kann man töten, nicht aber die Stimme der Gerechtigkeit!“ Dieser bleibend gültige Satz der Unüberwindbarkeit der Wahrheit, für die Jesus Zeugnis ablegt, stammt aus dem Mund des ebenfalls ermordeten Oscar Romero (24. März 1980) aus El Salvador. Kirchen-Männer, die sich scheuen, sich mit dem Kirchenvolk gemein zu machen, die meinen, das Katholische lasse sich über ihre Privilegien definieren, sind wahrlich auf dem Holzweg. Karfreitag ist auch ihre Stunde der Wahrheit.

Aber vielleicht bequemt man sich ja, sich an Ostern der frühlingsstarken Lebendigkeit des Lebens zuzuwenden, (zu dem auch Viren und der Tod gehören). Denn Ostern steht vor der Tür. Richtig: Vor der Tür. Man muss sich also ins Freie wagen. Und – siehe da! – Frauen, unter ihnen als erste Maria Magdalena, kommen uns mit einer frohen Lebensbotschaft entgegen: Er ist im Grab einfach nicht zu finden!  

 © Günther M. Doliwa, Autor, Künstler, Theologe www.doliwa-online.de

Bild: Günther M. Doliwa

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