Sonntagsbrief zum fünften Sonntag der Osterzeit, 28. April 2024

26. April 2024 von Tobias Grimbacher

Von Pflanzen und Menschen

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet. 

Joh 15, 1-8 Einheitsübersetzung 

 

 

Von Pflanzen und Menschen

Vor einiger Zeit habe ich von einem interdisziplinären Projekt über Pflanzen gehört. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fragen sich, ob Pflanzen denken und fühlen können, und ob verschiedene Pflanzen miteinander kommunizieren. Pflanzen besitzen keine Nervenzellen, darum ist es schwierig, in unserem Sinne von „Denken“ zu sprechen. Auch für die Kommunikation kommen optische und akustische Signale („Hören“, „Sehen“) eher nicht in Frage, wohl aber chemische („Riechen“). Dabei muss man sich eine sehr grundlegende Tatsache bewusst machen, die Pflanzen von Tieren (zu denen auch die Menschheit gehört) unterscheidet: Pflanzen sind am Ort verwurzelt, Tiere bewegen sich. Anders gesagt: als Tiere können wir auf eine Bedrohung in unserer Umwelt reagieren, indem wir wegrennen, wir sind Fluchtwesen. Wir Tiere nutzen die Möglichkeit zur Fluch oder zum Ortswechsel z.B. bei Fressfeinden, Nahrungsmittelknappheit oder Naturkatastrophen. Pflanzen können das nicht, und sie haben darum ganz verschiedene Fähigkeiten entwickelt, mit Bedrohungen umzugehen. Dieser Unterschied zwischen Ortswesen und Fluchtwesen sei auch der Grund, warum man mit einer anderen Perspektive an die Frage herangehen muss, ob Pflanzen „Denken“ oder „Fühlen“.

 

Nun sagt Jesus „Ich bin der Weinstock“. Er vergleicht sich also mit einer Pflanze. Aus dem vorher Gesagten fällt mir dazu zweierlei ein: eigentlich gehört Jesus zu den Menschen/Tieren, also zu den Fluchtwesen. Am Karfreitag verhält er sich aber tatsächlich wie eine Pflanze, er flieht nicht, obwohl das die natürliche Reaktion gewesen wäre. Mein Kollege Johannes Brinkmann hat das in seinem Sonntagsbrief zum 1. Fastensonntag detailreich ausgeführt. Zum anderen: so wie Pflanzen einen ganz anderen Stand in der Welt haben, ruft Jesus uns immer wieder dazu auf, einen ganz anderen Standpunkt einzunehmen, unser Denken und Fühlen komplett neu zu verorten. 

 

Als Rebzweige am Weinstock Jesus sind wir selbst Teil der Pflanzenwelt. Wir sollen andersartig sein und Möglichkeiten annehmen, die über das kleine menschliche Fluchtdenken hinausgehen. Es stimmt, dass die Reben ohne den Weinstock nichts sind, denn er versorgt sie mit Nährstoffen, gibt Halt und ist das Zentrum der Pflanze. Umgekehrt ist der Weinstock aber auch nichts ohne die Reben, nur durch sie kann er wachsen und sich in der Welt verbreitern, und nur durch sie hat er überhaupt die Möglichkeit, Früchte zu tragen, ob die Reben nun gute Früchte bringen oder weniger gute.

 

Schliesslich ist da Gottvater als Winzer. Hier wird das Bild sehr anthropologisch. Auch wenn es, wie oben gesehen, schwierig ist zu sagen, was Pflanzen wollen, würde ich doch annehmen, dass eine Weinpflanze mit ihren Rebzweigen einfach wachsen will, sich ausbreiten, unverzweckt da sein. Sie will auch keine möglichst grossen und süssen Trauben, sondern höchstens Kerne, die anderswo gut keimen und die Erbanlagen weitertragen. Der Winzer hat etwas anderes im Sinn, ihm geht es um Quantität und Qualität von Wein und Trauben. Darum pflegt und unterstützt er, sortiert aber auch aus. In den Augen des Winzers sind wir Reben nicht nur Selbstzweck, sondern haben eine Aufgabe, und zwar eine die zum Wohl der Menschen dient. 

 

Ich verzichte darauf, aus diesen Überlegungen eine ganze Theologie zu entfalten, und möchte statt dessen ganz praktisch schliessen: Als Fluchtwesen haben wir die Möglichkeit, unsere Stube zu verlassen und einen Spaziergang zu wagen, z.B. zu den Pflanzen im Wald. Es tut gut, einmal grundsätzlich anders in die Welt hinein zu denken. Ich wünsche Ihnen einen schönen Spaziergang und einen gesegneten Sonntag!

 

Tobias Grimbacher

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