Sonntagsbrief zum Fronleichnamstag, 11. Juni 2020

10. Juni 2020 von Sigrid Grabmeier

Brot herumtragen

Lebensmittel für die Ärmsten

 

Mose sprach zum Volk:

 

Der ganze Weg, den dich ADONAJ, deine Gottheit, diese 40 Jahre in der Wüste geführt hat, soll dir in Erinnerung bleiben. Sie machte dich gefügig und stellte dich auf die Probe, um dein Herz und deinen Verstand auszuloten: Würdest du auf ihre Gebote achten oder nicht? Sie machte dich gefügig und ließ dich hungern. Sie gab dir Manna zu essen. Das kanntest du gar nicht. Auch deine Vorfahren wussten nicht, was das ist. Du aber hast es geschmeckt und erfahren, dass die Menschen nicht nur von Brot leben, sondern von all dem, was aus dem Mund Adonajs hervorgeht.

 

Dtn 8, 2-3 Bibel in gerechter Sprache

 

„Ich bin das Brot des Lebens. Eure Eltern haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabsteigt, damit alle von ihm essen und so nicht mehr sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist; alle, die von diesem Brot essen, werden ewig leben.

Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Körper für das Leben der Welt.“ Die anderen jüdischen Menschen stritten nun miteinander und sagten: „Wie kann uns dieser seinen Körper zu essen geben?“

Joh 6, 48-52 Bibel in gerechter Sprache

 

Brot herumtragen

Mein Kollege im Bundesteam und ebenfalls Sonntagsbriefautor Magnus Lux ist ja der Ansicht, Brot sein nicht zum Herumtragen da, sondern zum Essen. Ich kann ihm da in gewisser Weise beipflichten, möchte ihm jedoch etwas widersprechen. Natürlich ist Brot zum Essen da und nicht zum Herumtragen. Wenn ich das Brot, das ich beim Bäcker kaufe, aber nicht nachhause trage, dann können wir es da nicht essen. Das Brot bedarf also des Herumtragens, denn sonst würde es gar nicht dorthin kommen wo es hin soll. - 

 

In diesem Jahr fallen die Fronleichnamsprozessionen weitestgehend aus. Wobei ich das nicht ganz verstehe, denn man wäre ja im Freien, auf Fahnenabordnungen und ein oder zwei Stationen könnte man getrost verzichten. Es wäre zumindest eine gute Gelegenheit, sich als Gemeinde, als wanderndes Volk Gottes bei aller Abstandswahrung gemeinsam zu erleben und, ähnlich wie die Apostel an Pfingsten, hinaus zu gehen, nach draußen, ins Freie und den „Leib des Herrn“, das ist die Bedeutung von „Fronleichnam“, in die Welt zu tragen.

 

Die beiden Textstellen, die ich aus den heutigen Lesungstexten ausgewählt habe, sind eng miteinander verbunden. Nicht nur, weil Jesus in der „Brotrede“ auf das Manna in der Wüste verweist. Es geht jeweils um das Wort, um die Botschaft Gottes an die Menschen: die Menschen leben nicht nur von Brot, sondern von all dem, was aus dem Mund Adonajshervorgeht. - Und Jesus, das Mensch gewordene Wort Gottes ist für die, die dieses Wort in sich aufnehmen, Nahrungsmittel, das Leben schenkt. - Der Kern dieser Bilder wird meines Erachtens durch die Form unserer Fronleichnamstraditionen mehr verschleiert als verdeutlicht. Besonders für Außenstehende muten die Prozessionen mit Himmel, Kommunionkindern und Blaskapelle folklorehaft an, sie erscheinen in unserer heutigen Zeit wie ein Gruß aus der Vergangenheit, als die Kirche noch eine ecclesia triumphans war. 

 

Ich möchte mit drei ganz anderen Beispielen für das Tragen und Bringen von tatsächlichem Brot und tatsächlichen Nahrungsmitteln mit einem anderen Focus auf „Fronleichnam“ blicken: 

 

  • Die Foodtrucks der Caritas in München versorgten zu Beginn der Corona-Krise, als andere Einrichtungen geschlossen hatten, Obdachlose und Bedürftige mit Lebensmitteln, die Diakonie richtete eine Notausgabestelle für Kleidung und Hygieneartikel ein.
  •  Eine Kirchenreformkollegin aus Indien berichtete, dass die meisten der zahlreichen Pfarrgemeinden in Mumbay ihre Aktivitäten bis auf Online-Gottesdienste eingestellt hatten. Eine Gemeinde jedoch verzichtete auf ein Onlineangebot und richtete eine Versorgung der gestrandeten Wanderarbeiter ein.
  •  Ashiknaz Khokhar in Pakistan organisierte mit seiner Gruppe junger Christinnen und Christen eine Versorgung von in Not geratenen Menschen in seiner Stadt. Die Gruppe ist Mitglied bei We are Church International.

 

Brot darf also herumgetragen werden, wenn es dann auch seiner Bestimmung zugeführt wird, Leben zu schenken.

 

Sigrid Grabmeier

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