Sonntagsbrief zum Fest Allerseelen 2020

1. November 2020 von Johannes Brinkmann

Vergebung - Wort zum Leben

Brot des Lebens

 

 

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.

 

Joh 6,51-58  Einheitsübersetzung

 

 

 

Vergebung - Wort zum Leben

Ich stelle mir gerade vor, einer der beiden Präsidentschaftskandidaten, Trump oder Biden, hätte in seinem Wahlkampf diese Rede gehalten. Wie wäre das wohl bei den Wählern angekommen? „Wenn Ihr mein Fleisch nicht esst und mein Blut nicht trinkt, habt Ihr das Leben nicht in Euch!“ Was für ein starker Tobak ist das denn? Auch damals sagten viele von Jesu Anhängern: „Diese Rede ist hart. Wer kann sie anhören?“ (6,60) und nahmen als Folge Distanz zu Jesus. Darauf erklärte Jesus in 6,63: „Der Geist ist es, der Leben schafft, das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.“ Jesus ging es also nicht im wörtlichen Sinn um Fleisch und Blut, es ging ihm um GOTTES Geist, der Leben schafft und rettet. Diesen Geist nicht aufzunehmen hat tödliche Folgen. Davon ist Jesus zutiefst überzeugt. Und zugleich ist Jesus davon überzeugt, dass er diesen Geist GOTTES in seinem Fleisch und Blut repräsentiert.

 

„Jesus wusste nämlich von Anfang an, wer die sind, die nicht glauben, und wer der ist, der ihn überliefern wird.“ (6,64). Schließlich fragte er die Zwölf (einschließlich Judas also) in 6,67: „Wollt auch ihr weggehen?“ „Herr, zu wem sollen wir weggehen? Du hast Worte ewigen Lebens.“ antwortete Petrus im Namen der Zwölf in 6,68.

 

Was mich erschreckt ist die Tatsache, dass Jesus hier mit scharfer Klinge scheidet: wer seiner Einladung nicht folgt, hat den Tod gewählt. Oha. Ich selber hatte einst im Kloster die Gelübde als Oblate abgelegt. Auch wenn ich das Kloster schon seit langer Zeit wieder verlassen habe, hat dennoch das Versprechen, ein Oblate zu sein, mein Leben weiterhin geprägt. Ich will so leben, dass meine Lebensführung Speise wird, wahres Leben schafft und Hunger stillt, Seelenhunger! Aber ich würde niemals behaupten, dass jemand, der mein Angebot ablehnt in die ewige Verdammnis fährt. Ich wende mich den Menschen zu und diese respektvolle Zuwendung ist Ausdruck der barmherzigen Zuwendung GOTTES.

 

Mein Lebensweg als Oblate führte mich nun dazu, ein Theaterstück als Schauspieler einzustudieren, nämlich ein Solostück der niederländischen Autorin Lot Vekemans. Das Stück dreht sich um den sogenannten Verräter Jesu, Judas! Ich schlüpfe also in die Haut des Judas. Spannend ist, dass Judas hier den Zuschauern als Auferstandener begegnet, als einer, der aus dem Reich der Toten wieder lebendig vor ihnen steht, einer, der isst und trinkt und in dessen Wunden man greifen kann.

 

An einer Stelle in diesem bewegenden Stück fragt sich Judas: „Hat er (Jesus) mir vergeben, oder war seine Barmherzigkeit bei mir erschöpft?“ Um darauf eine Antwort zu geben ist mir das Evangelium von heute sehr hilfreich. Das Evangelium von heute in Kombination mit einer anderen Stelle aus dem Johannesevangelium, nämlich der Stelle am letzten gemeinsamen Abend nach der Fußwaschung, als Jesus tief erschüttert bekannt gab (13,21): „Einer von euch wird mich überliefern.“ Auf die Frage der erschrockenen Zwölf antwortet Jesus: „'Der ist es, dem ich den Bissen eintauchen und geben werde.‘ Darauf tauchte er den Bissen ein und gab ihm Judas.“ Judas aß ihn und verließ den Tisch.

 

Das letzte Abendmahl und seine Bedeutung, wie es von den anderen Evangelisten berichtet wird, findet bei Johannes allein nur in diesem Moment statt, ansonsten berichtet Johannes nur von der Fußwaschung! Deshalb antworte ich Judas: „Ja Judas, Jesus hat Dir vergeben! Seine Barmherzigkeit war bei Dir nicht erschöpft!“

 

Ein gutes Fest Allerseelen wünsche ich aus Essen

Johannes Brinkmann

 

 

 

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