Sonntagsbrief zum Dreifaltigkeitssonntag, 30. Mai 2021

28. Mai 2021 von Tobias Grimbacher

Furchtlos

Veronika Jehle neue Preisträgerin der Herbert-Haag-Wandermedaille. Bildquelle: Vera Rüttimann, kath.ch

Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!
Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. 

 

Röm 8,14-17, Einheitsübersetzung

 

 

 

Furchtlos

 

Wes Geistes Kind sind wir? Die Antwort des Römerbriefs scheint einfach: geleitet von Gottes Geist sind wir natürlich Gottes Kind! 

 

Die Botschaft, dass wir in dieser Geistkraft keine Furcht mehr haben müssen, ist mir sehr vertraut. Über den Fluren von Bethlehem sagt der Engel: „Fürchtet Euch nicht. Ich verkünde eine grosse Freude.“ Und am Ostermorgen am Grab: „Fürchtet Euch nicht. Er ist auferstanden.“ Mit Gottes Kraft begeistert wird diese Botschaft des Engels zum Charakterzug des Christenmenschen: Furchtlosigkeit. Sie betrifft nicht nur eine übertriebene Ehrfurcht vor dem Unergründlichen, Ewigen, den wir jetzt vertrauensvoll Papa nennen dürfen. Nein, als Christinnen und Christen dürfen und können wir furchtlos zu allen sprechen, wie die Jüngerinnen und Jünger am Pfingsttag, in allen Sprachen.

 

Furchtlosigkeit ist von uns gefordert angesichts einer heraufziehenden Klimakatastrophe, die vor allem von uns Reichen verursacht ist und die Schwächsten und Ärmsten im globalen Süden am stärksten trifft. Furchtlosigkeit ist gefragt, wenn in der Pandemie zwar zurecht der physische Schutz vulnerabler Gruppen (Ältere, Vorerkrankte) im Zentrum steht, dabei aber die psychische Unversehrtheit anderer Gruppe, besonders der Kinder und Jugendlichen, vernachlässigt wird. Und Furchtlosigkeit braucht es in einer Kirche, in der wir weit von den gleichen Möglichkeiten aller Getauften unabhängig von Geschlecht und Lebensform entfernt sind. Ein Beispiel solcher Furchtlosigkeit ist die Theologin Veronika Jehle, die am 16. Mai die Herbert-Haag-Wandermedaille erhalten hat. Zusammen mit anderen Christinnen und Christen hatte sie sich gegen die teils unhaltbaren Zustände im Bistum Chur eingesetzt und war mit einer Petition und knapp 5000 Unterschriften im Gepäck von Zürich nach Chur gepilgert. Ihre erste Aktion im Advent 2019 prangerte besonders ein „Klima der Angst“ in der Kirche und unter den Seelsorgenden an. Seit Februar hat Chur nun einen konstruktiven und sehr umgänglichen Bischof. Furchtlosigkeit ist weiterhin gefragt. Und: ja, es wäre viel zu erreichen, wenn wir mit unserer Furchtlosigkeit einig in die Gesellschaft hinein wirken könnten, statt uns mit Strukturschwächen und Machtspielen zu beschäftigen in einer Kirche, in der immer noch oft - um mit dem Römerbrief zu sprechen – ein Geist der Knechtschaft weht. 

 

Der Geist der Furchtlosigkeit bezeugt nun, dass wir Kinder Gottes sind, Geschwister Christi, „wenn wir mit ihm leiden“. Ich möchte diesen Vers nicht auf Martyrium und Karfreitag eingeschränkt lesen, sondern vom Leben Jesu her. Mit Jesus leiden wir an der Ungerechtigkeit in der Welt. Wir teilen Jesu Mitleid mit kranken, trauernden, missachteten und übersehenen Menschen. Und damit wir auch seine Furchtlosigkeit teilen können, hat er die Geistkraft seines Vaters gesandt. 

 

Ich wünsche Euch einen gesegneten und furchtlosen Dreifaltigkeitssonntag

Tobias Grimbacher 

 

Foto: Brigitta Biberstein (l.) und Bernadette Tischhauser (r.) haben Veronika Jehle als neue Preisträgerin auserwählt. Bildquelle: Vera Rüttimann, kath.ch 

Hintergründe zur Weitergabe der Herbert-Haag-Wandermedaille an Veronika Jehle unter https://www.kath.ch/newsd/herbert-haag-wandermedaille-veronika-jehle-fordert-veraenderung-durch-die-bischoefe-und-den-vatikan/

 

 

Nächster online Jakobsbrunnen am Dienstag, 1. Juni 2021, 19-20 Uhr

Dr. Christiane Florin, Deutschlandfunk Redaktion „Religion und Gesellschaft“Dienstag, 18. Mai 2021,19-20 Uhr 

Die „Gespräche am Jakobsbrunnen“ sind seit 1998 ein Markenzeichen von Wir sind Kircheauf Katholiken- und Kirchentagen. Da der Ökumenische Kirchentag in diesem Jahr aufgrund der Pandemie im Internet stattfinden wird, werden wir die "Gespräche am Jakobsbrunnen" digital gestalten und setzen die Reihe in gemeinsamer Verantwortung von Wir sind Kirche Deutschland und Österreich fort.

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