Sonntagsbrief zum 7. Sonntag der Osterzeit, 16. Mai 2021

14. Mai 2021 von Tobias Grimbacher

Wählen!

Wahlzettel zum Deutschen Bundestag Marburg 2017

 

In diesen Tagen trat Petrus mitten unter den Schwestern und Brüdern auf – es war eine Menge von ungefähr 120 Personen zusammen – und sagte: „Ihr lieben Leute, Schwestern und Brüder, es musste die Schriftstelle ausgeführt werden, die die heilige Geistkraft durch den Mund Davids über Judas vorausgesagt hatte, der denen den Weg wies, die Jesus festnahmen. Er zählte ja zu uns und ihm war Anteil an demselben Auftrag zugefallen. Es steht im Buch der Psalmen geschrieben: Seine Aufgabe soll jemand anderes bekommen. Von den Männern also, die in der ganzen Zeit mit uns zusammen gegangen sind, in der Jesus, der Herr, bei uns ein- und ausging, von der Johannestaufe angefangen bis zum Tag, an dem er uns entzogen und hinaufgenommen wurde – einer von denen muss mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“

 

Da stellten sie zwei auf, Josef, Barsabbas genannt, der auch Justus hieß, und Matthias. Sie beteten: „Du, Adonaj, kennst aller Menschen Herzen: Zeige doch auf, welchen von diesen beiden du ausgewählt hast, die Stelle dieser Beauftragung als Apostel einzunehmen, von der Judas abgewichen ist, um an den ihm zukommenden Ort zu gehen.“ Da gab man ihnen Lose; und das Los fiel auf Matthias, und so wurde er zu den elf Aposteln hinzugewählt. 

 

Apg 1,15-17.20ac-26 Bibel in gerechter Sprache

 

Wählen? 

 

Einerseits haben wir in den letzten Monaten einen teils unsäglichen Auswahlprozess für die Bundeskanzlerkandidaten und -kandidatin miterlebt. Andererseits fordert „Wir sind Kirche“ seit jeher, mehr Demokratie in der Kirche zu wagen, unter anderem durch die Mitentscheidung des Gottesvolkes bei Bischofsernennungen. Beides bildet für mich einen Hintergrund, um über die Wahl des Matthias zum Apostel nachzudenken.

 

Zuerst: diese Wahl erfolgt per Los. Ein Zufallsentscheid, zutiefst undemokratisch! Keine Argumente, keine Sympathieüberlegung, nicht die Suche nach dem Besseren. Aber eben auch keine Beeinflussung, kein zermürbender Wahlkampf, keine falschen Versprechen. Und vielleicht auch weniger Verlierer. Der Zufall ist unbarmherzig und ungerecht, aber er spaltet nicht die Wählerschaft in 51% für die eine Person und 49% für eine andere. Der Nichtgewählte ist nicht als schlechter gebrandmarkt und kann nicht nach eigenen Fehlern suchen. Er ist unterlegen, hat aber nicht aus eigener Schuld verloren. Dazu kommt bei Matthias und Barsabbas, dass es nicht ein zufälliges Lotterielos ist, sondern dass im vorangehenden Gebet das Los zum göttlichen Werkzeug gemacht wird: Matthias wird von Gott ausgewählt. 

 

Aber auch der göttliche Zufall ist Zufall, darum ist es umso wichtiger, wer in die Lostrommel kommt. In der Apostelgeschichte heisst es lapidar, dass sie Barsabbas und Matthias aufstellten. Davor nennt Petrus die Kriterien: der zukünftige Apostel muss die ganze Zeit mit Jesus unterwegs gewesen sein, von Galiläa bis zur Himmelfahrt. Geeignet ist, wer zu hundert Prozent gelernt hat, was Nachfolge Jesu bedeutet. Wer erlebt hat, was es heisst: niemanden zu verurteilen, Kranke zu heilen, Brot zu vermehren. Wer die Angst am Ende des Jesusprojekts erfahren hat, und den Frieden des Auferstandenen. Traf das neben den elf Aposteln (und den Apostelinnen des Ostermorgens) wirklich nur auf Barsabbas und Matthias zu? Oder gab es andere, die auch gern Apostel geworden wären, aber über deren Eignung kein Konsens bestand? Wenn man zum undemokratischen Wahlmodus des göttlichen Zufalls greift, scheint mir die Zustimmung möglichst aller Betroffener zu den Nominierten besonders wichtig, basierend auf griffigen und nicht zu selektiven Kriterien. Vielleicht kann man das Anforderungsprofil aus der Apostelgeschichte so verallgemeinern: Sie brauchen Ausbildung, Erfahrungen und breiten Rückhalt.

 

Schliesslich wird Matthias gewählt. Und dann? In der Apostelgeschichte hören wir nichts mehr von ihm. Wir wissen nicht, was er gemacht hat. Er gilt als Heiliger, seine Gebeine werden in Tier verehrt. Auch über Barsabbas, den Unterlegenen, hören und wissen wir nichts. Auch er gilt als Heiliger, seine Gebeine werden nirgends verehrt. In der Politik würde man eine solche gewählte, aber weitgehend unsichtbare Person wohl einen Hinterbänkler nennen. Aber: auch Hinterbänkler und nicht gewählte Mitarbeitende leisten wertvolle Arbeit, sind nicht weniger wichtig als die Wortführer und Vorausdenkerinnen in der ersten Reihe.

 

In der Summe erkenne ich durchaus auch Vorteile in der Wahl per Los, sofern die Kandidierenden ebenso breit abgestützt sind wie die Kriterien, die sie erfüllen müssen. Vielleicht wäre ein solches „apostolisches“ Wahlverfahren des göttlichen Zufalls ja auch ein Modell für die Bischofswahl in einer demokratischeren synodalen Kirche? Wobei mir ein demokratisches Element noch wichtig wäre: die Begrenzung der Amtszeit. Jedenfalls bin ich froh, dass ich mich im Herbst bei der Bundestagswahl entscheiden muss und darf – und dass ich meine Stimme nur für vier Jahre gebe, und dann neu wählen kann.

 

Tobias Grimbacher

 

Bild: Wahlzettel zur Bundestagswahl 2017 Wahlkreis Marburg 

 

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