Sonntagsbrief zum 7. Sonntag im Jahreskreis, 20. Februar 2022

19. Februar 2022 von Tobias Grimbacher

Vergelt´s Gott

 

Aber zu euch, die ihr zuhört, sage ich:
Liebet, die euch feindlich gegenüberstehen, und tut Gutes denen, die euch hassen. Heißt die willkommen, die euch fluchen, und betet für die, die euch schlecht behandeln.
Wenn dich jemand auf die eine Wange schlägt, halte auch die andere Wange hin, und wenn jemand dein Obergewand wegnimmt, kämpfe nicht für das Untergewand. 

 

Gib allen, die dich bitten, und fordere von denen, die von dir nehmen, nichts zurück.
Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun, so sollt auch ihr ihnen tun. 

 

Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben – welchen Dank erhaltet ihr dann? Denn auch diejenigen, die Unrecht tun, lieben die, die sie lieben. Wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes getan haben, welchen Dank erwerbt ihr euch? Diejenigen, die Unrecht tun, verhalten sich auch so. Und wenn ihr denen ausleiht, von denen ihr hofft, zu erhalten, welchen Dank erhaltet ihr? Auch diejenigen, die in Unrecht verstrickt sind, leihen ihresgleichen, damit sie gleichermaßen auch erhalten.
Jedoch: Liebet eure Feinde und Feindinnen, tut Gutes und leiht aus, ohne etwas zu erhoffen! Dann wird eure Vergütung groß sein, und ihr werdet Söhne und Töchter des Höchsten, denn auch Gott wendet sich gütig den Ungütigen und Bösen zu. 

 

Habt Mitleid, wie auch Gott mit euch leidet. 

 

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet. Sprecht frei und ihr werdet freigesprochen! 

 

Gebt und Gott wird euch geben. Was dann in euren Schoß fallen wird, ist wie ein gutes Maß Getreide, voll gedrückt, gerüttelt, überfließend! Denn mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird Gott euch im Gegenzug abmessen. 

 

Lk 6,27-38

Bibel in gerechter Sprache

 

Vergelt´s Gott

 

Die christliche Formulierung für „Danke“, auch wenn sie heute nur noch selten verwendet wird, ist „Vergelt's Gott“. Sie fällt mir ein, wenn ich diese wohlsortierte Sammlung von Sprüchen aus dem Lukasevangelium lese. Geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, das heisst auf der anderen Seite ja auch, Nehmen dürfen ohne Gegenleistung, nur mit einem dankenden „vergelt's Gott“. Gott ordnet unser Geben und Nehmen ein, unsere ganze zwischenmenschliche Interaktion. Das ist die Klammer um alle diese einzelnen Sprüche, zu denen wie nebenbei auch die goldene Regel gehört: „Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun, so sollt auch ihr ihnen tun.“

 

Und die Feindesliebe? Wenn mir jemand den Mantel raubt, soll ich ihm auch noch das Hemd drauflegen – und „vergelt's Gott“ sagen? Wenn mich einer schlägt, die andere Wange hinhalten - und wenn er nicht zurückschlägt, sage ich „danke für gar nichts“? Vielleicht ist so ein „vergelt's Gott“ tatsächlich besser als mich auf einen Kampf einzulassen, bei dem ich doch nur verlieren kann. Es ist nicht vergessen, aber es übersteigt meine Macht, Gott ordnet ein. Wir, die Jüngerinnen und Jünger Jesu, sollen auch angesichts von Gewalt lieben und Gutes tun, nicht richten und verurteilen, denn so werden wir „Söhne und Töchter des Höchsten“.

 

Die grosse Gefahr dieser Argumentation ist die Relativierung. Wir sollen alles hinnehmen und Gott vergilt es irgendwann? Soll ich etwa auch die Missbrauchstäter und Vertuscher nicht verurteilen, nur für sie beten, und wissen, dass Gott einordnet? Das ist mir zu wenig. Auch unsere heutige Bibelstelle weiss sehrwohl, dass es Unrecht gibt, dass es die gibt, die Unrecht tun – und dass wir als die Jüngerinnen und Jünger Jesu uns von denen unterscheiden sollen, die Unrecht tun! Ausserdem gibt es da den unscheinbaren kleinen Spruch: „Habt Mitleid, wie auch Gott mit euch leidet.“ Mitleid gilt immer den Opfern, also denen, die sich nicht wehren können. Mit ihnen leidet Gott. Für solche Menschen setzt sich Jesus ein, in vielen biblischen Begebenheiten, nicht mit dem Ziel, zu richten und zu verurteilen, sondern mit dem Ziel, zurechtzurücken. Jesus gib den Menschen Respekt, Zuspruch oder Heilung, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, zumindest nicht mehr als ein „vergelt's Gott“. Daran sollen wir uns orientieren, wenn wir nicht zurückschlagen, wenn wir nicht so sind wie diejenigen, die Unrecht tun. Vielleicht ändert sich – ändern wir - so die Gesellschaft.

 

Auch der letzte Spruch - „Gebt und Gott wird euch geben“ - ist nicht unbedingt auf das Jenseits gemünzt. Das gute Mass, die gerechte Fülle, soll uns schon in dieser Welt in den Schoss fallen, wenn wir nach Jesu Vorschlägen handeln, wenn wir mit Gottvertrauen die Gesellschaft verändert. 

 

Ihnen allen, die Sie daran mithelfen, ein herzliches „vergelt's Gott“ und einen schönen Sonntag!

Tobias Grimbacher

 

"Gespräche am Jakobsbrunnen" online

1. März 2022 mit  Pierre Stutz, spiritueller Autor

8. März 2022 mit Magdalena-Klara Pittracher, verantwortlich für die „Weltsynode“ in der Diözese Innsbruck

22. März 2022 mit Prof. Dr. Wolfgang Beck, Pastoraltheologe

29. März 2022 mit Sr. Dr. Katharina Ganz, Generaloberin Oberzell

 

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