Sonntagsbrief zum 7. Sonntag der Osterzeit, 29. Mai 2022

26. Mai 2022 von Georg Mollberg

Einheit oder Vielfalt?

In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Heiliger Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich. Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt. Gerechter Vater, die Welt hat mich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin. 

Joh 17,20-26    Einheitsübersetzung  

Einheit oder Vielfalt?

Liebe Schwestern und Brüder,

letzte Worte von Sterbenden haben besonderes Gewicht. Sie gelten als verbindlich, verpflichtend, oft haben sie  testamentarischem Charakter. Klaus Bonhoeffer, ein wenig im Schatten seines Bruders Dietrich Bonhoeffer, wie dieser im Widerstand gegen die Nazis, schreibt vor seiner Hinrichtung im März 1945 an seine Kinder: „Meine lieben Kinder! Ich werde nicht mehr lange leben. Haltet fest zusammen. Helft euch und eurer Mutter, wo ihr könnt. Ist einer traurig, kümmert euch. Pflegt, was euch zusammenführt. Haltet zu eurer Familie, aus der solche Kräfte wachsen.“ Jesus erbittet für seine Jünger kurz vor seiner Hinrichtung den Vater nicht Glück, auch für Gesundheit nicht oder Erfolg, sondern er bittet für seine Nachfolger um Einheit im wahren Glauben. 

Dass es schon unter den ersten Christen und erst recht in den folgenden 2000 Jahren der Kirchengeschichte mit der Einheit nicht so recht geklappt hat, ist bekannt. Die Christenheit ist heute in mehrere  große  Kirchen und zahlreiche kleinere Gemeinschaften zersplittert. Diese Zertrennung wird bei uns oft und laut beklagt. In den Fürbitten wird gerne der Herrgott angefleht, doch bitte für die Einheit unter den Konfessionen zu sorgen. Sogar ein Kirchenlied nimmt diese Bitte auf: „Schaue die Zertrennung an, der sonst niemand wehren kann. Sammle, großer Menschenhirt, alles, was sich hat verirrt.“ 

Drei Gedanken kommen mir dazu. 

Erstens: Ist es nicht vor allem unsere Aufgabe, uns um die Einheit mit den Geschwistern im Glauben zu bemühen, statt diese Aufgabe immer wieder an Gott zu delegieren? 

Zweitens: Welche Einheit steht uns da vor Augen? Sollen alle nicht-katholischen, „verirrten Schafe“ in den römischen Stall zurückgescheucht werden? Oder müssten sich nicht alle Beteiligten darum bemühen, aufeinander zuzugehen und sich gemeinsam auf Christus als den wahren guten Hirten zu besinnen? 

Drittens: Muss Einheit bedeuten, dass die Vielfalt verloren geht? Muss eine Weltkirche nicht in der Lage sein, Unterschiede nicht nur auszuhalten, sondern als Bereicherung zu begrüßen?

Im Munde von Machtsüchtigen hat Einheit einen gänzlich anderen Klang. Diktatoren, die sich mit Einheitsschritt und martialischen Waffenschauen in Einheitsfarbe huldigen lassen, blenden jeden Individualismus aus. Die scheinbare Harmonie fest geschlossener Reihen zeugt von Gleichschaltung. Der Preis war und ist immer der Verlust jedweder Individualität. Einheit im Sinne von Uniformität und Gleichmacherei funktioniert nur per Befehl, Menschenwürde und Nächstenliebe bleiben hier chancenlos. Das gilt auch in unserer Kirche. Viel zu viele träumen noch von einer konservativen Einheitlichkeit ohne Küng, Drewer- und Ranke-Heinemann, Oosterhuis, KirchenVolksBegehren und Maria 2.0. Die Kirche soll am besten weiterhin geschlossen hierarchisch organisiert sein und mit einer Stimme sprechen, nämlich mit der römischen. 

Glaube gedeiht aber nicht in einer Einheit geschlossener Reihen, ausgerichtet wie Bäume in einer barocken Allee, die widernatürlich zurechtgestutzt sind. Glaube kann auch nicht als eine Art Uniform getragen werden, denn zu ihm gehört unverzichtbar der Zweifel. Er treibt mich, weiter und tiefer in die Welt der Frohen Botschaft hineinzulesen, im Gespräch und der Auseinandersetzung mit meinen christlichen Geschwistern sicher Geglaubtes zu hinterfragen und immer weiter der Sehnsucht nach dem einen Gott zu folgen. 

Amen.

G. Mollberg

 

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