Sonntagsbrief zum 7. Sonntag der Osterzeit, 24. Mai 2020

23. Mai 2020 von Reinhard Olma

Nun ist Raum für ...

Blick nach oben @ Sigrid Grabmeier

Als Jesus in den Himmel aufgenommen worden war, kehrten die Apostel von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück. Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philíppus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelót, sowie Judas, der Sohn des Jakobus.
Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

Apg 1, 12 - 14  Einheitsübersetzung

 

Nun ist Raum für ...

 

Natürlich hatten sie Angst. Sie hatten Angst, weil er nun unwiderruflich weg war. Die Apostelgeschichte schildert das anschaulich. Die kleine Pflanze Hoffnung, die nach der aufwühlenden Wiederbegegnung mit dem auferstandenen Gekreuzigten – gegen alle Vernunft – aufgekeimt war, musste sich nun gegen die raue Wirklichkeit der Welt verteidigen. Da versteckten sie sich lieber mit einigen Gleichgesinnten und hielten die Türen verschlossen. 

 

Worauf sie warteten, wussten sie zunächst selbst nicht. Aber irgendetwas hatte ihnen Jesus angekündigt; nebulös, genau so „unvernünftig“, wie das gerade erlebte. Von der „Verherrlichung des Vaters durch den Sohn“ war da die Rede; dass mit ihnen das Werk des Vaters zu Ende geführt werden soll; dass ihnen der Geist gesandt würde und viele andere schwer verständliche Dinge. Also warten sie erst einmal in Angst und Unsicherheit und hielten die Türen verschlossen.

 

Natürlich haben wir Angst. Wir haben Angst, weil unsere Überzeugungen erschüttert, unsere Selbstgewissheiten fraglich geworden sind. Weil unser rücksichtsloser Umgang mit der Natur plötzlich unbekannte Kräfte, Erderwärmung und Klimaveränderungen hervorgerufen haben. Und schließlich dieses Virus, gegen das es kein Mittel zu geben scheint. Bis gestern schien es, wir hätten alles einigermaßen im Griff, zumindest in Europa, in der westlichen Welt. Und nun? Da ist es besser, erst einmal zuhause zu bleiben und zu warten.

 

Aber worauf?

 

Nun, ich meine, dass wir erst einmal zur Ruhe kommen müssen. Die Dinge unseres rastlosen Alltags sind erst einmal weggefallen oder zurückgetreten. Nun ist Raum für… ja, wofür?

 

Natürlich geht es um die Frage, ob und wie es weitergehen kann. Aber eben nicht nur, darauf zu warten, bis in den Laboren der Impfstoff entwickelt ist, der uns gestattet, zu unserem bisherigen Leben zurückzukehren. Das würde uns nur eine kurze Atempause bringen, bis die nächste Katastrophe über uns hereinbricht. Nein. Diese Welt- und Naturkrise können wir – wenn überhaupt noch - nur gemeinsam mit allen Kräften des Guten in der Welt überwinden. Das braucht den guten Willen und die Mithilfe jedes einzelnen. Nachdenken, Beten oder Meditieren über die Frage: Was mache ich ab Corona künftig anders?

 

Weniger egoistisch sein, mehr den Blick auf meine Mitmenschen richten, das will ich ja schon länger, aber die richtig guten Ideen dazu fehlen mir noch. Und es fehlt mir der Mut, dass meine bescheidenen Kräfte wirklich etwas bewirken können. Was soll ich tun, wenn selbst im so aufgeklärten Europa die lebenswichtigen Klimaziele fragwürdigem Wohlstandsdenken geopfert werden; wenn Regenwälder abgeholzt und damit weitere unbekannte Krankheitserreger freigesetzt werden, nur um unsere Autos zu betanken und unseren Fleischkonsum zu sichern?!

 

„Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens, vor wem sollte mir bangen?“, beten wir heute mit Psalm 27. In dieser Hoffnung sitzen auch die Jünger „im Obergemach“ und es scheint ein Öffnungsprozess stattzufinden – gegen alle Vernunft - und weil durch den Wegfall von Bekanntem und Vertrautem Raum geworden ist für Neues, für den Geist des Guten. Und das lässt dann auch nicht lange auf sich warten. Wir dokumentieren es in 10 Tagen zwischen vergangenem Donnerstag und Pfingstsonntag.

 

Wie nötig, wie bitter nötig haben auch wir diesen Geist! Wie lange sollen, müssen wir darauf warten? Reichen die zurückliegenden 7 Wochen schon? Oder braucht‘s noch einmal so viel? Oder erreicht der Geist jeden zu einem anderen Zeitpunkt, weil wir ja derzeit isoliert sind?

 

Fest steht eins: Wenn sich unser Leben nach/seit Corona deutlich von dem davor unterscheidet, dann ist er da der Geist! Möge er durch uns wirken in der Welt.

 Reinhard Olma

 

Bild: Blick nach oben, Messehalle Berlin © Sigrid Grabmeier

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