Sonntagsbrief zum 6. Sonntag in der Osterzeit, 1. Mai 2016

30. April 2016 von Tobias Grimbacher

Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist zuträglich

Tempel in Pompeij, Alter des Vespasian, commons.wikimedia.orgDa kamen einige von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst nach dem Brauch des Mose, könnt ihr nicht gerettet werden. Es entstand aber ein heftiger Zwist und Paulus und Barnabas gerieten mit ihnen in Streit, worauf man anordnete, Paulus und Barnabas und ein paar andere von ihnen sollten mit dieser Streitfrage zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufziehen.

Da beschlossen die Apostel und die Ältesten samt der ganzen Gemeinde, aus ihrer Mitte ausgewählte Männer zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas, den man auch Barsabbas nannte, und Silas, führende Männer unter den Brüdern. Sie sollten das folgende Schreiben überbringen:

Wir, die Apostel und die Ältesten, in geschwisterlicher Verbundenheit, an die Brüder und Schwestern in Antiochia, in Syrien und Kilikien, die zu den Heiden gehören: Seid gegrüsst! Da wir vernommen haben, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, zu euch gekommen sind und mit ihren Worten Verwirrung gestiftet und euch beunruhigt haben, haben wir einstimmig beschlossen, ausgewählte Männer zu euch zu senden, zusammen mit den von uns geliebten Brüdern Paulus und Barnabas, die beide ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. Wir haben also Judas und Silas gesandt, die euch das selbe mündlich mitteilen werden. Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzubürden, ausser dem, was unerlässlich ist, nämlich: euch fernzuhalten von Opferfleisch, Blut, Ersticktem und Unzucht; wenn ihr diese Grenze wahrt, handelt ihr richtig. Lebt wohl!

Apg 15,1-2 und 22-29
Züricher Bibel

Von einem tiefgreifenden Zerwürfnis in Antiochia berichtet uns die Apostelgeschichte. Die Gemeinde vor Ort besteht hauptsächlich aus Menschen, die sich aus vielfältigen Kulten zum Christentum gekehrt haben (sogenannten Heidenchristen). Damit haben manche fromme Juden, die ebenfalls an Christus glauben (Judenchristen), ein Problem: sie verlangen, dass sich alle neu Bekehrten zuerst ins Judentum eingliedern und sich an die jüdischen Regeln und Gebote halten. Zugespitzt ist es also ein Konflikt zwischen den konservativen Bewahrern erprobter Traditionen und den Kreisen, die unabhängig von altem (und für viele fremdem) Ballast ihre Erfahrungen mit Gott suchen wollen.

Damit die Streitfrage nicht auf Dauer das Gemeindeleben vergiftet, rufen die Beteiligten eine externe Instanz an: den Kreis der Apostel in Jerusalem. Immerhin haben diese direkt von Jesus gelernt, wie das Zusammenleben im aufkeimenden Reich Gottes funktionieren soll. Deren Schlichterspruch definiert wenige Regeln als ausreichend, an die sich  Christinnen und Christen halten sollen. Von den drei Regeln, bei denen es ums Essen geht, ist der Verzicht auf Opferfleisch besonders heikel. An grossen Festtagen wurden in griechischen Tempeln zum Teil sehr viele Rinder, Schafe und andere Tiere geopfert (also geschlachtet), und das Fleisch an die Bevölkerung verschenkt oder billig verkauft. Für die städtische Unterschicht war das oft die einzige Möglichkeit, Fleisch auf den Teller zu bekommen. Ausserdem wurden zur Verteilung des Götzenopferfleischs auch gerne zusammen gefeiert. Dieses Verbot hatte also gerade für die Armen echte Konsequenzen. Der Nutzen bestand dagegen nur in der Kompatibilität zu konservativen Kreisen und darin, zu anderen Religionen und Kulten möglichst vollständig auf Distanz gehen.

In seinen Briefen verhält sich der Apostel Paulus viel offener: an die Korinther schreibt er zur selben Problematik des Götzenopferfleischs: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist zuträglich“ (1 Kor 10,23a). Er versucht damit auszuloten, dass die Christinnen und Christen nicht nach traditionellen Geboten, sondern nach eigenen Massstäben und aus eigener Klugheit handeln sollen.

Erst beides zusammen ergibt für mich ein Bild von Kirche, wie ich sie mir wünsche: wenige klare und lebensnahe Regeln, für alle als gültig verfasst - aber als Richtschnur, nicht als Demarkationslinie. Und die Freiheit jeder/jedes Getauften, herauszufinden, was für meine Umgebung und für mich zuträglich ist – verbunden mit der Offenheit, den anderen zuzugestehen, etwas anderes als zuträglich zu erachten.

Als Massstab für ihre Entscheidung nennen die Apostel den Heiligen Geist, der seit dem Pfingsttag in der Kirche wirkt - und seit dem ersten Tag über der ganzen Schöpfung. Durch unsere Taufe und Firmung, vor allem aber durch unsere Glaubenspraxis, will er auch in uns wirksam sein..

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und einen gesegneten Abschluss der Osterzeit
Tobias Grimbacher

Bildnachweis: Tempel in Pompeij, Altar des Vespasian, commons.wikipedia.org

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