Sonntagsbrief zum 6. Sonntag im Jahreskreis, 16. Februar 2020

14. Februar 2020 von Günther Doliwa

Sichtbar

Strahl

Denkt nicht, ich sei gekommen, die Tora und die prophetischen Schriften außer Kraft zu setzen! Ich bin nicht gekommen, sie außer Kraft zu setzen, sondern sie zu erfüllen. Wahrhaftig, ich sage euch: Bevor Himmel und Erde vergehen, wird von der Tora nicht der kleinste Buchstabe und kein einziges Häkchen vergehen, bis alles getan wird. Wer nur ein einziges dieser Gebote außer Kraft setzt, und sei es das kleinste, und die Menschen entsprechend lehrt, wird in Gottes Welt als klein gelten. Aber wer sie befolgt und lehrt, wird in Gottes Welt großgenannt werden. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht über die schriftgelehrte und pharisäische Gerechtigkeit hinausgeht, werdet ihr nicht in Gottes Welt kommen.

Ihr habt gehört, dass Gott zu früheren Generationen sprach: Dusollst nicht töten.Wer aber tötet, wird vor Gericht als schuldig gelten. Ich lege euch das heute so aus: Die das Leben ihrer Geschwister im Zorn beschädigen, werden vor Gericht als schuldig gelten. Und die ihre Geschwister durch Herabwürdigung beschädigen, werden in der Ratsversammlung als schuldig gelten. Und wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als schuldig gelten.Wenn du also im Begriff bist, deine Gabe auf dem Altar darzubringen und dich dort erinnerst, dass eines deiner Geschwister etwas gegen dich hat, so lass dein Opfer dort vor dem Altar und geh', vertrage dich erst mit deinem Bruder oder deiner Schwester, und dann magst du kommen und dein Opfer darbringen. Einige dich schnell mit Menschen, die dich vor Gericht bringen wollen, solange du noch mit ihnen auf dem Weg bist, damit sie dich nicht aburteilen lassen und du dem Gerichtsdiener übergeben wirst und ins Gefängnis musst. Wahrhaftig, ich sage dir, du wirst von dort nicht freikommen, ehe du nicht den letzten Rest deiner Schulden bezahlt hast.

Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: dusollst nicht ehebrechen. Ich lege euch das heute so aus: Wenn jemand eine Frau durch seinen begehrlichen Blick erniedrigt, hat er in seinem Herzen mit ihr schon die Ehe gebrochen. Wenn dein rechtes Auge dich in die Gefahr bringt, von Gott abzufallen, reiß' es aus und wirf es von dir. Denn es ist besser, dass eines deiner Körperteile verloren geht, als dass dein ganzer Körper von Gott verurteilt wird. Und wenn deine rechte Hand dich in die Gefahr bringt, von Gott abzufallen, schlag' sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser, dass eines deiner Körperteile verloren geht, als dass dein ganzer Körper von Gott verurteilt wird. Gott hat gesagt: Wenn eine Frau gehen möchte, gebt ihr einen Scheidebrief. Ich lege euch das heute so aus: Wenn jemand seine Frau einfach nur gehen lässt, ausgenommen im Falle von sexuellen Beziehungen, die die Tora verbietet, verursacht er, dass sie die Ehe bricht. Und wer eine Frau heiratet, die getrennt lebt, bricht ihre erste Ehe.

Ihr habt weiterhin gehört, dass Gott zu früheren Generationen gesagt hat: Du sollst keinen Meineid schwören und sollst deine Gelübde bei Adonajeinhalten. Ich lege euch das heute so aus: Ihr sollt überhaupt keine Eide im Namen Gottes ablegen, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde,denn sie ist der Schemel der Füße Gottes,noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Du sollst auch nicht bei deinem Kopf schwören, denn du kannst noch nicht einmal ein Haar weißoder schwarz machen. Euer Wort soll ein eindeutiges Ja sein oder ein eindeutiges Nein. Was darüber hinausgeht, geschieht aus Bosheit.

Mt 5,17-37. Bibel in gerechter Sprache

 

Keine Anti-Thesen, sondern Thesen Pro Himmelreich

Originale sorgen für ein kreatives Übertreffen des bisher Gültigen. Traditionen legen Wert darauf, alles Neue einzubinden in bekannte Vorstellungsmuster. Böse ist, wer aus der Reihe tanzt und etwas Neues unter der Sonne verkündet. Eine Ethik jenseits der Konvention ist nur Neuerern denkbar. „Ein solcher Böser war Sokrates, als er die Athener ironisch nach ihren Definitionen des Guten und Gerechten fragte. Nicht weniger böse war Jesus, wenn er sich die Freiheit nahm, am Sabbat Kranke zu heilen.“ (P. Sloterdijk) Bewusstere Erben der Tradition wollen keine Marionetten sein. Sobald sie das innere Gesetz erkannt haben und es geltend machen, stehen sie unter Rechtfertigungsdruck. So auch die AnhängerInnen Jesu. Aber um Jesus treu zu bleiben, können sie nicht anders, als sich von den Gelehrten ihrer Zeit zu unterscheiden.

 

Zu den Alten ist gesagt worden… Ich aber sage euch… Ihr habt gehört – hier hört ihr etwas Unerhörtes! Die sog. Anti-Thesen sind keine Anti-Thesen gegen das Gesetz des Moses, sondern Thesen Pro Himmelreich. Jesus kommt aus der jüdischen Tradition, die er nicht aufheben will, um kein Jota, aber unmissverständlich überbieten will er sie. Etwas Neues flickt man nicht auf alte Gewänder…Er ist eindeutig für eine Vertiefung, einen Weg, der alles bisher Dagewesene übersteigt. Sein Wort ist in unseren Augen ein Wegweiser zu einem neuen Welt- und Lebensverständnis.

 

Jesu empathische Impulse sind weit größer als alle Gerechtigkeit, alle Ehenormen, alle Neigung zum Missbrauch des Leibes, gegen alles mit Schwüren unterlegte Reden, das die Eliten pflegen. Jesus erinnert die Leute daran, dass alles längst in ihr Herz geschrieben ist, das sie aber mit weit aufgerissenen Augen lesen sollen. Er stellt das Gesetz nicht auf die Seite, aber in den Schatten – in den Schatten eines neuen Lichts: und zwar in das Licht einer je größeren Liebe. Liebe allein erfüllt - Herz und Gesetz. Nicht nur das Gesetz. Aber sie hebt das Zwanghafte im Gesetzesdenken auf. Das neue Denken der Gerechtigkeit muss weit größer sein als es das Recht vorgibt, um die Verhältnisse auf die Füße zu stellen. Herzenshärte regiert oft Juristensprache. Gerade in der deutschen Kirche erleben wir, wie schmerzlich es ist, wenn das, was Jesus wollte, vom Recht her verstanden wird und nicht vom konkreten Menschen her. Wie vieles ist heute legal und doch nicht recht! Wie viele nutzen mithilfe teurer Juristenschläue Gesetzeslücken aus, um ihre Egoismen durchzusetzen! Nicht erst Greta Thunberg macht die Mächtigen darauf aufmerksam, welche anti-ökologischen Interessen und Desinteressen für das Gemeinwohl das Versagen dokumentieren. Ich denke an die hartnäckigen Klimawandelleugner.

 

Statt Morden und Kollateralschäden zu rechtfertigen, muss der Friedenswille weit größer sein. Schluss damit, Feuer in Konflikten zu schüren mit Waffenlieferungen! Versöhnungs-bereitschaft muss dem Feind eine Chance geben. Gerichte können vielleicht Recht bringen, aber nie Gerechtigkeit, die dem Frieden vorausgeht. Solange Streitparteien uneinsichtig sind, scheitert jeder Ausgleich.

 

Erschreckend ist der damalige Mangel an Sinn für die Unversehrtheit des Leibes. Die Vorstellung, dass man Teile abschneidet, damit sie keinen Schaden anrichten, ist uns fremd. Leibfreundlichkeit aber ist Sache der Liebenden. Man schaue ein Ballett von John Neumeier an und man kann nur staunen über die unglaubliche Ausdruckskraft der Körper! Wie wundervoll und ausdrucksstark Körper miteinander sprechen können! Das Gefühl, fehl am Platz, gar fehl im Körper zu sein, sozusagen ein Alien in einer Welt, in der man mit Drogen, Gewalt, Kontrollzwang der Sinnlosigkeit zu entfliehen hofft, um stecken zu bleiben im Versuch sich zu ändern in einer unbehaglichen Welt – die Literatur ist voll davon.

 

Jesus schneidet die Flucht in den Gesetzesgehorsam ab. Von wegen meineidig schwören, um seine Haut zu retten, wenn ein sexueller Missbrauch längst hundertfach bezeugt ist (siehe Weinstein und #MeToo). Da helfen keine Kreuzverhöre, um Widersprüche der Opfer zugunsten des Täters aufzudecken. 

 

Was nützt es Bischöfen zu beteuern, sie hätten leider „nur“ den Ruf der Kirche mehr geliebt statt die aufgetauchten (An-)Klagen der Opfer ernst zu nehmen, die nur eins wollen: „Damit es aufhört!“ (M. Katsch)! Wenn der klerikale Status den Zugang der Täter zu Opfern erleichtert, dann sind grundlegende Veränderungen im Umgang mit spiritueller Macht und Sexualität unumgänglich. Bischof Geoffrey Robinson beklagt bereits 2010 die „erbärmlichen Reaktionen kirchlicher Autoritäten“. Wenn entsprechende Faktoren zusammenkommen, gedeihen die Blumen des Bösen in sexualisierten Verbrechen. Die Welt aber ist vielfach in einem völlig ignoranten Zustand. Ehrlichkeit ist der Anfang eines Weges, der vielleicht ein gemeinsamer (synodaler) werden kann…Jemand muss die Last der Verantwortung für die Missbräuche in der Kirche auf sich nehmen. Wer zu Vertuschung, klammheimlichen Versetzungen, Verschiebung der Schuld, Verzögerung der Aufklärung beigetragen hat, muss Konsequenzen ziehen und sein Amt abgeben. Weit und breit reichlich wenig davon zu sehen…

 

Jesus ist nicht anti, sondern pro: Er vertieft das Gesetz, das äußerlich ist, zum Gewissen, das innerlich ist. Von ihm geht ein Wärmestrom aus, der alles durchdringt, ein Strahlenfeld, das die Gegenwart verändern kann. Sein Evangelium einer weit größeren Barmherzigkeit hat stets individuelle wie kollektive Befreiung im Sinn. Deshalb sind alle Schritte Richtung Befreiung stets die Grundachsen der Theologie. Und diese Achsen machen vor keinem System Halt. 

 

Günther M. Doliwa, Autor SingerSongWriter, 

Februar 2020, Herzogenaurach

Zurück