Sonntagsbrief zum 6. Sonntag der Osterzeit, 9. Mai 2021

7. Mai 2021 von Eva-Maria Kiklas

Bleibt in meiner Liebe!

Granatapfelbaum mit reifenden und schon aufgeplatzten Früchten; S.Grabmeier

 

Wie mich Gott geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe. Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich die Gebote Gottes gehalten habe und in ihrer Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde. Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als das eigene Leben für die Freundinnen und Freunde hinzugeben. Ihr seid meine Freundinnen und Freunde, wenn ihr handelt, wie ich euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Sklavinnen und Sklaven, denn eine Sklavin weiß nicht, wie ihre Gebieterin handelt und ein Sklave kennt das Vorhaben seines Herrn nicht. Euch aber habe ich Freundinnen und Freunde genannt, denn ich habe euch alles, was ich von Gott, meinem Ursprung, gehört habe, mitgeteilt. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht tragt und eure Frucht bleibt, so dass euch gegeben wird, um was ihr Gott in meinem Namen bitten werdet. Ich gebiete euch, dass ihr euch gegenseitig liebt!

Joh.15, 9-17 Bibel in gerechter Sprache

 

Bleibt in meiner Liebe!

 

Das Liebesgebot ist das Herzstück der Verkündigung Jesu und auch die Triebfeder seines eigenen Handelns. Mir kam der Gedanke, dass Jesus offenbar ein "psychologisches Naturtalent" war. Vielleicht resultiert diese Fähigkeit einfach auch daher, dass er nahe bei den Menschen war. Er lebte mit ihnen, sah ihre Nöte und Ängste und wendete sich besonders jenen zu,  die am Rande der Gesellschaft lebten. Er gab ihnen durch seine Zuwendung ihre Würde wieder. Ich denke, das ist auch der Kern und die Ursache seiner Wunderheilungen, wie sie im Neuen Testament erzählt werden.

 

Ich sehe in dem vorliegenden Text des Johannesevangeliums drei Aussagen über Liebe, wie Jesus sie lebte und verkündete:

 

1. Menschen können nur Liebende sein, wenn sie sich selber geliebt fühlen. „Wie mich Gott geliebt hat, so habe auch ich Euch geliebt“ (9).So beginnt unser heutiger Text. Jesus "Sohnschaft" bedeutet ja eine ganz besondere,intensive Beziehung zu Gott, die sich ausdrückt in dem Namen „Abba“, mit dem er Gott anspricht. In dem vorliegenden Text wird dem Namen Gott das Pronomen „sie“ zugeordnet, das wohl die mütterliche Seite Gottes zum Ausdruck bringen soll. Jesus fühlt sich so von Gott geliebt und angenommen, dass er diese Liebe an seine Jünger*innen „in Fülle weitergeben kann, damit eure Freude vollkommen werde“(11). Ja , diese Liebe kann bis zur Hingabe des eigenen Lebens gehen (13). Dieser Ausspruch könnte  auch so gelesen werden, dass Jesus seinen Tod hingenommen hat - er hätte ja auch fliehen können-, um seine Jünger*ínnen vor Verfolgung zu retten.

 

2. Liebe geschieht auf Augenhöhe. Im Neuen Testament ist viel von Meister und Jüngern die Rede. Auch hier in unserer Perikope gebietet Jesus, aber nicht aus einer Machtposition heraus, sondern er teilt seinen Anhänger*innen mit, „was ich von Gott...gehört habe“(15). Für ihn sind seine Jünger*innen  „Freundinnen und Freunde“. Er ist nur der Vermittler der Liebe Gottes, die er selber erfahren und verinnerlicht hat. Diese Haltung zu Macht findet ihren Ausdruck und Höhepunkt in der Fußwaschung, nach der Jesus sagt: “...denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit  auch ihr tut, wie ich an Euch getan habe.“ Wie weit ist unsere Zweistände-Kirche von dieser  Forderung Jesu entfernt! Von Bischof Gaillot stammt das Wort: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ Die Fußwaschung der Gefangenen durch Papst Franziskus am Beginn seiner Amtszeit machte Hoffnung, dass die katholische Kirche eine „dienende“ werden könnte. Aber die Gegenkräfte, die ihre Macht nicht aufgeben wollen, sind offenbar stärker.

 

3. Liebe, Wertschätzung, Würde und Vertrauen sind die Grundlagen für ein „Leben in Fülle“. Jeder von uns kennt Biografien oder hat die Erfahrung selbst gemacht, dass fehlende Liebe und Achtung der Würde eines Menschen gelingendem Leben entgegensteht. Ich denke, dass  das ´Böse` in der Welt, seine Ursache, an diesem Mangel liegt. Von Lady Diana stammt das Wort: „Die größte Krankheit unserer Zeit ist, dass die Menschen sich ungeliebt fühlen“. Ich wünschte mir, dass das vergangene Coronajahr uns deutlich gemacht hat, worauf es im Leben ankommt: Nähe, Freundschaft, Liebe, Umarmung, Geborgensein, Vertrauen und Achtsamkeit für die Bedürfnisse der anderen, Toleranz und Angenommensein, Zuhören können und trösten. Diese Erfahrung der Kostbarkeit von Beziehungen könnte eine positive „Frucht sein, die bleibt, so dass euch gegeben wird,  um was ihr in meinem Namen bitten werdet.“( 16).

 

Ihnen einen gesegneten Sonntag!

 

Eva- Maria Kiklas

Bild: Granatapfelbaum mit reifenden und schon aufgeplatzten Früchten; S.Grabmeier - 

Der Granatapfel ist in der christlichen Ikonographie mit einer Vielzahl von Bedeutungen verbunden: Hingabe, Fruchtbarkeit, Vielheit in der Einheit und dem Leidensweg Jesu. 

 

 

Nächster online Jakobsbrunnen: Dienstag, 11. Mai 2021,19-20 Uhr 

Die „Gespräche am Jakobsbrunnen“ sind seit 1998 ein Markenzeichen von Wir sind Kircheauf Katholiken- und Kirchentagen. Da der Ökumenische Kirchentag in diesem Jahr aufgrund der Pandemie im Internet stattfinden wird, werden auch wir die "Gespräche am Jakobsbrunnen" digital gestalten und beginnen schon jetzt damit in gemeinsamer Verantwortung von Wir sind Kirche Deutschland und Österreich.

Dr. Johannes zu Eltz, Stadtdekan von Frankfurt am Main,  Mitglied des Limburger Domkapitels, Pfarrer in der Dompfarrei St. Bartholomäus und Vorsitzender des Caritasverbandes Frankfurt e.V. 

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