Sonntagsbrief zum 6. Sonntag der Osterzeit, 21. Mai 2017

19. Mai 2017 von Anna Röder

In uns gegenwärtig

Ineinander © Sigrid Grabmeier

„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote befolgen. Dann werde ich den Vater um etwas bitten: Er wird euch an meiner Stelle einen anderen Beistand geben, einen, der für immer bei euch bleibt. Das ist der Geist der Wahrheit. Diese Welt kann ihn nicht empfangen, denn sie sieht ihn nicht und erkennt ihn nicht. Aber ihr erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch gegenwärtig sein. Ich lasse euch nicht wie Waisenkinder allein. Ich komme wieder zu euch. Es dauert nur noch kurze Zeit, dann wird diese Welt mich nicht mehr sehen. Aber ihr werdet mich sehen, denn ich lebe. Und ihr werdet auch leben. An dem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin im Vater gegenwärtig, ihr seid in mir gegenwärtig und ich bin in euch gegenwärtig. Wer meine Gebote annimmt und sie befolgt, der liebt mich wirklich. Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt. Auch ich liebe ihn, und er darf mich sehen.“

Joh 14, 15- 21 BasisBibel /2008 Dt. Bibelgesellschaft,Stuttgart)

 

Es ist bestimmt schon manchem Autofahrer passiert: Da überholt uns ein anderer Wagen und am Heck weist ein Aufkleber darauf hin: „Jesus liebt dich !“ Von der Liebe Jesu ist heute im Evangelium die Rede. Allerdings sehr dezent. Unaufdringlich. Jesus Christus zu bezeugen hat nichts mit religiöser Schamlosigkeit oder frommer Lautstärke zu tun. Jesus geht es ganz nüchtern um die Einhaltung der Gebote: „Wer meine Gebote annimmt und sie befolgt, der liebt mich wirklich.“

Was sind seine Gebote und wie geht das? Der Bibeltext steht in einem größeren Zusammenhang der sogenannten Abschiedsreden Jesu. In den vorhergegangenen Versen sagt Jesus seinen Jüngern eine Wohnung bei Gott zu, die wir heute schon bei ihm haben, nicht erst nach dem Tod. Wir alle wissen, dass die wichtigste Wohnung für einen Menschen nicht ein bestimmtes Gebäude ist. Die wichtigste Wohnung für jeden Menschen ist das Herz eines anderen Menschen. Erst, wenn man dort eine Wohnung bekommen hat, hat man ein Zuhause gefunden, das eigentliche menschliche Zuhause. Gott möchte in der kostbarsten Wohnung, die wir zu bieten haben, wohnen. Im Evangelium haben wir die Worte Jesu gehört: „Ich bin im Vater gegenwärtig, ihr seid in mir gegenwärtig und ich bin in euch gegenwärtig.“

Eine etwas andere Beschreibung für „in jemandem wohnen“. Ein leidenschaftlicher Liebhaber von Jesus Christus, Paulus, hat von sich bezeugt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Er war so erfüllt von Christus, dass dieser durch ihn anwesend, also gegenwärtig war unter den Menschen. Paulus hat Glaubensgemeinschaften gegründet, durch die Jesus Christus anwesend war in der damaligen Gesellschaft. Wenn Christus in den Menschen lebt, ist er auch präsent in ihrer Umwelt. Auf diese Weise will er in unserer Gesellschaft und in unserem gesamten Leben anwesend sein. Wo er präsent ist, bringt, bewirkt und schenkt er das Wichtigste, was für ein gutes Zusammenleben der Menschen nötig ist: den Frieden: „Frieden hinterlasse ich Euch, meinen Frieden gebe ich Euch.“

Welchen Frieden kann die Welt uns nicht geben, weil er nur von Christus kommen kann? Ich denke: es ist der Friede, der über mich kommt, wenn ich glaube, dass ich von Gott geliebt, restlos angenommen und bejaht bin. Ohne wenn und aber, so, wie ich bin – nicht so, wie ich sein könnte oder sein sollte. Geliebt , ohne Vorleistungen, ohne Leistungsdruck und Verdienste, dafür geschenkte Ruhe und Gelassenheit.

Das ist der innere Friede, den Jesus Christus uns schenkt; er führt nicht zu einer satten Selbstzufriedenheit. Er befähigt uns, die Mitmenschen so anzunehmen und zu bejahen wie sie sind in ihrem Anders- und Fremdsein. Ausnahmslos j e d e n Menschen. Denn auch er wird genau wie ich von Gott geliebt. Gegner werden dann nicht mehr als Feinde angesehen. Konflikte werden in respektvollem Umgang miteinander gelöst.

Es gibt dann keine Sieger und Besiegten mehr, sondern nur noch Überzeugte und Versöhnte.

 

Regina Grotefend-Müller

Bildnachweis: Ineinander © Sigrid Grabmeier

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