Sonntagsbrief zum 6. Sonntag der Osterzeit, 17. Mai 2020

15. Mai 2020 von Magnus Lux

„Wort des lebendigen Gottes“

Kanzel in der St. Johannis Kirche in Krummesse © Sigrid Grabmeier

Schließlich bitte ich euch: lebt einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen. Seid bescheiden und vergeltet nicht Böses mit Bösem und üble Nachrede mit übler Nachrede! Im Gegenteil: Wenn ihr die segnet, die euch verleumden, entsprecht ihr eurer Berufung. Denn ihr seid ausgewählt, um den Segen zu erben.

Wer nämlich das Leben lieben und gute Tage sehen will,
soll die Zunge vom Bösen fernhalten
und die Lippen davon, listig zu sprechen,
soll sich vom Bösen abwenden und das Gute tun,
soll nach Frieden suchen und streben.
Denn die Augen Gottes schauen auf die Gerechten
und die Ohren Gottes hören auf ihre Gebete.
Gott wendet sich aber gegen jene, die Böses tun.

Und wer wird euch schlecht behandeln, wenn sich herausstellt, dass ihr euch stets darum bemüht zu tun, was erwartet wird? Aber auch wenn ihr leiden würdet, weil ihr euch nicht davon abbringen lasst, das zu tun, was vor Gott richtig ist, könntet ihr euch glücklich schätzen. Vor der Furcht, die Menschen verbreiten, braucht ihr euch nicht zu fürchten oder aus der Fassung bringen zu lassen. Haltet in euren Herzen Christus heilig, denn ihm gehören wir. Seid immer bereit, allen, die euch danach fragen, zu erklären, welche Hoffnung in euch lebt. Erklärt es freundlich und mit furchtsamer Zurückhaltung. Wenn ihr ein gutes Gewissen habt, dann werdet ihr die Menschen beschämen, wenn sie schlecht über euch reden und euch misshandeln, denn ihr pflegt als solche, die Christus gehören, einen Lebenswandel, der nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn Gottes Wille es so vorsieht, dann ist es besser, dass ihr als Menschen leidet, die tun, was erwartet wird, als dass ihr als Menschen leidet, die einen schlechten Lebenswandel haben.

 1 Petr 3,8-17 BigS Bibel in gerechter Sprache

 

„Wort des lebendigen Gottes“

 

lautet der Ruf nach der Lesung. Wort des lebendigen Gottes? Vermutlich um das Jahr 90, in einer Zeit, die nicht unsere ist – schreibt ein Mann, den wir nicht kennen, vermutlich ein Gemeindeleiter – unter dem Namen des Petrus, also mit seiner Autorität, heute würden wir sagen: unter falschem Namen – einen Brief an Leute, die wir nicht kennen – in ihre konkrete Lebenssituation hinein, die nicht unsere ist: Und das soll für uns „Wort Gottes“ sein?



Was ist das denn eigentlich, das „Wort Gottes“? Hat denn „das absolute Geheimnis, Gott genannt“, wie es Karl Rahner, der große Theologe des letzten Jahrhunderts sagt, hat also Gott je zu den Menschen so gesprochen wie ein Mensch zum anderen spricht? Machen wir uns auf die Suche.



Wenn wir die Bibel aufschlagen, dann finden wir am Anfang des Buches Genesis, dem Buch von der Erschaffung der Welt: „Und Gott sprach: Es werde Licht!“ Und was Gott spricht, das geschieht. Worte schaffen Neues und verändern die Welt. Das können wir immer wieder erleben. Wenn wir sagen „Ich liebe dich“, dann ist unsere kleine Welt auf einmal eine andere. Wenn Brautpaare Ja zueinander sagen, dann verändert das nicht nur ihre Welt, sondern auch die Beziehung zu ihren Familien, ihren Freund*innen und Bekannten.



Die Propheten des Ersten Testaments verstehen sich als Sprachrohr Gottes. Auch das ist uns geläufig. Wenn wir sagen: „Dich schickt der Himmel!“ erfahren wir in unserem Leben, dass Worte des Zuspruchs nicht nur kurzfristigen Trost spenden, sondern unserem Leben eine andere Richtung geben können.



Und dann ist Jesus, der Mann aus Nazaret, als einfacher Wanderprediger durch das Land Palästina gezogen. Was er gesagt und getan hat, das hat die Menschen aufhorchen lassen. Sein anderes Reden über Gott, den er abba, lieber Papi nennt, hat schließlich zum Zerwürfnis mit den religiösen Führern geführt, die ihn als Verbrecher ans Kreuz gebracht haben. Das Johannes-Evangelium aber bekennt: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ Im Mensch-Sein von Jesus ist das Wort Gottes zu uns gekommen, durch ihn spricht Gott zu uns. Seine zentrale Botschaft ist: Liebe Gott – und deinen Nächsten – wie dich selbst. In allem, was dieser Botschaft entspricht, erfahren wir das „Wort Gottes“, unser Handeln nach dieser Botschaft ist unsere „Ant-Wort“ und wir sind „ver-ant-wortlich“ für das, was wir tun.



Der Schreiber des 1. Petrusbriefes ruft also nicht nur die Menschen damals, sondern auch uns heute auf: „Lebt einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen. Seid bescheiden und vergeltet nicht Böses mit Bösem und üble Nachrede mit übler Nachrede! Im Gegenteil: Wenn ihr die segnet, die euch verleumden, entsprecht ihr eurer Berufung. Denn ihr seid ausgewählt, um den Segen zu erben.“ Und das ist wirklich „Wort des lebendigen Gottes“ für uns.



Magnus Lux

 

Bild: Kanzel in der St. Johannis Kirche in Krummesse © Sigrid Grabmeier, sehr schön zu sehen sind die Sanduhren, die den Predigern anzeigten, wie lange sie noch predigen mussten. 

 

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