Sonntagsbrief zum 5. Sonntag in der Fastenzeit, 29. März 2020

27. März 2020 von Regina Grotefend-Müller

Tod, Co-Vid19 und Beziehungen über den Tod hinaus

Lazarus - Friedhof  der Stabholzkirche  in Karpacz Górny

 Ein Mann war schwer krank, Lazarus aus Betanien. Das ist das Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta lebten. Maria war es übrigens, die Jesus später die Füße mit Öl gesalbt und mit ihren Haaren abgetrocknet hat. Der kranke Lazarus war ihr Bruder. Die Schwestern ließen Jesus die Nachricht zukommen: »Herr, sieh doch! Dein Freund ist schwer krank!« Als Jesus das hörte, s gte er: »Diese Krankheit führt nicht zum Tod. Sie soll vielmehr die Herrlichkeit Gottes zeigen. Denn durch sie soll der Sohn Gottes zu seiner Herrlichkeit kommen.«5 Jesus liebte Marta und ihre Schwester und ebenso auch Lazarus. Jesus wusste also, dass Lazarus schwer krank war. Trotzdem blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er gerade war. Dann sagte er zu den Jüngern: »Lasst uns wieder nach Judäa gehen.«  Die Jünger erwiderten: »Rabbi, vor Kurzem wollten die Leute in Judäa dich steinigen! Und du willst wieder dorthin gehen?«9 Jesus antwortete: »Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wer tagsüber umhergeht, stolpert nicht, denn er sieht das Licht, das diese Welt erhellt. Wer aber bei Nacht umhergeht, stolpert, denn er hat kein Licht bei sich.« Nachdem er dies zu den Jüngern gesagt hatte, fuhr er fort: »Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen. Aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.« Da sagten die Jünger zu ihm:» Herr, wenn er schläft, wird er sich erholen.« Jesus hatte aber über den Tod des Lazarus gesprochen. Die Jünger dagegen meinten, es geht um den gewöhnlichen Schlaf. Da sagte Jesus ganz offen zu ihnen: »Lazarus ist gestorben. Und ich freue ich für euch, dass ich nicht bei ihm war. Denn dadurch werdet ihr zum Glauben kommen. Also lasst uns jetzt zu ihm gehen.« Thomas, der auch Didymus genannt wird, sagte zu den anderen Jüngern: »Kommt, wir gehen mit –und sterben mit ihm!« 

Als Jesus nach Betanien kam, lag Lazarus schon vier Tage im Grab. Betanien war nahe bei Jerusalem nur ungefähr fünfzehn Stadien entfernt. Viele Leute aus der Umgebung waren zu Marta und Maria gekommen. Sie wollten ihnen in ihrer Trauerüber den Tod ihres Bruders beistehen. Als Marta hörte, dass Jesus kam, ging sie ihm entgegen. Aber Maria blieb im Haus. Marta sagte zu Jesus: »Herr, wenn du hier gewesen wärst, hätte mein Bruder nicht sterben müssen. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, das wird er dir geben.« Jesus antwortete ihr: »Dein Bruder wird vom Tod auferstehen!« Marta erwiderte: »Ich weiß, dass er auferstehen wird –bei der Auferstehung der Toten am letzten Tag.« Da sagte Jesus zu ihr: »Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben -in Ewigkeit nicht. Glaubst du das?« Sie antwortete: »Ja, Herr, ich glaube fest: Du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in diese Welt kommen soll! 

 Nachdem Marta das gesagt hatte, kehrte sie zurück und rief ihre Schwester Maria. Leise sagte sie zu ihr: »Der Lehrer ist da. Er lässt dich rufen.« Als Maria das hörte, stand sie schnell auf und ging zu Jesus. Jesus war noch nicht ins Dorf hineingegangen. Er hielt sich immer noch dort auf, wo Marta ihn getroffen hatte. Im Haus waren immer noch die Leute, die Maria beistehen wollten. Als sie sahen, dass Maria aufstand und schnell hinausging, folgten sie ihr. Sie dachten: »Sie will zum Grab gehen, um dort zu weinen.« Maria kam dorthin, wo Jesus war. Als sie ihn sah, fiel sie vor ihm auf die Knie und sagte: »Herr, wenn du hier gewesen wärst, hätte mein Bruder nicht sterben müssen.« Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Leute weinten, die sie begleiteten. Da wurde er im Innersten von Zorn ergriffen. Er fragte:» Wo ist sein Grab?« Sie antworteten: »Herr, komm und sieh selbst!« Da brach Jesus in Tränen aus.3Die Leute sagten: »Seht doch, wie sehr er ihn geliebt hat!« Aber einige von ihnen bemerkten: »Dem Blinden hat er die Augen geöffnet. Konnte er nicht verhindern, dass Lazarus stirbt?« 

Jetzt wurde Jesus erst recht zornig. Er ging zum Grab .Es bestand aus einer Höhle, vor deren Eingang ein Stein gerollt war. Jesus sagte:» Wälzt den Stein weg!« Marta, die Schwester des Verstorbenen, erwiderte: »Herr, er stinkt schon. Es ist doch schon der vierte Tag.«  Jesus sagte zu ihr: »Habe ich nicht zu dir gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?« Da wälzten sie endlich den Stein weg. Jesus blickte zum Himmel empor und sprach: »Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste ja, dass du mich immer erhörst. Aber ich sage es wegen der Leute, die hier stehen. Sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.« Nachdem er das gesagt hatte, schrie er mit lauter Stimme: »Lazarus, komm heraus!« Da kam der Tote heraus. Seine Füße und seine Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Tuch verhüllt. Jesus sagte zu den Leuten: »Befreit ihn davon und lasst ihn nach Hause gehen.«  Die Leute, die bei Maria waren, hatten miterlebt, was Jesus getan hatte. Daraufhin kamen viele zum Glauben an Jesus.

Joh 11, 1-45,  Basis-Bibel 

Tod, Co-Vid19 und Beziehungen über den Tod hinaus

Wie geht es Ihnen beim Lesen des heutigen Sonntags-Evangeliums nach Johannes ? Es ist eine unglaublich dichte, spannungsreiche Begebenheit, die uns erzählt ist und die es wirklich in sich hat !

Lazarus stirbt! Eine Todesnachricht, aber auch eine Auferweckungserzählung so kurz vor Ostern in Zeiten unserer heutigen weltweiten Krisensituation, die durch einen Virus (Covid-19) ausgelöst wurde, die unsere weltweite menschliche Solidarität in existentiellen Bereichen extrem herausfordert.

Lazarus stirbt- und seine Schwestern, Marta und Maria, trauern zusammen mit ihrem gemeinsamen guten Freund Jesus. Angesichts der vielen tausend Virus-Toten in wenigen Monaten des Jahres 2020 eine sehr beklemmende, übertragbare Erfahrung. Das Corona-Virus wirft uns auf das zurück, was wir sind: sterbliche Menschen, zurückgeworfen auf unsere eigene Endlichkeit. Unser aller Leben ist abhängig von der Gesundheit des eigenen Körpers. Der Corona-Virus katalysiert die sehr berechtigte Angst vor tödlichen Krankheiten, vor Krebs, Schlaganfällen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die statistisch gesehen die heute häufigsten Todesursachen darstellen. Technisch haben wir Menschen viel erreicht, in der westlichen Welt funktioniert fast alles, was wir erschaffen haben, nahezu nahtlos. Aber über uns selbst sind wir Menschen alle letztlich machtlos. Uns ereilt derzeit eine lange nicht mehr gekannte Extremerfahrung, die uns alle aufs äusserste herausfordert:  Erfahrungen der Solidarität für Schwächere stehen individuellen Ansprüchen und Bedürfnissen und Konfrontationen mit Entfremdung, Wahrnehmungsbeeinflussungen, Verunsicherungen des uns begegnenden Gegenübers, Misstrauen, Abschottung, Vereinsamung, Atomisierung, Isolation, aber auch sensibler Wahrnehmung von Entschleunigung und der Besinnung auf Rücksichtnahme gegenüber, der solidarischen Fürsorge und es Teilens, des Lasten mit-tragens. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“- der Sinn dieses bekannten Kirchenliedes von Peter Janssens, bekommt gerade jetzt eine Bedeutung größerer Dimension.

Trotzdem: Lazarus stirbt ! Und Jesus ? Dieses siebte und größte, letzte Zeichen seiner Macht, stellt der biblische Redakteur Johannes bewusst in eine Chronologie, die Jesus uns als denjenigen vorstellt, der im Johannesevangelium gerade NICHT das Reich Gottes, sondern SICH SELBST verkündet ! Jesus ist eben auch  Mensch ! Er weint, er fühlt, ist emotional genauso getroffen, wie Maria und Marta ! Aber er handelt auch als göttlicher Sohn vollständig souverän ! Die Auferweckung des geliebten Freundes Lazarus ( der Name ist sicher nicht zufällig gewählt und bedeutet im hebräischen Elazar /Eleazar „Gott hat geholfen“!) ist Höhepunkt des Heilsgeschehens durch Jesu aktives Tun und deutet auf eine göttliche Teilhabe und Macht (Heilswirken), verweist aber auch auf seinen eigenen nahen Tod und Auferweckung. Es sind wieder interaktive Beziehungen untereinander, die verdeutlichen, was Glaube an Gottes Macht bedeutet. Jesus selbst ist tief getroffen von Lazarus‘ Tod, sein Zorn ist Ausdruck seines Wissens um die menschliche Endlichkeit. An Martas und Marias je unterschiedlich gezeigtem Verhalten, können wir ein tiefes Vertrauen und Glauben an Jesus erkennen, die eine Liebe meint, die am Grab nicht endet, sondern eine Beziehung beschreibt und bezeugt, der sterben nichts anhaben kann. Diese Beziehung, die Jesus zu Gott hat, zeigt sich in dieser Wunderhandlung: Jesus DANKT Gott dafür, dass er ihn erhört und erweckt Lazarus mit dem Ruf seines Namens. – „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen- Du bist mein.“…Leben in Gottes Gegenwart auch angesichts des Todes, mit ihm, ihm zum Trotz und durch ihn hindurch !

Mit allen guten Wünschen für eine gesunde Zeit !

 

Regina Grotefend-Müller

Bild:

Lazarus - Friedhof  der Stabholzkirche  in Karpacz Górny

Die Stabkirche Vang ist eine mittelalterliche norwegische Stabholzkirche aus Vang, die 1841 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. erworben und in Brückenberg (heute Karpacz Górny), mittlerweile Ortsteil von Krummhübel (heute Karpacz) im Riesengebirge wieder aufgebaut wurde. 

 

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