Sonntagsbrief zum 4. Sonntag in der Fastenzeit, 22. März 2020

20. März 2020 von Tobias Grimbacher

Kinder des Lichts

Taufkerzen ©Tobias Grimbacher

Einst nämlich wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht bei dem, der über uns Herr ist. Lebt als Kinder des Lichts. Denn die Frucht des Lichts besteht in lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. 

Prüft, was Gott wohlgefällt, und habt keinen Umgang mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis. Vielmehr deckt sie auf! Denn was von ihnen im Verborgenen getan wird, davon auch nur zu reden, ist beschämend. Alles aber, was aufgedeckt wird, wird durch das Licht offenbar. Denn alles, was offenbar wird, ist Licht. Deshalb heißt es: „Du, wach auf aus dem Schlaf und steh auf von den Toten! Und Christus wird dir aufleuchten.“

Eph 5, 8-14 Bibel in gerechter Sprache

 

Liebe Kinder des Lichts,

Paulus schreibt uns heute drei Werte zu: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Was sagt das über uns – allgemein, aber auch in diesen ungewohnten Zeiten des virusbedingt reduzierten Lebens?

 

Ich beginne mit der Wahrheit, denn mir ihr habe ich am meisten Mühe. Wenn jemand sagt, er habe die Wahrheit, dann blinken bei mir die Alarmlampen. Päpste und Bischöfe (und selbst kirchliche Reformgruppen) behaupten zuweilen, sie wüssten was unumstösslich wahr ist. Naturwissenschaftler müssen ihre Wahrheit belegen und auf Axiome zurückführen. In der Corona-Krise haben viele Fakten eine gewisse Bandbreite, aber keinen absoluten Wahrheitsanspruch. Dabei gehört zu den Wahrheiten, dass Gesundheitspolitiker in einer relativ kleinen Krise innerhalb weniger Wochen zuvor undenkbare Einschränkungen anordnen können - während Umweltpolitiker in der vergleichsweise riesigen Klima-Krise innerhalb von 40 Jahren nichts anordnen durften. Oder darf man hoffen, dass die Politiker, ermutigt durch die Erfahrungen mit der Virus-Seuche, anschliessend die CO2-Verseuchung genauso beherzt angehen werden? Zu den Wahrheiten gehört, dass unser Gesellschaftssystem zutiefst kapitalistisch fundiert ist: Arbeiten und Kaufen sind die letzten legitimen Gründe, das Haus zu verlassen. Dass wir Menschen als soziale Wesen die Kontakte zueinander brauchen, wird einfach übersehen – Folgen unabsehbar. Jesus sagt, „wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind ...“: Ist er auch mitten unter uns, wenn ich zeitversetzt die Frühmesse des Papstes auf youtube mitfeire? Oder wenn ich mich in die leere Kirche schleiche und auf die Altarstufe setze? Vielleicht hat Wahrheit ja mit Wahrhaftigkeit zu tun: als selbstbewusst leuchtende Kinder des Lichts.

 

Gerechtigkeit. Der Slogan, mit dem der Katholische Frauenbund Schweiz im letzten Sommer in den Frauenkirchenstreik zog, lautet „Gerechtigkeit. Punkt. Amen.“ In gebotener Kürze sagt er alles über unsere Kirche und die Geschlechter. Gerechtigkeit soll uns als Kinder des Lichts auszeichnen, doch wir können gegen Ungerechtigkeit oft wenig ausrichten. Ist es gerecht, dass jemand am Virus stirbt und jemand anderes noch nicht mal hustet? Ist es gerecht, dass die einen Home-Office machen, die anderen Kurzarbeit und die dritten (im Gesundheitswesen) Überstunden? Ist es gerecht, dass wir über geschlossene Museen und Fitness-Studios klagen, während hinter der griechischen und der syrischen Grenze Menschen krepieren? So sehr wir uns für Gerechtigkeit einsetzen mögen, bleibt sie doch eine transzendente Grösse, die erst bei Gott umfassend eingelöst sein wird.

 

Schliesslich die Güte, vom Wortstamm her: die Gutheit. Sie zeichnet uns Kinder des Lichts aus, indem wir wohlwollend in der Welt stehen, ausgeglichen, gelassen, barmherzig (und damit herzlich), mit dem rechten Augenmass die Herausforderungen, Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten des Lebens angehend. Indem wir im wahrsten Sinn das Leben ein bisschen heller machen. In den Texten zum heutigen Sonntag begegnet uns die Güte ein zweites Mal im Tagespsalm, wo es heisst: „Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit“ (Ps 23,6). Güte hat also mit Wohnen bei Gott zu tun, mit dem Ruheplatz am Wasser, oder neutestamentlich: dem Reich Gottes.

 

Als Kinder des Lichts wohnen wir im Reich Gottes. Wir bauen daran mit, dass Gutheit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit unsere Welt heller machen. Dieses fruchtbare Denken und Handeln unterscheidet uns fundamental vom unfruchtbaren, destruktiven Denken der Finsternis (zu der unsere kirchlichen Missbrauchsskandale genauso gehören wie Fake-News über den Virus). Natürlich müssen wir uns damit befassen - „deckt sie auf“, ruft uns Paulus zu – aber es ist beschämend, dass wir darüber reden müssen. Und wir sollen bloss nicht darauf hereinfallen, uns bloss nicht darin fangen lassen, sondern Güte zeigen sowie zukunfts- und gegenwartsorientiert leben.

„Christus wird dir aufleuchten“, so endet die heutige Perikope. „Christus das Licht“, so singen wir in der Osternacht (oder dieses Jahr vielleicht zeitversetzt auf youtube?). Als Kinder des Lichts sollen wir die Botschaft Jesu Christi zum Leuchten bringen und sein gütiges, gerechtes und bis zum Ende wahrhaftiges Handeln weiterführen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen, dass Eure Welt durch liebe Menschen ein kleines bisschen heller wird und wir gemeinsam aufwachen, aufstehen und aufleuchten können.

Tobias Grimbacher

 

 

Bild: Taufkerzen (Foto: Tobias Grimbacher)

 

 

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