Sonntagsbrief zum 4. Sonntag im Jahreskreis, 31. Januar 2021

29. Januar 2021 von Magnus Lux

Den unreinen Geistern gebietet er

Gedenktafel für Elsa Brändström von 2016 in Wurzen

Elsa Brändström

 

Einzigartig, stark

Sie half, kämpfte,

dachte and andere.

Sie war eine Frau mit dem

Herzen auf dem rechten Fleck:

Sibiriens Engel.

 

Die Leute waren überwältigt von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie manche toragelehrte Frauen und Männer. In ihrer Synagoge stand eine Person mit einem unreinen Geist und schrie auf: „Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus aus Nazaret? Bist du gekommen, um uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist: Du bist von Gott geheiligt.“ Jesus bedrohte ihn: „Schweig und gib diese Person frei.“ Da riss der unreine Geist die kranke Person hin und her, kreischte mit lauter Stimme und gab sie frei. Alle waren schockiert, so dass sie miteinander diskutierten und sagten: „Was ist das? Eine neue Lehre, ganz vollmächtig. Sogar den unreinen Geistern gebietet er, und sie gehorchen ihm.“ In Windeseile verbreitete sich durch Hörensagenüberall diese Kunde von ihm, in ganz Galiläa.

 MK 1,21-28 Bibel in gerechter Sprache

 

Den unreinen Geistern gebietet er

 

Na, wie hättet ihr‘s denn gern? Den heutigen Bibeltext als Beleg dafür darzustellen, dass es böse Geister, dass es Dämonen, dass es den Teufel tatsächlich gibt – oder einen Versuch zu machen, diese Bibelstelle zu verstehen, und zwar aus dem Blickwinkel von Menschen des 21. Jahrhunderts?


Vielleicht werde ich jetzt von einigen sich besonders fromm wähnenden Leuten entsetzt gefragt: „Ja glaubst du denn nicht an den Teufel?“ Und meine Antwort ist klipp und klar: „Nein!“ – Aber lasst mich ausreden: „Ich glaube an Gott*.“ Ich glaube an ihn, d.h. ich verlasse mich auf ihn, ich baue auf ihn, ich setze mein Leben auf ihn. Übrigens: Gott* (mit Sternchen) soll darauf hinweisen, dass wir uns von überkommenen, allzu leibhaften Vorstellungen von Gott lösen müssen. Er ist nicht der allseits bekannte alte Mann mit Bart, sondern der ganz Andere. Einen Gott, den „es gibt“, den gibt es nicht – einen Gott, den ich vorweisen könnte, dessen Geheimnisse ich ergründen könnte: nein, den gibt es nicht. Der große Theologe Karl Rahner spricht vom „absoluten Geheimnis, Gott genannt“, dem wir uns nur in Bildern annähern können, die stimmen und doch gleichzeitig nicht stimmen. Wo hat da „der Leibhaftige“ Platz?


Unsere Sprache ist ein beredtes Beispiel dafür, dass sich altes Denken bis ins Heute gerettet hat. Da ist immer noch eine*r „von allen guten Geistern verlassen“ oder „vom Teufel besessen“. Und die Exorzisten feiern fröhliche Urständ, in Rom gibt es immer wieder Fortbildungen. Zu Hunderten arbeiten sie bis heute in aller Herren Länder und „wissen“ genau, woran sie Besessenheit erkennen können und wie sie von psychischen Erkrankungen zu unterscheiden sei. 


Was meint also Markus, wenn er uns von Jesus erzählt, der „unreinen Geistern“ gebieten kann? Können wir uns noch eine Welt vorstellen, die von Geistern durchzogen ist, denen der Mensch ausgeliefert ist im Guten wie im Bösen? Können wir uns vorstellen, Dämonen, den Teufel mit einem Exorzismus austreiben zu können? Was also meint Markus? Offenbar will er bezeugen, dass Jesus „Vollmacht“ hat, dass alles Widergöttliche vor ihm nicht bestehen kann. Und Krankheiten wie die Epilepsie waren in den Augen der Menschen etwas Böses; denn sie waren ihnen meist hilflos ausgeliefert. 


Gibt es also „Böses“ in der Welt? Ja, es gibt das Böse, es gibt das Dämonische. Es gibt Kräfte, die in den Abgrund führen, die ganze Völker vernichten und Menschen in eine Richtung lenken können, die das Böse als gut ansieht – und dabei über Leichen geht. Wir erfahren es auch jetzt in unserem, dem 21. Jahrhundert: Krieg und Terror, fake news und Hass, Ausbeutung und Abschottung. Die Liste ist lang: Waffenlieferungen und Zurückweisung von Flüchtlingen, Machtgeilheit und Verletzung der Menschenrechte, Superreiche und am Hungertuch Nagende.


Und genau hier ist das Neue anzusiedeln, das der Mann aus Nazaret gebracht hat: Ihr müsst euch nicht vom Bösen versklaven lassen! Ihr müsst das Böse nicht von euch Besitz ergreifen lassen! In seiner befreienden Botschaft vom Reich Gottes zeigt er uns Wege auf, die zu einem menschlich verantwortbaren Zusammenleben führen. Es zählt ein Glaube, der durch die Liebe tätig ist: wenn Menschen einander zuhören und aufeinander zugehen; wenn verschiedene Meinungen nicht mehr aufeinanderprallen und zu unversöhnlichen Zerwürfnissen führen; wenn wir nicht nur an uns selber denken, sondern auch an die anderen und ihre Bedürfnisse; wenn wir nicht nur unseren Reichtum vermehren wollen, sondern uns ein gutes Leben aller Menschen nah und fern am Herzen liegt. 


Liebe ist das Kennzeichen eines jeden Christen, einer jeden Christin. Auch heute müsste wieder gelten, was die Menschen von den ersten Christ*innen gesagt haben: „Seht, wie sie einander lieben!“ Meint ihr nicht, dass das abfärben könnte?

Magnus Lux

 

Bild:

Gedenktafel für Elsa Brändström von 2016 am Kriegsmahnmal in Wurzen 

Inschrift: 

Elsa Brändström

Einzigartig, stark

Sie half, kämpfte,

dachte and andere.

Sie war eine Frau mit dem

Herzen auf dem rechten Fleck:

Sibiriens Engel.

 

Die Schwedin Elsa Brändström (1888-1948) rettete tausenden Kriegsgefangenen des ersten Weltkrieges durch ihre mutige und kreative Arbeit als Rot-Kreuz -Schwester das Leben. Nach Kriegsende gründete sie in Schmeckwitz das „Arbeitssanatorium Bad Marienborn“ für traumatisierte Heimkehrer und in Mittweida das Kinderheim „Schloss Neusorge“ zur Betreuung von Kriegswaisen. Sie war Mitbegründerin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und Initiatorin der Hilfsorganisation CARE.

 Sachsen verdankt ihr viel!

 

Der Theologe Paul Tillich äußerte sich übe Elsa Brändström: 

„Es ist ein kostbares Geschenk, einem Menschen zu begegnen, in dem die Liebe – und das heißt Gott – sich so überwältigend offenbart. Solcher Liebe gegenüber verlieren theologische Anmaßung und fromme Isolierung ihren Boden. […] Ihr Leben war der unwiderlegbare Beweis für die Wahrheit, daß Liebe die vollkommenste Seinsmacht ist, auch in einem Jahrhundert, das zu den dunkelsten, zerstörendsten und grausamsten aller Jahrhunderte seit Beginn der Menschheitsgeschichte gehört.“

– Paul Tillich

 

 

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