Sonntagsbrief zum 4. Sonntag im Jahreskreis, 30. Januar 2022

28. Januar 2022 von Günther Doliwa

Ohne Liebe - Es geschah „in verbreiteter Unkenntnis“!?

Wenn ich wie ein Mensch rede oder wie ein Engel und bin ohne Liebe, 
bin ich ein schepperndes Blech und eine gellende Zimbel. 
Und wenn ich die Gabe habe, die Zeichen der Zeit zu deuten, 
und alles Verborgene weiß und alle Erkenntnis habe und alles Vertrauen, 
so dass ich Berge versetzen kann, und bin ohne Liebe, 
dann bin ich nichts.
Und wenn ich alles, was ich kann und habe, für andere aufwende 
und mein Leben aufs Spiel setze selbst unter der Gefahr, 
auf dem Scheiterhaufen zu enden, und bin ohne Liebe, 
hat alles keinen Sinn. 
Die Liebe hat einen langen Atem und sie ist zuverlässig, 
sie ist nicht eifersüchtig, sie spielt sich nicht auf, 
um andere zu beherrschen. 
Sie handelt nicht respektlos anderen gegenüber 
und sie ist nicht egoistisch, 
sie wird nicht jähzornig und nachtragend. 
Wo Unrecht geschieht, freut sie sich nicht, 
vielmehr freut sie sich mit anderen an der Wahrheit. 
Sie ist fähig zu schweigen und zu vertrauen, 
sie hofft mit Ausdauer und Widerstandskraft. 
Die Liebe gibt niemals auf. 
Prophetische Gaben werden aufhören, 
geistgewirktes Reden wird zu Ende gehen, 
Erkenntnis wird ein Ende finden. 
Wir erkennen nur Bruchstücke, 
und unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, ist begrenzt. 
Wenn aber die Vollkommenheit kommt, 
dann hört die Zerrissenheit auf. 
Als ich ein Kind war, redete und dachte ich wie ein Kind 
und war klug wie ein Kind. 
Als ich erwachsen wurde, ließ ich zurück, was kindlich war. 
Wir sehen vorläufig nur ein rätselhaftes Spiegelbild, 
dann aber von Angesicht zu Angesicht. 
Heute erkenne ich bruchstückhaft, 
dann aber werde ich erkennen, 
wie ich von Gott erkannt worden bin. 
Jetzt aber leben wir mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe, 
diesen drei Geschenken. 
Und die größte Kraft von diesen dreien ist die Liebe.

1 Kor 13  Bibel in gerechter Sprache

 

Ohne Liebe -  Es geschah „in verbreiteter Unkenntnis“!?

 

Die missbrauchte Ex-Nonne (Das Werk) Doris Reisinger/Wagner, preiswürdig mutige Aufklärerin, nennt den amerikanischen Dominikaner-Pater Thomas Doyle „Held der ersten Stunde“ (ZEIT, 13.5.2021). 1944 geboren in einer irisch-stämmigen Familie, trat er 1964 in den Orden ein. Doyle erfasste bereits 1984 (!) das Ausmaß des Missbrauchsskandals in den USA. Er war jemand, der seine Kirche liebte und deshalb nicht schweigen konnte. Ein enormer Missbrauchsskandal sickerte an die Öffentlichkeit. „Viele Bischöfe in den USA versetzten seit Jahren Priester, die Kinder missbraucht hatten, stillschweigend von einer Pfarrei in die nächste, regelten Anzeigen außergerichtlich und nötigten die Familien zu schweigen, um Gerichtsverfahren und schlechte Presse zu vermeiden.“

 

Um die überforderten Würdenträger auf die unausweichliche Krise vorzubereiten, schrieb Doyle 1984/85 ein Handbuch und „stellte klar, dass Pädophilie nicht heilbar war, dass beschuldigte Priester nicht weiterversetzt werden durften, sondern unmittelbar suspendiert werden sollten, dass die Vernichtung von Akten strafbar sei und dass die oberste Priorität die Sorge um die Betroffenen sein musste.“ 

 

Sein Vorstoß zur Aufklärung wurde (wie der später von Bischof Robinson/Australien) abgefangen und ausgebremst von der Hierarchie. Wie viele Aufklärer, die Opfer ernst nehmen, musste er bestürzt erleben, „dass Bischöfe Missbrauchsopfer wie Feinde der Kirche behandelten, gegen die sie ihre Anwälte in Stellung brachten, um jedes noch so kleine Eingeständnis von Schuld zu verhindern und um jeden Dollar Entschädigung zu feilschen.“ Auf der Anklageliste stand damals übrigens auch: Papst Benedikt XVI.

 

Heute ist Pater Thomas Doyle 77 Jahre alt. Auch wenn einzelne Bischöfe sich geändert und richtig gehandelt hätten, verhalte sich die Hierarchie im Großen und Ganzen „heute genauso wie 1985", resümiert Doyle. Kirche als Tatort. Diese Krise führt die katholische Kirche an ihre Schmerzgrenzen: Gewalt gegen Kinder und Nonnen ist routinemäßig in Kauf genommen worden. Neben der Täterlobby spielt die Verstrickung vieler Normalgläubigen eine Rolle, in deren Vorstellungsbereich es unmöglich schien, dass „Geweihte“ solche Verbrechen begehen könnten und/oder – es nicht sehen wollten. Hand aufs Herz: Wie würde denn eine katholische Gemeinde reagieren, wenn Opfer das Schweigegebot durchbrechen und mit der Wahrheit herausrücken würden…

 

Die katholische Kirche steht als moralische Ruine da. Schadenfreude ist fehl am Platz. Entsetzen wohl. Selbst angeblich „Unfehlbare in Glaubens- und Sittenfragen“ und „Mitarbeiter der Wahrheit“ haben sich im Namen der Verteidigung des eigenen Ladens einer monströsen Vertuschungspraxis schuldig gemacht. Bevor man von „Selbstreinigung“ (Kardinal Wetter) und Wiedergewinn von Glaubwürdigkeit faselt, muss radikal Aufklärung und angemessen Entschädigung geleistet werden. Denn Opfer trifft schon gar keine Schuld. Sich auf „verbreitete Unkenntnis“ (Kardinal Wetter) hinauszureden, versäumt die Frage, wer denn Kenntnis verweigert und Unkenntnis verbreitet hat. 

 

Die österreichische und deutsche Reformgruppe „Wir sind Kirche“ entstand 1995, auch aus Empörung über den Missbrauch eines Kardinal Groer. Der Münchner Kardinal Marx hat nachweislich 2011/12 dafür gesorgt, dass beim Forschungsvorhaben (Ergebnis 2018 MHG-Studie) keine Transparenz zur Praxis der einzelnen Diözesen möglich wurde. Fehler einzuräumen reicht da nicht mehr. Kirchensystemische Ursachen sind zur Korrektur überfällig. Tiefgreifende Fehlentwicklungen gehören auf den Prüfstand: Klerikalismus, Überlegenheitskomplex, Machtmissbrauch, magische Praktiken, Amtsausschluss von Frauen, Angst vor der Moderne… 

 

Der Staat ist endlich in der Pflicht, zum Schutz der Opfer Maßnahmen zu ergreifen.

Was tun? Um zu heilen, müssten Christen radikal auf die hierarchiekritische, ganz und gar menschenfreundliche Botschaft Jesu zurückgreifen. Höchste Zeit, betont Doris Reisinger/Wagner aus Erfahrung und mit Scharfsinn, „die spirituelle Selbstbestimmung“ in den Vordergrund zu stellen! 

Zum Glück beruhte mein Glauben niemals auf dem Verhalten von Päpsten seit Petrus…

 

27.1.2022 

Günther M. Doliwa, Theologe, 2016-21 im Bundesteam von Wir sind Kirche Deutschland

 

Wir sind Kirche "Gespräche am Jakobsbrunnen" online

1. Februar 2022 19:00 Uhr

mit Maria Mesrian, Theologin, Maria 2.0 Köln

> www.wir-sind-kirche.de/jakobsbrunnen

 

Wir sind Kirche-Online-Andachten interaktiv
Die nächsten Termine jeweils Dienstag 19 Uhr

15. Februar 2022
15. März 2022
12. April 2022
> www.wir-sind-kirche.de/andachten



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