Sonntagsbrief zum 4. Sonntag der Osterzeit, 3. Mai 2020

2. Mai 2020 von Regina Grotefend-Müller

Von Tür, Stimme, Würde und Gleichberechtigung

Die Tür ist offen  Foto Regina Grotefend-Müller

„Amen, amen, das sage ich euch: Wer nicht durch das Tor in den Schafstall geht, sondern anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber. Der Hirt der Schafe kommt immer durch das Tor. Der Wächter am Tor öffnet ihm, und die Schafe hören seine Stimme. Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie ins Freie. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er vor ihnen her. Die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme. Aber einem Fremden werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen. Denn sie kennen die Stimme des Fremden nicht.“ Dieses Gleichnis erzählte Jesus den Pharisäern. Aber sie verstanden nicht, was er ihnen damit sagen wollte. 

Jesus begann noch einmal: „Amen, amen, das sage ich euch: Ich bin das Tor zu den Schafen. Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber. Aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin das Tor. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Er wird hinein- und hinausgehen und eine gute Weide finden. Der Dieb kommt nur, um die Schafe zu stehlen. Er schlachtet sie und stürzt sie ins Verderben. Ich bin gekommen, um den Schafen das Leben zu bringen – das Leben in seiner ganzen Fülle.“

Johannes 10, 1-10 Basis-Bibel

 

 

Von Tür, Stimme, Würde und Gleichberechtigung

 

Ich fotografiere gern. Auf Spaziergängen, Ausflügen oder im Urlaub faszinieren mich oft besondere Motive, z.B. auch Fassaden oder Türen. Türen haben es in sich, finde ich, denn viele fallen aus dem üblichen Rahmen, weil sie durch ihre äussere Gestaltung, Form-, Farb- oder Materialgebung, oder aufgrund ihrer architektonischen Position hervorstechen. Türen und Tore sind daher oft auch Visitenkarten von Gebäuden und Häusern. Je nach subjektivem Empfinden scheinen Türen zu Objekt zu passen oder auch nicht, müssen sie repräsentativen Pflichten bzw. Vorstellungen entsprechen, können aber auch in ihrer Schlichtheit viel von dem verstecken, was sich „dahinter“ verbirgt. Türen und Tore haben also auch etwas Geheimnisvolles an sich. Eintreten oder hindurchblicken ist in der Regel nur denjenigen gestattet, die den passenden Schlüssel oder Code zum Öffnen besitzen. Damit erst erhält man dann die Erlaubnis des Zutritts zu einem größeren Ganzen.

 

Türen sind also von großer Bedeutung. Sie schützen; es ist nicht gleichgültig, wem sie offenstehen oder wem sie verschlossen sind oder bleiben, wenn sie vor der Nase zugeschlagen werden oder gar nach einem Streit laut in Schloss fallen. Manchmal auch mit der durch persönliche Verletzung verbundenen Drohung „Wenn Du jetzt gehst, bleibt diese Tür für immer geschlossen“!

 

Türen spielen auch im biblisch-christlichen Kontext eine entscheidende Rolle. In der Osterzeit geht sogar Jesus durch verschlossene Türen, wenn auch nicht materiell zu missdeuten. Ja, er sagt selbst von sich „ich bin die Tür“!- Wenn wir uns den Evangelientext des Johannes nochmals erinnern, ist dort von Schafen, Hirten und Tor zum Schafstall die Rede. Wenn Jesus davon spricht, daß der Hirte durch das Tor in den Stall tritt und jedes einzelne (!) Schaf namentlich (!) kennt und zu sich ruft, dann richtet er seine Rede zunächst an die sehr strengen Pharisäer, die die biblischen Gesetze ihrer jüdischen Glaubensgruppe sehr ernst nahmen und entsprechend auslegten. Aber die Pharisäer haben Jesus damals nicht verstanden: Jesus ist das Bindeglied, er ist die Tür z u m Schafstall! Nicht von oben wird hierarchisch-dogmatisch oder legalistisch bestimmt, wer zur Glaubens“herde“ dazugehören darf und wer nicht; nein, es geht Jesus um konkrete und namhafte Teilhabe a l l e r , gewissermaßen um ein Referendum oder neusprachlich um „Synode“ ! Es geht um Hören oder Nicht-Hören, um Mitgehen oder sich verweigern. Die Reaktion der „Herde“= Glaubende verweist auf den wahren oder falschen Hirten, auf die Stimme des Vertrauten oder die des Fremden. Die Einzelnen entscheiden aufgrund ihres individuellen und personellen Gerufenseins (=Namen !), über Anerkennung oder Ablehnung derer, die leiten, führen werden, nicht aber jene, denen es um Macht geht, und die Macht unter dem Deckmantel des „Dienens“ so leicht und gern verstecken.

 

Das kirchliche Amt „Kardinal“ steht für „cardo“, was so viel heißt wie Türangel, Dreh-und Angelpunkt. Es geht hier nicht nur bildsprachlich um Beweglichkeit und Offenheit der (kirchlichen) Türen, die verschließen und auch ausschließen können. Damit ist klar gesagt, um was es letztlich Jesus selbst geht: ER ist keine Tür, vor der man Angst haben muss, nein, diese Tür steht bereits weit offen: „Wer durch mich hineingeht, wird gerettet“. Es gibt keine Bedingung oder besondere Forderung. Diese Tür steht allen offen, Mann und Frau gleichermaßen, jeder sexuellen Orientierung, jedem Amt, jeder Aufgabe. Es gilt der Name, die gleiche Würde, das gleiche gegenseitig verantwortete Recht auf Gerechtigkeit. „Das Leben in seiner ganzen Fülle " ist nicht nur ein Versprechen, es ist bereits Wirklichkeit mit allen Konsequenzen, wenn wir uns darauf einlassen, durch diese Tür der Liebe, die zum Leben führt, hindurchzugehen. Wer einen Namen hat, hat Würde und Bedeutung, hat Stimme. Genau das macht vor Gott und den Menschen unser Christsein aus.

 

Regina Grotefend-Müller

 

Bild: Die Tür ist offen  Foto Regina Grotefend-Müller

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