Sonntagsbrief zum 4. Sonntag der Fastenzeit, 27. März 2022

26. März 2022 von Magnus Lux

„Denen“ gönne ich den Himmel nicht!

Es kamen immer wieder alle, die beim Zoll beschäftigt waren und zu den Sündern gezählt wurden, zu Jesus, um ihn zu hören. Die Angehörigen der pharisäischen Glaubensrichtung und die Schriftgelehrten murrten und sagten: „Der akzeptiert ja sündige Leute und isst mit ihnen!“

Jesus aber erzählte ihnen folgendes Gleichnis:„Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zum Vater: ´Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zusteht.` Und er verteilte seine Habe an sie. Bald danach nahm der jüngere Sohn alles mit sich und zog in ein fernes Land. Dort verschleuderte er sein Vermögen und lebte in Saus und Braus.

Nachdem er aber all das Seine durchgebracht hatte, kam ein gewaltiger Hunger in jenes Land, und er begann, Not zu leiden. Er zog los und begab sich in die Abhängigkeit eines Bürgers jenes Landes, und der schickte ihn auf die Felder, seine Schweine zu hüten. Er hätte sich unheimlich gern satt gegessen an den Schoten des Johannisbrotbaums, die die Schweine fraßen, aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: So viele Tagelöhner und Tagelöhnerinnen meines Vaters haben Brot im Überfluss – und ich komme hier um vor Hunger! Ich stehe auf, wandere zu meinem Vater und sage zu ihm: ´Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Mach' mich zu einem deiner Tagelöhner!`

Er stand auf und ging zu seinem Vater. Schon von ferne sah ihn sein Vater kommen, und Mitleid regte sich in ihm, und er eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn sprach zu ihm: ´Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.` Der Vater aber sagte zu seinen Sklaven und Sklavinnen: ´Schnell, bringt das beste Kleid her und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und Sandalen an die Füße! Holt das Mastkalb und schlachtet es, lasset uns essen und fröhlich sein! Denn dieser, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig, er war verloren und ist gefunden!` Und sie begannen sich zu freuen.

Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimkam und sich dem Haus näherte, hörte er Singen und Tanzschritte. Er rief einen der jungen Sklaven und fragte ihn, was denn sei. Der aber sagte ihm: ´Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater ließ das Mastkalb schlachten, weil er ihn gesund wieder erhalten hat` Da wurde der Bruder wütend und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und lud ihn ein. Er antwortete aber seinem Vater: ´Siehe, ich diene dir schon so viele Jahre und habe nie ein Gebot von dir übertreten, und nie hast du mir einen Bock gegeben, damit ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber kommt dein Sohn, der deine Habe mit Unzüchtigen verfressen hat, und du lässt für ihn das Mastkalb schlachten!` Er sagte zu ihm: ´Kind, du warst alle Zeit mit mir zusammen, und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Nun ist es Zeit, sich zu freuen und fröhlich zu sein, weil dein Bruder, der tot war, lebendig ist. Er war verloren und ist gefunden!` “

Lk 15,1-3.11-3 Bibel in gerechter Sprache

 

„Denen“ gönne ich den Himmel nicht!

Fangen wir damit an: Stimmt eigentlich der Titel „vom verlorenen Sohn“? Es ist doch die Rede von zwei Söhnen! Der ältere Bruder fällt freilich gern unter den Tisch, er passt ja nicht recht ins System der christlichen Botschaft vom reuigen Sünder. Der jüngere wurde und wird dagegen gern als Vorbild herausgestellt: Gewissenserforschung – Reue – Bekenntnis – Vergebung, das erinnert uns an die Beichte (auch wenn sie heute kaum mehr praktiziert wird). Also wurde vorgeschlagen: das Gleichnis „von den zwei Söhnen“. Sagt uns das mehr? Sicher nicht. Richtig muss es wohl heißen: das Gleichnis „vom barmherzigen Vater und den zwei Söhnen“; denn alle drei spielen ja in diesem Gleichnis eine Rolle.

 

Da ist der Lebemann. Erst als er quasi in der Gosse liegt – er muss als Jude Schweine, unreine Tiere hüten – , geht er in sich. Da ist der Vater. Er hat auf ihn gewartet, geht ihm entgegen, nimmt ihn wieder als seinen Sohn auf und feiert ein Fest. Da ist der treue ältere Sohn. Er ist empört und will nicht ins Haus gehen. Da kommt auch ihm der Vater entgegen und sagt: „Nun ist es Zeit, sich zu freuen und fröhlich zu sein, weil dein Bruder, der tot war, lebendig ist. Er war verloren und ist gefunden!“


Na und? So sehr unsere Sympathie dem barmherzigen Vater gilt, so sehr können wir den Ärger des älteren Bruders verstehen, der den jüngeren nicht mehr als seinen Bruder sehen will und nur von „dem da“, von „deinem Sohn“ spricht. Und wie geht die Geschichte aus? Wir wissen es nicht. Der großartige Erzähler, der Mann aus Nazaret, lässt sie einfach so stehen. Was sollen wir also mit dem letzten Teil anfangen? „Eigentlich geht uns dieser Teil der Geschichte doch gar nichts an“, sagte mir mal jemand vor vielen Jahren, „das Gleichnis richtet sich doch gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten, und wir sind doch Christen.“ 


Ja, das Gleichnis erzählt Jesus den Angehörigen der pharisäischen Glaubensrichtung und den Schriftgelehrten. Sie murrten, weil auch Zöllner zu Jesus kamen, Volksverräter, die im Dienst der Römer standen. Sie sagten: „Der akzeptiert ja sündige Leute und isst mit ihnen!“ Ihnen überlässt er die Antwort, denn sie sind mit dem älteren Bruder gemeint als diejenigen, die treu zu den Geboten Gottes stehen.


Schön, jetzt sehen wir die Geschichte in einem neuen Licht. Und führt uns das weiter? Vielleicht. Denn wir finden uns nicht nur im jüngeren, reuigen Bruder wieder, sondern auch im älteren. Ich kann mich noch gut erinnern, dass jemand vor langer Zeit sagte: „Die Evangelischen können nach einer Scheidung wieder heiraten. Für uns Katholiken ist das eine Todsünde. Und ‚die‘ sollen auch in den Himmel kommen? ‚Denen‘ gönne ich den Himmel nicht!“ Vor ein paar Wochen wurde die Petition „#OutInChurch – für eine Kirche ohne Angst“ an die Deutsche Bischofskonferenz übergeben. Nach dem geltenden kirchlichen Arbeitsrecht können kirchliche Mitarbeiter*innen entlassen werden, wenn sie nicht der kirchlichen Norm entsprechen: Homosexuelle, geschieden Wiederverheiratete und und und. Wie stehen wir dazu? Wie der barmherzige Vater oder wie der gesetzestreue Sohn? Nehmen wir sie – endlich – mit offenen Armen auf? Den „Frommen“ passt nicht, dass wir ihnen entgegengehen, sie wittern Verrat am wahren Glauben. Der russisch-orthodoxe Moskauer Patriarch Kyrill I. rechtfertigt den Überfall Putins auf die Ukraine u.a. damit, dass es ein metaphysischer, ein religiöser Kampf gegen die im Westen um sich greifende Homosexuellenfreundlichkeit ist, gegen eine Sünde, die es auszurotten gilt.


Nun, vielleicht ermutigt uns dieses Gleichnis zu einer Umkehr. Als junger Theologiestudent bin ich einer alten Frau begegnet, die mindestens 150 % katholisch war und sich deshalb über all die anderen erhaben gefühlt hat, die nicht so „streng katholisch“ waren. Und die deshalb sicher war, in den Himmel zu kommen. Ein paar Wochen vor ihrem Tod hat sie mich mit ein paar Worten ganz anderer Art überrascht: „Ja, wir haben uns immer als etwas Besseres gefühlt. Da war einer, der ist nie in die Kirche gegangen. Aber er war allen Menschen gegenüber freundlich und hilfsbereit. Vielleicht hat der vom Glauben mehr verstanden als wir.“

 

Magnus Lux

 

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