Sonntagsbrief zum 33. Sonntag im Jahreskreis, 15.November 2020

13. November 2020 von Sigrid Grabmeier

Vergraben und vertan

Symbolbild Foto S.Grabmeier

Denn die Welt Gottes solltet ihr auch mit der Geschichte von einem Mann vergleichen, der im Aufbruch zu einer Reise seine Sklaven rief und ihnen sein Vermögen zur Verwaltung übergab. Dem einen gab er fünf Talente, dem nächsten zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Tüchtigkeit. Dann reiste er ab. Sofort ging der mit den fünf Talenten los, machte mit ihnen Geschäfte und erwirtschaftete weitere fünf dazu. Ebenso erwirtschaftete der mit den zwei Talenten weitere zwei. Der mit dem einen Talent ging los, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Besitzers.

 

Nach langer Zeit kommt der Besitzer dieser Sklaven und rechnet mit ihnen ab. Der mit den fünf Talenten trat herzu und brachte weitere fünf mit den Worten: „Herr, du hast mir fünf Talente übergeben, hier sind die weiteren fünf, die ich erwirtschaftet habe.“ Sein Besitzer sprach zu ihm: „Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe. Du bist eine Freude für deinen Besitzer.“ Der mit den zwei Talenten trat herzu mit den Worten: „Hier sind die weiteren zwei, die ich erwirtschaftet habe.“ Sein Besitzer sprach zu ihm: „Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe. Du bist eine Freude für deinen Besitzer.“

 

Auch der mit dem einen Talent trat herzu und sprach: „Herr, ich wusste, dass du ein harter Mensch bist, der erntet, wo er nicht gesät hat, und einsammelt, was er nicht ausgeteilt hat. Ich bin aus Furcht vor dir losgegangen und habe dein Talent in der Erde versteckt. Hier hast du dein Geld zurück.“ Der Besitzer antwortete ihm: „Du böser und fauler Sklave, du wusstest also, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, was ich nicht ausgeteilt habe? Du hättest also mein Geld zur Bank bringen sollen. Dann könnte ich jetzt mein Eigentum mit Zinsen zurückbekommen. Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem mit den zehn Talenten. Die schon etwas haben, denen wird mehr gegeben, sogar bis zum Überfluss. Die nichts haben, denen wird das Wenige, das sie haben, noch weggenommen. Werft diesen nutzlosen Sklaven in den finstersten Kerker. Dort wird er schreien und vor Todesangst mit den Zähnen knirschen.“

Mt25,14-30  Bibel in gerechter Sprache 

 

Vergraben und vertan

Ich stand diesem Gleichnis immer schon etwas skeptisch gegenüber, denn auch wenn es bei Lukas ähnlich erzählt wird, so ganz authentisch scheint es mir nicht zu sein. Dieser strafende Herr hat mit dem väterlichen Gott, wie Jesus ihn sonst zeichnet, wenig gemein. - Die politischen und historischen Hintergründe hat Peter Hundertmark in einem Aufsatz „Das Gleichnis von den Talenten“ sehr einleuchtend dargelegt. In dieser Richtung werde ich mich also nicht mit dieser Stelle befassen. 

 

Die Schlüsselworte des heutigen Evangeliums waren diesmal für mich: „in der Erde versteckt.“ - Diese Situation konnte ich mir sehr gut vorstellen. Dem in der Erde Verstecken haben wir heute viele archäologische Funde zu verdanken. Gerade in Notzeiten und Kriegen haben Menschen aller Epochen Geld, Schmuck, Schriftstücke und was ihnen sonst wichtig war in Erdlöchern, Höhlen oder eigens ausgeschaufelten Verstecken in Sicherheit gebracht. Das Motiv jedoch, weshalb der dritte Knecht das ihm anvertraute Talent vergrub, scheint mir verglichen mit dem vorher genannten eher seltsam. „Dürfen habe ich mich nicht getraut.“ würde man bei uns sagen. Es ist eine Verhaltensweise, die wir kennen und vielleicht als „unter den Teppich kehren“ oder „den Mantel des Schweigens über etwas decken“ oder „in der Versenkung verschwinden lassen“ bezeichnen würden. - Natürlich besteht dabei immer die Hoffnung, dass damit das Problem „vom Tisch“ ist. - Doch das ist es in der Regel nicht so. 

 

Auch unsere Kirche hat ein reiches Repertoire an Techniken des Verschwinden Lassens, des Vertuschens und der Verdrängung entwickelt, wenn es um Themen ging und geht, die dem Ansehen und der eignen Vorstellung von Heiligkeit hätten schaden können. Gerade sexuelle Gewalt durch Priester wurde Jahrzehnte lang tabuisiert, den Tätern mehr Schutz gewährt als den Opfern. Oder es sind Themen, die die sorgsam gehüteten Machtstrukturen ins Wanken bringen könnten, man denke nur an das Diskussionsverbot zur Frauenordination durch Johannes Paul II.. Aus den Augen aus dem Sinn.

 

Ganz in dieser kirchlichen Tradition sehe ich das Verhalten von Kardinal Woelki und seiner Berater. Er möchte das Gutachten der Münchener Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu Sexueller Gewalt im Erzbistum Köln in der Versenkung verschwinden lassen. Die Gründe sind ungefähr so stichhaltig wie die des dritten Knechtes, ja es ist eigentlich die gleiche Haltung: Die Aufgabe, sich mit der harten Realität, die das Gutachten vermittelte, auseinanderzusetzen, schien zu groß. Lieber hoffen, dass es eine weniger schlimme Lösung gäbe.

 

Aufgaben, Vermögen, Talente, Chancen: sie haben immer zwei Enden. Das totale Gelingen und das totale Scheitern sind nur die beiden Pole, zwischen denen sich das ganze Feld aufspannt. Das totale Scheitern aber wird am schnellsten so erreicht: indem die Aufgabe nicht angegangen, die Chance gar nicht erst genutzt wird.

 

Auch in Aachen wurde die Bistumsleitung mit der Aufgabe der Aufarbeitung konfrontiert. Dort wurde das Gutachten der gleichen Kanzlei aus München jedoch nicht vergraben. Trotz aller Härten gegenüber Personen, die früher in der Bistumsleitung waren, stellte man sich den Ergebnissen in der Öffentlichkeit. Bischof Dieser  begreift das so: "Mit dieser Aufklärungsarbeit haben wir die Chance, besser zu verstehen, wo die Verantwortlichkeiten lagen, damit Täter hätten gestoppt werden können und warum gerade das nicht geschehen ist". 

 

Hier haben Menschen die Entscheidung getroffen, nicht nur im Verborgenen aus Fehlern zu lernen, sondern zugleich auch offen mit den Fehlern umzugehen, dazu zu stehen und um Vergebung zu bitten. Der Lohn dafür wird ein doppelter sein: Glaubwürdigkeit und die Möglichkeit einer Verbesserung der Prozesse und der Verhaltensweisen, um diese Fehler in Zukunft nicht mehr zu machen.

 

Wir sollten jedoch auf uns selbst auch schauen, nicht nur auf die Fehler, die in unserer Kirche gemacht werden, von Menschen, die auch nur Menschen sind. Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir gefragt sind, aber unter unseren Möglichkeiten bleiben. - Ja, immer geht es nicht, aber immer öfter.

 

Sigrid Grabmeier

 

 

 

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