Sonntagsbrief zum 33. Sonntag im Jahreskreis, 14. November 2021

12. November 2021 von Tobias Grimbacher

Spätherbst – oder Frühling?

Feigenzweig © Tobias Grimbacher

 

Jesus sagte: In den Tagen nach jener Qual wird sich die Sonne verfinstern und der Mond nicht mehr scheinen, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte im Himmel werden erschüttert werden. Dann werden sie die himmlische Menschengestalt inmitten der Wolken kommen sehen mit viel Vollmacht und Glanz. Dann wird Gott die Engel aussenden und die Erwählten aus allen vier Himmelsrichtungen vom Anfang der Erde bis zum Ende des Himmels versammeln.

 

Vom Feigenbaum lernt das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon junge Triebe zeigt und die Blätter wachsen, werdet ihr erkennen, dass der Sommer nahe ist. So werdet ihr, wenn ihr dies geschehen seht, auch erkennen, dass Gott nahe vor der Tür steht. Ja, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vorüber sein, bis dies alles geschieht.

 

Himmel und Erde werden zerbersten, aber meine Worte werden für immer Bestand haben. Niemand außer Gott kennt jenen Tag oder jene Stunde, auch nicht die Engel im Himmel oder Gottes Kind. 

Mk 13, 24-32,  Bibel in gerechter Sprache

 

Spätherbst – oder Frühling?

Vom Feigenbaum lernen? Mich erinnert das Gleichnis aus dem heutigen Evangelium ein bisschen an meine Kirche. Der Synodale Wege in Deutschland und der synodale Prozess, zu dem Papst Franziskus das Gottesvolk aufruft, sind für mich wie junge Triebe und Blätter einer Belebung in einer annähernd apokalyptischen Krisensituation. 

 

Ich weiss, viele Leserinnen und Leser dieses Briefes habe schon die Zeit des Aufbruchs nach dem Konzil miterlebt, die Würzburger Synode in den 1970ern und seither zahllose Reformanläufe und Proteste. Viele glauben mit guten Gründen nicht mehr an einen Frühling dieser Kirche. Viele wissen, dass die aktuellen synodalen Bewegungen die letzte Chance sind für eine zeitgemässe Weiterentwicklung - ein Aggiornamento - unserer Kirche im Herbst ihres zweitausendjährigen Bestehens. Und viele mussten – wieder im Bild gesprochen – auch schon erleben, dass trotz junger Triebe und herrlicher Blüten ein später Frost die ganze Ernte kaputt machen kann. Dennoch möchte ich mit Jesus lernen und erkennen, dass der Sommer nahe – der Frühling da – ist.

 

Dabei hält das heutige Evangelium noch eine wichtige Pointe bereit. Himmel und Erde, menschliche Institutionen und sogar von den Aposteln eingesetzte Ämter werde zerbersten. Aber Jesu Worte haben Bestand: die Worte der Zuneigung, des Zuspruchs und der Zuwendung, die Menschen einander sagen, mit denen Menschen einander ermutigen und sich gegen Unrecht und Unmenschlichkeit auflehnen. Diese Botschaft und dieser Auftrag an das Gottesvolk bleiben, auch wenn unsere Kirche – und die anderen institutionalisierten Kirchen – vergehen. 

 

Niemand kennt den Tag noch die Stunde, an der die Kirche so wird, wie sie schon immer hätte sein sollen und wie sie wirklich aufblühen kann. Aber so lange es junge Triebe und Blätter gibt, möchte ich erkennen, dass Jesu Geistkraft noch am Werk ist, dass Gott nahe vor der Tür steht, und es an uns ist, Jesu Worte in unsere Taten zu übersetzen – jetzt im November, bald schon im Advent, und erst recht im Winter und im nächsten Frühling unserer Kirche.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Herbstsonntag

Tobias Grimbacher

 

Foto: Feigenzweig (Tobias Grimbacher, 2013)

 

 

 

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