Sonntagsbrief zum 32. Sonntag im Jahreskreis, 8.November 2020

6. November 2020 von Magnus Lux

Jetzt ist die Zeit!

Astronomische Uhr St. Marien Rostock Foto S.Grabmeier

 

 

Dann wird die Welt Gottes mit der Wirklichkeit in der folgenden Geschichteüber zehn junge Frauen verglichen werden: Sie nahmen ihre Fackeln und gingen hinaus, um dem Bräutigam zu begegnen. Fünf von ihnen waren naiv und fünf schlau. Denn die naiven nahmen ihre Fackeln, aber kein Öl mit sich. Die schlauen jedoch nahmen Öl in den Gefäßen mit ihren Fackeln mit. Als der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht ertönte Geschrei: ´Da ist der Bräutigam. Geht hinaus, um ihm zu begegnen.` Da wachten diese jungen Frauen alle auf und machten ihre Fackeln zurecht. Die naiven sagten zu den schlauen: ›Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Fackeln verlöschen.‹ Die schlauen antworteten: ´Dann wird es bestimmt nicht für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft welches für euch.` Während sie weggingen, um einzukaufen, kam der Bräutigam, und die fertig vorbereiteten gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier, und die Tür wurde geschlossen. Später kamen die übrigen jungen Frauen und sagten: ´Herr, Herr, öffne uns.` Er aber sagte: ´Das sage ich euch: Ich kenne euch nicht.` Seid wach, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde! 

Mt25,1-13 Bibel in gerechter Sprache 

 

Jetzt ist die Zeit!

Mit Verlaub: Das ist schon eine komische „Frohe“ Botschaft. Erst kommt der Bräutigam nicht bei, und als er endlich mitten in Nacht kommt, geben die sogenannten schlauen Mädchen nichts von ihrem Öl ab – wie eigensüchtig und unbarmherzig. Und als dann die naiven endlich vom Einkaufen zurückkommen, sind die Türen schon verschlossen und auf ihre Bitten, sie einzulassen, bekommen sie ein überhebliches „Ich kenne euch nicht!“ zur Antwort. Wie sieht’s denn da aus mit der immer gepredigten Nächstenliebe? Wie sieht’s denn da aus mit der Botschaft, dass Gott sich wie der barmherzige Vater auch dem Verlorenen zuwendet?



Na da schauen wir uns den Text mal näher an. Wenn wir ihn schon auf Anhieb nicht so recht verstehen und nachvollziehen können, dann versuchen wir’s doch mit der Frage, was denn der Kern der Botschaft sein könnte. Die schlauen Mädchen sagen: Nehmen wir lieber noch etwas Öl als Vorrat mit, man weiß ja nie. Die naiven denken: Es wird schon gutgehen. Und so zieht sich die Geschichte hin bis zum Schlusssatz: „Seid wachsam, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde.“



Wenn wir diese Geschichte in unsere Zeit, ganz konkret in unsere Kirche im Jahre 2020 übertragen, dann stellt sich uns die Frage: Wer sind die Schlauen – wer sind die Naiven? Na die Schlauen sind doch wohl die, die die ewigen Wahrheiten, die Offenbarung und die Tradition treu bewahren, die Glaubenstreuen unter den Bischöfen wie unter den Laien, die die Dogmatik und das Kirchenrecht auf ihrer Seite wissen usw. usw. Und damit ist auch klar, wer die Naiven sind, nämlich die, die alles in Frage stellen, die haben doch nichts in der Hand, wenn’s drauf ankommt, kein „Glaubensgut“. 



Das ist die eine Lesart. Müssen wir aber nicht vielmehr fragen: Was haben denn die selbsternannten „Glaubenstreuen“ wirklich in der Hand? Eine „Wahrheit“, die sie sich selbst zurechtgelegt haben, indem sie die befreiende Botschaft vom Reich Gottes, das liebende Werben des Mannes aus Nazaret, das Richtige zu tun, in Gesetze eingezwängt haben? Eine „Offenbarung“, die sie als ihren Besitz verwalten, ohne danach zu fragen, wie die Menschen sie heute verstehen und leben können? Eine „Tradition“, die sie erfunden haben, um ihre Männer-Macht über den Glaubenssinn der Glaubenden zu stellen und die sie nun als „gottgewollt“ verkaufen?



Wer nur krampfhaft festhält, was sich im Lauf der Geschichte der Kirche als Ausdruck des Glaubens dargestellt hat, verfällt einem Für-wahr-halte-Glauben. Und was ist, wenn der abgebrannt ist wie die Fackeln der naiven Mädchen? Was wirklich trägt, ist eine Tradition, die das Feuer hütet, nicht die Asche bewahrt; was wirklich trägt, ist ein Rückgriff auf die Botschaft des Mannes aus Nazaret ohne die dogmatischen Verkrustungen der Jahrhunderte; was wirklich trägt, ist der Glaube als Ur-Vertrauen, dass Gott auf unserer Seite steht und dass wir in seinem Geist für das Hier und Heute handeln. Jetzt ist die Zeit!



Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde. 

Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde.Heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt.

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du gewusst, was hast du Gescheites gelernt?
Seine Frage wird lauten: Was hast du bedacht, wem hast du genützt um meinetwillen?

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du beherrscht, was hast du dir unterworfen?
Seine Frage wird lauten: Wem hast du gedient, wen hast du umarmt, um meinetwillen?

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du gesagt? Was hast du alles versprochen?
Seine Frage wird lauten: Was hast du getan, wen hast du geliebt um meinetwillen?

Magnus Lux

 

 

 

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