Sonntagsbrief zum 31. Sonntag im Jahreskreis, 31. Oktober 2021

29. Oktober 2021 von Eva-Maria Kiklas

Gottesdienst ist Menschendienst

Feier solidarischen Lebens - Konziliare Versammlung Frankfurt 2012 Foto Vera Rüttimann

Jesus sah die Volksmenge an und stieg auf den Berg. Als er sich hingesetzt hatte, kamen seine Jüngerinnen und Jünger zu ihm. Und er begann feierlich zu reden und lehrte sie: „Selig sind die Armen, denen sogar das Gottvertrauen genommen wurde, denn ihnen gehört Gottes Welt. Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben. Selig sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. Selig sind die, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen. Selig sind die, die für den Frieden arbeiten, denn sie werden Töchter und Söhne Gottes heißen. Selig sind die, die verfolgt werden, weil sie die Gerechtigkeit lieben, denn ihnen gehört Gottes Welt. Selig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen beschimpfen, verfolgen und böse Lügenüber euch verbreiten. Freut euch und singt laut, weil euer Lohn bei Gott großist. Die Prophetinnen und Propheten vor euch sind genauso verfolgt worden. 

Mt 5,1-12 Bibel in gerechter Sprache

 

Gottesdienst ist Menschendienst

 

Die Coronapandemie wird nicht nur in Wirtschaft und Gesellschaft Spuren hinterlassen. Auch die Kirchen werden die Folgen schmerzlich zu spüren bekommen. Obwohl die Plätze in den Kirchen deutlich reduziert wurden, sind auch diese nicht mehr alle besetzt. Viele haben sich daran gewöhnt, den „Gottes“-dienst am Fernsehgerät mitzu-„feiern“: die Predigten sind besser, die Gestaltung des Gottesdienstes – besonders in der evangelischen Kirche – sehr ansprechend; man vermißt den sonntäglichen  Gottesdienst in der Gemeinde nicht mehr. Ist es das, was Jesus mit der Forderung: „Tut dies zu meinem Andenken“ gemeint hat? Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, sich als Kirche dieser Frage zu stellen. Was bedeutet uns als Katholik*innen die Sonntagsmesse, das Meß- „opfer“ , wie es oft noch genannt wird?  Die Kirche nennt die Eucharistiefeier das Herzstück des katholischen Gemeindelebens. Aber nur noch 10% der getauften Christ*innen sieht das auch so. Und für diese ist oft dieser Gottesdienst der einzige Vollzug ihres Christseins. Genügt das als Nachfolge Jesu, als Gestaltung des „Reiches Gottes“ auf Erden? Der Text bei Matthäus weist einen ganz anderen Weg: Selig, also beseelt und angetrieben vom Geist Jesu, sind die Menschen, die anderen Menschen und der Gesellschaft dienen, die sich bemühen um Frieden und Gerechtigkeit, die sich um Menschen kümmern, die ausgegrenzt, traurig und verzweifelt sind, die „reinen Herzens“ nicht den eigenen Vorteil suchen, sondern ihre Güte und Barmherzigkeit verschwenden. Dasselbe meint Jesus,wenn er in den Gerichtsreden den Menschendienst zum Kriterium für seine Nachfolge macht (Mt. 25,33f) mit der Schlußfolgerung: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dom Helder Camara sagt zu einem Priester: „Du hast die neue Zeit verstanden. Du weißt, dass das Evangelium heute mehr als zuvor mit Taten verkündigt werden muß, ehe es mit Worten gepredigt wird.“

 

Vielleicht soll uns die derzeitige Krise der Kirche darauf hinweisen, dass Gottesdienst der Dienst am Nächsten ist; dass es eben nicht genügt, Christsein am Besuch der  Sonntagsmesse allein festzumachen. Ich denke da auch an viele Eltern, die traurig sind, dass ihre Kinder und Enkel nicht zum Sonntagsgottesdienst zu bewegen sind. Aber gibt es nicht viele, gerade auch junge Menschen, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Toleranz, für die Bewahrung der Schöpfung, für Flüchtlinge und in sozialen Bereichen einsetzen? Sind vielleicht gerade sie diejenigen, die Jesus „selig“ nennt? Sie haben vielleicht andere Rituale wie die der Kirchen, die für sie Kraftquellen sind. Diese Stärkungen in Gemeinschaften oder einer Spiritualität sind schon notwendig. Der sonntägliche Gottesdienst könnte auch dazu dienen, wenn er die Gemeinde nicht nur zum Zuhören und Mitsingen zuläßt, sondern Beziehungen ermöglicht und zum Mittun und Mitgestalten einlädt. In meiner Gemeinde hielt am vergangenen Sonntag ein junge Frau die Predigt, die von ihrem Glaubensweg sprach, so herzerfrischend und lebendig, dass sie zum Schluß Beifall erhielt, auch vom vorstehenden Pater. Mehrere sprachen sie am Schluß des Gottesdienstes an. 

 

„Gott will nichts als Beziehung feiern“ ,sagt Alfred Delp. Wenn unsere Gottesdienste " Beziehungsfeiern" würden, aus denen wir gestärkt und ermutigt für unseren Dienst an den Menschen in unseren Alltag gehen, dann wären wir vielleicht der Sauerteig, der unsere Welt lebbarer macht.

 

Einen schönen Feiertag Ihnen allen!

Eva- Maria Kiklas

Bild: Feier solidarischen Lebens zum Abschluss der Konziliaren Versammlung in Frankfurt 2012

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