Sonntagsbrief zum 31. Sonntag im Jahreskreis, 31. Oktober 2021 (Kopie)

30. Oktober 2021 von Georg Mollberg

... und deinen Nächsten gleichermaßen

Gerhard Mester Karikatur, Nehmt und esst alle!

Liebe Leserinnen und Leser, beim Verschicken der Sonntagsbriefe kam es zu einer Verwechslung der Reihenfolge. Der eigentliche Brief für den 31. Sonntag von Georg Mollberg ist der, der heute verschickt wird. Der Brief von Eva Maria Kiklas zu den Seligpreisungen hingegen war für den 1. November, Allerheiligen, vorgesehen. Wir bitten dieses Versehen zu entschuldigen.

 

Einer von den toragelehrten Frauen und Männern trat hinzu. Er hatte gehört, wie sie diskutierten, und hatte bemerkt, dass Jesus Fragen gut beantwortete. Er fragte ihn: „Welches ist das wichtigste aller Gebote?“ Jesus antwortete: „Das wichtigste ist: Höre, Israel! Gott ist für uns Gott, einzig und allein Gott ist Gott. So liebe denn Gott, Gottheit für dich, mit Herz und Verstand, mit jedem Atemzug, mit aller Kraft. Das zweitwichtigste Gebot lautet: Liebe deine Nächste und deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst. Kein anderes Gebot ist größer als diese zwei.“ Da sprach der Toragelehrte zu ihm: „Gut, Lehrer, der Wahrheit entsprechend hast du gesagt: Gott ist einzig, und es gibt keine andere Gottheit neben ihr. Gott von ganzem Herzen, mit all unserem Verstand und all unserer Kraft zu lieben und meine Nächsten zu lieben, wie ich mich selbst liebe – das ist weit wichtiger als alle Gaben zum Verbrennen und Schlachten.“ Als Jesus sah, dass er mit Verstand geantwortet hatte, sagte er zu ihm: „Du bist nicht weit entfernt von Gottes Reich.“ Da wagte niemand, Jesus noch etwas zu fragen.

Mk 12, 28b-34 Bibel in gerechter Sprache

 

... und deinen Nächsten gleichermaßen 

 

Manche sagen, er lebe! 

 

Was geschieht mit uns nach dem Tod? Jesus hatte sich mit Sadduzäern deshalb  auseinandergesetzt und sie auf das Mosebuch verwiesen: Gott sei kein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Einer fühlte sich provoziert: Was für ihn denn das Hauptgebot sei! Jesus antwortet wie erwartet: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft und liebe deinen Nächsten, so wie dich selbst! Kein anderes Gebot ist größer. Der  Schriftgelehrte bessert nach: Gott zu lieben mit allem was man sei, ist mehr wert als alle Brandopfer und  anderen Opfer. Daraufhin versichert ihm Jesus, er sei nicht weit entfernt vom Reich Gottes. 

 

Mit ganzem Herzen Gott lieben! Geht das und wie konkret? Jemanden lieben, den ich nicht umarmen kann, der sich  nie sehen lässt? Jemanden lieben, der unvorstellbar Grausames zulässt, was Menschen andern antun können, wer kann das? Die Frage verstummt nicht: Wo war dieser Gott, als Millionen Mitglieder seines Volkes in den Konzentrationslagern verreckten und durch Kamine als Rauch zum Himmel aufstiegen? Wer ist dieser ferne Gott, der „seine“ Kirchendiener sich an den Schwächsten vergehen lässt, trotz Jesu Verteidigung  der Kleinsten: Lasset die Kinder zu mir kommen!?  Ist er der, der die Gewissen der „Oberhirten“ so  schwächt, dass ihnen Vertuschen von Missbrauch als Rettung kirchlicher Moralvorstellungen gerade Recht kommt? Sollte tatsächlich wahr sein, Religion sei nur Opium für das Volk? 

 

Manche aber sagen, Jesus lebe!

 

Auf dem Weg nach Jericho wird einer überfallen und ausgeraubt. Ein Samariter, von Juden verachtet, hilft dem Geschlagenen auf und sieht zu, dass er erstversorgt wird. Der kritische Gesetzeslehrer versteht Jesu Beispiel zur Nächstenliebe auf Anhieb. Wer den  alttestamentlichen Satz „Du sollst Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und deinen Nächsten gleichermaßen“, ernsthaft lebt, der Ersthelfer bei Jericho überlegte  nicht lange, der hat alles getan, was in seinen Möglichkeiten steht. 

 

Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Die Evangelisten stoßen uns mit der Nase drauf : Barmherzigkeit und Liebestaten, Werke also, sind wichtiger, als sich an religiöse Gesetze zu halten und von Priesteraltären uralte Texte herunterzubeten. Im Sklavendienst des Füßewaschens macht uns Jesus beim letzten gemeinsamen Mahl unmissverständlich klar, dass tätige Nächstenliebe seine  Gottes - und Menschenliebesbotschaft  erfüllen kann. 

Wir dürfen folgern:
Hätten  die Jünger*innen den „Sklavendienst“ an den Armen und Hilfsbedürftigen, wie der Herr es ihnen vorgelebt hatte, in den Vordergrund gestellt, statt am „Altar“ zu demonstrieren, wer das Sagen hat, wer Priester und wer Laie zu sein hat, dann gäbe es das fortwährend Machtstrukturen hervorbringende hierarchische System  „Kirche“ nicht, sondern Glaube, Hoffnung und Liebe wären das Leben spendende Elixier der Jesusnachfolger. Wir sind getauft, also gehören wir als Laien zum „priesterlichen Volk“, denn die Taufe ist wichtiger als die Weihe. Würden die Monarchen, die sich als Nachfolger der Apostel wähnen,  das begreifen,  könnte  sich Jesu Wort augenblicklich bewahrheiten, die Kirche wäre nicht weit entfernt vom Gottesreich. 

 

Zu tun, was mir  möglich ist, setzt  meine Gottesliebe um in Menschenliebe. Das befreit mich von dem Zwang, auch noch Dinge tun zu müssen, die nicht in meiner Macht stehen. Was daraus wird, ist allein Gottes Sache! 

 

G. Mollberg

Bild: Karikatur von Gerhard Mester, "Nehmt und esst alle!"

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