Sonntagsbrief zum 3. Sonntag in der Fastenzeit, 15. März 2020

13. März 2020 von Sigrid Grabmeier

Geisteskraft und Wahrheit

Samaritaner auf dem Garizim

Er musste durch Samaria wandern. Er kam also in ein Dorf in Samaria, das Sychar heißt, in der Nähe von dem Grundstück, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Dort war die Quelle Jakobs. Jesus war von der Wanderung müde und setzte sich deshalb an die Quelle. Es war ungefähr zwölf Uhr mittags. Da kam eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte ihr: „Gib mir zu trinken!“ Seine Jüngerinnen und Jünger waren nämlich weggegangen in das Dorf, um Essen einzukaufen. Die Frau aus Samaria nun sagte ihm: „Wie kannst du als Jude von mir zu trinken erbitten, wo ich doch eine samaritanische Frau bin?“ – Jüdische und samaritanische Menschen haben nämlich keine Gemeinschaft miteinander. – Jesus antwortete und sagte ihr: „Wenn du das Geschenk Gottes kennen würdest und wer es ist, der dir sagt: ´Gib mir zu trinken!` – dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Die Frau sagte ihm: „Rabbi, du hast keinen Schöpfeimer und der Brunnen ist tief. Woher also hast du das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab und selbst aus ihm trank und auch seine Kinder und seine Herden?“ Jesus antwortete ihr und sagte: „Alle, die von diesem Wasser trinken, werden wieder durstig werden. Alle dagegen, die von dem Wasser trinken, das ich ihnen gebe, werden bis in Ewigkeit nicht mehr durstig sein, sondern das Wasser, das ich ihnen geben werde, wird in ihnen zu einer Quelle sprudelnden Wassers für das ewige Leben werden.“ Die Frau sagte zu ihm: „Rabbi, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr durstig werde und nicht zum Schöpfen hierher kommen muss!“ Er sagte zu ihr: „Geh, rufe deinen Mann und komm hierher!“ Die Frau antwortete und sagte ihm: „Ich habe keinen Mann.“ Jesus sagte zu ihr: „Du hast ganz richtig gesagt: ´Ich habe keinen Mann.` Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du die Wahrheit gesagt.“ Die Frau sagte ihm: „Rabbi, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Eltern haben auf diesem Berg ihre Gebete verrichtet; ihr aber sagt, dass in Jerusalem gebetet werden muss.“ Jesus sagt ihr: „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem Gott anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn die Erlösung kommt durch das Judentum. Aber es kommt die Zeit – und ist schon jetzt da –, wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geistkraft und Wahrheit anbeten werden. Denn Gott wünscht sich ja Menschen, die so beten. Gott ist Geistkraft, und die Gott anbeten, müssen sie in Geistkraft und Wahrheit anbeten.“ Die Frau sagte ihm: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christos oder der Gesalbte genannt wird. Wenn jener kommt, wird er uns alles verkünden.“ Jesus sagte ihr: „Ich bin es, der mit dir redet.“

Inzwischen kamen seine Jüngerinnen und Jünger und wunderten sich, dass er mit einer fremden Frau redete. Allerdings sagte niemand: „Was willst du?“ oder: „Was redest du mit ihr?“ Die Frau ließ ihren Wasserkrug stehen und ging weg in das Dorf und sagte zu den Leuten: „Kommt! Seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob dieser nicht der Messias ist!“ Sie gingen aus dem Dorf hinaus und kamen zu ihm. In der Zwischenzeit baten ihn seine Jüngerinnen und Jünger und sagten: „Rabbi, iss!“ Er aber sagte ihnen: „Ich habe Nahrung zu essen, die ihr nicht kennt.“ Da sagten die Jüngerinnen und Jünger zueinander: „Es hat ihm doch niemand etwas zu essen gebracht?“ Jesus sagte ihnen: „Meine Nahrung ist es, den Willen Gottes zu tun. Gott hat mich gesandt, um sein Werk zu vollenden. Sagt ihr nicht: ´Noch vier Monate dauert es, dann kommt die Ernte` ? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und seht die Felder: Sie sind weiß zur Ernte. Schon bekommen diejenigen, die ernten, Lohn und bringen Frucht ein für das ewige Leben, damit sich die Säenden gemeinsam mit den Erntenden freuen. Darin nämlich ist der Spruch wahr: ´Die einen säen und die anderen ernten.` Ich habe euch ausgesandt, zu ernten, wofür ihr nicht gearbeitet habt. Andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit eingetreten.“ Viele aus dem samaritanischen Dorf glaubten an ihn wegen des Wortes der Frau, die bezeugte: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.“ Als die Samaritanerinnen und Samaritaner nun zu Jesus kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben: Er blieb dort zwei Tage. Und noch viel mehr glaubten an ihn wegen seines Wortes. Der Frau sagten sie: „Wir glauben nicht mehr nur wegen deiner Rede; denn ihn selbst haben wir gehört und wir wissen: Dieser ist wirklich der Erlöser der Welt.“ Nach zwei Tagen ging er von dort weg nach Galiläa.

 Joh 4, 4-42 Bibel in gerechter Sprache

 

Geistkraft und Wahrheit!

Eine Geschichte, die ich schon als Jugendliche toll fand. Dieser Jesus. Was der alles weiß. Dass die Frau es mit der ehelichen Treue nicht so genau nimmt. Was er ihr alles auf den Kopf zusagt. Und dann diese kühne Behauptung, er habe das Wasser, das nie mehr durstig werden lässt. Mir war nicht klar, dass Jesus, allein aus der Tatsache, dass die Frau um die Mittagszeit an den Brunnen kam, schließen konnte, dass sie einen ungeordneten, von der Gemeinschaft nicht akzeptierten Lebenswandel pflegte und damit eine mehr oder weniger Ausgestoßene war. Dass sie in dieser Gemeinschaft nicht ernst genommen wurde wird ja auch im letzten Satz noch einmal deutlich. Und was die Tragweite des Wassers des ewigen Lebens bedeuten sollte konnte ich noch viel weniger ermessen. 

 Die Aussage Jesu: „Aber es kommt die Zeit – und ist schon jetzt da –, wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geistkraft und Wahrheit anbeten werden.“ konnte ich schon gar nicht einordnen. Ich blieb also an der Oberfläche hängen. Aber wie gesagt, ich fand die Stelle toll und es war so richtig eine zum Dranbleiben, zum Reinwachsen.

Geistkraft und Wahrheit. Schon im Kapitel vorher, im Gespräch mit Nikodemus, lässt Johannes Jesus eindringlich von der Geistkraft sprechen: „Amen, amen, ich sage dir: Alle, die nicht aus Wasser und Geistkraft geboren werden, können nicht in das Königreich Gottes hineingehen. Was aus der Materie geboren ist, ist Materie; und was aus der Geistkraft geboren ist, ist Geistkraft.“ - Was ist diese Geistkraft? - Johannes schreibt sein Evangelium als letzter, er hat am meisten Abstand gewonnen, zum unmittelbaren Geschehen im Leben Jesu und er sieht es nicht nur durch die Osterbrille, er sieht es auch durch die Pfingstbrille, die den Blick weitet über das jüdische Volk hinaus.

Er sieht, dass Jesus durch den Tod nicht vernichtet wurde und sein Leben, seine Liebe, seine Hingabe stärker sind als Kreuz und Grab. Und er hat die Erfahrung gemacht, dass Verzagtheit zu Stärke und Mutlosigkeit zu Entschlossenheit werden, wenn die Botschaft Jesu, des Christus, wenn die Geistkraft Raum bekommt zu wirken. Die Geistkraft, die sich Zutritt verschafft durch verschlossene Türen und in ängstliche Seelen hinein. Die Geistkraft, die die Augen, die Sinne, das Herz öffnet dafür, Gott als tiefste Lebensquelle zu erfahren. Gott, Urgrund allen Seins. Quelle des Lebens. 

Johannes lässt Jesus weit über seine Zeit hinausblicken: „Aber es kommt die Zeit – und ist schon jetzt da – wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geistkraft und Wahrheit anbeten werden. Denn Gott wünscht sich ja Menschen, die so beten.“ Er bezieht sich damit auf die beiden Anbetungsorte, den der Juden, den Tempel in Jerusalem, und den der Samaritaner, den Berg Garizim, von dem aus Gott das Volk Israel gesegnet hatte, zwei fest verortete Heiligtümer. Beide sind eng mit der Geschichte der beiden Gruppen verbunden. Jesus, der Jude, lehnt die samaritanische Religion ab, da sie die Mischehe mit Menschen anderer Religionen erlaubte und nach jüdischer Vorstellung Kontakt zu anderen Göttern hatte. Aber auch den Tempel und damit auch die Religionsausübung dort wertet er ab. Er setzt dem die Anbetung in „Geistkraft und Wahrheit“ entgegen. Ein Kirchenlied beschreibt für mich das, was damit gemeint sein kann. 

Gerne können Sie beim Lesen „Herr“ durch „Gott“ ersetzen.

 

1. Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr,
heute und morgen zu handeln.

2. Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Liebe, Herr,
heute die Wahrheit zu leben.

3. Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Hoffnung, Herr,
heute von vorn zu beginnen.

4. Laß uns in deinem Namen, Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr,
mit dir zu Menschen zu werden.

Text und Melodie: Kurt Rommel 1964

 

Ich wünsche Ihnen einen geistkäftigen Sonntag.

Sigrid Grabmeier

Bildnachweis:

Samaritaner beten auf dem Berg Garizim 

 

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