Sonntagsbrief zum 3. Sonntag der Osterzeit, 26. April 2020

24. April 2020 von Eva-Maria Kiklas

Sie erkannten ihn nicht

Ernst Barlach - Lehrender Jesus, Peterskirche Ratzeburg,  Sigrid Grabmeier

 

Und siehe, zwei von ihnen wanderten an diesem Tag in ein Dorf, das von Jerusalem 60 Stadien entfernt war, namens Emmaus; und sie redeten miteinander über alle diese Ereignisse. Als sie miteinander redeten und nachdachten, da näherte sich Jesus selbst und ging ein Stück Weg mit ihnen. Ihre Augen aber wurden mit Kraft davon abgehalten, ihn zu erkennen. Er sprach zu ihnen: „Was sind das für Worte, die ihr unterwegs miteinander wechselt?“ Und sie blieben niedergeschlagen stehen. Derjenige, der Kleopas hieß, antwortete ihm: „Bist du der Einzige, der in Jerusalem weilt und nicht erfahren hat, was sich in diesen Tagen da ereignet hat?“ Er sagte zu ihnen: „Was?“ Sie antworteten ihm: „Das mit Jesus von Nazaret, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk; wie ihn die Hohenpriester und unsere Obrigkeit zum Todesurteil ausgeliefert haben und sie ihn gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel befreien sollte. Aber bei dem allem ist es schon der dritte Tag, seit dies geschehen ist. Aber auch einige Frauen aus unserer Mitte haben uns erschreckt. Nachdem sie früh am Morgen bei der Gruft gewesen waren und seinen Leib nicht gefunden hatten, kamen sie und sagten, sie hätten gar eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagten, dass er lebe! Einige von uns gingen hin zur Gruft und fanden es so, wie die Frauen gesagt hatten. Ihn selbst aber haben sie nicht gesehen.“ Er sprach zu ihnen: „Oh, ihr seid ja unverständig und zu schwer von Begriff, um darauf zu vertrauen, was die Prophetinnen und Propheten gesagt haben! War es nicht notwendig, dass der Gesalbte dies erlitten hat und in seinen Lichtglanz hineinging?“ Und er begann bei Mose und allen prophetischen Schriften und erklärte ihnen überall, was dort über ihn stand.

 

Und sie näherten sich dem Dorf, wohin sie unterwegs waren, und er tat so, als ob er weiterwandern wollte. Sie nötigten ihn mit den Worten: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.“ Und er ging mit, um bei ihnen zu bleiben. Als er mit ihnen zu Tische lag, nahm er das Brot, dankte; brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn. Er aber verschwand. Und sie sagten zueinander: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg mit uns sprach, und als er uns die Schriften erklärte?“ In dieser Stunde standen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück. Dort fanden sie die Elf und ihre Gefährtinnen und Gefährten versammelt. 

 

 LK.24,13-35 Bibel in gerechter Sprache

Sie erkannten ihn nicht

Wenn man die nachösterlichen Texte des Neuen Testamentes liest, fällt auf, dass  alle, die dem Auferstandenen begegnen, ihn erst einmal nicht erkennen. Das geht den Emmausjüngern so, nachdem sie mit dem Fremden viele Meilen diskutierend gelaufen sind, ebenso den Fischern am See Genezareth, bis sie mit vollen Netzen an den Strand kommen und Jesus sie zum Frühstück einlädt. Ja selbst Maria Magdalena, die ihn besser kennt als die Jünger, erkennt ihn erst einmal nicht. Erst als er mit ihnen das Brot bricht oder sie persönlich bei ihrem Namen nennt, wissen sie, dass es Jesus ist. Und das, nachdem sie drei Jahre mit im zusammen waren! Er wird erkennbar im gemeinschaftlichen Tun und in der gegenseitigen Beziehung, die auch durch seinen Tod nicht abgebrochen ist. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ ist sein Auftrag, sein Erbe und dazu seine Zusicherung: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“

  Ich glaube die Jünger haben Jesus nie ganz verstanden. Vielleicht erwarteten sie nach der Kunde von der Auferstehung, dass ihr Meister wieder leibhaftig bei ihnen ist wie früher. Dass es eine andere Wirklichkeit ist, in der sie ihn erfahren, ist für sie schwer zu verstehen. Sie erwarteten ein anderes Reich als das Reich Gottes, um das es Jesus ging. Die einen sahen in ihm den Befreier von der römischen Besatzungsmacht, andere verstanden darunter ein anderes Reich, in dem sie sich gute Posten erhofften. Nur wenige ahnten, worum es ihm wirklich ging.

  Zu denen, die Jesus nicht erkannten, gehört auch Paulus. Er hat ja Jesus nie erlebt, außer im Damaskuserlebnis. Er stilisierte Jesus als Opferlamm, dessen grausamer Tod notwendig war, um einen beleidigten Gott wieder versöhnlich zu stimmen. Ob die Opfertheologie des Paulus auch seinem dringendenWunsch entsprach, dass seine Morde an den Christen gesühnt werden müssen durch einen starken Erlöser, der die Schuld aller Menschen auf sich nahm und dafür starb?

  Welch ein Gottesbild, das sich so grundsätzlich unterscheidet von dem Bild, das Jesus von Gott verkündete! Für ihn war Gott ein Liebender, ein Vater, ein Gott der Vergebung und Versöhnung, der keine Opfergaben benötigte, sondern nur die Hingabe der Menschen an seine Liebe. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater ist das Bild, das Jesus von Gott hatte.

  Es bleibt nun die Frage: Wer ist dieser Jesus für uns heute nach der Auferstehung? Erkennen wir ihn, an welchen Zeichen? In den Gerichtsreden gibt Jesus die Antwort : „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.

  Wo und wie werden wir in diesem ungewöhnlichen Jahr unser Emmauserlebnis haben? Werden wir ihn erkennen? Die Emmausjünger baten Jesus :“Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Auch wenn er ihren Augen entschwand, ist er gegenwärtig, auch für uns in vielfältiger Weise: in denen, die im Mittelmeer Flüchtlinge retten, die ihre Gesundheit als Ärzte und Pflegepersonal aufs Spiel setzen in dieser Zeit, aber auch in denen, die unter Einsamkeit und Existenzängsten leiden und auf ein Zeichen der Verbundenheit, der Hilfe und des Trostes warten. Emmaus ist überall !

 

Der Weg

 

Irgendwo vor dir

liegt Emmaus,

das deine.

Von irgendwoher

tritt an deine Seite,

begrüßt,

begleitet dich

der geringste deiner Brüder. 

 

Georg Bydinski

 

Einen gesegneten Sonntag ! Bleiben Sie behütet !

Eva- Maria Kiklas

 

Bild: Ernst Barlach, Lehrender Christus, Kirche St. Petri Ratzeburg Foto Sigrid Grabmeier.

 

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