Sonntagsbrief zum 3. Sonntag der Osterzeit, 1. Mai 2022

30. April 2022 von Tobias Grimbacher

Neue Normalitäten

Danach erschien Jesus den Jüngerinnen und Jüngern noch einmal am See von Tiberias. Er erschien so: Simon Petrus und Thomas, der Didymos oder Zwilling genannt wird, und Natanaël aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngerinnen und Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: „Ich gehe fischen.“ Die anderen sagten zu ihm: „Wir kommen mit dir mit.“ Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, aber in jener Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, die Jüngerinnen und Jünger wussten jedoch nicht, dass es Jesus war. Da sagte Jesus zu ihnen: „Kinder, ihr habt wohl keinen Fisch?“ Sie antworteten ihm: „Nein.“ Er sagte zu ihnen: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, dann werdet ihr welchen finden.“ Sie warfen es aus und konnten es nicht mehr heraufziehen wegen der Menge der Fische. Da sagte jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: „Es ist Jesus der Lebendige.“ 

 

Johannes 21, 1-7  Bibel in gerechter Sprache

 

Neue Normalitäten

 

Das heutige Evangelium erinnert mich fatal an die Krisen unserer Zeit. Die Jünger gehen wieder Fischen, zurück in die Normalität. Aber das gewohnte Resultat bleibt aus. Es ist eine „neue Normalität“.

 

Nach mehr als zwei Jahren Coronapandemie kennen wir den Begriff „neue Normalität“ und erleben ihn immer mehr, denn inzwischen ist wieder fast alles ohne Einschränkungen machbar. Aber vieles ist nicht so wie früher – oder zumindest nicht so, wie wir es in Erinnerung hatten. Hat es früher nicht besser funktioniert? Hat es nicht viel mehr Freude gemacht? Viele Netze bleiben leer. Da wünsche ich mir einen Retter am Ufer, der uns zuruft, was wir anders machen sollen. Und ebenso die Einsicht im Boot, dass man es anders machen könnte als früher, dass man manches vielleicht gar nicht mehr macht und dafür Neues versucht. Vielleicht können wir uns damit auch wappnen für den Herbst oder die nächste Virusvariante – denn wie Corona weitergeht, wissen wir nicht, unsere Politiker nicht, unsere Epidemiologen nicht. Wir sind in Gottes Hand. 

 

Die andere, grösste Krise unserer Zeit ist der Klimakollaps. Für die Fischer an der Ostsee, in der Südsee und auf den Resten des fast ausgetrockneten Tschadsees bleiben die Netze oft ganz wörtlich leer. Es hilft auch kein Auswerfen auf der anderen Seite, denn auch dort lassen sich höchstens ein paar Plastiktüten fangen. Immer heftigere und häufigere Wetterextreme zeugen von der neuen Normalität einer wärmen Welt. Bei +1 Grad sind wir schon, 1.5 Grad sind ein Ziel, 3 Grad nicht unwahrscheinlich. Zu den Propheten, die am Ufer stehen und nicht nur rufen, gehört der Jesuit Jörg Alt, der im Winter mit den Aktivistinnen und Aktivisten der „letzten Generation“ Lebensmittel aus Müllcontainern gerettet hat und jetzt auf eine Gerichtsverhandlung wartet. Er ruft der Bundesregierung zu, das Netz auf der anderen Seite auszuwerfen: statt dem Sammeln weggeworfener Lebensmittel sollte eigentlich das Wegwerfen von Lebensmitteln strafbar sein. Einer von vielen kleinen Schritten, die Erderwärmen zu bremsen, und nebenbei vielleicht sogar den Hunger in der Welt zu reduzieren. Die Gruppe „letzte Generation“ nennt sich so, weil wir die letzte Generation sind, die den Klimakollaps noch aufhalten und die Erde als einen grösstenteils lebensfreundlichen Planeten erhalte kann. Vielleicht haben sie auch unrecht, und es ist schon zu spät. Aber ich bin mir sicher: jede und jeder, die da am Ufer stehen und zu einem veränderten Handeln aufrufen, steht da mit Jesus, dem Lebendigen.

 

Und damit zur dritte grosse Krise, dem Ukraine-Krieg. Für die Menschen in die Kriegsgebieten, zum Teil in Bombenkellern, hat der Begriff „neue Normalität“ eine schreckliche Form angenommen. Aber so sehr es uns entsetzen mag: Schändung von Zivilistinnen und Zivilisten, Plünderungen und Brandschatzung sind nicht neu, sie gehören seit jeher zum Krieg. Die Haager Konvention hatte seit ihrem Entstehen 1907 einen schweren Stand: im Zweiten Weltkrieg (z.B. bei den Verbrechen der Wehrmacht, auch in der Ukraine), im Jugoslawienkrieg (mit Srebrenica als traurigem Höhepunkt), in Guantanamo, und natürlich auch bei den russischen Angriffen auf Grosny und Aleppo. Neu sind nur die Präsenz, die Vielzahl und die Schnelligkeit der Medien, durch die wir quasi Live mit Darstellungen, Einzelschicksalen, Informationen und Propaganda versorgt werden. Es liegt an uns, nicht alles zu glauben, was wir erzählt bekommen, aber auch nicht alles für unwahr zu halten. Im Sonntagsbrief von letzter Woche hat Sigrid Grabmeier über den hohen Wert des Zweifels geschrieben. Ich vertraue besonders den Medienberichten, bei denen ich Zweifel und Wahrheitssuche noch spüre, nicht denen, die grade heraus Behauptungen präsentieren. Und besonders misstraue ich in diesem Fall den selbsternannten Propheten, die vom sicheren Ufer aus Ratschläge geben und ganz genau wissen, was getan werden muss. Im Krieg bleiben die Netze immer leer.

 

Weitsichtige Menschen am Ufer brauchen wir in jeder neuen Normalität. Menschen, die die tödlichen und todbringenden Muster der alten Normalität erkennen und aufbrechen, die Strukturen des Todes überwinden, die Fesseln von Angst und Un-Lebendigkeit lösen helfen. Menschen, die aufstehen. Und es braucht uns im Boot, die merken: Es ist Jesus der Lebendige.

 

Solche Begegnungen und Erfahrungen wünsche ich uns allen – und die daraus resultierende Fülle an Lebensmöglichkeiten.

Tobias Grimbacher

 

PS: Ich habe hier nicht über die Krise unserer Kirche gesprochen, denn die Botschaft Jesu wird unabhängig von der katholischen Kirche weiterleben. Es gibt genügend Christinnen und Christen, die am Ufer stehen und den Nachfolgern der Apostel zurufen, sie mögen die Netze auf der rechten Seite auslegen. Irgend jemand im Boot könnte dem Petrus sagt, dass dies die Stimmen des Lebendigen sind.

 

  

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