Sonntagsbrief zum 2.Sonntag im Jahreskreis, 19.Januar 2020

16. Januar 2020 von Johannes Brinkmann

Die gesamte Menschheit

Lichtkreis 

 

Der Herr sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.

Jetzt hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke.

Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Jes 49 3,5-6 Einheitsübersetzung 

 

Die gesamte Menschheit

Dieser Text ist das zweite Gottesknecht-Lied. Für Viele gelten die Gottesknecht-Lieder als messianische Texte. Falls man die Vokabel "messianisch" nur ganz eng im Sinne von "königlich" versteht, gehören die "Lieder vom Knecht Jahwes" natürlich nicht mehr zu den messianischen Texten. In ihnen begegnet zwar auch noch der ein oder andere königliche Zug, die Rolle der Heilsfigur, die der "Knecht Jahwes" darstellt, ist aber aufs große und ganze gesehen keine königliche Rolle mehr. Der "Knecht Jahwes" ist vorab Prophet und Weisheitslehrer. Wenn man "messianisch" nun aber im erweiterten und üblich gewordenen Sinn versteht, nämlich im Sinne von "heilsmittlerisch", dann fallen die Lieder vom Gottesknecht ganz selbstverständlich unter die Kategorie der messianischen Texte. Sie stellen dann sogar einen Brennpunkt der messianischen Botschaft dar.

Wer mag dieser Knecht sein? Ist er ein Einzelner? Oder ist er ein Kollektiv, wird er doch im Vers 3 „Israel" genannt? Oder ist er beides, Einzelner und Kollektiv?

Dass der Knecht der Lieder eine individuelle Gestalt ist, Israel aber ein Kollektiv, lässt sich mit der Vorstellung der „corporate personality“ erklären, das heißt, Israel wird wie in den Heilsorakeln in der Gestalt seines Erzvaters Jakob / Israel angesprochen. Gegen die kollektive Deutung spricht aber bereits, dass der Gottesknecht der Lieder außer in Jes 49,3 nirgends einen Namen hat.

„Israel“ kann man zwar nicht textkritisch eliminieren (der Name fehlt nur in einer unbedeutenden Handschrift), wohl aber literarkritisch. „Israel“ in Jes 49,3 ist also entweder als Ergänzung oder im Einklang mit dem Kontext zu verstehen. Und der spricht entscheidend gegen die Kollektivdeutung. Der Knecht der Lieder hat nach Jes 49,5f. eine Aufgabe an Jakob / Israel zu vermitteln und kann deshalb mit ihm wohl kaum identisch sein.

In Jes 49,4 zitiert der Knecht seine Klage, er habe sich vergeblich gemüht. Dieser Vers 4 fehlt leider im Text oben, er wurde einfach übersprungen: "Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem GOTT ist.“ Allerdings wird in Jes 43,22 Israel vorgehalten, es habe sich nicht für Jahwe gemüht. So kann man ihm auch nicht die Klage von Jes 49,4 in den Mund legen. – Nach Jes 53,9 hat der Knecht unschuldig gelitten, was für Israel ebenfalls nicht zutrifft, war doch das Exil Strafe für seine Sünden. Der Knecht ist also ein namenloser Einzelner und kein Kollektiv. Was aber genau ist sein Auftrag?

Der Knecht wird sicher nicht kommen und sprechen: „Ich bringe hier eine völlig unverbindliche, rein subjektive Botschaft.“ Der Knecht wird kommen und so sprechen, als gäbe es nur das Eine, nämlich sein Wort! Doch geht es dem Knecht nicht um Herrschaft oder Macht, die er für sich selbst beansprucht. Es geht dem Knecht nicht um sich selbst, sonst wäre er kein Knecht; es geht ihm allein um seine Botschaft, Und was ist seine Botschaft? GOTTES Heil soll bis an das Ende der Erde reichen! GOTT macht seinen Knecht deshalb zum Licht der Nationen! Die Botschaft bestärkt nicht irgendeine Nation, dass sie, will sie GOTT gehorchen, sagen kann: Unsere Nation zuerst! Vielmehr gilt: GOTTES Heil, durch seinen Knecht der Welt offenbart, überwindet die Grenzen der Nationen und führt die Menschheit zusammen zur Einheit in GOTT!

Und doch: In alttestamentlicher Sicht ist eine Führungsfigur auch immer Haupt und Repräsentant ihrer zugehörigen Gemeinschaft.Und was ist die zugehörige Gemeinschaft des GOTTES-knechtes? Die gesamte Menschheit!

  

Einen gesegneten Sonntag

Johannes Brinkmann / Essen

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