Sonntagsbrief zum 29. Sonntag im Jahreskreis, 18. Oktober 2020

16. Oktober 2020 von Tobias Grimbacher

Wahrhaftig den Weg Gottes gehen

Münzen und Scheine © Tobias Grimbacher

 

 

In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? 

Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denár hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

Mt 22, 15-21 Einheitsübersetzung

 

 

Wahrhaftig den Weg Gottes gehen

Vielleicht lohnt es sich zuerst, unser Geld genauer anzuschauen. Die Euro-Scheine zeigen Europa (und zwar den ganzen Kontinent, nicht nur den Gültigkeitsbereich des Geldes), dazu Brücken und Torbögen aus verschiedenen Epochen. Unser Geld will europaweit Gegensätze überbrücken. Die Schweizer Franken-Scheine zeigen unter anderem Hände in verschiedenen Positionen. Unser Geld geht von Hand zu Hand. Auf den Münzen finden wir Pflanzen, Tiere, Gebäude und Nationalsymbole – nirgends mehr den Kaiser. Unser Geld sagt uns: Wir sind keine demütigen Untertanen, denen ein Kaiser Steuern abpresst. Als souveräne Bürgerinnen und Bürger achten wir darauf, ob die von uns gewählten Parlamente unsere Steuern sorgsam einsetzen, gegebenenfalls können wir andere Abgeordnete wählen oder selbst kandidieren.

Hat sich das Evangelium von heute also überholt? Vielleicht beim Geld - aber auch uns werden Fallen gestellt, wie Jesus. Die „Pharisäer und Anhänger des Herodes“ sind im Moment Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, erzkonservative Christen und auch ein paar ganz normale Leute. Der Kaiser heisst dieses Jahr Corona.

Im Weihnachtslied „zu Betlehem geboren“ singen wir „mein Herz will ich IHM schenken / und alles was ich hab“. Dieses Jahr wird es uns wohl vielerorts von einem Sänger oder einer Kantorin vorgesungen. Gut möglich, dass nach den Weihnachtsmärkten auch die Weihnachtsgottesdienste verboten oder extremst reglementiert werden. Was heisst es da, Gott alles schenken zu wollen und „wahrhaftig den Weg Gottes“ zu beschreiten, den Jesus gelehrt hat?

Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass die Regierungen Mitteleuropas im großen und ganzen massvoll und wissenschaftsbasiert auf das Virus reagiert haben und weiter reagieren werden (bei aller berechtigter Kritik und den nicht immer nachvollziehbaren föderalen Unterschieden). Als Kirchen haben wir im Lockdown und danach auch nicht alles richtig gemacht und manche Chance verpasst. Aber viele Seelsorgende haben sich engagiert und mutig eingesetzt, den Kontakt gerade zu älteren Menschen telefonisch aufrechterhalten, Hotlines und Apps eingerichtet, sehr darum gekämpft, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen weiterhin präsent sein zu dürfen, und vieles mehr. Der „Weg Gottes“, der ja immer ein Weg von Mensch zu Mensch ist, er kann in der Krise oft nur als Trampelpfad oder schmales Strässchen genutzt werden, und nicht als die gewohnte breite Allee. Aber er wurde immer begangen.

Als souveräne Bürgerinnen und Bürger befolgen wir die Corona-Massnahmen, mit gebührendem Respekt vor unseren Regierungen, vor unseren Mitmenschen und vor allem vor dem Virus. Als Christinnen und Christen können wir trotzdem unser Herz und alles, was wir haben, Gott schenken. Wir dürfen da sein, wo die soziale oder seelische Not besonders gross ist. Wir müssen lautstark protestieren, wenn die Verhältnisse durch Corona (und eigentlich überhaupt) unmenschlich werden. Als Gemeinden sollen wir aber auch die ganz normale Gemeinschaft so gut es geht aufrecht erhalten und nach coronakonformen Möglichkeiten der Begegnung – des miteinander Feierns, nicht nur von Gottesdiensten – suchen. Wo wir dieses Miteinander aufgeben, geben wir nur noch dem „Kaiser“. Wo wir das Miteinander, wo wir uns als Kirche immer wieder neu erfinden, geben wir Gott!

Ich wünsche allen eine gesunde und massvolle, vor allem aber lebensfrohe neue Woche.

Tobias Grimbacher

 Bild: Münzen und Scheine © Tobias Grimbacher

 

 

 

 

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