Sonntagsbrief zum 29. Sonntag im Jahreskreis, 17. Oktober 2021

16. Oktober 2021 von Sigrid Grabmeier

Bei euch ist es nicht so!

Frauendienst in der Kirche Foto Sigrid Grabmeier

Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus,traten zu Jesus und sagten zu ihm:“Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.“ Jesus fragte sie: „Was möchtet ihr denn? Was soll ich für euch tun?“ Sie antworteten: „Lass uns neben dir sitzen,wenn du in deiner Herrlichkeit regieren wirst –einen rechts von dir, den anderen links.“ Aber Jesus sagte zu ihnen: „Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet!Könnt ihr den Becher austrinken, den ich austrinke? Oder könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“ Sie erwiderten: „Das können wir!“ Da sagte Jesus zu ihnen: „Ihr werdet tatsächlich den Becher austrinken, den ich austrinke. Und ihr werdet die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde. Aber ich habe nicht zu entscheiden, wer rechts und links von mir sitzt. Dort werden die sitzen, die Gott dafür bestimmt hat.“

Die anderen zehn hörten das Gespräch mit an und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus auch sie herbei und sagte zu ihnen: „Ihr wisst: Diejenigen, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen. Und ihre Machthaber missbrauchen ihre Macht. Aber bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will,soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele Menschen.“

Markus 10, 35-45 Basisbibel 

 

Bei euch ist es nicht so!

 

Diesen Satz kenn wir gewöhnlich in der Form „bei euch soll es nicht so sein“ als Aufforderung. Tatsächlich ist die korrekte Übersetzung die Feststellung: Bei euch ist es nicht so! Warum ist Jesus da so sicher?

 

Im ganzen Kapitel 10 geht es um Reihenfolge, um Nachfolge und um die Konsequenzen, die Jesus ob seines Lebenswandels und seiner politisch-religiösen Botschaft auf sich zukommen sieht. Markus konfrontiert uns mit einem jesusanischen Kernthema: Nicht die Wichtigen sind wichtig, nicht die Großen sind groß, nicht die Ersten sind die Ersten. Und als Höhepunkt dieser Abfolge von Beispielen melden ausgerechnet sich Johannes Jakobus sich zu Wort und beanspruchen eine Sonderrolle. Da müsste dieser Jesus Hopfen und Malz verloren glauben. Nein. Er stellt fest: „bei euch ist es nicht so.“

 

Es sind zwei Ebenen, die zutage treten. Diese zwei und noch einige Ebenen mehr gibt es auch in unserer Kirche. Es gibt diejenigen, die ob ihres Amtes wähnen, über anderen zu stehen, etwas besseres zu sein, besonders hohe Besoldungen beanspruchen zu dürfen, anderen das anders Denken verwehren zu dürfen … Und es gibt diejenigen, die mit und ohne Amt sich ganz in den Dienst der Menschen stellen, die ihre eigenen Interessen hintenan stellen, die für andere ihr Leben aufs Spiel setzen, die keine Ausflüchte suchen in fadenscheinige Entschuldigungen.

 

Ich finde es ermutigend, tröstlich, dass Jesus trotz aller Rückschläge feststellt: bei euch ist es nicht so. Letztlich ist das der Grund, warum mir persönlich die Idee von Kirche, die Gemeinschaft mit anderen von Jesus Begeisterten, die Gemeinschaft derer, die die Botschaft von Gerechtigkeit, Solidarität, Frieden und Freiheit weiterleben und und weitergeben wichtig ist und ich mich nicht von den Ewig-Ersten und Ewig-Wichtigen entmutigen und verbittern lassen möchte.

 

Sigrid Grabmeier

Bild: Frauendienst in der Kirche 

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